Posts mit dem Label Glaube werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Glaube werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 10. August 2019

Gott liebt mich - und genau deshalb brauche ich keine tägliche Nabelschau. Gedanken zum Forum Altötting 2019

Wie einige vielleicht wissen, war vom 1. bis zum 4.08. das Forum Altötting 2019.
Dieses jährliche Treffen der Gemeinschaft Emmanuel lädt Mitglieder und Interessierte zu einer Tagung mit Lobpreis, Gebet, Heiligen Messen, Workshops und Gelegenheit zur Anbetung ein.


Tatsächlich kam ich durch einen Veranstaltungshinweis via Facebook auf die Idee, mit Mann und Kind daran teilzunehmen.
Es gab im Vorfeld einige Probleme, die mich davon überzeugten, dass Gott uns dort haben möchte. Padre Pio habe wohl auf den Bericht über Pläne des öfteren gegengefragt, ob der Teufel sich schon geregt habe; so in etwa fasste ich die Rückschläge in den Vorbereitungen auf.


Mit entsprend großen Erwartungen machten wir uns auf den Weg - einen halben Tag waren wir im Zug unterwegs.
Wobei: Was habe ich erwartet? Letztlich Tage, bei denen Christus im Mittelpunkt steht. Tage gemeinsam mit anderen Menschen, die jeden Tag neu Christus zum Mittelpunkt ihres Lebens machen. Impulse genau dazu - zu einem Leben, in dem es um Christus geht.

Meine Tochter beobachtet uns genau und probiert sich gerne aus. Hier das Ergebnis. Eigenes Foto.


Der erste Abend begann sehr schön mit einem Meetup; wir kamen auch mit recht vielen anderen Teilnehmern ins Gespräch.
Zu meinem Bedauern ergaben sich während der restlichen Zeit keine weiteren Kontakte. Auch die am ersten Abend geknüpften ließen sich nicht vertiefen.
Die Taizé-mäßige Organisation der Essensausgabe fand ich ja durchaus sympathisch. Leider führen Bierbänke unter freiem Himmel nun mal nicht automatisch dazu, dass die Menschen, die dort essen, miteinander ins Gespräch kommen.

Was mich jedoch tatsächlich wesentlich stärker erstaunte und befremdete, war der übermäßge Hang zur Nabelschau. Sei es in der Moderation im und um den Lobpreis herum (Wieso zur Hölle moderiert man Lobpreis?), in den Predigten oder in den Workshops selbst.
Ich ich ich ich ich. Gott wollte mich, kann ich darin Selbstbestätigung finden? Gott liebt mich, wie geht es mir damit, und warum ist das ein Grund für mich, klarzukommen und mich gut zu fühlen? Ich ich ich ich ich. Ich werde gebraucht; warum möchten wir uns gebraucht fühlen und warum verhilft eine Beziehung zu Gott zum ultimativen Gebrauchtsein?

Leudde. Ich habe in meinem Leben genau zwei wichtige Entscheidungen aus der Motivation, mich gebraucht fühlen zu wollen, getroffen: Einmal bin ich dadurch in einer Art Sekte gelandet und einmal bin ich eine inzwischen annullierte Ehe eingegangen.
Und was ich für Scheiß gemacht habe, als es mir nur darum ging, mich geliebt zu fühlen, wollt bzw. sollt ihr gar nicht wissen. Ist eh längst gebeichtet.


Ob man sich geliebt und/oder gebraucht fühlt, sagt rein gar nichts darüber aus, ob man geliebt wird und/oder dort wo man ist richtig steht.
Natürlich können Gefühle des Ungeliebtseins und der Nutzlosigkeit wichtige Alarmzeichen sein, und man sollte diese niemals ignorieren. Aber ob diese Gefühle tatsächlich z.B. eine Schieflage in der Beziehung zum Partner, einen notwendigen Wechsel der Arbeit oder einen Lockruf hin zu neuen Wagnissen anzeigen - oder eben nicht -, ist eine ganz andere Frage. Sie können auch ein Anzeichen für eine behandlungsbedürftige Depression sein. Oder für Altlasten stehen, die noch nicht so recht aufgearbeitet sind. Oder für unsere Schwierigkeiten, dem eigenen Glück zu vertrauen; Gott zu vertrauen, dass er schon einen Plan damit hat, wo er uns hinbugsiert.

Wenn ich dabei stehen bleibe, wie ich mich fühle, wird meine Gottesbeziehung nie wirkliche Tiefe erreichen; denn dazu muss ich eben bereit sein, Gott nicht nur in die "vollkommene Freude", sondern auch an das Kreuz zu folgen. Wer die Tiefen scheut, wird auch die Höhen bald kaum noch bemerken. Wer die Dunkelheit nicht kennt, kann gar nicht ermessen, wie kostbar es ist, in Christus "das Licht der Welt" zum Freund zu haben.


Mein Mann und ich hatten uns für den Workshop "Abenteuer Alltag" entschieden.
Leider war der Impuls auch hier zu sehr ein "wir erzählen mal wie wir es so machen", als dass er wirklich geistliche Nahrung, die für den Alltag stärkt, ergeben würde. Zumal der Vortragsteil auch recht viele Plattitüden und Gemeinplätze enthielt (scheinbar gehört das wirklich zu deren beabsichtigtem Stil; die Moderation war auch voll davon).
Sich mal austauschen und voneinander lernen, wie man den Alltag so organisiert, dass Christus im Mittelpunkt bleibt, kann man ja machen. Es gab da auch durchaus einige gute Anregungen. Doch als Workshop ist es ein bisschen wie Salat und Backkartoffel ohne Steak.

Wichtig ist doch: wie kann ich meinen Alltag heiligen? Was hilft dabei, das tägliche Gebet zu pflegen, auch bei die kleinen Dinge in der Liebe zu Christus zu tun, mich nicht von Sorgen schrecken zu lassen, sondern ganz Gott zu vertrauen - egal, ob bei den 100 kleinen alltäglichen Problemen oder bei dem einen großen Brocken... 
Wie? Mehr beten. Im Kleinen treu sein; z.B. keine Vorteilsnahme, keine Notlügen, keine Ungeduld, kein Aufschieben unangenehmer Aufgaben, keine Ängste pflegen sondern auf das Kreuz Christi schauen.
Das ist so das was mir einfällt, wo ich weiß, ich muss nicht nur mich selbst ermahnen, sondern es auch tun. Wo ich weiß, ich muss disziplinierter werden. Auch ich muss lernen, auf Christus zu schauen.

Irgendwie fehlte mir am Forum allgemein einfach genau das: Anleitung, wie man sich mehr auf Christus hin ausrichten kann.

Symptomatisch für das, was dem Forum meiner Meinung nach fehlte, scheinen mir auch zwei andere Begebenheiten, die ich hier kurz berichten möchte.
Beide spielten sich am Samstag ab und ich berichte hier einfach mal in der chronologischen Reihenfolge.
Am Samstag gab es Freizeitangebote, die den Ablauf auflockern sollten und gleichzeitig natürlich auch noch mal einen anderen Rahmen boten, um sich untereinander kennenzulernen. Mein Mann und ich entschieden uns sofort für das Pilgern von Heiligenstadt nach Altötting. Es hieß in der Info dazu, der Weg sei Kinderwagengeeignet und etwa 5km lang. 5km. Für mich nach dem Fahrradunfall schon eine Hausnummer, aber, wie kürzlich beim Familienbesuch in der Heimat meines Mannes erprobt, machbar. Unser Kind läuft gerne und da sie auch gerne rennt, schafft sie mit ihren fast 2 Jahren schon so einiges, was Strecke und Tempo angeht.
Es war unbeständiges Wetter mit Regen und Gewitter angesagt, aber auch die Tatsache, dass wir keinerlei Regenbekleidung mit nach Bayern gebracht hatte, änderte letztlich nichts daran, dass der Pilgerweg für uns die einzige sinnvolle Option war: Wir sind beide nicht an Sportspielen interessiert, dafür jedoch vom Jakobusfieber infiziert...
Von Altötting aus machte sich eine nicht unbedingt kleine aber dennoch überschaubare Gruppe auf den Weg. Es ging in sehr netter Atmosphäre mit der Bahn nach Heiligenstadt, wo uns die Wallfahrtskirche aufgeschlossen wurde. Unsere Tochter war auf dem Weg zum Bahnhof im Kinderwagen eingeschlafen. Nach einer interessanten Einführung zur Kirche begannen wir die Pilgertour mit einer Andacht. Nach vielleicht 20 Minuten Gehzeit kamen wir zum ersten Mal in einen starken Regen und mussten uns unterstellen. Ich war dankbar, dass meine Tochter schlief; so reichten das Verdeck des Buggys und ein dickes Halstuch von mir, um sie vor Regen zu schützen. Unsere Pilgerführer hatten Schirme dabei, weswegen ich den Regenponcho von Schwester B. bekam. Zunächst habe ich mich ja fast geziert, aber ich war dann doch sehr froh darüber. Es klarte auf und wir setzten unseren Weg fort. Es wurde überlegt, ob wir wegen des immer noch unbeständigen Wetters ohne Pause weiterlaufen sollten, doch schließlich wurde die Pause am vorgesehenen Ort gemacht. Nach kurzer Zeit begann es wieder zu regnen und es folgte ein hastiger Aufbruch. Das Biotop mit Bachlauf und Biberburg war zwar ein schöner Fleck Erde, aber dann doch nur für trockeneres Wetter geeignet. Der Regen hörte auf, meine Tochter wurde wach und lief munter und flott mit. Zwischendurch ging ein junger Mann aus unserer Gruppe noch einmal zurück, um nach einer älteren Dame zu sehen, die, wie sich später herausstellte, bereits vorausgelaufen war. Wir wurden dazu eingeladen, uns zu Emmausgesprächen zusammenzufinden. Das fand ich sehr schön. Meine Tochter wurde derweil langsamer und ich musste schließlich aufgeben, bei der Gruppe bleiben zu wollen. Sie merkte, wie ich nervös wurde. Das Spiel 'Mal sehen, ob du so schnell rennen kannst wie Mama!' klappte nicht mehr. Sie ist halt nicht blöd: wenn ich es nur mache, um zu übertünchen, dass ich sie antreiben will, bleibt sie stehen. Währenddessen hatte die Gruppe das Tempo angezogen. Ich hatte meinen Mann vorausgeschickt, weil ich gesehen hatte, dass einer der Mitpilger Müll vom Wegesrand aufgelesen hatte und diesen nun in der Hand trug. Ich kramte eine Tüte hervor und schickte ihn damit vor, mehr oder weniger unbewusst erwartend, dass die Gruppe, nachdem er sie einmal eingeholt hatte, auf mich und das Kind warten würde.
Tja. Da fand ich mich allein auf weiter Flur. Eigetlich war es schön, aber ich konnte es nicht genießen. Meine Tochter entdeckte dies und das am Wegesrand, fröhlich-fordernd erklang das "Da!". Mich erfasste die typische Panik, die einen beschleicht, wenn man den Anschluss verliert, abgehängt wird. Ich konnte nicht so reagieren, wie ich es gewollt und mein Kind es gebraucht hätte. Stattdessen setzte ich sie schließlich in den Buggy und hetzte los, ihr Protestgeheule verstummte nach kurzer Zeit. Keine Chanche. Ich lief jetzt so schnell ich konnte, aber der Abstand zwischen mir und der Gruppe wurde immer größer. Dafür kam mein Mann uns entgegen. Er hatte es tatsächlich selbst auch nicht geschafft, die Gruppe einzuholen. Irgendwo in einer Ecke meines Hirns saß ein gekränktes Selbst und nahm sich vor, möglichst laut in den ja dann wahrscheinlich schon laufenden Abschlussgottesdienst zu platzen, um dann demonstrativ erstaunt zu tun, wieso er denn schon angefangen hätte. Es kam jedoch anders. Ein erneuter starker Regenguss ließ uns unter einer Brücke direkt vor dem Ortseingang von Altötting Schutz suchen, wo wir auf die Gruppe der "Young Professionals" trafen, die uns zwischenzeitlich ebenfalls überholt hatte. Der kräftige Regen war beständig, und als er irgendwann ein My schwächer wurde, hatten wir eigentlich nur noch den kürzesten Weg ins nächstbeste Lokal im Sinn, wo wir dann bis zum Barmherzigkeitsabend blieben, aber das wäre dann auch schon die zweite Episode.

Ich habe wirklich überlegt, ob ich die Sache mit dem Pilgerweg aufs Tableau bringe. Aber ich finde schon, dass man die naheliegende Frage, wieso man als Pilgergruppe nicht wenigstens mal jemanden zurückschickt, um zu fragen, ob man auf uns warten soll, durchaus auch öffentlich stellen soll und darf.
Ich hatte nämlich durchaus die Absicht, den Pilgerweg auch mit dem Abschlussgottesdienst in der Gnadenkapelle abzuschließen. Auf diesen hatte ich mich wirklich gefreut.
Ich sehe auch nicht wirklich ein, wieso besagte Brücke nicht auch unserer Gruppe hätte als Unterstand dienen können.
Und ich verstehe auch wirklich nicht, warum man eine Mutter mit Kind einfach gnadenlos abhängt, nachdem man kurz vorher noch jemanden nach einer anderen Mitpilgerin zurückgeschickt hat...
Sowas kommt halt dabei raus, wenn man sich solche Themen wie "Du bist geliebt" und "Du bist gebraucht" für geistliche Impulse aussucht und dann bei der Nabelschau stehen bleibt und Gott quasi zum dekorativen Rahmen um das eigene Spiegelbild degradiert, das man immerzu betrachtet.
Dann kommt man natürlich auch nicht auf die Idee, dass die Abschlussandacht vielleicht auch für den letzten Mitpilger wichtig ist und dass ein "Ach die werden schon irgendwie ankommen!" da nicht so die richtige Idee ist.

Ebenfalls am Samstag war der Barmherzigkeitsabend. Unser Kind hatte im Restaurant, in dem wir Kaffeezeit und Abendessen verbracht hatten, etwas geschlafen und war punktgenau beim Betreten der Kirche wieder aufgewacht.
Sie war aber ganz ruhig, saß zu meinen Füßen oder auf meinem Schoß oder stand mit dem Kopf auf meinen Knien. Wir hatten den Kinderwagen an einem der Seitenaltäre der St.-Annen-Basilika gelassen und uns vorne hingesetzt. Ich sah an der Seite die bereitgestellte Monstranz und freute mich tierisch auf die Anbetung. So ließen wir die überflüssige aber erfreulicherweise nicht allzu lange Moderation über uns ergehen. Lobpreismusik setzte ein. Ich war zunächst nur leicht befremdet, als wieder Moderation kam statt Aussetzung des Allerheiligsten. Es folgte noch ein Lobpreislied und dann - oh Graus! - wieder Moderation. Es wurden zwei Zeugnisse eingeleitet.

Bevor ich hier weiter "rante", muss ich mal einige grundätzliche Worte zum Thema Zeugnisse auf dem Forum loswerden.
Zeugnis geben ist eine klasse Sache. Zu sehen, wie Gott in den Menschen und in ihrem Leben wirkt, ist toll. Nur ist eben auch nicht jede schwere Entscheidung, nicht jede unverhoffte Wendung im eigenen Leben ein Grund, darüber Zeugnis ablegen zu sollen und zu können. Zumal, wenn der Hang zum Faseln, der scheinbar das verbindende Element der Gemeinschaft Emmanuel ist (sorrynotsorry), dafür sorgt, dass Dinge, die man in zwei Sätzen sagen kann, episch ausgebreitet werden. Zumal, wenn man wirklich in jede Andacht mindestens zwei Zeugnisse einbaut.

Leudde. Natürlich wirkt Gott in eurem Leben. Natürlich lenkt er auch gerade da, wo es schwer ist, wo es euch undurchsichtig und irgendwie sinnlos erscheint. Natürlich nutzt er Prüfungen, um euch die Augen zu öffnen und euch neu und tiefer in seine Nachfolge zu führen.
Aber all das ist kein Grund, stundenlang darüber zu reflektieren, wie ihr euch dabei gefühlt habt. Man erkennt Gott nicht darin, wie man sich fühlt. In dem Moment, wo man merkt, was Gott einem zeigen will, weiß man es einfach. Man fühlt es nicht. Man weiß es. Das ist das entscheidende. Das ist es, was einen vom Pferd stürzt. Man kann natürlich auch, statt den Boden zu küssen, vom Ross des Irrtums auf den Esel der Nabelschau umsteigen... ich ich ich ich ich. Nein, verdammt. Gott hat!

Nunja. Das war eigentlich der Rant.

Der Abend der Barmherzigkeit endete für uns damit, dass wir noch während des zweiten Zeugnisses rausgehen mussten, weil meine Tochter unruhiger wurde. Dabei hatte sie ungefähr eine halbe Stunde wirklich ruhig durchgehalten - eine beachtliche Leistung für eine noch nicht ganz Zweijährige. Es wäre nach der Aussetzung auch überhaupt kein Problem mehr gewesen, denn dann hätten wir mit ihr zusammen nach vorne gehen können, hätten uns ablösen können, dass mal einer etwas mit ihr rumläuft und einer anbetet oder z.B. beichtet usw. Auch ein gemeinsamer Besuch bei einem Segnungs/Gebetsteam wäre kein Problem gewesen. Bloß stillsitzen ging halt nicht mehr. Und vor uns waren schon zwei andere Familien vom Ordnungsteam ermahnt worden, sie müssten dafür sorgen, dass die Kinder auf ihren Plätzen bleiben.

Lasset die Kinder zu mir kommen. Heute wie damals für viele in der praktischen Anwendung ein Problem.

Es ging mir da in etwa so wie Teenie-Fans beim Konzert ihrer Lieblingsbands. Damals, in den 90ern, als die Teenies so richtig schwärmten für ihre Bands, ihre Idole. Man lässt das Vorprogramm nur deshalb über sich ergehen, weil man sich so sehr auf das freut was danach kommt.
Und wahrscheinlich hätte ich genau das gemacht, einfach abgewartet, bis die mit dem ganzen anderen Quark fertig sind und endlich das Allerheiligste ausgesetzt wird.
Ich bin aber eben nicht bloß Jesus-Fan, sondern auch Mama und Ehefrau.

Und nu?
Schön fand ich die Wiese der Anbetung; während des Forums wurde das Allerheiligste im Kreuzweggarten ausgesetzt.
Schön war, eine Bekannte zu Treffen, die ich vom Nightfever kenne und mit der ich mich irgendwie auf besondere Weise verbunden weiß, obwohl unser Kontakt eher sporadisch ist und sich hauptsächlich im füreinander Beten abspielt.
Wirklich spannend und begeisternd finde ich, dass FidesCo auch Familien als Missionare entsendet.

Das Forum ist jedenfalls nichts für uns. Es bot sich uns dar als kaum christusbezogen, voller Küchenpsychologie und Selbstbespiegelung. Es gab viel Gefasel, Plattitüden und Wohlfühlbotschaften. Das mit der Auszeichnung, die wir als Kinder Gottes und Miterben Christi tragen, auch Verantwortung einhergeht, kam nicht vor.

Am Sonntag haben wir die Unterkunft geputzt, in Ruhe gefrühstückt, uns aus den vielen Messen in Altötting eine herausgesucht und noch die Ausstellung im Haus St. Benedikt angesehen.

Was bleibt ist neben den guten Eindrücken von Altötting selbst das Bewusstsein, daass ich mich noch sehr bessern muss. Nicht nur auf all das hin wobei ich mir Hilfe und Stärkung vom Forum erhofft hatte, sondern auch in Bezug auf meine Geduld und Demut; meinen Willen auf das Kreuz Christi zu schauen statt auf mich und meine Bedürfnisse. Denn so viel weiter als die Macher des Forums bin ich dann wohl auch wieder nicht...

Mittwoch, 17. Januar 2018

SoulKitchen #3: Wenn Brokkoli den Weg allen Fleisches geht

Tja, liebe Leser: Bevor ich mit der Schilderung der kulinarischen Höhepunkte der letzten sieben Tage beginne, muss ich erst mal noch ein Foto von letzterWoche nachliefern. Es ist ja eine gute, von Simcha Fisher übernommene Tradition, das Essen, das es am Erscheinungstag der Kolumne geben soll, lediglich vage anzukündigen – was u.a. auch den Vorteil hat, dass die Kolumne schon vor dem Abendessen online gehen kann. Nun gab es aber ausgerechnet letzten Mittwoch das zumindest optisch opulenteste Essen der ganzen Woche:


Im Ofen gebackene Hähnchenkeulen mit Gemüse, dazu Couscous. Man muss dazu sagen, dass die Hähnchenkeulen eine halbe Ewigkeit brauchten, um richtig durchzugaren. Aber bis dahin hielten wir uns am Couscous schadlos. 




Donnerstag: Rostbratwürstchen mit Couscous

Die Impfskeptiker unter den Lesern dieses Blogs mögen kurz mal die Augen zumachen: Wir haben's getan, wir haben unser Baby impfen lassen. Und zwar gegen allen Scheiß. Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Rota-Viren und noch irgendwas. Der Arzt bereitete uns darauf vor, dass die Kleine am Abend wahrscheinlich Fieber bekommen werde; das sei normal und werde am nächsten Tag überstanden sein. Tatsächlich hielten sich ihre Beschwerden jedoch in sehr engen Grenzen, und das war auch gut so, denn ich musste am späten Nachmittag bzw. frühen Abend weg, um mich in der Kirche um den Abbau des Weihnachtsbaums zu kümmern. Ich hatte ja bereits angedeutet, dass das innerhalb der Gemeinde ein ziemlich heikles Thema war; das wäre wohl, wenn ich mal dazu komme, einen separaten Artikel auf „Huhn meets Ei“ wert. Die Kurzfassung lautet jedenfalls: Der Baum-Abbau gelang gut und ging schneller als gedacht, und als ich wieder nach Hause kam, gab es als schnelles Abendessen Würstchen aus der Pfanne mit Couscous vom Vortag. 





Freitag: nur Knabberkram

Mit Einkäufen fürs Wochenende, einem Trip zur Zentral- und Landesbibliothek zwecks Abholung diverser Fernleihbestellungen (ich liebe Fernleihe!) und allgemeiner Babybetüdelung (es soll ja angeblich Väter geben, die sich nicht mal für zwanzig Minuten am Tag die Zeit nehmen, ihrem schlafenden Kind beim Atmen zuzusehen. Die wissen gar nicht, was ihnen entgeht!) ging der Tag schnell rum, und für den Abend standen mehrere Alternativpläne zur Wahl: Anbetung und Abendmesse in „unserer“ Kirche (7 Minuten die Straße runter), dann zu Hause essen; Anbetung und Abendmesse in einer anderen Kirchengemeinde und dort dann anschließend zum „Kreis junger Erwachsener“ (wo wir seit vorletztem Herbst recht regelmäßig hingegangen waren, in jüngster Zeit aber, wegen des Babys, seltener); oder erst was essen und dann zu einem recht vielversprechenden Chorkonzert in einer evangelischen Kirche im Wedding. Für Suse stand außerdem noch die Alternative im Raum, einfach mit dem Baby zu Hause zu bleiben, in welchem Falle ich mir auch noch mal überlegt hätte, ob ich Lust habe, allein loszuziehen. Schließlich einigten wir uns aber auf den Kreis junger Erwachsener – was, wie uns auf dem Weg dorthin bewusst wurde, bedeutete, dass wir an diesem Tag kein warmes Abendessen bekamen. Beim KJE gibt’s immer nur Knabberkram. „Wir sollten mal den Vorschlag machen, in Zukunft lieber eine Pizza zu bestellen“, merkte Suse an. (Oder, noch besser, etwas kochen? Küche wäre vorhanden.)

Wie dem auch sei: Der Weg durch die halbe Stadt lohnte sich. Anbetung und Messe waren sehr schön, und der Diakon hielt eine durch ihre fragmentarisch und improvisiert wirkende Form irritierende, aber – vielleicht nicht zuletzt auch dadurch – sehr anregende Predigt. Beim KJE-Treffen gab es diesmal kein vorgegebenes Thema, sondern jeder durfte und sollte seine persönlichen Glaubensfragen und -anliegen in die Runde werfen. Ich war diesem Konzept gegenüber von vornherein skeptisch gewesen und hatte schon vor dem Aufbruch zu Suse gesagt: „So kann man nicht sinnvoll Katechese betreiben.“ Der Diskussionsverlauf bestätigte meine Bedenken zunächst. Sehen wir den Tatsachen ins Auge, Freunde: Die katechetische Bildung hierzulande ist ein Trauerspiel. In der Gesprächsrunde konnte man den Eindruck gewinnen, jeder der anwesenden jungen Erwachsenen (durchweg überdurchschnittlich kirchennahe junge Erwachsene, sonst wären sie kaum in dieser Gruppe) habe hier und da ein paar Bruchstücke der kirchlichen Lehre verstanden, und diese Stücke passen allesamt nicht zusammen. (Das soll nicht besserwisserisch klingen. Ich selbst hatte zwar eine vergleichsweise ziemlich gute Firmkatechese, musste aber trotzdem Jahre später nach und nach feststellen, was ich so alles nicht gelernt hatte, und habe trotz aller Bemühungen, diese Defizite aufzuarbeiten, zweifellos auch heute noch erhebliche Bildungslücken in diesem Bereich.) Der Kaplan, der die Diskussion leitete, war leider auch keine große Hilfe. Ein bezeichnendes Beispiel: Eine junge Dame aus dem Kreis hatte eine komplexe Frage zur Heilsnotwendigkeit der Kirche und zur Apokatastasis, und nachdem so ziemlich jeder aus der Runde etwas dazu gesagt hatte und sich daraus ein eher verworrenes Bild ergab, fragte ich den Kaplan: „Haben wir einen Katechismus hier?“ Er blockte diesen Klärungsversuch jedoch ab, weil er darin den Versuch sah, mittels eines Autoritätsarguments die Diskussion abzuwürgen. Daraufhin wurde ich prompt etwas unwirsch. „Sind wir nur hier, damit jeder mal darüber reden kann, wie er sich fühlt, oder wollen wir hier was lernen?“, blaffte ich.
Mein Lieblingsmoment in der Debatte kam, als die Fragestellerin daraufhin wissen wollte, ob es denn nun eine lehramtliche Aussage zu ihrer Frage gebe oder nicht. Ich bejahte, und sie erwiderte: „Dann sollten wir vielleicht wirklich mal in den Katechismus gucken.“


Samstag: Gebratene Gnocchi mit Hähnchenbruststreifen und Paprika

Eigentlich hätte es Brokkolisuppe geben sollen. Wir hatten nämlich noch Brokkoli, der langsam mal verbraucht werden musste. Aber als der Abend nahte, stellte Suse fest, dass sie keine Lust auf Suppe hatte. „Wir können die Suppe ja schon mal vorbereiten und bis morgen kaltstellen“, schlug sie vor. „Oder bis Montag, dann können wir noch einen Becher Sahne zum Verfeinern kaufen.“ Ich war einverstanden. Aber erst mal hatte Suse einen Einsatz als Lebensmittelretterin – in einer nahen Bäckerei. Danach stand – während der Brokkoli vor sich hin dünstete – kurzzeitig die Option im Raum, Sushi zu bestellen, aber dann hatte Suse eine andere Idee: Sie briet Gnocchi zusammen mit Hähnchenbruststreifen und Paprika in der Pfanne an, fügte Pesto und Parmesan hinzu, und fertig war ein leckeres Abendessen.



Um die Gnocchi wenigstens teilweise knusprig zu bekommen, war es notwendig, sie ein bisschen am Pfannenboden anbrennen zu lassen. Die Pfanne sah danach schlimm aus. Aber mit einigen Tagen Abstand kann ich zu Protokoll geben: Wir haben sie wieder sauber gekriegt!


Sonntag: Gulasch mit Kartoffel- und Semmelknödeln

Am Abend zuvor hatte das Baby uns (und damit auch sich selbst) ziemlich lange wach gehalten, und so stand es an diesem Sonntagmorgen durchaus ein bisschen auf der Kippe, ob wir es pünktlich zur Kirche schaffen würden. Okay, für den Notfall hätte es noch eine Abendmesse gegeben; aber schließlich trafen wir doch noch während des Einzugslieds in der Kirche ein, und im Anschluss an die Messe fand der monatliche, von der Kolpingsfamilie organisierte „Sonntagstreff“ statt – gemütliches Beisammensein bei Kaffee, Kuchen, belegten Brötchen und Suppe. Ewig lange konnten wir dort allerdings nicht verweilen, da sich ab mittags ein paar Leutchen bei uns angekündigt hatten, die einige der am Vortag aus der Bäckerei geretteten Brote und Brötchen abholen wollten. Und am Nachmittag kamen einmal mehr die Omas zum Baby-Angucken vorbei – aber nur kurz. Zum Abendessen waren wir wieder allein. Es gab Gulasch aus der Dose und dazu zwei Sorten Fertigknödel, die nur in der Soße erhitzt werden mussten.



Im Laufe der Zubereitung äußerte Suse Zweifel an den Mengenverhältnissen; schließlich zeigte sich, dass Knödel und Soße von der Menge her perfekt zusammen passten, nur das Fleisch musste man mit der Lupe suchen. Von der Gesamtmenge her war es allerdings deutlich mehr als genug.


Montag: Brokkolicremesuppe

„Die Suppe sieht deshalb so bräunlich aus, weil die Brokkolistrünke karamellisiert sind.“
„Du meinst angebrannt.“
„KARAMELLISIERT!“



(Schmeckte übrigens wirklich gut.)


Dienstag: Sushi

Gegen Mittag hatte Suse mal wieder einen Foodsaving-Einsatz im Biomarkt, daher wurde die Entscheidung darüber, was es zum Abendessen geben sollte, vorerst zurückgestellt: Es hätte ja sein können, dass die im Biomarkt geretteten Lebensmittel hier ein gewichtiges Wort mitzureden haben würden. Das war aber nicht der Fall: Suse brachte lediglich Brot, Brötchen und etwas Ziegenfrischkäse mit nach Hause.
So richtig Lust zu kochen hatte Suse daraufhin nicht, und da endlich der Elterngeld-Bescheid angekommen war und ich zudem in absehbarer Zeit das Honorar für eine Buchübersetzung erwarte, sagten wir uns: Gönnen wir uns mal ein bisschen Luxus und bestellen Sushi.



Ausgezeichnet.


Mittwoch: Fisch mit Spinat und irgendeiner Sättigungsbeilage

Kartoffeln haben wir noch da, für Reis müsste ich noch mal raus, und es schneit draußen. Hmmm.





Mittwoch, 10. Januar 2018

SoulKitchen #2: Keine Zeit zum Kochen!



Tja, Freunde: Es ist schon wieder Mittwoch und somit SoulKitchen-Zeit – allerdings ist unsere Küche während des Großteils der vergangenen sieben Tage kalt geblieben, da wir uns anlässlich der MEHR 2018 in Augsburg aufgehalten haben. In puncto Foodblog gibt es also nicht viel zu berichten, dafür aber umso mehr (pun intended) anderes; und wir wollen ja nicht gleich die zweite Folge der neuen Serie ausfallen lassen, sonst kehrt hier direkt wieder der Schlendrian ein. Ich kenn' uns doch.

Also: Wohlan!


Donnerstag: Mitgebrachtes vom Asia-Imbiss

Aus gutem Grund waren wir schon einen Tag vor der Eröffnung der MEHR-Konferenz nach Augsburg gereist: Reisen mit Baby, selbst mit einem im Allgemeinen sehr ruhigen und heiteren Baby, ist doch anstrengender, als jemand, der das noch nie gemacht hat, es sich vielleicht vorstellen würde, und so waren wir ganz froh, den Abend nach unserer Ankunft und den nächsten Vormittag noch „frei“ zu haben. Nebenbei bemerkt ist die MEHR ja auch eine Art Familientreffen für Hardcore-Katholen, die sonst den Großteil des Jahres fast ausschließlich via Internet miteinander kommunizieren; somit standen wir den Tag über mit einigen unserer Freunde in regem digitalem Nachrichtenaustausch über klassische Fragen wie „Wann kommt ihr an, wo übernachtet ihr, wann und wo können wir uns mal treffen?“ und trafen immerhin zwei dieser Freunde schon vor Konferenzbeginn im Hotel. Ehe wir aufbrachen, machte sich Suse auf die Pirsch, um in Hotelnähe etwas zu Essen zu organisieren. Hier das Ergebnis dieser Bemühungen:


Oben: Frittierte Hähnchenteile mit Erdnusssoße; unten: Ente knusprig mit Thai-Curry-Gemüse. Und natürlich Reis. In bester Gilmore-Girls-Manier teilten wir uns beide Gerichte miteinander. Und dann ging's auch schon los!

Mit der Straßenbahn kamen wir unproblematisch in die Nähe des Messegeländes und mussten dann noch ein Stück durch den Regen latschen. Dabei kamen wir an einer grimmigen, offenbar fundamentalistisch-evangelikal gesonnenen „Ein-Mann-Sekte“ vorbei: einem Typen, der mit Mikrofon und Lautsprecher am Wegesrand stand und den Zorn Gottes auf die an ihm vorbeiströmenden MEHR-Besucher herabrief. Na, seien wir ehrlich: Was wäre eine religiöse Großveranstaltung ohne Gegner?

Dass wir uns auf dem weitläufigen MEHR-Gelände (4 Hallen, insgesamt 35.000m² Fläche) erst einmal verliefen, trug uns immerhin eine nette persönliche Begrüßung durch Johannes Hartl ein, und dann trafen wir uns im Gebetshaus-Café im MEHR-Forum mit einigen der weiter oben schon erwähnten Freunde und trafen noch einige weitere, ohne uns eigens mit ihnen verabredet zu haben.

Wir hatten keine Tickets fürs MEHR-Auditorium, wo das Hauptprogramm stattfand, sondern für die als familienfreundlicher angekündigte MEHR-Space, wo es leiser und weniger voll war und man das Programm via Video-Großleinwand verfolgen konnte. Von dort aus schauten wir uns die Eröffnungsmoderation und den ersten Vortrag von Johannes Hartl („Jubeln für Anfänger“) an; der Vortrag gefiel mir ausgesprochen gut, er drehte sich hauptsächlich darum, dass Christen eigentlich viel freudiger sein müssten, als sie es oft sind, und ich musste unwillkürlich an die „Ein-Mann-Sekte“ draußen im Regen denken.

MEHR-Space mit Videoleinwand 
An den Vortrag schloss sich ein Konzert der Lobpreis-Band „Koenige und Priester“ an, aber die fanden wir nicht so doll und verzogen uns lieber in den Mutter-Kind-Raum (wieso heißt der eigentlich nicht „Eltern-Kind-Raum“? Wo bleibt denn da die Gendergerechtigkeit? Äh, schon gut.) Das Programm konnte man übrigens auch von dort aus verfolgen, auf einem leise gestellten Fernseher, den dazu passenden Ton gab's auf schnurlosen Kopfhörern. Wenn man denn wollte. Zu „Koenige und Priester“ nur so viel: Erst unlängst hatte ich mit Suse eine Diskussion über evangelikale Popmusik, und ich merkte an, nach meiner Erfahrung diene diese nicht nur oder nicht einmal in erster Linie missionarischen Absichten, sondern auch und vor allem dazu, die Jugendlichen aus den eigenen Reihen von der „bösen“ weltlichen Popmusik fernzuhalten, indem man ihnen ein Ersatzprodukt anbietet. Musikalisches Tofu, gewissermaßen, um nicht zu sagen musikalisches Methadon. Kickt nur leider nicht so wie das Original. Und da ist „Koenige und Priester“ ein gutes Beispiel, denn bei den Frontleuten dieser Band handelt es sich um mittelmäßig erfolglose ehemalige Casting-Show-Kandidaten: Florence Joy (dieser Name allein!) nahm 2004 an der zweiten Staffel von StarSearch teil, die Brüder Thomas und Jonathan Enns 2007 an der vierten Staffel von Deutschland sucht den Superstar. Zufällig war das die einzige DSDS-Staffel, die ich recht aufmerksam verfolgt habe, und die Enns-Brüder hatten zwar eine recht ansehnliche Fanbasis, aber sie waren wirklich nicht gut.

Wir verkrümelten uns daher schon ziemlich bald nach Beginn des Konzerts zurück ins Hotel.


Freitag: Großes asiatisches Büffet

Der Tag begann mit einer Heiligen Messe im „Raum der Stille“ um 8 Uhr. Wir waren zunächst etwas unsicher gewesen, ob wir es so früh schon zum Messegelände schaffen würden, aber wir hätten die Messfeier ungern versäumt, schließlich war Herz-Jesu-Freitag. Passenderweise weckte uns das Baby bereits gegen 5 Uhr, und als wir mit Windelwechsel, Füttern etc. fertig waren, stellten wir fest, dass es eigentlich die perfekte Zeit zum Aufbruch war. Der übellaunige Hardcore-Evangelikale mit dem Mikrofon war übrigens erneut am Start; diesmal beschimpfte er die MEHR-Besucher vor allem deshalb, weil sie so abscheuliche Dinge tun wie zusammen mit Katholiken beten. Schlimm.

Der Raum der Stille war während der gesamten Konferenz für Eucharistische Anbetung oder anderweitiges stilles Gebet geöffnet, und beinahe ganztägige Beichtgelegenheiten gab es dort auch. Im letzten Jahr hatte man diesem Zweck einen relativ kleinen Raum gewidmet, in diesem Jahr hingegen eine Halle mit 500 Sitzplätzen. Zur Messfeier waren diese nicht ganz voll besetzt, aber doch weitgehend.




Anschließend sahen wir uns in der MEHR-Space – also wiederum per Videoübertragung – den ersten Teil von Johannes Hartls Vortrag „Das entfesselte Evangelium“ an, den zweiten Teil dann vom Mutter-Kind-Raum aus. Der Vortrag war ausgezeichnet, ich machte mir drei Seiten handschriftliche Notizen; was jedoch ärgerlich war, war der Umstand, dass im Mutter-Kind-Raum (eigentlich nur ein Container innerhalb einer Messehalle) ein unfassbarer Lärm herrschte. Und der kam nicht von den Kleinkindern innerhalb des Raums, sondern von außerhalb des Raums. Da fand nämlich die Kinderbespaßung für die 3- bis 10-jährigen statt, und soweit man es nach Gehör beurteilen konnte, bestand die hauptsächlich aus extrem lärmiger Musik mit dumpfen Beats und daraus, die Kinder zum Brüllen zu animieren. Ich sag mal so: Suse und ich haben erhebliche Zweifel, ob wir unsere Tochter bei der MEHR 2021 und/oder in späteren Jahren einem solchen Programm aussetzen möchten. Ich könnte mich darüber noch länger auslassen, aber ich glaube, ich lasse es lieber sein.

Zum Mittagessen fuhren wir mit einigen unserer Freunde, auf zwei Autos verteilt, zu einem asiatischen Restaurant, das ein üppiges Büffet für nur 8 € pro Person anbot. Mit Fleisch, trotz Freitag, aber hey, wir waren schließlich auf Reisen.

Für das Nachmittagsprogramm war die Hallenbindung aufgehoben, also gingen wir ins Auditorium, wo der kanadische Priester James Mallon einen Vortrag darüber hielt, wie „ganz normale“ Pfarreien missionarisches Potential entfalten könnten. Hochinteressant, und zudem ist Fr. Mallon ein sehr unterhaltsamer Redner. Habe mir übrigens im Gebetshaus-Shop sein Buch („Wenn Gott sein Haus saniert“) gekauft; insgesamt wird zu diesem Thema sicherlich noch mehr zu sagen sein, aber das dann eher auf „Huhn meets Ei“ und nicht hier. – Anschließend gingen wir wieder in die MEHR-Space, wo verschiedene katholische Neuevangelisations-Initiativen vorgestellt wurden: Adoray aus der Schweiz; All for One aus Fulda (fand ich persönlich eher bäh, aber das mag an mir liegen); Elijah21, ein Projekt zur Missionierung v.a. muslimischer Flüchtlinge; Loretto; Nightfever; das Zentrum Johannes Paul II. aus Wien; und YOUCAT. Die Veranstaltung war leider nicht ganz so interessant, wie ich sie mir vorgestellt hatte, und außerdem mussten Frau und Kind dringend mal zurück ins Hotel. Auf den Schweizer Megachurch-Pastor Leo Bigger, der den Hauptvortrag des Abends hielt, hatten wir sowieso nicht so richtig Lust. Auf diese Weise verpassten wir die Live-Vorstellung des „Mission Manifest“, aber über Facebook und Twitter bekam ich trotzdem einiges davon mit, während das Baby Krawall machte und nicht einschlafen wollte. Nachdem es den ganzen Tag über extrem brav gewesen war, machte sich nun wohl doch die Reizüberflutung bemerkbar. Schon doof, wenn man nicht mal im Mutter-Kind-Raum ein bisschen Ruhe hat...

(Mehr zum „Mission Manifest“ dann wohl auch irgendwann demnächst mal auf „Huhn meets Ei“.)


Samstag: Zweierlei Braten mit Blaukraut und Knödel

Einigermaßen zerschlagen von der vorangegangenen Nacht, kamen wir diesmal nicht so zeitig aus den Federn und erreichten das MEHR-Gelände erst, als Johannes Hartls Vortrag „Gehüllt in Roben“ bereits begonnen hatte. (Ach ja, Leser: Falls Ihr Euch Sorgen um den übellaunigen Evangelikalen mit dem Mikro macht, ja, der war auch wieder da, hatte aber, als wir an ihm vorbeikamen, gerade Kaffeepause. Muss auch mal sein.) Trotz der schlechten Erfahrungen vom Vortag steuerten wir zunächst wieder den Mutter-Kind-Raum an, um uns den Vortrag von dort aus anzuhören und währenddessen das Baby zu füttern, aber schließlich wurde der Lärm so unerträglich, dass wir in den Raum der Stille wechselten und dadurch nach dem Anfang auch den Schluss des Vortrags verpassten. Was schade war, denn das, was wir von dem Vortrag mitbekamen, war hervorragend. Na, man wird ihn ja sicherlich irgendwo „nachhören“ können.


In der Mittagspause trafen wir uns mit einigen unserer Freunde in der MEHR-Plaza zu einem recht opulenten Mahl. (Übrigens: „Blaukraut“ kennen Nordlichter wie ich unter dem Namen „Rotkohl“ – offenbar variiert in Deutschland neben vielem anderen auch die Farbwahrnehmung von Region zu Region). Der 15-Uhr-Vortrag (von dem indischen Philosophen Vishal Mangalwadi) interessierte uns nicht so brennend, daher zog sich Suse mit dem Baby erst mal in den Raum der Stille zurück und ich sah mich im MEHR-Forum um. Um 16:30 Uhr folgte dann die Heilige Messe zum Hochfest Erscheinung des Herrn – im Auditorium, mit schätzungsweise 8.000 Teilnehmern. Zelebrant war der Schweizer Jugendbischof Marian Eleganti, die Predigt hielt – sehr mitreißend – Father Mallon. An die Messe schloss sich eine erneute Pause an, die wir teils im Raum der Stille, teils im Mutter-Kind-Raum verbrachten; und dann stand – unter der Überschrift „Europe Shall be Saved“ – ein erneuter Vortrag von Johannes Hartl auf dem Programm, aber das war eigentlich gar keiner. Stattdessen rief Hartl einen Schweizer Prediger namens Jean-Luc Trachsel auf die Bühne – einen Typen, dem in Großbuchstaben „Scharlatan“ auf die Stirn tätowiert ist. Also, nicht wirklich, aber im übertragenen Sinne schon. Gruselig, wirklich. Ich kam mir vor wie 1943 im Berliner Sportpalast. Und natürlich kriegte das Baby Panik. Im Foyer trafen wir eine andere Mutter, deren Kind eine Woche älter war als unseres und dem es genauso ging. Daraus ergab sich immerhin ein nettes Gespräch, und als die Kinder sich wieder halbwegs beruhigt hatten, traten wir den Rückzug an – vorbei an der unermüdlichen Ein-Personen-Sekte, die sich darüber ereiferte, dass einige der MEHR-Besucher rauchen oder sogar Miniröcke und Strumpfhosen tragen! Das kann doch nicht gottgefällig sein, oder?


Sonntag: Bauerntanz

Nachdem die Nacht erneut nicht gerade stressfrei verlaufen war, verschliefen wir diesmal komplett und zogen daraus die Konsequenz, uns den Abschluss der Konferenz zu schenken und uns stattdessen ein bisschen die Altstadt anzuschauen. Insbesondere die Fuggerei. Wir waren uns einig: Die gäbe eine hervorragende Benedict Option-Siedlung ab! Und das Gebet für die Stifter wäre dann auch in guten Händen.

Kirche St. Markus in der Fuggerei 

Die letzte Schlacht gewinnen wir! 


Interessant, oder? 

Zum Mittagessen suchten wir das Restaurant „Bauerntanz“ auf, in dem wir auch letztes Jahr schon einmal zu Gast gewesen waren – damals als Teil einer größeren Gruppe von MEHR-Teilnehmern. Rustikale, deftige, regionale Küche, sehr freundliches Personal, was will man mehr. Abends dann – da wir es ja am Morgen nicht zur von Weihbischof Florian Wörner zelebrierten Abschlussmesse der MEHR geschafft hatten – Messe zum Fest der Taufe des Herrn in der Moritzkirche. Grauenhaft. Ein junger, arg verklemmt wirkender Diakon predigte so, dass einem schlagartig bewusst wurde, wieso wir so dringend das „Mission Manifest“ brauchen (u.a. ließ er sich wortreich darüber aus, dass Christen ihren Glauben nicht „dogmatisch“ vertreten sollten, denn das habe Jesus schließlich auch nicht getan...), und während der Wandlung blieb die ganze Gemeinde stehen. Einschließlich der Messdienerinnen, übrigens. Ich frage mich, wie man es hinkriegt, eine ganze Gemeinde derart zu versauen. Okay, die extrem unbequemen Kniebänke mögen durchaus das Ihre dazu beigetragen haben, aber das kann ja wohl nicht der einzige Grund sein.


Montag: Pizza vom Lieferservice

Die Rückreise nach Berlin gestaltete sich nicht ganz so unkompliziert, wie sie von der Papierform her eigentlich hätte sein sollen: Erst fuhr unser Zug in verkehrter Wagenreihung in den Bahnhof ein, mit dem Ergebnis, dass wir nicht zu unseren reservierten Sitzplätzen gelangen konnten, da der Gang zu schmal für den Kinderwagen war; dann wurde in Nürnberg der Zug ausgetauscht (wodurch sich allerdings das erstgenannte Problem aufhob, denn jetzt kamen wir zu unseren reservierten Sitzplätzen); und schließlich hielt der Zug außerplanmäßig gut 20 Minuten lang in Delitzsch, weil – ach, keine Ahnung warum, irgendwas ist ja immer. Jedenfalls kamen wir schließlich doch an und waren ausgesprochen froh, wieder zu Hause zu sein. Ich glaube, das Baby war auch sehr froh darüber.

Aber Kochen fiel aus. Stattdessen gab's sehr, sehr, SEHR reichlich belegte Pizza von einem bekannten Systemgastronomie-Unternehmen. Und dann ab ins Bett!


Dienstag: Rührei mit Kartoffelpü und einer Scheibe Räucherlachs

Wenn einer eine Reise tut, dann ist der Tag nach der Rückkehr ja zumeist angefüllt mit allerlei Erledigungen, die während der Abwesenheit liegen geblieben waren. So ging's uns auch. Nachdem ich diverse Päckchen aus den Niederlassungen verschiedener Versandunternehmen abgeholt hatte, übernahm Suse den Einkauf, während ich mit dem Baby Faxen machte. Beim Einräumen der Einkäufe in den Kühlschrank fiel ein Eierkarton 'runter, mit dem Ergebnis, dass einige der Eier etwas angeschlagen waren. Wir machten aus der Not eine Tugend und verbrauchten sie sofort.



In Ruhe genießen konnte ich dieses Essen leider nicht, aber diesmal war nicht das Baby schuld, sondern ein Anruf: In der örtlichen Pfarrei hat es heiße Debatten um die Frage gegeben, wie lange der Weihnachtsbaum noch in der Kirche stehen bleiben solle, und ich drohte dabei zwischen die Fronten zu geraten. Die, wenn man so will, „liturgiepolitischen“ Hintergründe dieses Streits sind mir durchaus bewusst, aber bei aller Liebe: Für mein Empfinden ist dieser Weihnachtsbaum kein Hügel, auf dem es sich zu sterben lohnt. Morgen wird er zersägt und entsorgt, basta!

Am Abend hatte Suse einen erneuten Foodsaving-Termin in einer Bäckerei; von den erbeuteten Backwaren behielten wir nur einen kleinen Teil und gaben das Meiste an unsere Kontaktperson vom Obdachlosennetzwerk weiter.


Mittwoch: Hühnerkeulen mit Pfannengemüse und (wahrscheinlich) Couscous...

...weil Suse der Appetit auf Polenta nach dem Schimmel-Desaster von letzter Woche erst mal vergangen ist!

Und das war's für diese Woche! Was habt Ihr so gegessen?




Dienstag, 10. Januar 2017

Was ich gerne noch gesagt hätte

Soll ich oder soll ich nicht?
Seit dem Besuch von Valerie Schönian beim Kreis Junger Erwachsener in Friedrichshain Frage ich mich das immer mal wieder.
Es war ein schöner Abend und auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass Valerie etwas mehr mit uns ins Gespräch kommt, statt nur "Valerie und der Priester" vorzustellen, kam sie sympathisch rüber. Zu erfahren, wie es zu dem Projekt kam, wie sie da rangeht und wie es ihr damit geht, war durchaus spannend.
Es gab aber auch Momente, in denen  sich hinter einer einzelnen Äußerung von ihr solche Abgründe auftaten, dass ich echt geplättet war. Diese Momente konnten im Rahmen der Runde nicht thematisiert werden, weil wir konzeptionell nun mal die Roĺle der interessierten Zuhörer hatten und weil Valerie selbst gerade in diesen Momenten offensichtlich überhaupt nicht klar war, welch tiefgreifendes Unverständnis und welche Unkenntnis des Katholischen da aus ihr sprechen. Dazu kam, dass sie geradezu entwaffnend sympathisch war und außerdem verkündete, schon sehr viel gelernt zu haben und aus ihrer Filterbubble herausgekommen zu sein.
Diese Äußerung war übrigens meines Eindrucks nach absolut authentisch.
Umso tragikomischer, dass sie es an einem Abend an dem sich überhaupt nur an sehr wenigen Stellen ein gegenseitiger Austausch ergab schaffte, gleich vier mal totale Unkenntnis der Materie zu beweisen - bei absoluter Abwesenheit jeglichen Gespürs für die Diskrepanz ihrer Sicht der Dinge dazu wie sie gemeint sind.
Warum habe ich nicht gleich dazu gebloggt?
 Es handelt sich einfach um Beobachtungen und Anmerkungen, die ich ihr gerne persönlich gesagt hätte.
Mein Unbehagen gilt zunächst mal vor allem der Tatsache, dass es am dem Abend keinen Raum dafür gab, diese Dinge genauer mir ihr zu besprechen.
Und warum dann jetzt?
 Es handelt sich andererseits um Aspekte des Katholizismus die heute im allgemeinen nicht mehr verstanden werden, weil man sie von einem Blickwinkel aus betrachtet, mit dem man ihnen nicht gerecht werden kann.
Vor allem beobachte ich, wie katholische Laien und Amtsträger diesen Blickwinkel übernehmen ohne ihn als ideologischen Filter zu erkennen und wie dadurch auch intern das Verständnis für bestimmte Aspekte des Glaubens schwindet.


Vergleichspunkte:
Die meisten perspektivischen Schieflagen wurden sichtbar, wenn Valerie für Kirche oder kirchliches Vergleiche benutzte.
All diese Vergleiche wurden mit größter Selbstverständlichkeit geäußert. Offenbar gab es kein Bewusstsein darüber, dass diese Vergleiche selbst wesentlich mehr über die Perspektive der vergleichenden Person aussagten als über den verglichenen Gegenstand.
Die drei grandios fehlgeschlagenen Vergleiche zu denen ich hier etwas sagen will sind:
Die Kirche als Konzern. Der Weltjugendtag als Rückzugsmöglichkeit. Die Bibel als rationale Herangehensweise an den Glauben.


Die Kirche ist zwar weltumspannend, aber sie ist kein Konzern. Sie verfolgt keine wirtschaftlichen Interessen; jedenfalls nicht so wie ein Unternehmen das tut. Wirtschaftliche Erwägungen sind nur Mittel zum Zweck, haben eine dienende Funktion insofern, als dass die Kirche ihre Aufgabe nicht erfüllen kann, wenn ihr dazu die Mittel fehlen. Das Ziel der kirchlichen Aktivitäten besteht jedoch nicht in wirtschaftlichem Erfolg - ja es ist mit wirtschaftlichen Kategorien nicht fassbar. Ziel und Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen Jesus nahezubringen. Das bedeutet konkret, dass der Glaube im Wort verkündet und in den Sakramenten vergegenwärtigt werden muss. Es bedeutet, das Ziel ist letztlich die Heiligung aller Menschen in Christus. Daher ist die Kirche eine Gemeinschaft der Heiligen, die Hüterin der Gaben des Heiligen Geistes, die Braut Christi, die Verwalterin der himmlischen Güter.
Nun ist der Vergleich besonders in Hinblick auf die überinstitutionalisierte Kirche in Deutschland dennoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Er zeigt jedoch, dass bei der Betrachtung der Kirche eben nur die Institution gesehen wird, aber nicht die transzendentale Dimension ihrer Aufgabe und ihres Da-Seins auf der Welt.
Ja: vor allem in Deutschland ist die Kirche mit den ihr zugehörigen Organisationen ein großer Arbeitgeber. Sie setzt Gelder ein, verwaltet Vermögen und Gewinne. Doch alles was sie tut - jede Stelle, jedes Projekt, jede Spende und jedes Vorhaben muss sich am Ende an der einen Frage messen lassen: "Wie gut dient es der Verkündigung des Glaubens?"
Viele heiligmäßige Päpste, Bischöfe und Priester haben darauf hingewiesen, dass die starke Institutionalisierung der Kirche in Deutschland der Verkündigung oft eher hinderlich ist.
Die Kirche ist jedoch immer auch als Ganzes zu sehen. Zu ihr gehören nicht nur alle Ortskirchen weltweit (streitende Kirche), sondern auch die Kirchenmitglieder, die bereits gestorben sind und entweder durch die Reinigung im Fegefeuer gehen die sie auf den Himmel vorbereitet (leidende Kirche) oder bereits im Himmel sind; die Heiligen (triumphierende Kirche). In Deutschland gehören kirchliche Institutionen wie die Caritas zu den größten Arbeitgebern, aber schon im nicht allzuweit entfernten Spanien können z.B. Kleiderkammern der Caritas nur unregelmäßige Öffnungszeiten anbieten, weil sieausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben werden während für feste Mitarbeiter kein Geld zur Verfügung steht. Dennoch ist es dieselbe eine Kirche.
Wenn man die Kirche in Deutschland leichter mit einem Wirtschaftsunternehmen vergleichen kann als mit einer Braut Christi, so ist das ein Problem.


Beim Weltjugendtag geht es nicht darum, "sich in eine Nische zurückzuziehen in der man sich nicht ständig rechtfertigen muss".
Der Weltjugendtag ist keine Nische sondern eine weltumspannende Massenveranstaltung. Er bietet wenig Rückzugsmöglichkeiten aber viel Trubel - nicht zuletzt geht es darum, den Glauben zu feiern. Das Erlebnis, die Kirche als jung und dynamisch, den Glauben als lebendig zu erleben, Freundschaften mit gleichaltrigen Glaubensgenossen aus aller Herren Länder zu schließen, gehört zu den stärksten Erfahrungen die man als jugendlicher Katholik machen kann.
Jeder Weltjugendtag ist mit einem Motto verbunden und mit einer päpstlichen Botschaft die dieses Motto ausdeutet. Dabei geht es ganz konkret um den Auftrag Christi an die jugendlichen Gläubigen, das Wort zu leben, die Sakramente zu feiern und die Liebe Gottes in Wort und Tat zu verkünden. Von daher ist jeder Weltjugendtag Sendung; Aufbruch ins Weite - und gerade kein Rückzug.
Die Initiative "Night Fever" die in Folge des Weltjugendtages 2005 offene Anbetungsnächte organisiert ist ein Beispiel. Hier werden jeweils Möglichkeiten zu Beichte und persönlichem Segen angeboten, aber auch eine Passantenpastoral die alle Menschen einlädt, Gott auf einfache Weise durch das Anzünden einer Kerze vor dem Allerheiligsten nahe zu kommen.
Auch die Jugend2000 ist hier zu nennen, die gegründet wurde, nachdem Papst Johannes Paul II bei einem Weltjugendtag gefordert hatte, die Jugendlichen müssten die Hauptdarsteller der Neuevangelisierung sein. Prayerfestivals, Gebetstreffen und andere spirituelle Angebote der Jugend 2000 ergänzen seither die ebenfalls angebotenen Reisen zum jeweiligen Weltjugendtag.
Es gibt noch viele andere Beispiele für die Kraft und Sendung des Weltjugendtages.

Die im kleinen Dorf Spoke entstandene Initiative zur Unterstützung eines brasilianischen Projektes für die Unterbringung von Straßenkindern ist eines davon.
Bei einer anderen Teilnehmerin haben Weltjugendtage das ganze Leben verändert.
Die Caritas ist ebenfalls auf den Weltjugendtagen präsent, weil hier viele Jugendliche zum persönlichen Engagement inspiriert werden.
Ein befreundeter Priester hat auf dem Weltjugendtag in Köln zur Beichte zurückgefunden und sich zum ersten Mal ernstlich der Frage nach seiner Berufung gestellt - und seine Berufung ist ganz sicher nicht die einzige die auf einem Weltjugendtag gewachsen ist.
Auch zu nennen sind die Gebetsinitiativen die die Vorbereitung jedes Weltjugendtages tragen.
Man könnte noch viel dazu sagen, doch ich möchte nun den zweiten Aspekt dieses Vergleiches ins Licht rücken.

Hier werden zwei Prämissen sichtbar.
Einerseits wird vorausgesetzt, als Katholik stünde man unter einem besonderen Rechtfertigungsdruck.
Andererseits wird davon ausgegangen, dass eben selbiger von den Betroffenen - den Katholiken - als Last empfunden würde.

Warum sollte es mich unter einen besonderen Druck setzen, einem Glauben anzuhängen, den etwa 1,2 Milliarden Menschen mit mir teilen?
Sicher - in Deutschland hat echte christliche Religiösität gleich doppelten Seltenheitswert. Nur etwa 10% der Katholiken gehen z.B. regelmäßig in die Kirche. Christliche Symbole, Bräuche und Werte sind in der Öffentlichkeit nur da präsent, wo sie erfolgreich ihres christlichen Bezuges beraubt wurden. Doch in die Rechtfertigungsecke gerät nur, wer sich hineindrängen lässt.
Wichtiger jedoch ist: da es zum Auftrag der Kirche und damit auch zum Auftrag eines jeden Gläubigen gehört, den Glauben zu verkünden, ist die Vorstellung, etwaiger Rechtfertigungsdruck könne die Katholiken stören, zumindest zu hinterfragen.
In der Tat frage ich mich manchmal, ob ich zu wenig Zeugnis gebe, da meine überwiegend nicht christlich geprägten Freunde und Verwandten das Gespräch nie auf meine Religion lenken.
Selbst noch so polemische, sachlich falsche oder übertriebene Kritik kann ja in ein gutes Gespräch münden.
Ach ja, natürlich gibt es auch die bekannten Reizthemen wie Tebartz van Elst, Hexenverfolgung, Kreuzzüge und Missbrauchsskandale. Wer mit solchen Fragen kommt und wirkliches Interesse an einer Klärung hat, hat natürlich auch ein Recht darauf, eine sinnvolle Antwort zu bekommen - und sei es nur ein Verweis auf eine Quelle, die solche teils sehr medienwirksam ausgeschlachteten Aspekte mal kritisch beleuchtet.
Für mich persönlich spielen diese Themen keine Rolle; mit der Realität der Kirche wie ich sie erlebe haben sie nichts zu tun, mit ihrem göttlichen Auftrag schon gar nicht.


 Die Bibel ist keine Apologetik. Zur Untermauerung der Aussage, dass man keinen rationalen Zugang zum Glauben hat, kann man nur dann ein Beispiel über unterschiedliches Verständnis von Bibeltexten anführen, wenn man weder weiß, was die Bibel ist, noch die Spur einer Ahnung hat, was ein rationaler Zugang zum Glauben sein könnte.

In der Bibel geht es nicht darum, ob es Gott gibt, sondern darum, wie Gott ist.

Wenn man die Bibel liest, ohne diese Prämisse zu teilen, ergeben viele der Texte darin keinen Sinn und noch weniger haben sie sinnvolle Bezüge und Zusammenhänge untereinander.

Mit der Frage, ob die Existenz Gottes auch rational erkennbar und nachvollziehbar ist, beschäftigen sich viele Theologen. Die beiden bekanntesten sind wohl Thomas von Aquin und Benedikt XVI. Mit der Frage, ob der katholische Glaube wahr ist und inwiefern man das rational begründen kann beschäftigt sich die theologische Disziplin der Apologetik.

Das Lesen der Bibel gehört zur Glaubenspraxis und dient der Vertiefung der Beziehung zu Gott und dem Verständnis, wie Gott ist und was er von mir erwartet.

Zu einer Auseinandersetzung darüber, ob man an Gott glauben sollte, taugt sie eher nicht.


Für mich ist das Fazit des Valerie Projektes, dass man über Glauben und Kirche nicht sinnvoll reden kann, wenn man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.
Man muss nicht unbedingt gläubig sein, aber man sollte sich zumindest bewusst machen, dass die katholische Weltanschauung auf anderen Prämissen beruht als die atheistische, agnostische oder linksliberale Weltanschauung.
Und man sollte die Dinge von der Prämisse aus durchdenken, unter der sie ihre Gütligkeit haben.

Das Tragikkomische daran ist, dass die meisten modernen Nichtgläubigen sich dessen nicht bewusst sind, dass ihre Weltsicht auch nur eine von vielen möglichen Weltanschauungen ist. Die Prämissen des eigenen Denkens und Urteilens werden nicht nur nicht hinterfragt, sondern gar nicht erst als solche wahrgenommen.

Auch wenn ich Valerie auf persönlich menschlicher Ebene sehr gut verstehen kann und ihre Reaktionen auf diese intensive Begegnung mit dem Katholizosmus von dieser Perspektive her gesehen durchaus annehmbar finde: aus Sicht journalistischer Arbeit ist es einfach unprofessionell, über Dinge ein Urteil abzugeben über die man sich, nachdem man sie nur aus der Begegnung heraus offensichtlich nicht verstehen kann, nicht weiter informiert hat.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Gehen wir mit Maria durch den Advent!

... ein weihnachtlicher Pilgerweg - auch für uns?

Diese Vorstellung, dass, überall, wo Maria langgeht, die Rosen blühen - auch da wo man gar keine erwartet! - weil sie Jesus in sich trägt.

Ich liebe dieses Lied.

Und ich denke, es kann uns etwas darüber erzählen, wie wir nicht nur duch den Advent sondern auch durch unser Leben gehen sollen.
Maria, als die Erste von all jenen, die wissen, dass wir stets des Erbarmens Gottes bedürfen, und die mit uns ist in jedem Kyrie-Ruf. Auch uns will der wiederkehrende Vers "Jesus und Maria" dazu einladen, stets in Einklang mit Gott zu leben.

Eine Betrachtung


"Maria durch ein Dornwald ging"
Auch wir gehen oft durch Dornwälder, haben das Gefühl, die sprichwörtlichen Steine in Unmengen in den Weg gelegt zu bekommen.
Von Maria können wir lernen, stets auf Gott zu schauen, ihm zu vertrauen, wohin er uns auch führt. Sie, die ja gesagt hat, weiß, dass Gott uns nie verlässt. Sie, die unterm Kreuz stand, weiß auch, dass es manchmal schmerzvoll sein kann, sich dem Willen Gottes hinzugeben, dass er jedoch alles zum Guten führt.

Maria sagt ja - auch für uns und als unser Vorbild

"der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen"
Wie oft geht es uns so, dass wir denken 'Es brint ja doch nichts mehr'?
Ob es um einen Freund geht, der sich seit längerem nicht meldet, um einen Bekannten, bei dem mich zu melden ich vergessen habe, um einen alten Streit oder um neue Versäumnisse, um schlechte Gewohnheiten oder um einmalige Ausrutscher.
Maria lehrt uns, dass wir immer zu Gott kommen können.
Mit seinen Worten an die Apostel hat Jesus das Sakrament der Beichte gestiftet, in den Gleichnissen vom verlorenen Sohn, verlorenen Schilling, verlorenen Schaf sagt er uns eindrücklich, dass jeder Sünder der umkehrt dem Himmel eine Freude ist.
Haben wir Geduld mit uns und den Menschen; Jesus wird es nicht müde werden, uns immer wieder vom Fall aufzuhelfen.

Maria vermittelt bei der Hochzeit zu Kana - hier zeigt uns Jesus, dass ihre Fürsprache Dinge möglich machen kann, die er selbst eigentlich nicht geplant hatte.

"Was trug Maria unter ihrem Herzen?"
Was wir im Herzen tragen, woran wir unser Herz hängen, wem wir unser Herz schenken - es gibt eine Menge Redewendungen, die zum Ausdruck bringen, dass wirkliche Bedeutung in unserem Leben nur das erlangen kann, was uns wirklich wichtig genug ist, uns dem voll hinzugeben.
Was wir anfangen wir dann Frucht bringen, wenn wir es mit rechtem Herzen tun.
Deshalb sagen viele Heilige, man solle seine tägliche Arbeit so verrichten, als täte man sie für Christus selbst.
Jesus warnt uns davor, unser Herz an allzu irdisches zu hängen und sagt uns damit zugleich, dass wir uns um die Dinge des Alltags nicht zu viele Sorgen machen sollen.
Leben wir so, dass Christus auch in uns geboren werden und leben kann!

So wie das Herz Mariä für Christus brennt, sollen auch wir uns ihm hingeben.


"Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen"
Wahrhaftig: Jesus ist auf die Erde gekommen, geboren von einer Frau, um der Mann der Schmerzen zu werden und damit all unsere Schmerzen auf sich zu nehmen.
Dies ist die Wahrheit, die uns befreien will; denn wir sollen nicht unter der Last unserer Sünden leben, sondern im Vertrauen auf Christus.

Auch Maria hat - vereint mit Christus - an unserer Last mitgetragen. Ihr Vorbild öffnet auch uns den Weg zu einer Hingabe die mitwirklen kann am Heilswerk Christi; die Gebet sein kann.

"Da haben die Dornen Rosen getragen" 
 Vielleicht haben auch Sie schon erlebt, wie ein eher negatives Ereingnis plötzlich doch zu etwas gutem geführt hat.
Ein sehr einfaches Beispiel wäre, wie ich in der letzten Woche, nachdem ich aus Versehen die falsche Bahn genommen hatte, zwei meiner Lieblingskollegen von meiner alten Arbeitsstelle traf. Und auch so etwas wie die Freude über die gut bestandene Prüfung nach einer harten Studienzeit kann hier als Beispiel gelten.
Mit Gottes Hilfe können auch die großen Brüche unseres Lebens zu Quellen des Heiles werden.
Schließlich hätte ja auch keiner gedacht, dass Gott als das Kind einer (noch) nicht verheirateten Frau auf die Welt kommen würde!
Haben wir Mut, Christus in unseren Herzen zu empfangen, damit er unser Leben zum Blühen bringt.

Die Blüte aus der Wurzel Jesse: Maria, die uns Christus geboren hat.


Dienstag, 15. November 2016

Jakobsweg - Betrachtungen des Pilgers



Hier entlang: finden Sie heraus, was das Pilgern Ihnen bedeutet! (eigenes Foto, August 2016)

Ich bin insgesamt drei mal den Jakobsweg gegangen.

Es gab, nach einer im Fernsehen entdeckten Reportage, die Sehnsucht, Jakobuspilger sein zu wollen.
Und den Gedanken: In meiner momentanen Lebenssituation geht das nicht.

Es gab, nach einer dramatischen Zeit in meinem Leben, so etwas wie einen Befreiungsschlag. Und dann recht schnell den Entschluss: Jetzt ist die Zeit.

Es gab eine unerwartete Fügung, die mich ein Jahr später noch mal denselben Weg gehen ließ - gewissermaßen als Führerin.

Es gab Stürme und Unsicherheiten, viele Neuerungen, Irrwege und Bekehrungen in kurzer Folge, und die Idee: Wenn ich den treffe, der meiner werden soll, dann muss er mit mir den Jakobsweg gehen.
Der gemeinsame Weg, ganz anders als die vorherigen, Pilgern als Ehevorbereitung, neu gesehen durch unser beider Augen, froh auf ein gemeinsam Ziel hin. Das Glück, die Verbundenheit mit dem Camino mit dem Partner teilen, ihn genau so begeistert sehen zu können...


Pilgern ist etwas anderes, ist mehr als Urlaub, mehr als Wandern, als Natur genießen.
Die innere Haltung des Pilgers ist eine andere.

Zeichen am Weg (eigenes Foto, August 2016)

Für mich als katholische Christin ist es ganz klar, dass der Pilgerweg ein Abbild unseres Lebensweges ist. Eine nicht immer ganz übersichtliche und trotz großer Schönheit oft nicht einfache Wegstrecke, die uns am Ende in die Arme Gottes führen soll.

Viele Menschen, die auf den Jakobswegen unterwegs sind, spüren das auch aus der eigenen Erfahrung heraus, merken, dass sie hier auf ganz besondere Weise Lebenserfahrung sammeln und verstehen können. Freundschaften, die hier entstehen, sind schneller intensiver als anderswo, und während die innere Haltung des Gottvertrauens dem modernen Menschen fremd geworden ist, lernt er auf dem Weg ganz selbstverständlich, darauf zu vertrauen, dass sich eventuell auftauchende kleine Probleme schnell und manchmal mit einer überraschenden Leichtigkeit lösen lassen.

"The Camino has it's own mind." heißt es. Diese selbstverständliche Leichtigkeit, mit der man annimt, dass nicht alles so läuft wie geplant aber trotzdem schon irgendwie gut ist, ist etwas, das viele Pilger am Camino besonders schätzen.
"The Camino provides." heißt es. Tatsächlich begegnet einem auf dem Jakobsweg hilfe fast schneller, als man Probleme kriegen kann; sei es ein Pflaster, das dir ein Mitpilger gibt, ein Schluck Wasser, der von einem Einheimischen an einem improvisierten Stand am Wegesrand ausgegeben wird, eine Blasenbehandlung in der Herberge oder ein gemeinsames Essen, das vielleicht genau an dem Abend von einem Mitpilger organisiert wird, an dem man selbst das Einkaufen vergessen hatte.

Das man im Rhythmus des Gehens anders auf sich selbst und seine Umgebung achten lernt ist nichts Neues und kann auch im Wandern erfahren werden.

Aus meiner Sicht spielen für die Mehr-Erfahrung des Pilgerns das Bewusstsein über das Ziel, und damit verknüpft, die Länge des Weges, sowie dass man diesen eben nur in eine Richtung geht eine Rolle.
Man kommt an jeder Stelle des Weges nur ein mal vorbei, man muss immer weiter, man hat etwas größeres im Sinn, als die Erfahrung des Augenblickes, weiß aber, dass dieser Augenblick für das große Ziel unverzichtbar ist und somit seine eigene Wichtigkeit hat.

Auf meinem dritten Jakobsweg wurde die Erfahrung, damit umgehen zu müssen, das manchmal alles ganz anders ist als geplant, sehr wichtig. Ich war gezwungen, einige Etappen mit Bussen oder im Taxi zu überspringen und auch diese Abschnitte wurden Teil meiner Pilgerschaft, weil sie mich etwas über Demut und Vertrauen lehrten. Den Weg trotz allen Schwierigkeiten gemeinsam gemeistert zu haben hat auch meine Beziehung zu meinem Mann vertieft.

Pilgern ist nicht beliebiges Gehen, und auch für die Menschen, für die das konkrete Ziel eben nicht mehr als eine Stadt ist bedeutet es etwas anderes, einen Pilgerweg zu gehen, als zum Beispiel eine Tageswanderung oder einen Rundwanderweg. Der Wallfahrtsort als Ziel eines Pilgerweges hat dadurch auch für nicht Gläubige eine besondere Bedeutung.
Für den Christen wird außerdem besonders deutlich, dass das Gehen Gebet sein soll, so wie eben auch das ganze Leben als Gebet verstanden werden kann, da es auf Gott hin zu denken ist.

Gehend und betend bereite ich mich dabei auf die Ankunft in Santiago vor, die ihren Höhepunkt dann in der festlichen Pilgermesse in der Kathedrale und im Gebet am Grab des Heiligen Jakobus finden wird.
Dabei werden die Ereignisse des Weges selbst Vorausdeutung auf dieses freudige Ziel; sei es das persönliche oder gemeinsame Gebet mit anderen Pilgern oder die Begegnung in Gesprächen auf dem Weg, im gemeinsamen Kochen und Essen, in gegenseitiger Hilfe, in der Atmosphäre einer besonders liebevoll geführten Herberge oder im Staunen über eine schöne Kirche in einem der kleinen und größeren Orte durch die man hindurchkommt.

Ich denke, auch viele nicht christliche Pilger spüren, wie der Weg zu einem Symbol für das ganze Leben werden kann.
Jeder kennt die Erfahrung, auch auf dem Lebensweg mal Begleiter zu haben die nur für eine bestimmte Zeit sehr wichtig werden und dann verschwinden, aber auch die, Menschen zu finden, mit denen man den Weg gemeinsam fortsetzen möchte. Genauso lässt sich auch von Wegstrecken des Lebens sprechen, die mal schwerer und mal leichter sein können, mal schön und mal unangenehm. Die sprichwörtlichen Aussagen "Jemandem Steine in den Weg legen" oder "eine Durststrecke haben" verdeutlichen dies.
Und auch im Leben können wir keine Erfahrung zwei mal machen, können wir nicht zurück.

Deshalb hat der Pilgerweg das Potential, dem Pilger Einsichten über sein Leben zu vermitteln.
Ich habe Menschen erlebt, für die der Weg sehr wichtig wurde. Gläubig oder nicht: die steigende Popularität des Jakobsweges kann Türen öffnen.


Wie aber kann man sicher gehen, dass man wirklich zum Pilger wird und nicht als Tourist über den Jakobsweg stolpert?

Lassen Sie überflüssigen Ballast zu Hause: verzichten Sie auf fast alles, und vor allem verzichten Sie auf Ihre Vorstellungen und Erwartungen. Lesen Sie vorab keine Reise- und Erfahrungsberichte, sondern höchstens Hilfen zur Etappenplanung. Packen Sie nicht mehr ein, als Sie in 1-3 Minuten einsortiert kriegen.
Erwarten Sie nichts: kommen Sie als Bittsteller in die Orte und Herbergen, statt eine Leistung zu kaufen. Nehmen Sie die Einfachheit der Gegebenheiten als Geschenk. Seien Sie neuguerig auf die Motive, Macken und Eigenarten der anderen Pilger, statt sich über abweichende Verhaltensweisen zu ärgern.
Üben Sie Stille ein: Packen Sie schnell und geräuschlos, gehen Sie auch mal längere Abschnitte schweigend, überlegen Sie was es wert ist gesagt zu werden und was nicht.
Meiden Sie Touristen oder ziehen Sie diese auf ihre Seite: Suchen Sie einfache Herbergen auf, laden Sie Mitpilger zum gemeinsamen Kochen ein, bitten Sie Menschen in ihrem Zimmer, nicht zu sprechen, keine Taschenlampen zu benutzen und vor 21 Uhr zu packen statt am Morgen. Eventuell kann es ihnen auch helfen, die stark frequentierten Monate Juli und August zu meiden.
Vertrauen Sie dem Weg: Lösen Sie Probleme, dann haben Sie auch keine. kümmern Sie sich um ihre Füße und überlasten Sie sich nicht. Laufen Sie nicht über Schmerzen und machen Sie vor allem in den ersten 6 Tagen lieber halbe Etappen, damit ihr Körper Zeit hat, sich einzugewöhnen. Trinken Sie genug Wasser (das heißt deutlich mehr als sie zu Hause trinken würden). Planen Sie von vorneherein mindestens 4 Tage Reserve ein. Nehmen Sie Hilfsangebote an, helfen Sie selbst wenn es sich ergibt. Zögern Sie nicht, um Hilfe zu bitten. Lassen Sie sich mal einladen, laden Sie mal ein. Zögern Sie nicht, ihren Plan anzupassen, wenn mal was nicht funktioniert. Verleihen Sie Geld, obwohl Sie nicht wissen können, ob Sie die Person wieder treffen werden. Gehen Sie ohne Reservierungen.
Nutzen Sie kirchliche Angebote: Auch wenn Sie nicht gläubig sind - erweitern Sie ihre Erfahrung um die der christlichen Tischgemeinschaft und gemeinsamer Gebete in christlichen Herbergen. Holen Sie sich den Pilgersegen auch dann ein drittes mal, wenn sie ihn beim ersten und zweiten mal enttäuschend unspektakulär fanden. Auch die Begegnung mit eher fernöstlich ausgerichteter Spiritualität kann sich lohnen; vegane Herbergen und Yoga Angebote gibt es auch.

Heute vegan: Penne mit scharfer Tomaten- Gemüsesauce für alle. Ich hatte vergessen, das Geld einzusammeln, aber in den nächsten Tagen kamen alle Mitpilger die an diesem Abend dabei gewesen waren nach und nach zu mir, um sich noch mal zu bedanken und mir etwas zu geben. (Eigenes Foto, August 2016)