Posts mit dem Label Hintergründiges werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hintergründiges werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 3. Januar 2018

SoulKitchen – Die neue Mittwochskolumne

Suse kocht und Tobi bloggt darüber (in Zukunft aber vielleicht auch mal umgekehrt...)

Seit Suse und ich tatsächlich so etwas wie ein Familienleben haben, haben wir immer mal wieder untereinander diskutiert, ob (und wenn ja, wie) wir nicht auch in unseren Blogs stärker unseren Alltag thematisieren sollten. Also quasi Einblicke geben in das Leben punk-affiner junger Dunkelkatholiken, oder so. Was das „Wie“ angeht, hatten (und haben) wir da ein klares Vorbild: Die US-amerikanische Bloggerin Simcha Fisher schreibt seit Menschengedenken (fast) jeden Freitag darüber, was sie ihrer großen Familie (zehn Kinder! Die beiden ältesten sind allerdings mittlerweile auf dem College) die ganze Woche über zum Abendessengekocht hat. Das lesen wir regelmäßig und finden es gar großartig. Nun haben wir zwar längst keine so große Familie, und obendrein kann das jüngste Familienmitglied noch überhaupt keine feste Nahrung zu sich nehmen, aber trotzdem haben wir uns gedacht: So was in der Art könnten wir auch machen. Und wenn wir vielleicht auch weder an die kulinarische Kreativität noch an die amüsante Erzählweise einer Simcha Fisher heranreichen, eignet sich das Thema immerhin dazu, ganz nebenbei ein bisschen Werbung für das Konzept Foodsaving/Foodsharing zu machen. Suse hat nämlich seit Kurzem ihren eigenen offiziellen Foodsaver-Ausweis – und sie wird ihn benutzen!

Dass der erste Tag, über den es etwas Interessantes zu berichten gab, ein Donnerstag war, bedingt es, dass unsere (zukünftig hoffentlich) wöchentliche Foodblog-Kolumne nun also mittwochs erscheint. Passt ja auch ganz gut, wegen Mittwochsklub und so.

Donnerstag: Steakpfanne à la Foodsaving

Gegen Mittag brach Suse zu einem Foodsaving-Einsatz in einem Biomarkt auf, derweil ich zu Hause blieb, das Baby bespaßte und, so gut das nebenbei ging, an meinem vorläufig noch hochgeheimen Buchprojekt arbeitete. Suse hatte im Vorfeld die Vermutung geäußert, ein Foodsaving-Einsatz zwischen Weihnachten und Neujahr könne sich so richtig lohnen – und diese Einschätzung erwies sich als richtig. Es war ein so prachtvoller Beutezug, dass wir, wie im Folgenden detailliert zu schildern sein wird, praktisch die ganze Woche davon essen konnten (wenn auch nicht ausschließlich davon). – An dieser Stelle eine wichtige Klarstellung: Der primäre Sinn von Foodsaving/Foodsharing ist nicht, kein Geld mehr für den eigenen Lebensmittelbedarf ausgeben zu müssen. Es soll eine gemeinnützige Arbeit im besten Sinne sein. Gleichzeitig ist es aber auch überhaupt nicht ehrenrührig, wenn der Foodsaver selbst auch etwas davon hat. Das ist dann quasi die Entlohnung für sein Engagement.

Dem reichen Beutezug entsprechend fiel das Abendessen recht lukullisch aus. Minutensteaks und Schinkenschnitzel, zusammen mit in Scheiben geschnittenen Möhren in der Pfanne gebraten; kurz vor Schluss kam noch Blumenkohl mit in die Pfanne, und zu guter Letzt eine dunkle Bratensoße. Dazu gab's Kartoffelknödel aus dem Kochbeutel; abgesehen vom Soßenbinder waren die der einzige Bestandteil dieser Mahlzeit, der nicht von der Lebensmittelrettungsaktion stammte. Sehr lecker war's – und um mindestens zwei Portionen zu viel. Wenig kochen kann meine Liebste nicht. 



Freitag: Ofenkäse mit Brokkoli und Zucchini, Brot und Schinken

Da zu der Beute aus dem Foodsaving-Einsatz beim Biomarkt auch mehrere Liter Milch gehörten, die kurz vor dem Verfallsdatum standen und verbraucht werden wollten, hatte Suse am Donnerstag zusätzlich zum Abendessen noch Eierkuchen und Milchreis zubereitet; der Milchreis wanderte erst mal ins Kühlfach, die Eierkuchen gab's zum Frühstück. Hier stammte nur die Milch von der Lebensmittelrettung; davon abgesehen gingen die letzten Eier aus unserem Kühlschrank für dieses Frühstück drauf. Mehl, Zucker und Butter hat man ja normalerweise sowieso immer da.



Der Schoko-Knusperzucker war ein (vorweihnachtliches) Geschenk.



Am Nachmittag wurde außerdem Joghurt, der ebenfalls bei der Lebensmittelrettung erbeutet worden war, vernichtet, zusammen mit Clementinen, von denen wir zwar einige selbst gekauft hatten, aber schon vor so geraumer Zeit, dass sie langsam mal dringend verbraucht werden mussten und somit irgendwie auch unter Foodsharing-Kriterien fielen. Dazu, abermals, Schoko-Knusperzucker.



Beim Abendessen stammten dann alle Zutaten vom Foodsaving, und die Zubereitung war denkbar simpel: Käse und Zucchini im Ofen gebacken, Brokkoli im Topf gedünstet, Brot (nur ein bisschen -- den Großteil des erbeuteten Brotes hatten wir weiterverteilt) und Kochschinken (ja, es war Freitag, aber immer noch Weihnachtsoktav! Unser Leben sei ein Fest!) kalt dazu. Theoretisch hätten wir anschließend auch noch die Reste vom Vortag vernichten wollen, aber nach dieser gemischten „Vorspeisen“-Platte waren wir mehr als satt... 



Samstag: Resteessen

Am Nachmittag gab's Verwandtenbesuch zwecks Baby-Angucken, und dabei kamen reichlich Kekse, Schokolade und Lebkuchen (bei Aldi nach den säkularen Weihnachtsfeiertagen zum halben Preis gekauft) auf den Tisch, mit dem Ergebnis, dass sich unser Hunger am Abend in Grenzen hielt. Aber immerhin schafften wir es diesmal, die Reste vom Donnerstag zu verbrauchen.



Sonntag: Rotes Curry mit Bulgur, Gemüsekuchen, Cevapcici mit grünen Bohnen

Zum Fest der Heiligen Familie gab's ein Menü aus mehreren Gängen, von denen die ersten beiden vom Foodsaving stammten und der letzte aus dem eigenen Gefrierfach. Ohne die Cevapcici wäre das Ganze vegetarisch gewesen (das Curry sogar vegan), aber das kann man ja nicht machen an einem Sonn- und Feiertag... 




Da das Baby gegen zehn Uhr abends friedlich einschlief, nutzten wir die Gelegenheit, ebenfalls zu einer einigermaßen zivilisierten Zeit ins Bett zu gehen. Das Mitternachts-Feuerwerk war jedoch so freundlich, uns wieder zu wecken. Toll, wie engagiert selbst in einer atheistischen Metropole wie Berlin alljährlich in das Hochfest der Gottesmutter 'reingefeiert wird...

 Montag: Tortellini in pikanter Gemüsesoße

Hochfest der Gottesmutter, wie gesagt! Heilige Messe war in unserer Kirche erst am Abend, vielleicht aus Rücksicht auf die, die den Jahreswechsel etwas zu ausgiebig gefeiert hatten. Die Hauptmahlzeit des Tages gab es bei uns dennoch erst danach: Tortellini aus dem Gefrierfach, dazu eine selbst kredenzte Soße, in der neben Mais und schwarzen Oliven auch Foodsaving-Tomaten verarbeitet wurden. 



Dienstag: Belegte Baguettes vom Foodsaving

Den Tag (bzw. Abend) hatten wir eigentlich ganz anders geplant. Es stand nämlich ein erneuter Lebensmittelrettungs-Termin an, diesmal in einer Bäckerei; und diesmal wollten wir nur einen geringen Teil der zu erwartenden Ausbeute für uns selbst behalten, zumal wir tags darauf zu verreisen planten. Aus diesem Grund hatten wir uns mit einem befreundeten Priester verabredet, der den Großteil der Backwaren für die in seiner Pfarrei betriebene Suppenküche mitnehmen wollte; bei der Gelegenheit hätten wir dann auch mit ihm zusammen zu Abend essen wollen. Suse hatte geplant, Hähnchenkeulen (vom Foodsaving im Biomarkt) mit Polenta und italienischer Gemüsepfanne aufzutischen. Dann sagte unser Priester-Freund uns jedoch ab, weil er krank war; die Hähnchenkeulen hätten wir zwar theoretisch auch ohne ihn essen können, aber die bereits ein paar Tage zuvor vorbereitete Polenta (die nur noch portionsweise in der Pfanne hätte angebraten werden sollen) war angeschimmelt. Davon abgesehen konnte Suse ihrerseits den Lebensmittelrettungs-Termin in der Bäckerei nicht absagen, womit sich nun die Frage stellte: Wohin mit den ganzen Broten und Brötchen?
Für diese Frage fand sich allerdings relativ leicht eine Lösung: Die Suppenküche des Franziskanerklosters Pankow arbeitet offenbar schon länger mit Foodsharing zusammen, und auf dem Hof der Niederlassung gibt es eine Kiste (mit Zahlenschloss!), in der man rund um die Uhr Lebensmittelspenden deponieren kann. Also teilten wir uns die Arbeit: Suse holte die Backwaren in der Bäckerei ab, und ich brachte den Großteil davon (vier handelsüblich große Einkaufstüten voll mit Brotlaiben und Brötchen) zum Franziskanerkloster. Für uns selbst behielten wir nur einige belegte Baguettes, von denen wir die am leichtesten verderblichen (z.B. mit Thunfisch und Ei) zum Abendbrot verputzten, und ein bisschen Süßgebäck für die Bahnfahrt.



Mittwoch: Mal sehen, ob wir irgendwo Sushi auftreiben können

So, und jetzt sind wir – nach einer Reise, auf der so ziemlich alles schief gegangen ist, was schiefgehen konnte (Details vielleicht ein andermal, aber vielleicht auch lieber nicht...) – in Augsburg, wo morgen die MEHR 2018 beginnt. Und haben Hunger, während zu Hause ein gut gefüllter Gefrierschrank vor sich hin träumt. Das Hotel, in dem wir einquartiert sind, scheint kein Restaurant im eigentlichen Sinne des Wortes zu haben, außerdem schläft das Baby gerade – ein Zustand, den wir nicht aufs Spiel setzen möchten. Also muss sich wohl einer von uns nach draußen wagen und irgendwo in der Nähe ein einigermaßen passables Essen zum Mitnehmen besorgen…



Dienstag, 15. November 2016

Jakobsweg - Betrachtungen des Pilgers



Hier entlang: finden Sie heraus, was das Pilgern Ihnen bedeutet! (eigenes Foto, August 2016)

Ich bin insgesamt drei mal den Jakobsweg gegangen.

Es gab, nach einer im Fernsehen entdeckten Reportage, die Sehnsucht, Jakobuspilger sein zu wollen.
Und den Gedanken: In meiner momentanen Lebenssituation geht das nicht.

Es gab, nach einer dramatischen Zeit in meinem Leben, so etwas wie einen Befreiungsschlag. Und dann recht schnell den Entschluss: Jetzt ist die Zeit.

Es gab eine unerwartete Fügung, die mich ein Jahr später noch mal denselben Weg gehen ließ - gewissermaßen als Führerin.

Es gab Stürme und Unsicherheiten, viele Neuerungen, Irrwege und Bekehrungen in kurzer Folge, und die Idee: Wenn ich den treffe, der meiner werden soll, dann muss er mit mir den Jakobsweg gehen.
Der gemeinsame Weg, ganz anders als die vorherigen, Pilgern als Ehevorbereitung, neu gesehen durch unser beider Augen, froh auf ein gemeinsam Ziel hin. Das Glück, die Verbundenheit mit dem Camino mit dem Partner teilen, ihn genau so begeistert sehen zu können...


Pilgern ist etwas anderes, ist mehr als Urlaub, mehr als Wandern, als Natur genießen.
Die innere Haltung des Pilgers ist eine andere.

Zeichen am Weg (eigenes Foto, August 2016)

Für mich als katholische Christin ist es ganz klar, dass der Pilgerweg ein Abbild unseres Lebensweges ist. Eine nicht immer ganz übersichtliche und trotz großer Schönheit oft nicht einfache Wegstrecke, die uns am Ende in die Arme Gottes führen soll.

Viele Menschen, die auf den Jakobswegen unterwegs sind, spüren das auch aus der eigenen Erfahrung heraus, merken, dass sie hier auf ganz besondere Weise Lebenserfahrung sammeln und verstehen können. Freundschaften, die hier entstehen, sind schneller intensiver als anderswo, und während die innere Haltung des Gottvertrauens dem modernen Menschen fremd geworden ist, lernt er auf dem Weg ganz selbstverständlich, darauf zu vertrauen, dass sich eventuell auftauchende kleine Probleme schnell und manchmal mit einer überraschenden Leichtigkeit lösen lassen.

"The Camino has it's own mind." heißt es. Diese selbstverständliche Leichtigkeit, mit der man annimt, dass nicht alles so läuft wie geplant aber trotzdem schon irgendwie gut ist, ist etwas, das viele Pilger am Camino besonders schätzen.
"The Camino provides." heißt es. Tatsächlich begegnet einem auf dem Jakobsweg hilfe fast schneller, als man Probleme kriegen kann; sei es ein Pflaster, das dir ein Mitpilger gibt, ein Schluck Wasser, der von einem Einheimischen an einem improvisierten Stand am Wegesrand ausgegeben wird, eine Blasenbehandlung in der Herberge oder ein gemeinsames Essen, das vielleicht genau an dem Abend von einem Mitpilger organisiert wird, an dem man selbst das Einkaufen vergessen hatte.

Das man im Rhythmus des Gehens anders auf sich selbst und seine Umgebung achten lernt ist nichts Neues und kann auch im Wandern erfahren werden.

Aus meiner Sicht spielen für die Mehr-Erfahrung des Pilgerns das Bewusstsein über das Ziel, und damit verknüpft, die Länge des Weges, sowie dass man diesen eben nur in eine Richtung geht eine Rolle.
Man kommt an jeder Stelle des Weges nur ein mal vorbei, man muss immer weiter, man hat etwas größeres im Sinn, als die Erfahrung des Augenblickes, weiß aber, dass dieser Augenblick für das große Ziel unverzichtbar ist und somit seine eigene Wichtigkeit hat.

Auf meinem dritten Jakobsweg wurde die Erfahrung, damit umgehen zu müssen, das manchmal alles ganz anders ist als geplant, sehr wichtig. Ich war gezwungen, einige Etappen mit Bussen oder im Taxi zu überspringen und auch diese Abschnitte wurden Teil meiner Pilgerschaft, weil sie mich etwas über Demut und Vertrauen lehrten. Den Weg trotz allen Schwierigkeiten gemeinsam gemeistert zu haben hat auch meine Beziehung zu meinem Mann vertieft.

Pilgern ist nicht beliebiges Gehen, und auch für die Menschen, für die das konkrete Ziel eben nicht mehr als eine Stadt ist bedeutet es etwas anderes, einen Pilgerweg zu gehen, als zum Beispiel eine Tageswanderung oder einen Rundwanderweg. Der Wallfahrtsort als Ziel eines Pilgerweges hat dadurch auch für nicht Gläubige eine besondere Bedeutung.
Für den Christen wird außerdem besonders deutlich, dass das Gehen Gebet sein soll, so wie eben auch das ganze Leben als Gebet verstanden werden kann, da es auf Gott hin zu denken ist.

Gehend und betend bereite ich mich dabei auf die Ankunft in Santiago vor, die ihren Höhepunkt dann in der festlichen Pilgermesse in der Kathedrale und im Gebet am Grab des Heiligen Jakobus finden wird.
Dabei werden die Ereignisse des Weges selbst Vorausdeutung auf dieses freudige Ziel; sei es das persönliche oder gemeinsame Gebet mit anderen Pilgern oder die Begegnung in Gesprächen auf dem Weg, im gemeinsamen Kochen und Essen, in gegenseitiger Hilfe, in der Atmosphäre einer besonders liebevoll geführten Herberge oder im Staunen über eine schöne Kirche in einem der kleinen und größeren Orte durch die man hindurchkommt.

Ich denke, auch viele nicht christliche Pilger spüren, wie der Weg zu einem Symbol für das ganze Leben werden kann.
Jeder kennt die Erfahrung, auch auf dem Lebensweg mal Begleiter zu haben die nur für eine bestimmte Zeit sehr wichtig werden und dann verschwinden, aber auch die, Menschen zu finden, mit denen man den Weg gemeinsam fortsetzen möchte. Genauso lässt sich auch von Wegstrecken des Lebens sprechen, die mal schwerer und mal leichter sein können, mal schön und mal unangenehm. Die sprichwörtlichen Aussagen "Jemandem Steine in den Weg legen" oder "eine Durststrecke haben" verdeutlichen dies.
Und auch im Leben können wir keine Erfahrung zwei mal machen, können wir nicht zurück.

Deshalb hat der Pilgerweg das Potential, dem Pilger Einsichten über sein Leben zu vermitteln.
Ich habe Menschen erlebt, für die der Weg sehr wichtig wurde. Gläubig oder nicht: die steigende Popularität des Jakobsweges kann Türen öffnen.


Wie aber kann man sicher gehen, dass man wirklich zum Pilger wird und nicht als Tourist über den Jakobsweg stolpert?

Lassen Sie überflüssigen Ballast zu Hause: verzichten Sie auf fast alles, und vor allem verzichten Sie auf Ihre Vorstellungen und Erwartungen. Lesen Sie vorab keine Reise- und Erfahrungsberichte, sondern höchstens Hilfen zur Etappenplanung. Packen Sie nicht mehr ein, als Sie in 1-3 Minuten einsortiert kriegen.
Erwarten Sie nichts: kommen Sie als Bittsteller in die Orte und Herbergen, statt eine Leistung zu kaufen. Nehmen Sie die Einfachheit der Gegebenheiten als Geschenk. Seien Sie neuguerig auf die Motive, Macken und Eigenarten der anderen Pilger, statt sich über abweichende Verhaltensweisen zu ärgern.
Üben Sie Stille ein: Packen Sie schnell und geräuschlos, gehen Sie auch mal längere Abschnitte schweigend, überlegen Sie was es wert ist gesagt zu werden und was nicht.
Meiden Sie Touristen oder ziehen Sie diese auf ihre Seite: Suchen Sie einfache Herbergen auf, laden Sie Mitpilger zum gemeinsamen Kochen ein, bitten Sie Menschen in ihrem Zimmer, nicht zu sprechen, keine Taschenlampen zu benutzen und vor 21 Uhr zu packen statt am Morgen. Eventuell kann es ihnen auch helfen, die stark frequentierten Monate Juli und August zu meiden.
Vertrauen Sie dem Weg: Lösen Sie Probleme, dann haben Sie auch keine. kümmern Sie sich um ihre Füße und überlasten Sie sich nicht. Laufen Sie nicht über Schmerzen und machen Sie vor allem in den ersten 6 Tagen lieber halbe Etappen, damit ihr Körper Zeit hat, sich einzugewöhnen. Trinken Sie genug Wasser (das heißt deutlich mehr als sie zu Hause trinken würden). Planen Sie von vorneherein mindestens 4 Tage Reserve ein. Nehmen Sie Hilfsangebote an, helfen Sie selbst wenn es sich ergibt. Zögern Sie nicht, um Hilfe zu bitten. Lassen Sie sich mal einladen, laden Sie mal ein. Zögern Sie nicht, ihren Plan anzupassen, wenn mal was nicht funktioniert. Verleihen Sie Geld, obwohl Sie nicht wissen können, ob Sie die Person wieder treffen werden. Gehen Sie ohne Reservierungen.
Nutzen Sie kirchliche Angebote: Auch wenn Sie nicht gläubig sind - erweitern Sie ihre Erfahrung um die der christlichen Tischgemeinschaft und gemeinsamer Gebete in christlichen Herbergen. Holen Sie sich den Pilgersegen auch dann ein drittes mal, wenn sie ihn beim ersten und zweiten mal enttäuschend unspektakulär fanden. Auch die Begegnung mit eher fernöstlich ausgerichteter Spiritualität kann sich lohnen; vegane Herbergen und Yoga Angebote gibt es auch.

Heute vegan: Penne mit scharfer Tomaten- Gemüsesauce für alle. Ich hatte vergessen, das Geld einzusammeln, aber in den nächsten Tagen kamen alle Mitpilger die an diesem Abend dabei gewesen waren nach und nach zu mir, um sich noch mal zu bedanken und mir etwas zu geben. (Eigenes Foto, August 2016)



Mittwoch, 20. Juli 2016

Jetzt aber!


So.
Ich geh dann mal.
Den Jakobsweg bewältigt habe ich ja schon mal, aber jetzt nach der Verletzung wird es natürlich spannend.
Wir - mein Liebster und ich - freuen uns schon sehr.

Ich hoffe, dass der eine oder andere derweil mal auf meinem Blog stöbert...

Nicht nur Artikel über Pilgerwege gibt es zu entdecken.

Auch Liebesgedichte die ich für meinen Schatz verfasst habe und Artikel über gemeinsame Unternehmungen.

Doch auch über religiöse oder gesellschaftliche Themen gibt es bei mir was zu entdecken, also sucht euch einfach was wo ihr euch fest lesen könnt!

Sonntag, 10. April 2016

Kommunikationsfehler

Am Freitag erschien endlich das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia.

In Deutschland wurde es aus denselben Gründen mit Spannung erwartet, aus denen es dann in vielen Medien auch schnell als enttäuschend abgetan wurde.

Ich persönlich gehöre, wie viele andere mir bekannte Blogger auch, nicht zu den Menschen, die glauben, nach gerade mal drei Tagen Zeit zur Lektüre (in denen man zugegebenermaßen auch noch das eine oder andere zu tun hatte), ein 300-seitiges Schreiben kommentieren zu müssen.

Statt dessen möchte ich mich hiermit auf die Frage stürzen, welche Faktoren in Deutschland für die die Synoden begleitende Erwartungshaltung und gleichzeitig für die Enttäuschung nach dem Erscheinen des nachsynodalen Schreibens gesorgt haben.
Ich denke, das sind dieselben.
Es geht um die Frage: Warum und für wen wurden zuerst die außerordentliche und dann die ordentliche Synode einberufen, welche Fragen sollten dabei geklärt werden und welche Lösungsmöglichkeiten kann und soll die Kirche für die vielfältigen Probleme im Bereich Ehe und Familie anbieten?

In Deutschland und in vielen Teilen der so genannten westlichen Welt besteht das Hauptproblem in Bezug auf Familie und Kirche in der Frage nach dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen.
Ein weiterer Aspekt, der vor allem durch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ins Spiel gebracht wird, ist die Frage nach homosexuellen Partnerschaften.

Dabei wurden und werden bei der Betrachtung der Synoden und auch des Schreibens zwei Dinge vorausgesetzt:
Erstens, dass die Kirche in der ganzen Welt dieser Schwerpunktsetzung folgen müsse.
Zweitens, dass die Kirche sich genau so wie die Gesellschaft in ihrem Verständnis von Ehe und Familie und den damit verbundenen Grundsätzen wandeln müsse. Und zwar wird hier vorausgesetzt, dass die Kirche einerseits keine als unveränderlich verbindlich geltenden Positionen vertreten dürfe und dass sie andererseits ihre Positionen dem angleicht, was heute als gesellschaftlich verbindlich gilt.

Diese Prämissen treffen nicht zu und missdeuten bzw. missverstehen das, was Kirche eigentlich ist.

Zunächst mal ist die Kirche weltumspannend und wenn auf einer Synode ein Schwerpunkt gesetzt wird, dann muss dieser zwangsläufig so aussehen, dass er für alle Diozösen weltweit zutreffend ist, also eine Schnittmenge bildet. Die Annahme, dass die Kirchen in den Ländern der zweiten, dritten und vierten Welt, hier eben einfach noch Aufholbedarf hätten und sich durch unsere moderneren Positionen belehren lassen müssten, ist alter Imperialismus in neuem Gewand.
Dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Kirche als ganzes ebenso wie gläubige Menschen als einzelne sehr wohl von der Existenz unveränderlicher Wahrheiten ausgehen - anders hätte der Glaube an sich wohl auch wenig Sinn. Verbindlich ist deswegen keineswegs, was aktuell in der Gesellschaft angesagt ist, wenn es von dieser auch noch so sehr verbindlich gemacht wird. Zu anderen Zeiten war es verbindlich, den aktuellen Herrscher als Gott anzubeten, aber da Christen an einen anderen - und zwar an einen ganz bestimmten - Gott glauben, haben sie diese Anbetung verweigert. Sie waren sogar bereit, dafür in den Tod zu gehen.
Natürlich soll man als Christ die Gesetze des Landes in dem man lebt, respektieren. Auch Jesus hat sich z.B. nicht dagegen ausgesprochen, der römischen Besatzungsmacht Steuern zu zahlen. Und machen wir uns nichts vor: obwohl das allgemeine Unverständnis gegenüber gläubigen Christen sehr gewachsen ist, muss normalerweise niemand seinen Glauben verleugnen. Die Gesetze in der sogenannten westlichen Welt dürften Christen eher selten in Gewissensnöte bringen.

Es ist keine Überraschung, wenn das nachsynodale Schreiben überhaupt nicht in die Richtung geht, die sich viele Beobachter in Deutschland erhofft hatten.

In dem Schreiben geht es - wie auch in der ganzen Synode - darum, welchen Problemen Eheleute und Familien heute begegnen, und wie die Kirche ihnen bei diesen Problemen beistehen kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Was ich jedoch für überraschend halte, ist, wie Menschen, die in ihrem Alltag mit der Kirche wenig bis gar nichts zu tun haben, sich darüber aufregen können, wenn die kirchliche Lehre zu einem Thema wie Ehescheidung oder Homosexualität eine Position vertritt, die sie für falsch halten.

Die Menschen scheinen eine Art Scannerblick zu haben: "Aha, die Kirche bietet für diese Probleme nicht die Lösung an, die wir für richtig halten." Und dann folgt eine Schlussfolgerung, deren Logik mich staunend zurücklässt: "Die Kirche bietet für die Probleme von Beziehungen, die nicht dem katholischen Eheverständnis entsprechen, keine Lösung."

Mir ist natürlich klar, dass das daran liegt, dass viele die Lösungen die die Kirche anbietet für nicht annehmbar halten. Aber nun ist es in der modernen "westlichen" Welt auch einfach so, dass man durchaus nicht auf das angewiesen ist, was einem die Kirche bietet.
Wieso muss man daraus, dass die Gesetze vieler Länder heute die Möglichkeit bieten, nach einer Scheidung neu zu heiraten oder eine gleichgeschlechtliche Ehe zu schließen, schlussfolgern, dass die Kirche diese Möglichkeiten auch bieten sollte?
Ich halte das einfach für unglaubwürdig, wenn Menschen, die selbst nicht gläubig sind, sich darüber aufregen, dass andere Menschen, die möglicherweise ebenfalls nicht gläubig sind, bestimmte Sakramente nicht empfangen können. Diese Sakramente bedeuten doch den nicht Gläubigen sowieso nichts. Was soll das Ganze?
Ein Sakrament ist keine Dienstleistung.
Und es ist auch kein Zeichen der Gruppenzugehörigkeit.
Der Ausschluss von den Sakramenten bedeutet nicht, dass man auch aus der Kirche ausgeschlossen ist.
Ein Sakrament dient der Vereinigung mit Gott.

Die kirchliche Lehre stütz sich auf die Bibel und auf Aussagen Jesu, und diese verändern sich nun mal nicht mit dem Zeitgeist. Sie sind im Rahmen der Zeit zu interpretieren, doch das bedeutet nicht, dass es da eine Auswahl gibt, was man gerade für gültig hält und was nicht.
So zu tun, als rufe man dadurch, dass man Wiederverheiratete, in außerehelichen Beziehungen lebende und praktizierende Homosexuelle nicht zur Kommunion zulässt, zu deren Ausgrenzung oder gar Verfolgung auf, ist Unsinn.

Ich gehe zur Zeit auch nicht zur Kommunion. Da ist absolut nichts dabei. Es ist nicht leicht, darauf zu verzichten, aber genau weil mir die Eucharistie wichtig ist, halte ich mich auch an die Regeln. Wenn meine Lebenssituation wieder so ist, dass ich in Übereinstimmung mit der kirchlichen Lehre bin, werde ich mit Freuden beichten und wieder zur Kommunion gehen.

Ich weiß nicht, wodurch ein Mensch würdig sein kann, den Leib Christi zu empfangen. Ich meine, eigentlich geht das doch nicht. Jesus ist Gott. Und er will Brot werden, um sich physisch mit meinem Leib zu vereinen? Er kommt in mein Verdauungssystem, weil er in meinem Herzen wohnen will? Das ist doch unfassbar. Aber er tut es. Jesus Christus hat die Eucharstie beim letzten Abendmahl eingesetzt, damit ich mich, von ihm erlöst, im Brot mit ihm vereinen und ihn anbeten kann. Ich bin glücklich, dass ich zu Kommunion gehen darf, aber das ist nicht selbstverständlich für mich. Die Kommunion ist ein Geschenk Gottes an die Gläubigen.

Die Kommunion ist nicht einfach ein Zeichen der Gemeinschaft, das sich die Gläubigen schenken.
Das Zeichen der Gemeinschaft ist, dass man gemeinsam zur Messe und vielleicht auch zur einen oder anderen krichlichen Veranstaltung geht. Das beides klappt bei mir auch ohne Eucharistie wunderbar.


Daher fällt es mir schwer, zu verstehen, weshalb sich die Medien scheinbar so an der Frage der Zulassung zur Kommunion festbeißen.

Im nachsynodalen Schreiben wird deutlich, dass der Kirche viel an der Begleitung von Ehen und Familien gelegen ist und das ist wunderbar.
Auch Wiederverheiratete sollen seelsorglich betreut werden und können und sollen ganz selbstverständlich am kirchlichen Leben teilnehmen.
Ich finde das sehr wichtig, wahrzunehmen, dass die seelsorgliche Betreuung von Familien über die Sakramente hinausgeht und auch dann fortbestehen sollte, wenn der Sakramentenempfang mal aus irgend einem Grund nicht möglich ist.

Dazu gehört eine gründliche Ehevorbereitung, die auch in Deutschland sehr stark verbesserungsbedürftig ist und eine Begleitung der Ehepaare und Familien. Dazu gehört vielleicht auch, dass Seelsorger mehr Zeit und den Kopf frei haben, um vielleicht mal rechtzeitig zu erkennen, wann man einem Paar eine Paarberatung oder Therapie empfehlen oder ein Gespräch anbieten sollte.

Gerade in Deutschland habe ich den Eindruck, dass viele Priester zu solchen Aufgaben keine Zeit haben, weil sie mit Verwaltungstätigkeiten überbelastet werden. Möglicherweise sollte man Laien als Pfarrverwalter anstellen, damit die Priester sich wieder mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben, nämlich die Spendung der Sakramente und die Seelsorge, konzentrieren können.
Aber das ist im Grunde ein anderes Thema.

Jedenfalls ist in der Kirche grundsätzlich jeder willkommen. Ganz unabhängig dazu, ob er zum Empfang der Sakramente berechtigt ist oder nicht.

Was Amoris Laetitia angeht: Es ist an die Gläubigen gerichtet, und unter diesen einerseits besonders an die Seelsorger und andererseits an die Familien, die von ersteren begleitet werden sollen.
Das sollte man nicht vergessen.

Montag, 21. März 2016

Saunaschule im Spaßbad

Die Frage des Tages lautet: Was haben eigentlich Spaßbäder mit Schulen gemeinsam?


Humboldpinguin Quelle: Wikipedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Akumiszcza)

Nein, ich rede nicht von Dezibel oder von Farbspektren.

An den Gearderobenschränken des neulich von mir besuchten Spaßbades fanden sich Hinweise, dass bitte keine Liegen zu reservieren seien.
Nun ja.
Mir persönlich war es egal, dass alle von mir gesichteten Liegen zwar nicht besetzt aber durch Handtücher belegt waren. Ich bin vielleicht verrückt genug, ein Spaßbad zu besuchen. Aber so irre, dass ich mich zum Entspannen direkt vor dem Wellenbecken - der Lärmquelle Nr. 1 - betten wollte bin ich dann doch nicht.
Auch sonst schien sich niemand darum zu kümmern.
Während Seitens des Bademeisters strikt darauf geachtet wurde, dass sich bei Wellengang keiner zu nah an den Beckenrand mit der Wellenmaschine wagte (der bekam dann wenigstens was zu tun als ich da war), schien es für die Liegen keinen zuständigen "Wachdienst" zu geben.
Dieses kapitulierende Achselzucken wurde meines, als ich im Saunabereich des Bades eine ähnliche Lage der Dinge erblickte.
Hm.
Da würde es meinem Schatz und mir wohl schwer werden, für die zwischen den Saunagängen obligatorische Ruhephase einen Platz zu finden. Dabei war es im Spa Bereich nicht nur deutlich ruhiger als im Spaßbad, es wirkte auch viel leerer. Gut besucht, aber nicht voll.
Tatsächlich wären wohl 80, wenn nicht sogar 90 Prozent der Liegen frei gewesen, wenn sie eben nicht durch Handtücher belegt worden wären.
Nun ja.
Die Menschen sind eben so.

Schließlich entdeckten mein Schatz und ich einen als "Raum der Stille" deklarierten abgetrennten Bereich, auf dessen Tür folgendes zu lesen war:
"In diesem Raum wird um absolute Ruhe gebeten. Das belegen von Liegen mit Handtüchern ist nicht erlaubt. Reservierte Liegen werden vom Personal geräumt."
Super, dachten wir. Problem gelöst.

In dem Raum mit etwa 40 Liegen waren nicht mal 10 mit Ruhenden belegt und es fanden sich immerhin ganze (!) 3 Stück, auf denen keine Handtücher lagen.

Ein bisschen mulmig war mir schon, als mein Liebster und ich nach unserer Ruhephase beschlossen, mit gutem Beispiel voranzugehen und unsere Liegen kompett zu räumen.
Wir verstauten also alle Handtücher, die wir nicht mit in die Sauna nehmen würden, in einem der zahlreich bereitgestellten Regale und siehe da: Als wir zurück kamen waren die 2 Liegen noch frei, und außerdem (vielleicht lag es an der vorgerückten Zeit?) 3 weitere!

Ich war mit der Regel - mäßigen Säumigkeit in diesem Betrieb versöhnt. Doch bevor die Phantasien, in denen ich alle Handtücher persönlich von den Liegen sammle und als großen Stapel am Infothresen abgebe, ganz abgeklungen waren, wurden wir Zeugen der folgenden Szene:

"Entschuldigen Sie, aber das waren unsere Plätze."
"Nein, das war meine Liege, hier lagen meine Sachen."
"Also! Wir waren doch vor kaum 10 Minuten noch hier und das waren unsere Liegen!"
"Hier sind doch auch noch unsere Sachen. Wahrscheinlich habe Sie die selbst rübergeräumt!"
"Ja, dann haben Sie eben Pech gehabt, hier darf man eh keine Liegen reservieren. Ich bin auch weggeräumt worden!"
"Aber Sie dürfen das oder was?! Wenn Sie sich hier Liegen reservieren, dann könne wir das ja wohl auch!"
"Komm dann gehen wir eben da hin. Das hat ja keinen Sinn hier!"

Während der Mann sich noch eine ganze Weile laut flüsternd aufregte, verlangten meine Saunaerschöpfung und ich immer deutlicher nach etwas mehr Ruhe im "Raum der Stille"
Ein Verlangen, dass das laute Geflüster des streitbaren Pärchens schließlich mit einem laut zischenden "Pssst" durchbrach, was der Mann mit einem verächtlichen "Jetzt regt die sich schon auf." quittierte.
Offensichtlich fand der diese ganzen Regeln lächerlich.
Ist ja auch logisch, wenn sich eh keiner dran hält.

So richtig lustig wurde es aber erst, als ein älteres Pärchen reinkam. Der Mann war mir schön mal aufgefallen, weil er sich trotz - oder wegen? - seines vorgerückten Alters nicht mal bemühte, im "Raum der Stille" leise zu sein. Weder flüstern noch schweigen schienen für ihn eine bekannte Option.
Nun ja, dachte ich mir, die sind gerade reingekommen und sortieren sich noch, die werden bestimmt gleich... Nach gefühlt 10 Minuten - wahrscheinlich waren es nur 5 - hatte ich die Nase voll:
"Mein Gott, dann gehen Sie doch raus, wenn Sie sich unterhalten wollen!" entfuhr es mir in nicht gerade freundlichem Ton.
Das war  natürlich unzumutbar unhöflich von mir.
Der bereits aus dem Liegenstreit bekannte Herr fuhr mich auch gleich an: "Ja dann geh doch ins Kloster!"
Ich brachte gerade noch eine Replik a lá "Hier gibt es doch genug andere Räume mit Liegen..." hervor, dann versank ich in staunendem Grübeln über die Sache.

Ich meine, darauf, einen Vorschlag zum Klosterbesuch als Beleidigung zu benutzen, muss man auch erst mal kommen.

Aber vor allem fiel mir auf, dass ich dieses Problem aus der Schule kenne:
Da niemand die Regeln durchsetzt, empfinden es die Betroffenen als ungerecht, wenn ausgerechnet sie sich daran halten sollen. Und jeder, der aus der Gruppe heraus versucht, die Befolgung der Regeln anzumahnen, rutscht in die Position des Verräters und avanciert so zum Arschloch des Tages.

Ich kenne das, wenn Schüler, die sonst als brav und strebsam bekannt sind, auch beginnen, laut zu quatschen, nachdem sich erst mal eine gewisse Unruhe im Klassenraum breit gemacht hat, die letztlich dadurch entsteht, dass der Leher Regelverstöße nicht rechtzeitig und nicht deutlich genug geahndet hat. Gerade junge und von Natur aus gutmütige Kollegen, bei denen man eigentlich denken würde, Schüler mögen sie besonders gerne, haben deshalb oft Schwierigkeiten. Dabei schätzen unruhige Schüler es durchaus, wenn man für sie Verständnis hat und ihre Bemühngen, trotz Hibbeligkeit gut mitzuarbeiten, hornoriert.
Aber:
Gerade die schwierigen Schüler, die trotz natürlicher Inkompabilität mit dem System Schule fachlich gute Leistungen erbringen oder zumindest dazu fähig sind wissen, dass sie auch Hilfe dabei brauchen, sich selbst zu disziplinieren.
Und für die Klasse muss der Lehrer auch als Garant der schulischen Ordnung stehen können. Wenn er diese nicht gewährleisten kann, weil er aus Gutmütigkeit Ausnahmen macht und Regelverstöße nicht ahndet, verliert er an Glaubwürdigkeit, weil es als ungerecht empfunden wird.
Sich an Regeln halten muss sich nämlich auch lohnen. Die meisten Lehrer sind mit Lob eher sparsam. Folglich gerät das System in die Schieflage, wenn Regelverstöße keine spürbaren Nachteile mit sich bringen.

Und genau das konnte man im "Raum der Stille" auch beobachten.

Man könnte das Problem lösen, indem die Mitarbeiter wirklich alle 5 Minuten alle reservierten Liegen räumen und die Betroffenen sich ihre Handtücher dann an der Infotheke abholen müssen.
Oder, man verbietet das Mitbringen eigener Bademäntel und Handtücher und gibt dieselben kostenlos an die Besucher aus, so dass letztere alle gleich aussehen und deswegen auch nicht mehr zum Reservieren von Liegen taugen.

Mein Schatz und ich jedenfalls hatten mit der Imagination entsprechender Szenarien viel Spaß.

Abschließend fiel uns noch die Parallele zu einem auch in der Psychologie aus sozialwissenschaftlicher Forschung bekanntem Phänomän auf: Dem broken-windows-Effekt.

Das Handtuch auf der Liege ist das zerbrochene Fenster der Sauna.
Und der zu gutmütige Leherer das im System Schule. (Ups, was! - Das habe ich nicht gesagt.)

Dienstag, 10. November 2015

Was tu ich Gutmensch ...

... wenn mein Weltbild bröselt?


Ich bin in letzter Zeit wegen meines Engagements für Flüchtlinge - vor allem deshalb, weil ich mich in privaten Mails sehr oft gegen Vorurteile ausspreche - als leichtgläubiger Gutmensch betitelt worden.

Abgesehen von dem mitleidigen Unterton mit dem diese Zuschreibung geschieht, kann und will ich dem nicht unbedingt widersprechen.
Das einzige, was mich daran beunruhigt ist die Frage, wie verdreht man eigentlich sein muss, um den Begriff "Gutmensch" als Schimpfwort zu gebrauchen. Wie verdreht denken Menschen, die so tun, als sei die Bereitschaft zu sozialem Engagement für Flüchtlinge bestenfalls so etwas wie eine Geisteskrankheit von der die betroffenen Helfer geheilt werden sollten?

Ich bin tatsache tendentiell gutgläubig und habe dank meiner Hilfsbereitschaft schon öfter die Erfahrung gemacht, ausgenutzt, betrogen und dabei vom Nutznießer für diese Gutmütigkeit auch noch verachtet worden zu sein.

Ich bin allerdings auch selbstbewusst und stur. Prinzipiell sehe ich gar nicht ein, warum ich mich unter der Last meiner Erfahrung verbiegen sollte. Wieso sollte ich vergangene Entscheidungen nur deshlab als falsch ansehen, weil das Ergebnis anders war als ich gedacht hatte? Ich habe in den Jahren seit meinem Abitur eine Menge über mich selbst, meine Stärken und Schwächen, aber auch über Handlungsmuster anderer Menschen gelernt. Inzwischen gibt es viele Dinge, auf die ich Acht gebe, während ich früher eher achtlos vertraut habe. Dennoch weigere ich mich grundsätzlich, das Vertrauen an sich aufzugeben. Man kann auch achtsam vertrauen.

"Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn einer dich zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dan gehe gleich zwei mit ihm." Heißt es in Mt. 5,40-41

Ganz zu schweigen von den Bibelstellen, die über das Speisen von Hungernden, das Tränken von Durstigen das Aufnehmen von Fremden, und das Besuchen von Kranken oder Gefangenen sprechen. (Mt 25, 31-46)

Man muss beides können: auf sich Acht geben und den anderen achten.
Nicht zuletzt wächst mir die Kraft zur Tätigen Nächstenliebe aus meiner Liebe zu Gott. Da ich mich und meine Fehler kenne und also weiß, wie viel Geduld ER mit mir haben muss, habe ich auch Geduld mit Anderen. Ich weiß, wie fremd ich bin im Vergleich zu dem, wie ich sein soll, damit ich bei Gott heimisch werden kann, im Vergleich zu den Heiligen, denen ich dennoch zu folgen wage.

Wir sind alle nur Menschen. Da sollte es doch möglich sein, sich zu verständigen, etwas Verständnis für den Anderen zu haben, auch dann, wenn er fremd ist oder eine abweichende Meinung hat.

In letzter Zeit erlebe ich immer wieder Dinge, die mich betroffen machen.
Ich will nicht an den Möglichkeiten menschlicher Kommunikation zweifeln, aber ich sehe sehr wohl, dass Menschen sich der Kommunikation verweigern können und dass dies öfter geschieht, als ich es gedacht hätte.

Als würde das nicht reichen, um mich zu verstören, geht die Verweigerung der Kommunikation weit über ein Ablehnen der Argumente des Anderen hinaus:

In der persönlichen Auseinandersetzung mit den Adressen, die die Bezeichnung "Gutmensch" als Schimpfwort nutzen, erlebe ich, wie Argumente als unglaubwürdig dargestellt oder einfach ignoriert werden. Im Zweifelsfall wird einfach ein Regen mit negativen Gerüchten über mein E-Mail Postfach gegossen; die Liste angeblicher Straftaten und Rangeleien von Asylsuchenden ist schier unendlich. Was auch immer ich zur Widerlegung anbringe wird einfach für unglaubwürdig erklärt. Positive Beispiele und Berichte werden nach dem gleichen Muster negiert.
Nun könnte ich ja die Kommunikation von meiner Seite aus abbrechen. Dazu bin ich aber zu gutmütig. Und mein Gewissen verbietet es mir auch, die entsprechenden Nachrichten einfach zu ignorieren.

Schießlich gehört die Belehrung von Unwissenden zu den sieben Werken der geistigen Barmherzigkeit und ich mag es nicht aufgeben, gegen Irrtümer anzuschreiben.


In der diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung erlebe ich die kommunikative Verweigerung eher aus einer Zuschauerperspektive.
Da wird einem Abtreibungsgegner in linken Kneipen Haus-, in anderen "nur" Auftrittsverbot erteilt. Die Tatsache, dass er mit zu einer Gruppe von Künstlern gehört, die üblicherweise in linken Kneipen auftritt, sollte an sich schon reichen, damit einem dämmert, dass der Mensch vielleicht doch eine etwas vielschichtigere und mit linken Positionen verträglichere Persönlichkeit hat, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist.
Doch diese Differenzierung wird Abtreibungsgegnern pauschal verweigert. Niemand scheint sich die Mühe zu machen, mal in Betracht zu ziehen, dass jemand der gegen Abtreibungen ist, eigentlich nur etwas gegen Kindstötung im Mutterleib hat, ansonsten aber durchaus für sexuelle Vielfalt, Hilfe und Schutz für Frauen in Not und anderes mehr sein kann. Statt dessen wird so getan, als sei eine Abtreibung die einzige Möglichkeit, Frauen in Not zu helfen oder sexuelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.
Sie ist es nicht. Einfach nein.
Es gibt nicht nur viel mehr, sondern auch bessere Möglichkeiten.

Ebenfalls nur indirekt habe ich erlebt, wie zwei Andersdenkenden der Einlass in eine Diskussionsveranstaltung verweigert wurde.
Dazu möchte ich mal gerne eine persönliche Anmerkung machen:
Ich habe von der Veranstaltung durch meinen Lieblingsblogger erfahren und wäre mit ihm dort hingegangen, wenn ich nicht durch Krankheit verhindert worden wäre. Die Veranstaltung hat mich deshalb interessiert, weil ihr Titel eine kritische Auseinandersetzung mit PID, künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft versprach. Dies überzeigte mich davon, dass es hier Schnittpunkte zwischen meinen Ansichten als Abtreibungsgegnerin und den Ansichten der Veranstalterinnen geben müsse.

Vielleicht handelt es sich dabei um einen Fall akuter "Blauäugigkeit", aber ich hatte mir meinen Besuch bei der Veranstaltung so vorgestellt, dass in der Diskussion deutlich werden würde, inwieweit es auch aus Queer- Feministischer Perspektive sinnvoll sein kann, dem Thema Abtreibung kritisch gegenüberzustehen.
Zumindest insoweit als PID, künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft damit in Zusammenhang und vor demselben Gedanklichen Hintergrund stehen.
Insgesamt geht oder ging es mir dabei um das Problem, dass das Kind eben nicht mehr an sich einen Wert als Mensch hat, sondern dieser Wert und damit das Recht auf Leben nur zugestanden wird, wenn es gesund ist oder erwünschte Eigenschaften hat (PID), wenn Menschen der Meinung sind, es für ihr persönliches Glück zu brauchen und ihm dafür gegebenenfalls die Möglichkeit nehmen, etwas über die eigenen biologischen Eltern zu wissen (künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft) oder eben wenn es gerade in den Kram passt (Abtreibung).
Dabei hätte man, so dachte ich, ja auch mal sagen können, dass es für Menschen in homosexuellen Beziehungen mit Kinderwunsch wahrscheinlich leichter wäre, ein Kind zu adoptieren, wenn weniger Kinder abgetrieben würden und diese dann zur Adoption stünden.

Aber wie gesagt. Ich war da wohl sehr "blauäugig". Tatsächlich stellte ich mir das einfach vor.
{Es scheint jedoch noch einfacher zu sein, zu behaupten, es sei ja kein Mensch, was da in einer Schwangeren heranwächst. Oder einfach zu sagen, es sei doch besser für das Kind, gar nicht erst geboren zu werden.}


Außerdem kann ich in letzter Zeit beobachten, wie die Auseinandersetzung mit konservativen Positionen zunehmend keine mehr ist, sondern von einer Diffamierung dieser Meinungen bis hin zur Bedrohung ihrer Vertreter ersetzt wird.

Oder eben auch gleich durch realen Vandalismus oder Brandanschläge.


Um das noch mal in klar zu sagen:
Wegen meiner christlichen Perspektive bin ich dafür, dass Flüchtlingen geholfen werden muss. Und ungeborenen Kindern, und Alten, und Kranken. Und zwar besser geholfen, als mit Abschiebung oder Tod.

Nichts davon verträgt sich mit menschenverachtenden Positionen.

Hingegen halte ich die Behauptung, die Favorisierung eines konservativen Familienbildes sei menschenverachtend für genau so hirnlos, wie die Idee, Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, mit dem Ausdruck "Gutmensch" zu beschimpfen.
Ob ich ein solches habe ist eine andere Frage; schließlich bin ich selbst in einer "Regenbogenfamilie" aufgewachsen.



Irgendwie habe ich den Eindruck, ich befände mich doch in einer sehr kabarettauglichen Lage:
So in zwei, drei Monaten könnte es mir passieren, dass ich auf dem Heimweg von einem Flüchtlingsheim in dem ich ehrenamtlich geholfen habe von Rechten verprügelt werde. Und dann komme ich nach Hause und stelle fest, dass Linke meine Wohnung abgefackelt haben, weil mein Katholizismus sie "nervt".


Die Welt ist und bleibt ein Absurditätenkabinett.


Jesus wusste eben, was er sagte: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdnet werdet!" (Mt. 5,11)


Dennoch: Ich wünschte wirklich, die Menschen würden die Argumente ihrer Gegner wahrnehmen und ihre Diferrenzen ausdiskutieren, anstatt sich mit verbaler, physischer oder psychischer Gewalt zu behelfen.

Was tue ich also?
Argumente darlegen so gut ich kann, was sonst? ("Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig."Phil 3,1)


Freitag, 16. Oktober 2015

Macht die Schubladen bunter!

Schubladendenken ist eine menschliche Grundkonstante.

Unser Gehirn sortiert Informationen, versieht sie mit Etiketten, unter denen sie schneller abgerufen werden können, clustert sie zu Wissensfeldern. Was zu bereits vorhandenen Informationen passt, können wir uns besser merken, ebenso wie Dinge, die mit einem besonderen Ereignis oder mit starken Gefühlen zu tun haben.
Das Ziel unserer Gedächtnisbildung besteht schließlich nicht darin, uns zu einem wandelnden Lexikon zu machen, sondern in der Lebensfähigkeit. Ich zum Beispiel konnte mir Telefonnummern früher leicht merken. Jetzt geht das gar nicht mehr - ist ja eh alles im Handy gespeichert also wozu auch?

Es ist also prinzipiell so, dass jeder seine eigene Real-life-Filterbubble konstruiert. Ganz natürlich.
Auch Menschen, die uns begegnen, ordnen wir in bestimmter Weise ein. Kollege, Vorgesetzter, Freund, Familie, oder die neue Eroberung meines besten Kumpels? Wir erwarten von Menschen Eigenschaften, die zu dem Umfeld passen in dem sie uns begegnen.
Der erste Eindruck zählt.
Dieses Sprichwort zeugt davon, dass uns sehr wohl bewusst ist, wie schnell andere uns in Schubladen stecken und wie schwer es ist, aus so einer Schublade wieder herauszukommen, wenn man einmal drin gelandet ist.
Der erste Eindruck trügt.
Der sprichwörtliche Gegenpart dazu zeigt, dass auch die Fehleranfälligkeit unserer Schubladensortierung keine unbekannte Erfahrung ist.

Ja, auch ich passe in Schubladen. Und zwar eigentlich nicht in weniger, als man denkt, sondern in mehr davon.
Ich bin ein sehr offener Mensch und komme gerne mit anderen ins Gespräch, wobei ich oft recht viel von mir preisgebe. - Die Vertrauensselig-Schublade und die Guter-Kumpel-Schublade.
Ich kann aber auch recht unsicher sein und bin manchmal unbeholfen und verhuscht, manchmal träume ich einfach nur... - die Unhöflich-Schublade, vielleicht sogar eine Eingebildet-Schublade - und das bin ich nun wirklich nicht, ich bin für jeden Scheiß zu haben! Achja, das wäre dann die Mit-der-kann-mann's-ja-machen-Schublade. Aber die Kumpel-Schublade wird von dieser Eigenschaft auch gefüttert und auch die Auf-die-kann-man-sich-verlassen-Schublade.
Ich bin hilfsbereit (Helfersyndrom-Schublade trifft auf Gutgläubigkeits-Schublade) und weiß gleichzeitig, meine Kräfte einzuteilen (Faules-Stück-Schublade).
Jetzt wird's hier aber schon ganz schön bunt.
Und das, bevor ich irgendwas zu meinen Einstellungen und Überzeugungen gesagt habe oder zu meinem Backround.

Tatsächlich beobachte ich in letzter Zeit, wie stark die Leute dazu neigen, jemanden wegen seiner Meinung zu einem Thema in eine Schublade zu stecken und in die xy-Ecke zu stellen.
Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass es vielleicht noch viele andere Themen gibt, zu denen man vielleicht übereinstimmender Meinung ist.
Dies führt dazu, dass man sich mit der Person und oder der fraglichen Meinung gar nicht mehr auseinandersetzen will: Ab in den Giftschrank und ruhe im Karton!

Ich persönlich denke schon, dass es legitim ist, ein bestimmtes Thema nicht diskutieren zu wollen. Manchmal kann man gerade nicht. Weil es einen zu sehr aufregt, oder weil persönliche Gefühle es einem nicht erlauben, sachlich zu bleiben, oder weil es einem so wichtig ist, dass man es nicht erträgt, wenn jemand die eigene Meinung nicht teilt.

Zum Beispiel bekomme ich seit mehreren Wochen täglich Mails mit Links zu fremdenfeindlichen Artikeln. Manchmal checke ich mein Postfach tagelang nicht, weil ich einfach keinen Bock habe auf diesen Müll.
Ich bin mit der Person verwandt, und bevor diese mir zum ersten Mal ihre Meinung über Ausländer kommunizierte, haben wir uns gut in allem verstanden.
Dann habe ich eine zeitlang den Kopf in den Sand gesteckt und mich nicht mehr zurückgemeldet. Doch irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und auf jede fremdenfeindliche Mail geantwortet mit Gegenargumenten, Links mit Gegendarstellungen und Gegenbeispielen. Es hat mich wirklich mitgenommen, den ganzen Geifer lesen zu müssen, und ich habe viel Zeit darauf verwendet, zu recherchieren und dann in Mails meine Ansicht darzulegen. Meine Argumente wurden dabei häufig ignoriert; statt einer konkreten Antwort wurde ich zum Beispiel auf Meldungen über von Ausländern verübten Verbrechen aufmerksam gemacht. Meist habe ich mich einfach nur hilflos gefühlt, manchmal war ich auch würend darüber. Einmal habe ich gesagt, das seien doch alles Propagandameldungen. Gebracht hat es natürlich nichts. Außer, dass die Person mich aus ihrem Verteiler genommen hat. Trotzdem bekomme ich manchmal noch Spam: da ich mich als "Gutmensch" geoutet habe, muss ich "bekehrt" werden.
Nein, ich will das nicht diskutieren. Ich finde es unerträglich, dass man es überhaupt diskutieren muss. Asylrecht ist ein Menschenrecht und basta. Und Menschen, die gerade hier ankommen, schlechte Absichten zu unterstellen, weil man Angst hat vor dem was man nicht gewohnt ist, ist einfach ungerecht. Punkt.
Dennoch werde ich weiterhin mit der Person reden. Und wenn es sein muss, auch darüber. Letztlich steckt da vielleicht auch so etwas wie Trotz drin: wäre ja noch schöner, sie in dem Glauben zu lassen, ihre Einstellung sei normal...
Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass die Person Fremdenfeindlichkeit sehr wohl für normal hält und mich für blind. Das muss ich jetzt aushalten.

Aber zurück zu mir und den Schubladen. Also in Sachen Einstellung ist schon mal die Gutmensch-Schublade hinzugekommen. Über ichhelfe.jetzt habe ich mich als Freiwillige registriert und außerdem unterstütze ich die Aktion bloggerfuerfluechtlinge. Bin ich jetzt in der Refugees-Welcome-Schublade? Schon n bissl rote Farbe zu sehen? Wie wär's mit Grün?
Ich bin tatsächlich der Meinung, man sollte möglichst nur Recycling-, Bio- und Fair-Trade-Produkte verwenden. Jeder nach seinen finanziellen Möglichkeiten natürlich. Ich kaufe durchaus gerne Second-Hand-Klamotten. Außerdem lasse ich die Finger von Palmöl und allem, was selbiges enthält, so gut ich kann. Das ist gar nicht so leicht, denn Palmöl ist sowohl in Kosmetika als auch in Lebensmitteln ein sehr häufiger Inhaltsstoff. Ich mag nur nicht für das Aussterben der Orang-Utans mitverantwortlich sein. Außerdem boykottiere ich Nestle. Zum Glück trinke ich meist nur Leitungswasser, Kaffee oder Tee, denn wenn man das mal bei Tante Wiki nachschlägt, hat man den Eindruck, dass alle Getränkemarken zu Nestle gehören, ganz zu schweigen von Fertigwaren. Die drei Schokoladenhersteller, die nicht Nestle sind, kann ich mir noch merken. Außerdem schmeckt Bio-Schokolade eh besser. Nestle kauft nämlich Brunnen in Entwicklungsländern auf, wodurch dann Menschen der Zugang zu Trinkwasser abgeschnitten wird (und das ist nur eines von vielen Problemen, die der Konzern verursacht). Ich war auch schon auf der "Wir haben's satt" Demo. Öko-Schublade.
Ich bin aber kein Vegetarier. Ignorante-Fleichschfresser-Schublade.

Und jetzt wird's noch besser: ich bin katholischen Glaubens. Seit meinem 18. Lebensjahr, um genau zu sein. Ach du Scheiße, na das ist ja vielleicht ne Schubladennummer! Jetzt wird's lustig:
Konservativ-Schublade. Hm. Ähhh... verträgt sich das mit Öko? Und Gutmensch? Mit Refugees welcome? Nein? Na so'n Pech. Dann passt die wohl nicht, oder wie?
Intoleranz-Schublade. Okay, also... Intolerant gegen wen? Ausländer hatten wir schon. Stimmt also nicht. Ach ja, Homosexuelle! Katholiken haben doch was gegen Homosexuelle! Nee, sorry Leute, das passt nich so wirklich. Meine Mutter lebt mit einer Frau zusammen seit ich 7 war. Wenn ich das Wort Eltern benutze meine ich damit meine Mutter und ihre Lebensgefährtin. Ich hab natürlich auch einen Vater, den nenn ich Papa. Aber Eltern sind halt die, die mich großgezogen haben. Mein Schülerpraktikum in der neunten Klasse habe ich im Queer Verlag absolviert. Und ich würde es auch nochmal machen, wenn ich ein Praktikum bräuchte. Und man mich ließe. Achja, aber ich bin intolerant gegen Nazis.
Ich bin aber nicht nur für Umwelt- und Tierschutz, sondern auch für Lebensschutz. Das Leben von Flüchtlingen zum Beispiel, aber auch das Leben von denen, die gar keine eigene Stimme haben; Schwerbehinderte oder ungeborene Kinder zum Beispiel. Ich habe schon mal ein Projekt zum Thema Behindertensport begleitet. Und ich bin bei der DKMS als Knochenmarkspender registriert... - Na, aber jetzt nicht rausreden hier! Zugeschnappt! Voll drin in der Abtreibungsgegner-Schublade! Nazi! ...Wie meinen? Siehe oben; Gutmensch, pro Asyl, Umweltschutz und so. Und nein, ich bin nicht der Meinung, ein konservatives Familienideal sei das allein seligmachende. Ich weiß nämlich aus Erfahrung, dass es auch anders geht. Ich finde nur, dass es bei ungewollten Schwangerschaften genug andere Lösungen und Hilfsangebote gibt, und dass man diese Möglichkeiten nicht ignorieren sollte.

Ist Abtreibungsgegner sein so schlimm wie Nazi sein?
Also meine Verwandte, die mit den fremdenfeindlichen Mails, die ist für Abtreibung.
Und sie ist nicht nur keine Katholikin, sie distanziert sich sogar ausdrücklich vom Christentum. Sie sei Buddhistin, sagt sie.

Spätestens an diesem Punkt kommt mein Grübeln über Schubladendenken an seine Grenzen.
Oder auch nicht. - Was ich dazu denke, lässt sich mit dem Satz zusammenfassen: Ich finde es erschreckend, wie Positionen, die auch nur konservativ aussehen, in die Nazi-Ecke gestellt werden. Mit diesem Begriff sollte man nicht spaßen - und die Bedenkenlosigkeit die ich da zuweilen beobachte finde ich pietätlos und beleidigend.

Es gibt mit Sicherheit Vieles, wo ich mit euch einer Meinung bin, und ebenso Vieles, wo sich unsere Ansichten total unterscheiden oder sogar komplett gegenseitig ausschließen.
Leute, was kann ich dafür, dass ich - genau wie bei näherer Betrachtung jeder Mensch - eure Schubladen sprenge?
Macht sie weiter, macht sie bunter. Die Schubladen.

Leben und leben lassen.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Vier Monate zusammen und noch immer nicht...

... verblödet, äh verbloggt, äh nein, doch, verblödet


Nein, ich habe nicht die Absicht, etwas dazu zu sagen, wie die Beziehung zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und den Bloggern aussieht im Vergleich dazu wie sie aussehen sollte.

Die Palme auf der ich diese Überschrift fand wurde von jemand anderem gepflanzt:
Ellen Jacobi. Ihr auf dem Jakobsweg spielender Roman "Frau Schick räumt auf" ist besser geschrieben als unsere letzte Nachtlektüre. Nur leider strotzt sie umso mehr von blöden Ideen derselben Art.

Der Roman wurde mir von einer lieben Freundin geliehen. Wäre es mein Buch, hätten wir den Text wohl bereits redigiert. Um 2/3 kürzer wäre es wahrscheinlich ein guter Roman. So beschlossen wir gestern, hm, eigentlich wollen wir ja doch weiterlesen, wir tun einfach so als sei das letzte Kapitel nicht existent.

Man kann sich ja fragen, wieso wor sowas tun. Also schlechte Literatur lesen, die auch noch Themen verunglimpft mit denen wir zwei uns nicht nur besser auskennen als die Autoren, sondern die uns auch noch am Herzen liegen. Nun ja. Sagen wir mal, sich gemeinsam zu amüsieren kann eben viele Formen annehmen... Es ist so ein bisschen wie beim gemeinsamen Schlagabtausch mit der Facebook Repräsentanz des Bistums Münster. (Und wehe hier sagt jetzt einer, wir sollten uns nicht gegenseitig hochjubeln!)

Doch genug der Vorrede.
Her mit der Palme!
Ich zitiere:

"Immer nur verliebt und wie mit Pattex aneinandergeklebt, das führt doch zur Verblödung!" (S. 222)

Wir haben erst mal gelacht.

Doch was genau steckt eigentlich hinter dieserm postfeministischen Liebes-unglauben?
Ich spule mal ein paar Sätze zurück:

"Die meisten jungen Leute haben da heute ja höchst unvernünftige Erwartungen und gehen sofort auseinander, wenn es mit der Romantik in der Ehe nicht mehr klappt. Romantik ist ja geradezu eine neue Religion." (ebd.)

So weit so zustimmungsfähig.
Wir waren auch erst mal direkt erstaunt, wo die Autorin so plötzlich ein weises Wort hernahm.

Doch die dem folgende Gleichsetzung von Liebe, Romantik und Verliebtheit offenbart den Fehler im System.
Aber keine Angst, es geht noch platter:

"Immerhin haben sie und Paulchen einander immer respektiert und auch das Bedürfnis nach Eigenleben. Sie haben ihre Persönlichkeiten nie dem Partnerlook geopfert [...]" (ebd.)

Also. Postfeministische Lebens- und Liebesweisheit mal kurz auf eine Formel gebracht:
Liebe = Romantik = Verliebtheit = das, was einen zu solchen Plattitüden wie Partnerlook treibt = Aufgabe der eigenen Persönlichkeit
Klar.


Nun, ich bin eigentlich schon immer der Meinung gewesen, dass die gegenwärtige Zeit es einem besonders schwer macht, seinen geeigneten Partner zu finden.

Der moralische Liberalismus erlaubt es nämlich, dass romantische Gefühle zur Bedürfnisbefriedigung missbraucht werden.
Doch machen wir uns nichts vor: Das ging früher auch. Und hinterließ weit dramtischere Spuren, wenn etwa eine Sitzengelassene der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt war und, allein, vielleicht aus Familie und Heimat verstoßen, ein ebenso geächtetes Kind durchbringen musste.
Heute ist es nicht im geringsten ungewöhnlich, wechselnde oder eben gar keine Beziehungen zu haben. Ich z.B. bin in der Überzeugung aufgewachsen, allein erziehende Mutter zu sein ist genau so normal wie eine Familie mit Partner zu haben. Natürlich ist diese durch mein kindliches Erleben geprägte Auffassung schon eine gewisse Zuspitzung, lässt sich doch festhalten, dass es in der Gesellschaft schon auch ein Problembewusstsein gibt dafür, dass es eben allein mit Kind schwer ist.

Der Punkt ist: Heutzutage ist es normal, schnell Beziehungen einzugehen und mit dem Partner im Bett zu landen, bevor man Zeit hatte zu überprüfen, ob die Verliebtheit denn auch wirklich zu echter Liebe heranwachsen kann. Verliebtsein ist romantisch, deshalb schön. Stimmt soweit. Falsch aber ist es, anzunehmen, genau deshalb haben Vorsicht und Geduld da nichts zu suchen.

Ja, ich bin meine Beziehungen auch so schnell eingegangen. Alle. Ich konnte schlicht nicht anders, weil es mich zu dem drängte, an den mein Herz sich zu hängen anfing.
Ich habe nie gelernt, wie man es schafft, das Herz aufmerken zu lassen, den Schritt zu lenken und zu verlangsamen, um erst zu prüfen, ob sich denn da, bei diesem, auch Boden findet, auf dem ich und mein Herz leben können.
Dazu kommt, dass Vorsicht dieser Art heute nicht mehr als Sorgfalt erkannt wird. Allzu schnell hält man für Abweisung und Lieblosigkeit was sich doch eigentlich gerade aus echter Liebe speist.
Ist ja auch kein Wunder; in einer Gesellschaft, in der es normal ist, zumindest theoretisch mit jedem ins Bett zu gehen der einem auch nur gefällt.

Als ich 16 war stellte mir eine zwei Jahre ältere Freundin am Telefon die Frage, ob sie noch normal sei. Es ging darum, dass sie mit 18 noch Jungfrau war. Natürlich ist das noch normal, machte ich mich stark.
Aber was ich nicht wusste und was mir die gesamte Atmosphäre um mich herum anders beigebracht hat ist, dass es nicht total absurd ist, mit jemandem den man liebt nicht gleich ins Bett zu geben.
In diesem Sinne haben die Postfeministinnen Recht:
Wer sich von Romantik dazu verführen lässt, Verliebtheit vorschnell mit Liebe gleichzusetzen, macht sich verletzlich und bringt sich in die doppelte Gefahr der Vereinnahmung einer- und des Sitzengelassenwerdens andererseits.

Wenn es in einer übereilt aus romantischer Verblendung eingenangenen Beziehung an Liebe mangelt, ist man in einer ständigen Bringepflicht: Man muss dem anderen jeden Tag aufs Neue beweisen, wie man den anderen am Anfang so begeistern konnte.
Ich werde nie den bodenlos enttäuschten Gesichtsausdruck meines Ex vergessen, als er mir, mit einer Mischung aus Ratlosigeit und Vorwurf, sagte: "Und ich dachte, du wärst fleißig!"
Oder wie er, neben anderen Vorwürfen, die er im Annulierungsprozess erhob, um meine Glaubwürdigkeit zu diskreditieren, schrieb, ich habe bei der morgendlichen Zubereitung von Schnittchen für seine Mutter keine Rücksicht darauf genommen, was sie aufgrund ihres krebsgeschädigten Magens nicht vertrug.

Bringepflicht:
Ich habe, nicht täglich, aber doch gewohnheitsmäßig, solche Sachen gemacht wie für meine Schwiegermutter etwas vorbereiten, dabei - natürlich! - Brotbelag gewählt, den sie bevorzugte und mit der geringen Auswahl versucht, eine durch Abwechslung anregende Mischung zu finden, damit sie sich nicht ausschließlich von Kuchen ernährte, oder gar nichts aß. Weniger erfolgreich war ich in Sachen Haushalt; sowas wie Staubsaugen und Staubwischen etc. habe ich nicht in einem wöchentlichen Rhythmus geschafft, jede Woche die Wäsche zu machen ging meist noch gerade.
Liebe, Zuneigung oder auch nur Respekt konnte ich damit nicht erwerben.

Wahrscheinlich bin ich verblödet.


Aber, liebe Postfeministinnen, diese Phänomene haben mit Liebe nichts zu tun.

Sie werden möglich, weil es heutzutage nicht mehr notwendig ist, sich einer Person an der man ein sexuelles Interesse hat, mit respektvoller Vorsicht zu nähern. Sie werden möglich, weil es heutzutage verpönt ist, abzuwarten und sich zurückzuhalten, bis man wirklich weiß, ob diese Verliebtheit zu echter Liebe wachsen kann, oder ob es sich nur um eine romantische Verblendung handelt. Sie werden möglich, weil man allzu oft nur die Wahl hat, ob man sich jemandem jetzt verpflichtet fühlen soll, weil er einem den Hof macht, oder eben nicht.


Ich bin davon überzeugt, dass eine Erziehung, in der mir beigebracht wird, wie zum Teufel noch mal man es anstellt, seine Jungfräulichkeit zu bewahren, mir (und auch den meisten anderen Menschen!) viel Seelenqual und biografische Irrwege erspart hätte. Aber dieses Wissen ist und bleibt mir verborgen.


Wie habe ich das gelöst?

Ich habe nach einer sehr schmerzhaften Zeit sehr genau gewusst, worauf ich achte, ganz von selbst haben sich anhand der Negativerfahrung in mir die Fragen gebildet: Welche Eigenschaften muss ein Mann haben, damit ich ihn wirklich lieben kann, mit allem was dazugehört? Welche Eigenschaften braucht er, damit er mich so lieben kann wie ich bin? Welche Eigenschaften stören mich an einem Mann so sehr, dass ich ihn nicht verstehen, nicht lieben, nicht respektieren könnte? Welche Eigenschaften würden es ihm erschweren, ja unmöglich machen, mich zu verstehen, zu lieben und zu respektieren?
Das Leben hielt mich fest am Ort der Schmerzen, bis ich auch die Antworten hatte.

Und dann kam das Wunder:
Beim Lesen eines gewissen Blogs ging bei mir ein Licht an und die aus den Antworten gebildete 'innere Liste' klappte auf:
Ich las und las und las und ein Häkchen nach dem anderen erschien.
Ein Screenshot verriet mir den Namen seines Facebook-Profils - genau zwei Tage bevor Zuckerdose ihn aufforderte, seinen realen Namen im Profil anzugeben.
Ein Blick in die Info-Rubrik setzte ein weiteres wichtiges Häkchen in meine Liste.

Und jetzt wollte ich sehen, ob das Potential sich in der Begegnung tatsächlich entladen würde.

Es tat's.

Mein Liebster und ich sind tatsächlich gerade etwas mehr als vier Monate ein Paar.
Und wir können immer wieder erstaund feststellen:
Es ist gar nicht langweilig, sich die ganze Zeit zu sagen, dass man sich lieb hat.
Da braucht man auch kein Pattex.
Und der Partnerlook wird davon auch nicht angelockt.

Samstag, 26. September 2015

Erkenntnis

Seit dir
weiß ich es genau:
Glück verjährt nicht.
Es wird weder langweilig
noch schal.
Die Leute
lügen einfach, vielleicht,
weil sie es sich nicht vorstellen können.
Doch:
Glücklicher sein als je denkbar war
nutzt sich nicht ab.
(Wie man ja übrigens
auch nach Jahren des Unglücks
nicht weniger Schmerz empfindes, aber das nur nebenbei.)

Das Staunen
wird geringer, weil Vertrauen wächst.
Dankbarkeit
nimmt zu.

Man wird nicht einfach
übersättigt von Freude.
Freude
berauscht, aber sie macht nicht trunken.
Freude sättigt,
aber sie macht nicht dick.

Ich entwickle
ganz neue Kapazitäten
und Kräfte,
wenn es darum geht, zu verarbeiten,
wie schön
es
ist
mit dir.

Mittwoch, 23. September 2015

Gut Fuß!

Es war einmal eines schönen Tages, als Gutfuß und Bösfuß noch Rechtsfuß und Linksfuß hießen, da waren sie beide ganz einträchtig auf demselben Fahrrad unterwegs, und immer wenn Linksfuß oben war war Rechtsfuß unten und umgekehrt.

Da sendete das Gehirn eine Gefahrenmeldung: "Achtung, drohende Kollision mit parkendem Auto, ich lenke über Schiene. Vorsicht!"

Und noch bevor Linksfuß und Rechtsfuß Hasenfüße werden konnten - BUM! TSCHAKKA! WUSCH! Kawumm und kabolz flogen sie samt Fahrrad auf den Asphalt, denn der Fahrradreifen hatte sich in der Schiene verkeilt.
Und weil das Fahrrad nach links umfiel, konnte Rechtsfuß sich vom Pedal wegstrecken in die Luft, bis er zusammen mit allem Anderen auf dem Boden landete. Aber Linksfuß erging es schlecht. Er wurde gestaucht zwischen Pedal und dem umgefallenen Bein was vom Knie aus drückte und rückte, verdreht zwischen Pedal und Straße, gequetscht zwischen Straße und Fahrrad und gezerrt und gezogen von der ganzen Bewegungsenergie, denn das alles ging sehr schnell.
Und Linksfuß wurde furchtbar böse und machte großes Aua.

Das Gehirn war erst mal verdattert und es kamen lauter Leute, die setzten alles zusammen auf eine Bank und riefen den Notarzt. Währenddessen wachte das Gehirn auf, aber nur, um laut aua zu schreien, und dann machte es noch ein bisschen Schock. Dann sortierte das Gehirn, aha, die Brille ist noch da und uns ist schon gar nicht mehr schlecht, und das Aua ist zum Glück nur am Fuß.

"Was heißt hier nur?" Dachte sich Linksfuß, denn er war ziemlich kaputt und furchtbar böse. Er wollte auch kein Eis drauf haben - das hatten die Leute vom Krankenwagen draufgetan -, weil das Gewicht vom Eis da drückte wo es kaputt war.

In der Notaufnahme gab es Schmerzmittel, intravenös, so dass das große Aua von Linksfuß beim Gehirn nicht mehr ankam, wodurch sich sofort die allgemeine Laune besserte. Nur Linksfuß war noch immer ganz kaputt und furchtbar böse.
Auf dem Röngten konnte man sehen, dass Linksfuß nicht gebrochen war. Außer am Zeh. Am Gelenk war auch was kaputt, aber wie schlimm das wirklich war war nicht zu sehen. Schließlich gibt es in so einem Fuß ja nicht nur Knochen und das was nicht nur Knochen ist kann man auf dem Röntgenbild nicht sehen.
Linksfuß bekam jedenfalls erst mal eine Schiene und das war's dann auch schon.
Aber er war immer noch furchtbar böse.

Doch außer Schmerzmittel nehmen und ihn hochlagern war erst mal nix zu machen. Das muss noch mal genauer angesehen werden, wenn es abgeschwollen ist, hieß es, und zumindest was das genauer Ansehen betraf war Linksfuß durchaus auch der Meinung, aber wie er bei dem ganzen Salat abschwellen sollte wusste er auch nicht. Also blieb er immer noch böse und wurde ein richtiger Bösfuß.
Währenddessen musste Rechtsfuß die ganze Arbeit alleine machen, zusammen mit den Armen und Schultern und Bauchmuskeln. Auf Krücken nämlich. Und weil Rechtsfuß ja nichts anderes machen konnte, als sich in sein Schicksal zu ergeben und sein Bestes zu tun, wurde er kurzerhand zum Gutfuß. Gezwungenermaßen.

Bösfuß konnte nur rumliegen oder -hängen und außerdem machte er große Panik wenn ihm jemand zu nahe kam. Und großes Aua natürlich, aber das merkte keiner mehr, denn es gab ja die Schmerztabletten.
Dann kam Bösfuß ins MRT und der ganze Salat wurde sichtbar.
Kurz gesagt, Bösfuß war nicht umsonst so furchtbar böse. Er war nämlich sehr gründlich kaputt. Eine Menge Sehnen waren gerissen, und andere waren gezerrt, und außerdem waren die Knochen innen drin geschwollen, im Knochenmark; sie waren nämlich nur man gerade so nicht gebrochen und hatten furchtbare Mühe damit gehabt.

Jedenfalls musste Bösfuß operiert werden. Wenn nämlich so sehnige Sehnen zerreißen, dann schnipsen sie weg wie Schnipsgummi und deswegen können die auch nicht wieder heilen, wenn man sie nicht wieder langzieht und zusammennäht. Und einige abgeplatze Knochenteile mussten auch wieder rangeheftet werden.
Das war ja alles ganz schön und gut, aber Bösfuß hatte in der OP viel Stress und er machte unvergleichlich großes Aua, noch viel größer als überhaupt jemals zuvor. {Also wer jemals gedacht hatte, dass eine Wurzelbehandlung mit offen liegenden Nervenenden am Zahn schlimm ist, der hat noch nie einen Knochen verschraubt bekommen.} Erst nach anderthalb Tagen beruhigte sich Bösfuß wieder soweit, dass die normalen Schmerzmittel wirkten und er stellte fest, dass man ja so eigentlich ganz hübsch und in Ruhe wieder zusammenwachsen kann.

Aber das dauert.

Und dauert...

Und dauert.

Und in all der Zeit vergaß Bösfuß vollkommen, wie man sich eigentlich so fußig bewegt und erst recht wie man geht. Und Gutfuß wurde so langsam quengelig, weil er die Nase voll davon hatte, immer alles alleine zu machen. Außerdem mochte er nicht immer so auf den Boden gepatscht werden. Zum Abrollen braucht man nämlich beide Füße.

Bösfuß heilte also so vor sich hin und wurde wieder friedlich und es brauchte bald gar keine Schmerzmittel mehr und statt dessen gab es Bewegungsübungen.

"Gut Fuß!" Sagte das Gehirn und "Nur Mut! Das wird schon!" Und ließ den Fuß vorsichtig auf und ab nicken.

Sonntag, 20. September 2015

Are we the baddies?

Meine Eindrücke vom Marsch für das Leben.


In diesem Jahr musste ich mir einen Rollstuhl vom DRK ausleihen, um teilnehmen zu können.
Normalerweise komme ich mit den Krücken zurecht - mein Fuß heilt ja nun schon lange genug vor sich hin - aber mehr als 300m am Stück ist zuviel.

Geschoben von meinem Schatz kam ich mir gleichzeitig königlich vor und fühlte mich liebevoll umsorgt, während andererseits ein Gefühl von Unselbstständigkeit nicht ausblieb.

Jedenfalls war alles noch mal extra Abenteuer. Immerhin war ja auch talk like a pirat day, Arrr.
Leinen los und ab ins stürmische Gewässer!

Schon auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Platz vor dem Bundeskanzleramt kamen wir, inzwischen zu viert, an einem aufgemalten Gruß der Gegendemo vorbei:
"My vagina my choice."

Sehr richtig. Wenn man sorgfältig auswählt, wen man wann an seine Vagina lässt, wird man auch nicht ungeplant schwanger. Immer noch das beste Mittel zur Vermeidung von Konfliken, die zu Abtreibung führen könnten.

Ich persönlich halte das ja für einen echten running Gag, dass die Gegendemonstranten beim Marsch für das Leben offenbar so schlecht darüber informiert sind, wofür eigentlich der Marsch für das Leben steht und  voll an der Sache vorbei argumentieren. Wie sagten sie so schön? An einer inhaltlichen Auseinandersetzung sind wir nicht interessiert. Merkt man.
Wobei man sich ja sowieso fragen kann, ob die eigentlich überhaupt bedenken, was sie da brüllen. Doch dazu später.

Voererst veranlassten mich diese Betrachtungen zu dem Kalauer, zur Vermeidung der ungewollten Passage eines ungeplanten Kindes durch die Vagina (wir erinnern uns; "My vagina my choice"), würde sich doch ein Kaiserschnitt eignen.
Immerhin kommt das tote Kind nach einer Abtreibung auch durch selbige raus, es ist also zur Wahrung der Rechte der eigenen Vagina keine geeignete Methode.

Am Platz vor dem Bundeskanzleramt wurden mein Schatz und ich durch die Absperrung auf einen Stelle direkt vorne, rechts von der Bühne, gewinkt.
Bloggerprominenz mit Rollifahrerin im Gepäck: da muss man nicht erst das Deck schrubben.

Die Stimmung war gut, als wir ankamen gab es gerade eine Darbietung des Chors Kunterbunt, ein Behindertenprojekt der Berliner Stadtmission.

Auf einigen Plakaten las man 'Inklusion statt Selektion'.
Andere zeigten Abbildungen von Kleinkindern mit Down-Syndrom oder einfach Familienszenen. Zu lesen war außerdem 'Kinder sind keine Ware', 'Willkommenskultur auch für Babys', 'Echte Männer stehen zu ihrem Kind', 'Kein Tod auf Rezept' und noch viele weitere Sprüche.

Die Rede Martin Lohmanns (hier das Video von 2014) machte deutlich, dass es um die Würde des Menschen geht und um den Respekt vor dem Menschen mit seinen Bedürfnissen, aber auch mit seiner Verantwortung.
In jedem Stadium des Lebens, ob vor der Geburt oder in Krankheit und Alter sagen wir: "Ja zu mehr Hilfe für's Leben".
In diesem Jahr betonte Martin Lohmann besonders, dass es sich um ein Ansinnen handelt, das universell ist und wendete sich damit direkt gegen die Deutung des Marsches für das Leben als Aktion "fundamentalistischer Christen" und/oder "Nazis". Wir brauchen keine Ideologie, wir sind keine Extremisten.

Man muss sich eigentlich nur mal das Handout zum Marsch für das Leben durchlesen, um zu sehen, dass es hier weder um die Favorisierung eines bestimmten Familienbildes noch um die Ächtung sexueller Freiheiten geht. Vielmehr ist das Kind im Mutterleib zu schützen, indem man der Mutter die Hilfe und Aufklärung zukommen lässt, die sie braucht, um auch schwierige Situationen durchzustehen. Wie es zu der (unerwarteten) Schwangerschaft gekommen ist, ist dabei nicht relevant und wird keiner Wertung unterzogen.

Und, anders als unsere Gegner, haben wir die Erkenntnisse moderner Medizin auf dem Schirm:
Nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entsteht neues menschliches Leben. Vom ersten Augenblick an ist der Chromosomensatz, 46XY/XX, vollständig und einzigartig. Haar- und Augenfarbe sind, wie viele andere Anlagen auch, bereits festgelegt, ebenso das Geschlecht. Ab der dritten Woche sind alle Organe angelegt, nur kurze Zeit später ist beim werdenden Kind Schmerzempfinden  vorhanden und das Herz beginnt zu schlagen.
Der Mensch ist Mensch, von Anfang an.
Natürlich kann ein Embryo sich nicht äußern. Aber das kann ein Baby zunächst auch nur sehr eingeschränkt und auch ein dementer Mensch kann die Fähigkeit dazu verlieren.

Wir lassen uns den schwarzen Peter nicht zuspielen. Wir sind nicht die Bösen. Wir sind gegen niemanden - übrigens auch nicht gegen Frauen, die abgetrieben haben: Angebote zur Hilfe bei Problemen nach einer Abtreibung (Post Abortion Syndrom) gibt es außerhalb von Lebensschutzverbänden überhaupt nicht.

Es geht darum, Abtreibungen zu verhindern. Nicht darum, Menschen zu be- oder verurteilen.

Zum Abschluss folgte die Mahnung, sich nicht provozieren zu lassen.
Der Marsch für das Leben ist einerseits eine Gedenkveranstaltung für vor der Geburt getötete Kinder (deshalb tragen wir Kreuze!), andererseits möchte er auf die Thematik aufmerksam machen.
Dabei geht es letztlich darum, dass die Tötung eines Menschen - egal in welcher Verkleidung sie daherkommt - niemals zu rechtfertigen ist.
Aus diesem Grund sind Abtreibungsgegner auch gegen Sterbehilfe, die letztlich eine Wiederkehr von Euthanasie darstellt oder dem zumindest den Weg bereitet.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle der Bericht eines Betroffenen. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch ist er ausdrücklich froh, zu leben und berichtete in einem kleinen Auftritt, dass viele Menschen mit denen er ins Gespräch kam, weil sie ebenfalls einen Sebstmordversuch überlebt hatten, das genau so sehen.

Fröhlich setzten wir uns in Bewegung.
Ich war zufrieden, dass mein Fuß inzwischen schmerzfrei und auch nicht mehr übermäßig empfindlich ist.
Das Laufen in der Menge hätte ich frisch operiert schon allein wegen der Nerven nicht ausgehalten: Auf dem Weg zu einer Kontrolluntersuchung, noch im Krankenhaus, war ich in totale Panik geraten, wenn irgendein Hindernis meinem Rollstuhl oder Fuß auch nur nahe kam. Und mit nahe meine ich an dieser Stelle 'unter 2m Abstand'.

Zunächst begegneten wir nur vereinzelten Krakeelern, Grüppchen von 5 bis 20 Leuten, die ihre Parolen brüllten und schnell passiert waren.
Irgendwer skandierte seinen Hass auf homophobe.
"Was haben die eigentlich für Probleme? Nur weil ich gegen Abtreibung bin, bin ich noch lange nicht homophob." "Doch," weiß mein Schatz, "wer gegen Abtreibung ist, ist automatisch homophob. Aber sag's nicht deiner Mutter."
Logik-fail.
Ich meine, schon allein das: Würden Schwangere die ihr Kind nicht wollen so begleitet, dass sie es zur Adoption freigeben, anstatt es abzutreiben, wäre die Familiengründung doch auch für homosexuelle Paare viel einfacher. Immerhin bleiben, speziell wenn man in-vitro-Fertillisation und Leihmutterschaft kritisch sieht, außer einer Adoption kaum Alternativen.

Unter den Linden kam der Marsch das erste Mal zum Stehen, links und rechts an der Kreuzung laute Gegendemonstranten.

"Are we the baddies?" mimte mein Schatz verschmitzt. Well, I can't see any skulls here, can you?
"Wir tragen doch nur Bilder mit Kindern drauf..."
Ganz ehrlich, wenn ich Gegendemonstrant wäre, wäre es mir peinlich, gegen wen ich da anbrülle. Eine Gruppe von Menschen mit bunten Plakaten und weißen Kreuzen, eine schweigende und teilweise singende Gruppe, eine Gruppe die sich vollkommen friedlich durch die Stadt bewegt, normal gekleidet; niemand vermummt, kein einziger Springerstiefel weit und breit, dafür junge Leute, Behinderte, viele Familien mit Kindern und Geistliche... Ich würde mich spätestens nach 10 Minuten nach Hause schleichen und hoffen, dass mich niemand gesehen hat, wie ich da die personifizierte Harmlosigkeit anbrülle.

Es ging weiter, jemand stimmte ein Lied an, wir kamen wieder zum Stehen, erfuhren, dass es Sitzblockaden gibt, die den Marsch aufhalten.
"Wir sind ein Castortransport", feixte ich.
Ich wusste ja schon immer, dass ich eine ganz besondere Ausstrahlung habe.

Am Straßenrand war eine mit Trommeln ausgestattete Gruppe von Gegendemonstranten. Die Rhythmen gingen mir durchaus in die Beine - wenn ich könnte würde ich zu sowas immer tanzen.

Die Sprüche zeigten sich weniger eingängig:

Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat.
Nun ja. Schon klar, dass die all das blöd finden. Nur irgendwie... Man muss nicht gläubig sein, um das menschliche Leben zu respektieren. Und auch mit Patriarchat hat das nichts zu tun. Der Schutz ungeborenen Lebens kann in einer patriarchalen Gesellschaft genau so schief gehen oder eben funktionieren wie in einer matriarchalen oder gleichbereichtigten. Glaubt es oder nicht; durch welche Strukturen gewährleistet wird, dass Frauen in Konfliktschwangerschaften so betreut werden, dass sie das Kind - bei Bedarf anonym und geschützt - zur Welt bringen können, ist mir egal.

Eure Kinder werden so wie wir, eure Kinder werden alle queer.
Warum auch nicht? In diesem Fall könnten sie bestimmt davon profitieren, dass ihre Großmutter in einer lesbischen Beziehung lebt. Sicherlich werden sie so oder so ihre Kämpfe mit dem modernen 'jeder darf alles immer und sofort'- Ethos haben, der den Umgang mit der menschlichen Sexualität zur Zeit bestimmt.

Gegen Macker und Rassisten, fight the power, fight the system!
Bin ich voll dafür. Ich bin eindeutig gegen jede Form von Rassismus. Und gegen Macker sowieso. Aber was wollen die dann von uns? Also hier im Marsch sind keine Vertreter der aufgezählten Personengruppen... Habt ihr euch in der Adresse geirrt?

Christen, lasst das beten sein, zieht euch Emma Goldmann rein.
Wieso? Man kann doch das eine tun und das andere nicht lassen. Wie wäre es z.B. mit folgendem Zitat:
"The ultimate end of all revolutionary social change is to establish the sanctity of human life, the dignity of man, the right of every human being to dignity and well-being." Dem stimme ich zu. Wieso seit ihr der Meinung, dass diese Aussage nicht für ungeborene Kinder gilt?
Emma Goldmann übrigens nennt die Fähigkeit, einem Kind das Leben zu schenken, das großartigste Privileg der Frau. Ebendiesen Essay, "Das Tragische an der Emanzipation der Frau", schließt sie mit einem Aufruf der ebenfalls meine volle Zustimmung findet:
"Soll die teilweise Emanzipation tatsächlich zu vollständiger und reiner Emanzipation werden, so muß aufgeräumt werden mit der lächerlichen Vorstellung, geliebt zu werden, Geliebte und Mutter zu sein, sei gleichbedeutend mit Sklave und Untertan zu sein. Es muß aufgeräumt werden mit der absurden Vorstellung des Dualismus der Geschlechter oder daß Mann und Frau Vertreter zweier feindlicher Lager seien.
Kleinlichkeit spaltet, Großzügigkeit verbindet. Laßt uns groß und großzügig sein. Laßt uns über all das Triviale das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. In der echten Beziehung zwischen Mann und Frau wird es keinen Sieger und keinen Besiegten geben sondern nur eines: immer wieder zu geben, um dadurch bereichert zu werden, tiefer empfinden zu können und gütiger zu werden. Dies allein kann die Leere ausfüllen, kann das Tragische an der Emanzipation der Frau ersetzen durch Glück, grenzenloses Glück."
Leute, lasst das Brüllen sein, zieht euch Emma Goldmann rein!

Schließlich geht es weiter.
Auf Höhe des Bebelplatzes treffen wir die größte Masse der Gegendemonstranten. Hasserfüllt schleudert man uns die bekannten Parolen entgegen.
Wir sind am Ende des Zuges und in einer Randposition, die ein Untertauchen in der Menge unserer Mitstreiter unmöglich macht; zumal man sich im Rollstuhl eben auch nicht mal schnell in ein Gruppe reinschieben kann. Ich finde das, so vom Sitzen aus betrachtet, durchaus beängstigend.
Vor mir werden Bannerträger angegeifert: "Euer Plakat kotzt mich sowas von an! Ihr seid zum Kotzen!" Darauf steht: "Willkommenskultur auch für Babys!"
Immer wieder hört man "Haut ab!" (Wir wären schon längst weg, wenn da nicht gewisse Sitzblockaden gewesen wären.) Und "Kein Vergeben und Vergessen, Christen haben Namen und Adressen!"

Das Gesicht einer Frau ist so verzerrt von Hass, dass es sie wirklich zur unkenntlichen Fratze verstellt.
Um Himmels Willen, seht ihr denn nicht gegen wen ihr da anbrüllt? Denke ich nur halb bewusst aber sehr erschrocken.
Nein, sie wollen es nicht sehen.
Denn sonst müssten sie sich ja schämen und das ist nicht gut für's Ego.
Außerdem will so ein Feindbild gepflegt werden. Gerade, wenn man Christen auf dem Schirm hat, sind eben größere Anstrengungen nötig, um nicht mitzubekommen, dass das größtenteils ganz passable Leute sind, und gar keine baddies.