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Freitag, 26. Januar 2018

SoulKitchen #4: Unterwegs im Auftrag des Herrn

So, Freunde: Leicht erschöpft melden wir uns aus einer ereignisreichen Woche, in der praktisch jeden Tag „irgendwas mit Kirche“ anstand. Was im Prinzip natürlich gut ist: Die „tote Christenheit... aus dem Schlaf der Sicherheit“ zu wecken, wie es in dem alten Gotteslob-Schlager „Sonne der Gerechtigkeit“ so schön heißt, ist schließlich eine Aufgabe, bei der es keinen Tag zu verlieren gilt. Anstrengend wird’s aber, wenn man ein Baby hat, das zwar tagsüber meist lieb, brav und gut gelaunt ist, dafür aber abends regelmäßig Krawall macht. (Ich vermute mal, das sind diese vieldiskutierten Drei-Monats-Koliken. Die müssten dann eigentlich bald mal vorbei sein...)

Viel geschlafen haben wir also nicht. Aber gut gegessen! Hier der Speiseplan:


Donnerstag: Fischfilets mit Spinat und Reis

Momentchen: Hätte es das nicht schon letzten Mittwoch geben sollen? – Eigentlich ja. Aber dann war Suse am späten Nachmittag aufgefallen, dass sie den Spinat schon am Vormittag aus dem Gefrierfach hätte nehmen sollen. Sicherlich wäre es auch so noch möglich gewesen, den tiefgefrorenen Spinatklotz auf dem Feuer zu schmelzen, aber Suse disponierte kurzentschlossen um, und es gab Bandnudeln in Pesto-Sahnesoße mit Mais und schwarzen Oliven.

Am Donnerstag jedenfalls hatten wir nachmittags Besuch vom Pfarrer. Nachdem wir just an dem Wochenende, an dem in unserer Pfarrei die Sternsinger unterwegs gewesen waren, anlässlich der MEHR-Konferenz in Augsburg waren, hatten wir uns gedacht, einen Segen für die Wohnung können wir doch hoffentlich trotzdem bekommen, einschließlich der einschlägigen Kreidezeichen an der Tür – die sind ja schließlich auch eine Art Zeugnis den Nachbarn gegenüber. Der Pfarrer kam diesem Ansinnen gern entgegen, und auch vom konkreten Anlass abgesehen war es wohl mal ganz gut, sich in privater Atmosphäre mit ihm zu unterhalten. Wir sind ja noch relativ neu in der Gemeinde.



Zum Essen blieb der Pfarrer allerdings nicht.




Freitag: Falafel-Halloumi-Taschen

Tagsüber gab es keine besonderen Vorkommnisse, am Abend war, wie schon vorigen Freitag, Kreis junger Erwachsener in einer von unserem Zuhause aus leider ziemlich entfernten Pfarrei (wofür die Pfarrei nichts kann, es liegt eher daran, dass wir so weit draußen wohnen). Wir zögerten diesmal lange mit der Entscheidung, ob wir da hinfahren wollten oder lieber in unserem eigenen Kiez zur Anbetung und zur Abendmesse. Oder einfach zu Hause bleiben. Schließlich entschieden wir uns doch, den weiten Weg auf uns zu nehmen; aber da wir uns einerseits nicht wieder den ganzen Abend nur von Knabberzeugs ernähren wollten, uns andererseits aber auch nicht sicher waren, als wie realistisch sich die Variante „vom KJE-Treffen aus einfach eine Pizza bestellen“ erweisen würde, besorgte ich uns vor unserem Aufbruch schnell noch Falafel-Halloumi-Taschen vom Libanesen an der Ecke.

Da eine gewisse kleine Person eine Weile brauchte, um sich dazu überreden zu lassen, sich ins Tragetuch wickeln zu lassen, verzögerte sich unser Aufbruch dann noch etwas, mit dem Ergebnis, dass wir an unserem Zielort die Anbetung versäumten und erst kurz vor dem Ende der Predigt in der Kirche ankamen. Aber immerhin, den wichtigsten Teil der Messe bekamen wir noch mit. – Beim KJE lautete das Thema diesmal „Ordensleben heute“, und als Gastreferenten waren ein Dominikanerpater aus dem Kloster in Moabit und eine Schwester der „Kongregation der Helferinnen“ dabei, die in einer Wohngemeinschaft in Lichtenberg lebt. Beide fielen übrigens durchaus in das Alterssegment der „jungen Erwachsenen“; ich erwähne das deshalb, weil ja viele zu denken scheinen, Ordensleben sei heutzutage nur noch etwas für alte Leute, während die jungen in Neuen Geistlichen Gemeinschaften sind. Präziser gesagt: Das ist es, was optimistische Katholiken denken. Alle anderen glauben, junge Leute wären überhaupt nicht religiös.


Samstag: Pelmeni

Am Nachmittag fand in einem freikirchlichen Café im Wedding eine Veranstaltung unter dem Titel „Sternstunde“ statt; bei dieser (monatlichen) Veranstaltungsreihe waren wir im vorigen Jahr schon zwei- oderdreimal gewesen, nun aber schon eine ganze Weile nicht mehr, also fanden wir, es sei mal wieder an der Zeit. Bei unseren früheren Besuchen der „Sternstunde“ hatten wir eine nette Familie aus Heiligensee (mit vier Kindern, das jüngste noch nicht ganz zwei Jahre alt) kennengelernt und freuten uns, diese jetzt wiederzusehen; insbesondere die älteste Tochter unterhielt sich sehr angeregt mit Suse. Allerdings sollte man für die Zukunft vielleicht mal darüber nachdenken, sich mit dieser Familie in einem anderen Rahmen zu treffen als bei der „Sternstunde“, denn die Veranstaltung an sich war eher weniger erfreulich. Normalerweise ist es ein fester Bestandteil des Veranstaltungskonzepts, dass jemand ein „Zeugnis“ gibt; das war diesmal jedoch nicht der Fall, stattdessen kündigte der Gastgeber an, er wolle einige Gedanken über den Unterschied (wo nicht gar Gegensatz) zwischen Glaube und Religion zur Diskussion stellen.

Ich konnte mir schon vorstellen, was das werden sollte. In Teilen des evangelikalen Spektrums ist „Religion“ ein ausgesprochen negativ besetzter Begriff, der einerseits mit „Gesetzlichkeit“ und andererseits mit einer ritualisierten Frömmigkeitspraxis assoziiert wird; „wahres Christsein“, so lautet mehr oder weniger explizit die Argumentation, sei gerade keine „Religion“, sondern eine authentische, persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Durchaus folgerichtig geht diese Sichtweise häufig einher mit der Ablehnung liturgischer Gottesdienstformen, da diese eben „religiös“ (und somit angeblich unauthentisch) seien. Dass ihre eigenen, vermeintlich so „authentischen“ und individuellen Frömmigkeitsformen zwar ästhetisch wesentlich anspruchsloser, aber in Wirklichkeit nicht weniger stark formalisiert sind, kommt dieser Sorte Evangelikaler selten, wenn je, in den Sinn.

Was an diesem Vortrag (der übrigens, wie der Vortragende mehrfach betonte, „kein Vortrag“ sein sollte – aber was dann?) wirklich nervte, war allerdings der Umstand, dass er verworren und redundant zugleich war. Irgendwie versuchte der Gastgeber, den Unterschied zwischen „Glaube“ und „Religion“ zu den Lehren des Apostels Paulus über Gesetz und Gnade in Beziehung zu setzen, kriegte es aber nicht so richtig hin und widersprach sich durchschnittlich in jedem dritten Satz selbst. Die anschließende Publikumsdiskussion machte vollends deutlich, was für eine Zumutung und Überforderung es darstellt, dass das evangelikale Christentumsverständnis es jedem einzelnen Gläubigen abverlangt, selbständig die Bibel zu interpretieren. Mit Blick auf die paulinische Gegenüberstellung von Gesetz und Gnade brachen komplexe Meinungsverschiedenheiten über die Frage aus, ob und inwieweit das Gesetz des Alten Bundes auch heute noch Gültigkeit habe, und das Ganze gipfelte bizarrerweise in der Frage, ob es nicht einen Verstoß gegen die Zehn Gebote darstelle, dass Christen den Sonntag heilig halten statt den Samstag. Offenkundig überfordert mit dieser Frage, behauptete der Gastgeber aus dem Ärmel heraus, die Heiligung des Sonntags sei erst irgendwann im 2. Jahrtausend von der Katholischen Kirche eingeführt worden, und das sei ein Beispiel unter vielen dafür, wie die Katholische Kirche „ihre eigene Religion erfunden“ habe. Einige Gäste stiegen nur allzu gern auf diese Schiene ein und echauffierten sich über Priestertum und Beichte: Das habe doch nichts mit Jesus zu tun.

Na, wie dem auch sei: Zu Hause gab's Pelmeni aus dem Gefrierfach, angerichtet mit saurer Sahne, Gewürzgürkchen und Roter Bete, sodass auch dieser Tag noch ein erfreuliches Ende nahm.



Sonntag: Syrisches Buffet

In unserer Pfarrkirche stand, wie an jedem dritten Sonntag im Monat, ein Familiengottesdienst an; aber es gab kein Entrinnen, da ich schon vor Wochen – ohne einen Gedanken an das Datum zu verschwenden – eingewilligt hatte, den Lektorendienst zu übernehmen. Nun ja, wenigstens wurde die 1. Lesung (Jona 3,1-5.10) nicht – wie in den Lektorenhilfen des Katholischen Bibelwerks allen Ernstes angeregt wird – szenisch aufgeführt. Dafür aber das Evangelium.

Merke: Ein Familiengottesdienst, der es nicht schafft, die Frage "Was soll das?" zu provozieren, kann einpacken. (frei nach Heiner Müller) 

Anschließend fuhren wir mit dem Bus zur Nachbarpfarrei, wo der Flüchtlingsausschuss des Pfarrgemeinderats einen „Kennenlerntag“ mit Flüchtlingsfamilien aus Syrien veranstaltete. Mit gemeinsamem Kochen und Essen. Als wir an der Zielhaltestelle aus dem Bus ausstiegen, sahen wir, wie sich vor der Kirche eine Gruppe von Mädchen im Teenageralter versammelte. Mir kam zwar kurz der Gedanke „Na, ob die auch da hinwollen, wo wir hinwollen?“, aber bezeichnenderweise glaubte ich das nicht ernsthaft. War aber doch so: Sie gehörten zum laufenden Firmkurs des Pfarreiverbands. Die teilnehmenden syrischen Familien waren sehr nett und hatten viele Kinder, darunter eins, das nur knapp drei Wochen älter war als unseres; und das Essen war sehr gut und sehr reichlich.





Und nach dem Essen... ergriff eine Dame vom Humanistischen Verband das Wort, verteilte Flyer für ein von ihrer Organisation verantwortetes Kiezprojekt in Tegel-Süd, gab eine Telefon- und Mailadressenliste herum und, nun ja, „warb“ sehr engagiert darum, dass man sich da auch wirklich eintrug. Ich dachte, ich seh' und hör' nicht richtig. Was macht eine Vertreterin des Humanistischen Verbands bei einer kirchlichen Veranstaltung? Noch konsternierter war ich angesichts der Tatsache, dass die anwesenden Vertreter des Pfarrgemeinderats offenbar gar nicht auf die Idee kamen, daran könne irgendwas verkehrt sein. Man kann sich so etwas kaum ausdenken: Da stellt die Pfarrei ein (im Ganzen sehr gelungenes!) Erstkontakt-Angebot zum gegenseitigen Kennenlernen von Gemeindemitgliedern und Flüchtlingen auf die Beine, klopft sich auf die Schulter und überlässt alles Weitere – sprich: die potentiellen Früchte dieses Erstkontakts – dem Humanistischen Verband. Was kommt als nächstes? Sommerfest mit Satanisten? Suse und ich hatten eigentlich den Gedanken im Hinterkopf gehabt, bei Gelegenheit dieser Veranstaltung mal ein bisschen mit den Leuten aus dem Flüchtlingsausschuss des Pfarrgemeinderats darüber ins Gespräch zu kommen, was genau sie eigentlich für die Flüchtlinge tun, und dabei auch auf Initiativen wie Elijah21 zu sprechen zu kommen. Diesbezüglich ließ uns der Auftritt der Dame vom Humanistischen Verband nun allerdings ziemlich die Luft raus.

(Ich will eigentlich gar nicht auf den Veranstaltern herumhacken. Das sind nette Leute. Vielleicht wussten sie nicht so genau, was der Humanistische Verband ist und tut – wobei das auch schon irgendwie peinlich wäre. Ich vermute eher, es steckt eine Auffassung dahinter, die die Kirche in erster Linie als eine zivilgesellschaftliche Institution unter vielen betrachtet und die Pfarrei folglich als einen lokalen Träger bürgerschaftlichen Engagements; wenn man das so sieht, ist es natürlich nicht ohne Weiteres einsichtig, wieso man nicht mit dem Humanistischen Verband zusammenarbeiten sollte. Ob der das umgekehrt auch so sieht oder sich über „unsere“ Blödheit ins Fäustchen lacht, sei mal dahingestellt.)

Am Abend hielt sich unser Hunger in Grenzen; ich machte mir lediglich ein Sandwich, bestehend aus (ungetoastetem) Dinkeltoast vom Foodsharing mit gesalzener Butter, Kräuterfrischkäse, Schweinebraten und Cheddar. Für Suse machte ich im wesentlichen dasselbe, allerdings wollte sie kein Sandwich, sondern lieber zwei einzelne Stullen. Das wurden also eine mit gesalzener Butter und Cheddar und eine mit Kräuterfrischkäse und Schweinebraten.


Montag: Tagliatelle Bolognese

Am Morgen Frühmesse, anschließend Rosenkranzgebet, dann ins Pfarrbüro, um Organisatorisches wegen der anstehenden Tauffeier unserer kleinen Mädchentochter zu besprechen. Im Anschluss besorgte ich dann noch die Einkäufe fürs Abendessen, während Frau und Kind schon mal nach Hause gingen. Zur Belohnung gab's dann am Abend Bandnudeln mit hausgemachter Bolognese-Soße. Mjam mjam. 




Dienstag: Belegte Baguettes vom Foodsaving

Am Mittag hatte ich ein konspiratives Business-Lunch mit einem katholischen Unternehmer aus Köln, der gerade aus beruflichen Gründen in Berlin war; den Kontakt hatte Benedict Option-Autor Rod Dreher vermittelt.

Am Abend hatte Suse dann einen erneuten Foodsaving-Einsatz in einer Bäckerei, und diesmal fiel die Beute besonders üppig aus. Neben ungefähr sieben ganzen Brotlaiben brachte sie große Mengen an Brötchen und sonstigem Kleingebäck mit nach Hause, dazu vier große Plastikboxen voller belegter Baguettes. Einige davon – belegt z.B. mit Mett, Thunfisch oder als Großgarnelen getarntem Krebsfleischimitat – schrien geradezu danach, möglichst bald verzehrt zu werden, und damit war das Thema Abendessen dann auch schon abgehakt.




Weniger erfreulich war, dass im weiteren Verlauf des Abends Suses Mobiltelefon den Geist aufgab.


Mittwoch: Weitere belegte Baguettes vom Foodsaving

Was für ein Leben: Morgens, mittags und abends belegte Baguettes! Alles andere, was Suse am Abend zuvor erbeutet hatte, brachten wir im Laufe des Vormittags bei der Suppenküche der Franziskaner in Pankow vorbei, anschließend kauften wir im Klosterladen des Karmels in Charlottenburg eine Taufkerze für das Kind und wanden uns (also ich mich zumindest) mit Grausen angesichts dessen, was dieser Laden sonst noch so alles führt. 


Der Rauch des Satans ist in den Klosterladen des Berliner Karmels eingedrungen. 

Und schließlich kümmerten wir uns noch um Suses Handyproblem, mit dem bemerkenswerten Erfolg, das nebst eines neuen Mobilfunktarifs auch für mich ein neues mobiles Endgerät heraussprang. Und damit war der Tag auch schon wieder so gut wie um!


(...und dann erwischte mich eine offenbar schon länger vor sich hin brütende Erkältung, und der Internetanschluss in der Wohnung machte Zicken. Deshalb erscheint dieser Artikel mit leichter Verspätung. Aber keine Bange, es ist schon alles wieder auf dem Weg der Besserung!) 




Montag, 18. September 2017

Es handelt sich nämlich bessüchlich der Wahlen...


Nach langer Abwesenheit haben sich bei mir verschiedene Blogideen angestaut und ich weiß eigentlich gar nicht, womit ich anangen soll...

... also mache ich einfach was ganz anderes.



Nun denn:

Aus aktuellem Anlass werde ich mir mal das Wahlprogramm der AfD ansehen.

Kann man die für eine ernsthaft wählbare Partei halten?
Das öffentliche Gebahren ihres Personals spricht dagegen und, wie ich finde, ihre Plakate auch, die ich größtenteils als Sammelplatz peinlicher Plattitüden wahrnehme.



Aber was sagt das Progamm?

Das Erste was mir auffällt ist die Aussage, die Rechtsstaatlichkeit müsse wiederhergestellt werden, und, ein Stück weiter, mit den Verträgen von Maastricht, Schengen und Lissabon sei rechtswiedrig in die Volkssouverenität eingegriffen worden.

Ähh...ja. Bin ich hier richtig? Ist das ein Parteiprogramm oder doch die Vereinssatzung der Aluhüte?
Die Staaten haben ihre Grenzhoheit keineswegs aufgegeben, wie im Weiteren die Aussage zu den o.g. Abkommen begründet wird, sondern nur die Form verändert in der sie diese wahrnehmen. Dies ist durch entsprechende Gesetze bzw. Gesetzesänderungen in den teilnehmenden Ländern geschehen; wie das für Deutschland aussieht kann man z.B. hier nachlesen.

Das Abkommen beinhaltet z.B. Zusammenarbeit der Behörden bei der Strafverfolgung sowie Einheitlichkeit bei der Ausstellung und Verweigerung von Visa für den Schengen Raum und Regelungen zu Kontrollen an dessen Außengrenzen.

Natürlich ist es ein Problem, wenn Länder die Schengen-Außengrenzen haben, z.B. illegal eingereiste einfach weiterleiten, statt sich um die entsprechenden Asylverfahren und ggf. die Abschiebung zu kümmern - sei es nun, weil aus einem der Zielländer entsprechende Signale kommen oder weil die Länder, über die die Menschen einreisen nicht über entsprechende Mittel verfügen, der Ströme Herr zu werden.

Man müsste das mal durchrechnen, ob die Kosten, die aus einer Auflösung des Schengenraumes mit Wiederaufnahme der Grenzkontrollen in jedem einzelnen Land und den Entsprechenden Verkomplizierungen von Außenandelsbeziehungen resultieren würden, tatsächlich niedriger wären als z.B. die Kosten für eine koordinierte europäische Unterstützung von Ländern mit Schengen- Außengrenzen, die diesen Ländern praktisch und effektiv ermöglicht, ihrer Verpflichtung nachzukommen...

Der Vertrag von Maastricht regelt das Spannungsverhältnis zwischen dem Ziel einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und der staatlichen Souverenität seiner Mitgliedsstaaten, um nur ein Beispiel zu nennen, so, dass Beschlüsse in der Regel einstimmig gefasst sein müssen. Es kann also kein Staat in seiner Souverenität verletzt werden, indem er überstimmt wird. Dieser Grunsdatz gilt auch für die zweite Säule, die Gemeinsame Innen- und Rechtspolotik.

Das Bunsesverfassungsgericht erklärte in seinem Urteil (BVerfGE 89, 155) vom 12. Oktober 1993 die Vereinbarkeit des Vertrages mit dem Grundgesetz.

Der Vertrag von Lissabon regelt das Verhältnis der Kompetenzen von EU und Mitglietsstaaten genauer in definiert außerdem die Ziele der Union zu denen Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit gehören.
Man muss diese also keineswegs gegen die EU verteidigen, wie das Programm der AfD suggeriert.

Die genannten Verträge sind völkerrechtliche Verträge zwischen soueränen Staaten, es ist also überflüssig "Das bestehende 'Lissabon-Europa' [...] zurückzuführen zu einer Organisation von Staaten, die auf der Basis völkerrechtlicher Verträge ihre Interessen und Aufgabenwahrnehmung definieren."

Zwischenfazit.
Dem Progamm ist deutlich anzumerken, dass die AfD vor der Flüchtlingskrise eine reine Anti-EU-Partei war.


Das nächste was mir ins Auge sticht ist die Behauptung, in Deutschland habe sich eine so genannte Oligarchie herausgebildet.
Auch hier gilt: was damit eigentlich gemeint ist ist ausreichend unscharf umrissen, so dass es weder verifizier- noch falsifizierbar ist.

Die Aussage als solche und der damit verbundene argwöhnische Blick auf politische Eliten könnte auch im Progamm einer linksextremen Partei stehen, dort würde freilich in der Formulierung das Wort Kapitalismus vorkommen.


Volksentscheide nach Sschweizer Vorbild, nun ja.

Wie man den politischen Betrieb in so regelt, dass das Spannungsverhältnis zwischen Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit auf der einen und Möglichkeiten zur Kontrolle durch die Bürger auf der anderen Seite fruchtbar ausgestaltet ist, gehört zu den wichtigsten Fragen jeder demokratischen Verfassung.

Den Vorschlag zu Volksentscheiden kann man letztlich nur beurteilen, wenn man sich nicht nur die Unterschiede in den einzelnen Gesetzestexten zu Volksabstimmungen in Deutschland und der Schweiz ansieht, sondern auch vergleicht wie häufig und in was für Fragen Volksentscheide in beiden Ländern in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wurden und wie es in den einzelnen Fällen mit der Wahlbeteiligung aussah.

Die Aussage, die CDU würde das deutsche Volk nicht für mündig halten, ist reine Rhetorik. Natürlich flirtet man hier mit dem Gefühl des 'kleinen Bürgers', es werde über seinen Kopf hinweg regiert. Der Nachweis, dass eine Reform des Rechtes zu Volksentscheiden dazu führen würde, dass man sich als Bürger nicht nur weniger machtlos fühlt sondern auch mehr Kompetenzen hat, ist auf theoretischer Ebene nur mit größerem Aufwand zu erbringen, wie ich oben bereits angedeutet habe.

Ähnliches gilt für die Aussagen zu Gewaltenteilung, Trennung von Amt und Mandat, der Macht der Parteien und der Wahl des Bundespräsidenten.

Zur Forderung der Begrenzung von Amtszeiten kann man fragen, ob es wirklich erwünscht ist, dass Politikern keine Gelegenheit gegeben wird, Professionalität zu entwickeln und ob es wirklich so sinnvoll ist, wenn die Regierung mehrheitlich von Personen gestellt wird, die aufgrund mangelnder Erfahrung nicht wissen, wie man politische Prozesse sinnvoll und effizient gestalten kann.

Das Ideal des Bürgerabgeordneten liefert ein gut klingendes Schlagwort. Man sollte jedoch beachten, dass wir nicht in einer Polis leben. Weder sind die Zahlen der zu Regierenden Meschen und die zu entscheidenen Fragen klein genug, als dass jeder da den Überblick behalten könnte, noch ist es so, dass, wie im Falle der griechischen Polis, alle Stimmberechtigten  -  in der attischen Demokratie 15-20% der Bevölkerung - den ganzen Tag Zeit haben, sich mit politischen Diskussionen zu beschäftigen. Im damaligen Gesellschaftssystem arbeiteten diese nämlich nicht, sondern hatten im wahrsten Sinne des Wortes den ganzen Tag lang nichts zu tun als denken, während die Arbeit größtenteils von Sklaven und anderen Bevölkerungsschichten ohne volle Bürgerrechte erledigt wurde.

Auch hier wird also mit Schlagworten gearbeitet, die sich einer sinnvollen Bewertung eher entziehen.

Bei der Diskussion um die europäische Währungsunion verhält es sich ähnlich; was der Euro uns kostet ist schwer zu überblicken, Noch schwerer ist es, eine realistische Prognose dazu abzugeben, was uns eine Wiedereinführung der D-Mark kosten würde.


Überhaupt stehen viele Aussagen im Programm der AfD, deren Grundlage nicht nachvollziehbar ist.
Ein Beispel dafür ist die Forderung nach "diskriminierungsfreie[m] Zugang zu ausländischen Import- und Exportmärkten für deutsche Unternehmen". Ein Nachweis, dass und inwieweit dieser zur Zeit nicht besteht wird nicht diskutuert - und ist auch kaum als möglich anzusehen.


Zur Einwanderungs- und Asylpolitik ist letztlich nicht viel zu sagen; in dem Sinne als das die Positionen hier nicht überraschen.

Die nicht verifizierte Grundthese, dass eine Gesellschaft zwangsläufig daran zerbrechen müsse, wenn es zu starke abweichende Minderheiten gibt, wäre zu diskutieren.

Die Frage nach der Stabilität unseerer Sozialsysteme ist getrennt davon zu stellen.

Einer Radikalisierung und Abschottung von Minderheiten ist es jedenfalls immer förderlich, wenn diese Minderheiten in ihrer Freiheit und ihren Rechten eingeschränkt werden.
Die Forderungen der AfD nach entsprechenden Einschränkungen und/oder Zwängen zur Integration sind daher kitisch zu sehen.


Zu bemerken ist, dass viele Einschränkungen der Religionsfreiheit die die AfD unter der Überschrift "Der Islam in Konflikt mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung" fordert auch alle anderen Religionen betreffen würden.
Dazu nur zwei Beispiele:

Das Verbot einer Verschleierung im Öffentlichen Dienst oder überhaupt in der Öffentlichkeit könnte dazu führen, dass auch Ordensfrauen ihre Tracht nicht mehr tragen können.
Nach dem Verbot von Burkinis am Strand von Cannes machte ein Immam aus Florenz auf dieses Problem aufmerksam, indem er ein entsprechendes Bild auf seiner Facebook Seite postete.

Ähnliches ließe sich über die Eheschließung sagen:
"Die AfD verlangt, eine standesamtliche Eheschließung vor jeder religiösen Trauung rechtlich wieder für verbindlich zu erklären. Religiöse Trauungen können diese staatsrechtliche Voraussetzung zur Anerkennung einer Ehe nicht ersetzen." Dies würde also auch für christliche, jüdische oder schamanische Eheschließungen gelten.
Hier handelt es sich außerdem um eine reine Scheindebatte, da man ja die eherechtlichen Vorteile sowieso nur dann genießen kann, wenn man standesamtlich verheiratet ist - diese Gängelung auf Kosten der Religionsfreiheit ist also überflüssig.
Für die Verhinderung von Kinderehen und ähnlichem sind zivilrechtliche Maßnahmen zu treffen, die letztlich unter den Schutz vor Missbrauch fallen.

Die Forderung, der Religionsausübung Schranken zu setzen wird im Text auf den Islam bezogen, enthält jedoch keine Angaben, die einen Bezug zu anderen Religionen ausschließen.
Wieso sollte man nicht mit der gleichen Argumentation z.B. Frohnleichnamsprozessionen verbieten...?


Die AfD ist nur graduell weniger christenfeindlich als islamfeindlich, man sollte sich da nicht täuschen.
Wie es mit dem Respekt vor Christlichem steht kann man z.B. an dem "Merkel-Unser" sehr gut ablesen. Immerhin das zentrale Gebet der Christenheit, das da für eine billige Verballhornung missbraucht wird.






Die AfD setzt auf eine starke Förderung konservativer Familienmodelle.
Gegen die Stärkug von Familen kann man erst mal nichts sagen; jedoch ist es auch aus christlicher Sicht nicht richtig, Familien in 'ungewöhnlichen Konstellationen' staatlicher Willkür auszusetzen.

Bei Alleinerziehenden z.B. wird vorgeschlagen, vor die Gewährung staatlicher Hilfen eine "Differenzierung, ob diese Lebenssituation schicksalhaft, durch Selbstverschulden oder auf Grund eigener Entscheidung zustande gekommen ist" zu setzen.
Aha. Wer soll das wie beurteilen? Und nach welchen Kriterien?
Wenn sich eine Mutter entscheidet, mit ihrem Kind den Partner zu verlassen, weil sie von diesem ignorant und respektlos behandelt wird - wer sagt dann, was der drei Möglichkeiten hier zutrifft? Kann ihr und dem Kind Hilfe verweigert werden mit der Begründung, es wäre nicht schlimm genug gewesen? Und: hätte sie Hife bekommen, wenn ihr Partner sie 1x öfter am Tag beschimpft hätte? Oder bräuchte sie dann ein psychologisches Gutachten welches ihr bestätigt, dass das Fortführen der Beziehung zum Kindsvater eine unzumutbare Belastung darstellen würde?


Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Familienmodellen wird hier auf eine unangemessene und unnötige Weise forciert.





Zur Frage der Gender-Ideologie und Frühsexualisierung an Schulen kann ich nur empfehlen, mal Biologielehrer und Biologielehrerinnen zu fragen, inwieweit bestimmte Ideen denn wirklich im schulischen Unterricht ankommen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Sexualkundeunterricht eher altmodisch ist, Materialien sich vornehmlich auf die Gefahren von sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollter Schwangerschaft konzentrieren und Aspekte von Beziehung, geschlechtlicher Identität und Verantwortung generell zu kurz kommen. In modernen Schulbüchern finden sich immer Bilder von Homo- und Heterosexuellen Paaren, meist züchtig Händchen haltend. Eine übertriebene Idealisierung von homosexueller Liebe ist mir in Schulmaterialien bisher noch nicht begegnet. Solche Materialien existieren natürlich, aber gehen Sie mal in eine beliebige Schule und fragen dort, wie häufig Lehrwerke gegen andere, neuere Materialien ausgetauscht werden...






Das christliche Gebot der Nächstenliebe gilt für alle Menschen und ist nicht an Vorraussetzungen gebunden. Daher sind viele der Ideen, wie die AfD sich die Regelung sozialstaatlicher Leistungen wünscht, nicht mit dem Christentum vereinbar.

Vom Volkswirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist die Finanzieung von Sozialleistungen immer problematisch - dabei geht es einerseits um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und andererseits um den Bezug zwischen Leistung für die und Hilfe von der Gesellschaft.
Man kann jedoch auch nicht jede Leistung in gleicher Weise messen; ein recht eingängiges Beispiel ist hier der Gesamtbereich von Kunst und Kunstschaffenden.
Die Frage nach der Verteilung von Mitteln ist außerdem auch selbst ein Kostenfaktor - je nachdem nach welchen Kriterien Mittel vergeben werden sollen, kostet es Verwaltungsaufwand, nach diesen Kriterien zu bewerten und auszuwählen. Je anfälliger für Willkür die Kirterien sind desdo höher ist außerdem die Gefahr, dass durch Widerspruch und daraus resultierende Verfahren Folgekosten entstehen.


Iniweweit z.B. ein bedingungsolses Grundeinkommen allein durch die Einsparungen an der dann nicht mehr notwengiden Verwaltung finanzierbar wäre, führt hier zu weit, berührt aber das Thema.


Die Suggestion, Sozialleistungen vorurteilsfrei zu verteilen würde das System in seiner finanziellen und sozialen Stabillität gefährden, gehört zu den stilllen Prämissen des Wahlprogramms der AfD und ist, wie alle Fälle dieser Art, bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes nur mit sehr großem Aufwand vernünftig zu beurteilen.




Um zu beurteilen, inwieweit das Wahlprogramm der AfD jetzt besonders vernünftig oder unvernünftig ist, müsste ich es letztlich mit den Programmen anderer Parteien vergleichen.
Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass sich die von mir wiederholt kritisierten unausgesprochenen Prämissen auch in den Programmen anderer Parteien finden. Behauptungen über den Zustand der Welt, des Landes, der Gesellschaft, die als solche weder zu be- noch zu widerlegen sind, machen wahrscheinlich alle Parteien - nur, dass diese dann eben jeweils anders aussehen.

Ich halte die impliziten Behauptungen die die AfD auf dieser Ebene macht für nicht überzeugend.
Damit ergibt sich letztlich folgendes Fazit:
Wen oder was man wählt ist möglicherweise eher davon abhängig, welche Partei ein dem eignenen ähnliches Weltbild propagiert, als davon, welche konkreten Forderungen sie dann aus diesem Weltbild ableitet.


Das Weltbild, welches sich im Programm der AfD zeigt, ist mit meinem Weltbild nicht kompatibel. Daher halte ich ihren Forderungskatalog als ganzes nicht für sinnvoll. Unabhängig davon, dass ihr Programm durchaus diskutable Einzelposten enthält, kann man diese Partei meiner Meinung nach nicht ernsthaft für wählbar halten.


Zum Titel siehe hier: http://www.textlog.de/tucholsky-besoffener-herr.html

Dienstag, 10. Januar 2017

Was ich gerne noch gesagt hätte

Soll ich oder soll ich nicht?
Seit dem Besuch von Valerie Schönian beim Kreis Junger Erwachsener in Friedrichshain Frage ich mich das immer mal wieder.
Es war ein schöner Abend und auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass Valerie etwas mehr mit uns ins Gespräch kommt, statt nur "Valerie und der Priester" vorzustellen, kam sie sympathisch rüber. Zu erfahren, wie es zu dem Projekt kam, wie sie da rangeht und wie es ihr damit geht, war durchaus spannend.
Es gab aber auch Momente, in denen  sich hinter einer einzelnen Äußerung von ihr solche Abgründe auftaten, dass ich echt geplättet war. Diese Momente konnten im Rahmen der Runde nicht thematisiert werden, weil wir konzeptionell nun mal die Roĺle der interessierten Zuhörer hatten und weil Valerie selbst gerade in diesen Momenten offensichtlich überhaupt nicht klar war, welch tiefgreifendes Unverständnis und welche Unkenntnis des Katholischen da aus ihr sprechen. Dazu kam, dass sie geradezu entwaffnend sympathisch war und außerdem verkündete, schon sehr viel gelernt zu haben und aus ihrer Filterbubble herausgekommen zu sein.
Diese Äußerung war übrigens meines Eindrucks nach absolut authentisch.
Umso tragikomischer, dass sie es an einem Abend an dem sich überhaupt nur an sehr wenigen Stellen ein gegenseitiger Austausch ergab schaffte, gleich vier mal totale Unkenntnis der Materie zu beweisen - bei absoluter Abwesenheit jeglichen Gespürs für die Diskrepanz ihrer Sicht der Dinge dazu wie sie gemeint sind.
Warum habe ich nicht gleich dazu gebloggt?
 Es handelt sich einfach um Beobachtungen und Anmerkungen, die ich ihr gerne persönlich gesagt hätte.
Mein Unbehagen gilt zunächst mal vor allem der Tatsache, dass es am dem Abend keinen Raum dafür gab, diese Dinge genauer mir ihr zu besprechen.
Und warum dann jetzt?
 Es handelt sich andererseits um Aspekte des Katholizismus die heute im allgemeinen nicht mehr verstanden werden, weil man sie von einem Blickwinkel aus betrachtet, mit dem man ihnen nicht gerecht werden kann.
Vor allem beobachte ich, wie katholische Laien und Amtsträger diesen Blickwinkel übernehmen ohne ihn als ideologischen Filter zu erkennen und wie dadurch auch intern das Verständnis für bestimmte Aspekte des Glaubens schwindet.


Vergleichspunkte:
Die meisten perspektivischen Schieflagen wurden sichtbar, wenn Valerie für Kirche oder kirchliches Vergleiche benutzte.
All diese Vergleiche wurden mit größter Selbstverständlichkeit geäußert. Offenbar gab es kein Bewusstsein darüber, dass diese Vergleiche selbst wesentlich mehr über die Perspektive der vergleichenden Person aussagten als über den verglichenen Gegenstand.
Die drei grandios fehlgeschlagenen Vergleiche zu denen ich hier etwas sagen will sind:
Die Kirche als Konzern. Der Weltjugendtag als Rückzugsmöglichkeit. Die Bibel als rationale Herangehensweise an den Glauben.


Die Kirche ist zwar weltumspannend, aber sie ist kein Konzern. Sie verfolgt keine wirtschaftlichen Interessen; jedenfalls nicht so wie ein Unternehmen das tut. Wirtschaftliche Erwägungen sind nur Mittel zum Zweck, haben eine dienende Funktion insofern, als dass die Kirche ihre Aufgabe nicht erfüllen kann, wenn ihr dazu die Mittel fehlen. Das Ziel der kirchlichen Aktivitäten besteht jedoch nicht in wirtschaftlichem Erfolg - ja es ist mit wirtschaftlichen Kategorien nicht fassbar. Ziel und Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen Jesus nahezubringen. Das bedeutet konkret, dass der Glaube im Wort verkündet und in den Sakramenten vergegenwärtigt werden muss. Es bedeutet, das Ziel ist letztlich die Heiligung aller Menschen in Christus. Daher ist die Kirche eine Gemeinschaft der Heiligen, die Hüterin der Gaben des Heiligen Geistes, die Braut Christi, die Verwalterin der himmlischen Güter.
Nun ist der Vergleich besonders in Hinblick auf die überinstitutionalisierte Kirche in Deutschland dennoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Er zeigt jedoch, dass bei der Betrachtung der Kirche eben nur die Institution gesehen wird, aber nicht die transzendentale Dimension ihrer Aufgabe und ihres Da-Seins auf der Welt.
Ja: vor allem in Deutschland ist die Kirche mit den ihr zugehörigen Organisationen ein großer Arbeitgeber. Sie setzt Gelder ein, verwaltet Vermögen und Gewinne. Doch alles was sie tut - jede Stelle, jedes Projekt, jede Spende und jedes Vorhaben muss sich am Ende an der einen Frage messen lassen: "Wie gut dient es der Verkündigung des Glaubens?"
Viele heiligmäßige Päpste, Bischöfe und Priester haben darauf hingewiesen, dass die starke Institutionalisierung der Kirche in Deutschland der Verkündigung oft eher hinderlich ist.
Die Kirche ist jedoch immer auch als Ganzes zu sehen. Zu ihr gehören nicht nur alle Ortskirchen weltweit (streitende Kirche), sondern auch die Kirchenmitglieder, die bereits gestorben sind und entweder durch die Reinigung im Fegefeuer gehen die sie auf den Himmel vorbereitet (leidende Kirche) oder bereits im Himmel sind; die Heiligen (triumphierende Kirche). In Deutschland gehören kirchliche Institutionen wie die Caritas zu den größten Arbeitgebern, aber schon im nicht allzuweit entfernten Spanien können z.B. Kleiderkammern der Caritas nur unregelmäßige Öffnungszeiten anbieten, weil sieausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben werden während für feste Mitarbeiter kein Geld zur Verfügung steht. Dennoch ist es dieselbe eine Kirche.
Wenn man die Kirche in Deutschland leichter mit einem Wirtschaftsunternehmen vergleichen kann als mit einer Braut Christi, so ist das ein Problem.


Beim Weltjugendtag geht es nicht darum, "sich in eine Nische zurückzuziehen in der man sich nicht ständig rechtfertigen muss".
Der Weltjugendtag ist keine Nische sondern eine weltumspannende Massenveranstaltung. Er bietet wenig Rückzugsmöglichkeiten aber viel Trubel - nicht zuletzt geht es darum, den Glauben zu feiern. Das Erlebnis, die Kirche als jung und dynamisch, den Glauben als lebendig zu erleben, Freundschaften mit gleichaltrigen Glaubensgenossen aus aller Herren Länder zu schließen, gehört zu den stärksten Erfahrungen die man als jugendlicher Katholik machen kann.
Jeder Weltjugendtag ist mit einem Motto verbunden und mit einer päpstlichen Botschaft die dieses Motto ausdeutet. Dabei geht es ganz konkret um den Auftrag Christi an die jugendlichen Gläubigen, das Wort zu leben, die Sakramente zu feiern und die Liebe Gottes in Wort und Tat zu verkünden. Von daher ist jeder Weltjugendtag Sendung; Aufbruch ins Weite - und gerade kein Rückzug.
Die Initiative "Night Fever" die in Folge des Weltjugendtages 2005 offene Anbetungsnächte organisiert ist ein Beispiel. Hier werden jeweils Möglichkeiten zu Beichte und persönlichem Segen angeboten, aber auch eine Passantenpastoral die alle Menschen einlädt, Gott auf einfache Weise durch das Anzünden einer Kerze vor dem Allerheiligsten nahe zu kommen.
Auch die Jugend2000 ist hier zu nennen, die gegründet wurde, nachdem Papst Johannes Paul II bei einem Weltjugendtag gefordert hatte, die Jugendlichen müssten die Hauptdarsteller der Neuevangelisierung sein. Prayerfestivals, Gebetstreffen und andere spirituelle Angebote der Jugend 2000 ergänzen seither die ebenfalls angebotenen Reisen zum jeweiligen Weltjugendtag.
Es gibt noch viele andere Beispiele für die Kraft und Sendung des Weltjugendtages.

Die im kleinen Dorf Spoke entstandene Initiative zur Unterstützung eines brasilianischen Projektes für die Unterbringung von Straßenkindern ist eines davon.
Bei einer anderen Teilnehmerin haben Weltjugendtage das ganze Leben verändert.
Die Caritas ist ebenfalls auf den Weltjugendtagen präsent, weil hier viele Jugendliche zum persönlichen Engagement inspiriert werden.
Ein befreundeter Priester hat auf dem Weltjugendtag in Köln zur Beichte zurückgefunden und sich zum ersten Mal ernstlich der Frage nach seiner Berufung gestellt - und seine Berufung ist ganz sicher nicht die einzige die auf einem Weltjugendtag gewachsen ist.
Auch zu nennen sind die Gebetsinitiativen die die Vorbereitung jedes Weltjugendtages tragen.
Man könnte noch viel dazu sagen, doch ich möchte nun den zweiten Aspekt dieses Vergleiches ins Licht rücken.

Hier werden zwei Prämissen sichtbar.
Einerseits wird vorausgesetzt, als Katholik stünde man unter einem besonderen Rechtfertigungsdruck.
Andererseits wird davon ausgegangen, dass eben selbiger von den Betroffenen - den Katholiken - als Last empfunden würde.

Warum sollte es mich unter einen besonderen Druck setzen, einem Glauben anzuhängen, den etwa 1,2 Milliarden Menschen mit mir teilen?
Sicher - in Deutschland hat echte christliche Religiösität gleich doppelten Seltenheitswert. Nur etwa 10% der Katholiken gehen z.B. regelmäßig in die Kirche. Christliche Symbole, Bräuche und Werte sind in der Öffentlichkeit nur da präsent, wo sie erfolgreich ihres christlichen Bezuges beraubt wurden. Doch in die Rechtfertigungsecke gerät nur, wer sich hineindrängen lässt.
Wichtiger jedoch ist: da es zum Auftrag der Kirche und damit auch zum Auftrag eines jeden Gläubigen gehört, den Glauben zu verkünden, ist die Vorstellung, etwaiger Rechtfertigungsdruck könne die Katholiken stören, zumindest zu hinterfragen.
In der Tat frage ich mich manchmal, ob ich zu wenig Zeugnis gebe, da meine überwiegend nicht christlich geprägten Freunde und Verwandten das Gespräch nie auf meine Religion lenken.
Selbst noch so polemische, sachlich falsche oder übertriebene Kritik kann ja in ein gutes Gespräch münden.
Ach ja, natürlich gibt es auch die bekannten Reizthemen wie Tebartz van Elst, Hexenverfolgung, Kreuzzüge und Missbrauchsskandale. Wer mit solchen Fragen kommt und wirkliches Interesse an einer Klärung hat, hat natürlich auch ein Recht darauf, eine sinnvolle Antwort zu bekommen - und sei es nur ein Verweis auf eine Quelle, die solche teils sehr medienwirksam ausgeschlachteten Aspekte mal kritisch beleuchtet.
Für mich persönlich spielen diese Themen keine Rolle; mit der Realität der Kirche wie ich sie erlebe haben sie nichts zu tun, mit ihrem göttlichen Auftrag schon gar nicht.


 Die Bibel ist keine Apologetik. Zur Untermauerung der Aussage, dass man keinen rationalen Zugang zum Glauben hat, kann man nur dann ein Beispiel über unterschiedliches Verständnis von Bibeltexten anführen, wenn man weder weiß, was die Bibel ist, noch die Spur einer Ahnung hat, was ein rationaler Zugang zum Glauben sein könnte.

In der Bibel geht es nicht darum, ob es Gott gibt, sondern darum, wie Gott ist.

Wenn man die Bibel liest, ohne diese Prämisse zu teilen, ergeben viele der Texte darin keinen Sinn und noch weniger haben sie sinnvolle Bezüge und Zusammenhänge untereinander.

Mit der Frage, ob die Existenz Gottes auch rational erkennbar und nachvollziehbar ist, beschäftigen sich viele Theologen. Die beiden bekanntesten sind wohl Thomas von Aquin und Benedikt XVI. Mit der Frage, ob der katholische Glaube wahr ist und inwiefern man das rational begründen kann beschäftigt sich die theologische Disziplin der Apologetik.

Das Lesen der Bibel gehört zur Glaubenspraxis und dient der Vertiefung der Beziehung zu Gott und dem Verständnis, wie Gott ist und was er von mir erwartet.

Zu einer Auseinandersetzung darüber, ob man an Gott glauben sollte, taugt sie eher nicht.


Für mich ist das Fazit des Valerie Projektes, dass man über Glauben und Kirche nicht sinnvoll reden kann, wenn man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.
Man muss nicht unbedingt gläubig sein, aber man sollte sich zumindest bewusst machen, dass die katholische Weltanschauung auf anderen Prämissen beruht als die atheistische, agnostische oder linksliberale Weltanschauung.
Und man sollte die Dinge von der Prämisse aus durchdenken, unter der sie ihre Gütligkeit haben.

Das Tragikkomische daran ist, dass die meisten modernen Nichtgläubigen sich dessen nicht bewusst sind, dass ihre Weltsicht auch nur eine von vielen möglichen Weltanschauungen ist. Die Prämissen des eigenen Denkens und Urteilens werden nicht nur nicht hinterfragt, sondern gar nicht erst als solche wahrgenommen.

Auch wenn ich Valerie auf persönlich menschlicher Ebene sehr gut verstehen kann und ihre Reaktionen auf diese intensive Begegnung mit dem Katholizosmus von dieser Perspektive her gesehen durchaus annehmbar finde: aus Sicht journalistischer Arbeit ist es einfach unprofessionell, über Dinge ein Urteil abzugeben über die man sich, nachdem man sie nur aus der Begegnung heraus offensichtlich nicht verstehen kann, nicht weiter informiert hat.

Sonntag, 18. Dezember 2016

Warten auf ein Wunder

Kinder sind der Schatz der Welt; auch Gott wusste das - und wurde eins



Gott hätte auch aus einem Stein heraus erscheinen können. Oder aus dem Nichts, plötzlich auf der Zinne des Tempels in Jerusalem.

Aber er entschied sich, als Kind zur Welt zu kommen, geboren von Maria.

Gerade das heutige Tagesevangelium zeigt, dass es auch für Maria als Mutter Jesu nicht einfach war. Josef weiß zunächst nicht, dass sie vom Heiligen Geist Gottes Sohn empfangen hat, und muss daher annehmen, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war. So kann ihn erst ein Wunder - die Erscheinung eines Engels - davon abbringen, Maria zu verlassen.


Der in Deutschland geltende Paragraph 219 macht klar, dass wir dafür zuständig sind, dieses Wunder geschehen zu lassen, wenn Schwangere in Not sind. Es heißt dort:
"Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen"

Es sollte klar sein, dass jedes Leben wertvoll ist, dass jedes Kind, das abgetrieben wurde, in der Welt fehlt.

Bei dem Gedanken an Jesus wird das schnell deutlich, aber das gilt auch für andere. Was, wenn es Johannes den Täufer nicht gegeben hätte, oder Paulus...? Oder, um mal etwas allgemeiner zu werden: Kolumbus, Paul Christian Lauterbur, Sarah Huges oder eben Ihre/n besten Freund/in?


Gott ist kein Footballtrainer. Er setzt niemanden auf die Reservebank. Jeder Mensch hat seinen Platz im Spiel des Lebens, einen Platz der nur von ihm und von keinem anderen Menschen auf der Welt ausgefüllt werden kann.
Die Frage, ob es jedem Menschen unbedingt gelingt, herauszufinden, was dieser Platz für ihn ist und dieser Berufung zu folgen, ist noch mal eine andere. Aber jeder Mensch sollte die Chance dazu haben.

Daher sollte es in jeder Beratung klar sein, dass einer Schwangeren in Not jede nur irgendwie denkbare Hilfe angeboten wird; von psychologischer Betreuung und der Hilfe einer Hebamme oder Begleitung bei Arztbesuchen und Behördengängen vor (,während) und nach der Geburt über anonyme Geburt, Unterbringung im Frauenhaus, Freigabe zu Adoption bis hin zur Babyklappe. Und: dass auch der Schwangeren klar gemacht werden muss, dass sie hier über das Leben eines anderen Menschen mit entscheidet.

All dies sieht übrigens der entsprechende Paragraph auch vor.
Es ist keineswegs so, dass das deutsche Gesetz ein Recht auf Abtreibung formuliert.
Im Gegenteil; für das bestehende Verbot von Abtreibungen wird im Paragraph 218a eine eng umgrenzte Ausnahme formuliert, wobei Bedingungen genannt werden unter denen ein Schwangerschaftsabbruch straffrei ist.

In einer Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden die festgelegten Inhalte der Beratung wiefolgt umschrieben:
"Die Schwangerschaftskonfliktberatung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen. Sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen – im Wissen darum, dass das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat."

Und weiter heißt es zu den Inhalten der Beratung:
" Im Einzelnen umfasst die Schwangerschaftskonfliktberatung (§ 5 Absatz 2 SchKG): 
  • das Eintreten in eine Konfliktberatung, wobei erwartet wird, dass die schwangere Frau der sie beratenden Person die Gründe mitteilt, derentwegen sie einen Abbruch der Schwangerschaft erwägt. Die Gesprächs- und Mitwirkungsbereitschaft der schwangeren Frau kann aber nicht erzwungen werden;
  • jede nach Sachlage erforderliche medizinische, soziale und juristische Information, die Darlegung der Rechtsansprüche von Mutter und Kind und der möglichen praktischen Hilfen, insbesondere solcher, die die Fortsetzung der Schwangerschaft und die Lage von Mutter und Kind erleichtern;
  • das Angebot, die schwangere Frau bei der Geltendmachung von Ansprüchen, bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einer Betreuungsmöglichkeit für das Kind und bei der Fortsetzung ihrer Ausbildung zu unterstützen sowie das Angebot einer Nachbetreuung. "

Die nach wie vor hohen Abtreibungszahlen, von denen ein verschwindend geringer Teil auf medizinische oder strafrechtliche Indikation zurückgeht, sprechen eine andere Sprache.

Allzuleicht wird ein Schwangerschaftsabbruch als Möglichkeit zur Behebung eines Missgeschicks verstanden. Allzuschnell wird das Recht auf freie Entfaltung und Lebensplanung der Schwangeren gegen das Recht auf Leben des Kindes ausgespielt.
Eine Schwangerschaft ist aber weder eine Krankheit, noch ein Missgeschick. Sie ist - und zwar durchaus auch aus medizinischer Sicht - ein Wunder.
Klar, eine Verhütungspanne ist ein Missgeschick. Wenn daraus jedoch eine Schwangerschaft entsteht, dann sind auf dem Weg dahin eine Menge weiterer Dinge passiert. Und: jeder Mensch sollte sich dessen bewusst sein, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. Wer Sex haben will, muss bereit sein, das Risiko einer ungeplanten Schwangerschaft auf sich zu nehmen. Mit allen Folgen.

Es scheint mir dringend notwending, dass es wieder mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein rückt, dass Sex immer etwas mit Verantwortung zu tun hat. Gegenüber sich selbst, dem/der Partner/in, gegenüber eventuellen Kindern. Und dass das Leben an sich nun mal nicht zu den Dingen gehört die man einfach so planen kann - ob mit oder ohne unerwarteter Schwangerschaft.

Wie aber soll das nun zugehen, in Zeiten in denen wir uns das Staunen schon längst abgewöhnt haben? In Zeiten des Individualismus, des Materialismus, des Hedonismus - mit Leistungsdruck auf der einen und Spieltrieb und Selbstverwirklichungsideal auf der anderen Seite?

Tja.
Ich warte einfach mal auf ein Wunder.
So etwas wie Weihnachten zum Beispiel.







Sonntag, 10. April 2016

Kommunikationsfehler

Am Freitag erschien endlich das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia.

In Deutschland wurde es aus denselben Gründen mit Spannung erwartet, aus denen es dann in vielen Medien auch schnell als enttäuschend abgetan wurde.

Ich persönlich gehöre, wie viele andere mir bekannte Blogger auch, nicht zu den Menschen, die glauben, nach gerade mal drei Tagen Zeit zur Lektüre (in denen man zugegebenermaßen auch noch das eine oder andere zu tun hatte), ein 300-seitiges Schreiben kommentieren zu müssen.

Statt dessen möchte ich mich hiermit auf die Frage stürzen, welche Faktoren in Deutschland für die die Synoden begleitende Erwartungshaltung und gleichzeitig für die Enttäuschung nach dem Erscheinen des nachsynodalen Schreibens gesorgt haben.
Ich denke, das sind dieselben.
Es geht um die Frage: Warum und für wen wurden zuerst die außerordentliche und dann die ordentliche Synode einberufen, welche Fragen sollten dabei geklärt werden und welche Lösungsmöglichkeiten kann und soll die Kirche für die vielfältigen Probleme im Bereich Ehe und Familie anbieten?

In Deutschland und in vielen Teilen der so genannten westlichen Welt besteht das Hauptproblem in Bezug auf Familie und Kirche in der Frage nach dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen.
Ein weiterer Aspekt, der vor allem durch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ins Spiel gebracht wird, ist die Frage nach homosexuellen Partnerschaften.

Dabei wurden und werden bei der Betrachtung der Synoden und auch des Schreibens zwei Dinge vorausgesetzt:
Erstens, dass die Kirche in der ganzen Welt dieser Schwerpunktsetzung folgen müsse.
Zweitens, dass die Kirche sich genau so wie die Gesellschaft in ihrem Verständnis von Ehe und Familie und den damit verbundenen Grundsätzen wandeln müsse. Und zwar wird hier vorausgesetzt, dass die Kirche einerseits keine als unveränderlich verbindlich geltenden Positionen vertreten dürfe und dass sie andererseits ihre Positionen dem angleicht, was heute als gesellschaftlich verbindlich gilt.

Diese Prämissen treffen nicht zu und missdeuten bzw. missverstehen das, was Kirche eigentlich ist.

Zunächst mal ist die Kirche weltumspannend und wenn auf einer Synode ein Schwerpunkt gesetzt wird, dann muss dieser zwangsläufig so aussehen, dass er für alle Diozösen weltweit zutreffend ist, also eine Schnittmenge bildet. Die Annahme, dass die Kirchen in den Ländern der zweiten, dritten und vierten Welt, hier eben einfach noch Aufholbedarf hätten und sich durch unsere moderneren Positionen belehren lassen müssten, ist alter Imperialismus in neuem Gewand.
Dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Kirche als ganzes ebenso wie gläubige Menschen als einzelne sehr wohl von der Existenz unveränderlicher Wahrheiten ausgehen - anders hätte der Glaube an sich wohl auch wenig Sinn. Verbindlich ist deswegen keineswegs, was aktuell in der Gesellschaft angesagt ist, wenn es von dieser auch noch so sehr verbindlich gemacht wird. Zu anderen Zeiten war es verbindlich, den aktuellen Herrscher als Gott anzubeten, aber da Christen an einen anderen - und zwar an einen ganz bestimmten - Gott glauben, haben sie diese Anbetung verweigert. Sie waren sogar bereit, dafür in den Tod zu gehen.
Natürlich soll man als Christ die Gesetze des Landes in dem man lebt, respektieren. Auch Jesus hat sich z.B. nicht dagegen ausgesprochen, der römischen Besatzungsmacht Steuern zu zahlen. Und machen wir uns nichts vor: obwohl das allgemeine Unverständnis gegenüber gläubigen Christen sehr gewachsen ist, muss normalerweise niemand seinen Glauben verleugnen. Die Gesetze in der sogenannten westlichen Welt dürften Christen eher selten in Gewissensnöte bringen.

Es ist keine Überraschung, wenn das nachsynodale Schreiben überhaupt nicht in die Richtung geht, die sich viele Beobachter in Deutschland erhofft hatten.

In dem Schreiben geht es - wie auch in der ganzen Synode - darum, welchen Problemen Eheleute und Familien heute begegnen, und wie die Kirche ihnen bei diesen Problemen beistehen kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Was ich jedoch für überraschend halte, ist, wie Menschen, die in ihrem Alltag mit der Kirche wenig bis gar nichts zu tun haben, sich darüber aufregen können, wenn die kirchliche Lehre zu einem Thema wie Ehescheidung oder Homosexualität eine Position vertritt, die sie für falsch halten.

Die Menschen scheinen eine Art Scannerblick zu haben: "Aha, die Kirche bietet für diese Probleme nicht die Lösung an, die wir für richtig halten." Und dann folgt eine Schlussfolgerung, deren Logik mich staunend zurücklässt: "Die Kirche bietet für die Probleme von Beziehungen, die nicht dem katholischen Eheverständnis entsprechen, keine Lösung."

Mir ist natürlich klar, dass das daran liegt, dass viele die Lösungen die die Kirche anbietet für nicht annehmbar halten. Aber nun ist es in der modernen "westlichen" Welt auch einfach so, dass man durchaus nicht auf das angewiesen ist, was einem die Kirche bietet.
Wieso muss man daraus, dass die Gesetze vieler Länder heute die Möglichkeit bieten, nach einer Scheidung neu zu heiraten oder eine gleichgeschlechtliche Ehe zu schließen, schlussfolgern, dass die Kirche diese Möglichkeiten auch bieten sollte?
Ich halte das einfach für unglaubwürdig, wenn Menschen, die selbst nicht gläubig sind, sich darüber aufregen, dass andere Menschen, die möglicherweise ebenfalls nicht gläubig sind, bestimmte Sakramente nicht empfangen können. Diese Sakramente bedeuten doch den nicht Gläubigen sowieso nichts. Was soll das Ganze?
Ein Sakrament ist keine Dienstleistung.
Und es ist auch kein Zeichen der Gruppenzugehörigkeit.
Der Ausschluss von den Sakramenten bedeutet nicht, dass man auch aus der Kirche ausgeschlossen ist.
Ein Sakrament dient der Vereinigung mit Gott.

Die kirchliche Lehre stütz sich auf die Bibel und auf Aussagen Jesu, und diese verändern sich nun mal nicht mit dem Zeitgeist. Sie sind im Rahmen der Zeit zu interpretieren, doch das bedeutet nicht, dass es da eine Auswahl gibt, was man gerade für gültig hält und was nicht.
So zu tun, als rufe man dadurch, dass man Wiederverheiratete, in außerehelichen Beziehungen lebende und praktizierende Homosexuelle nicht zur Kommunion zulässt, zu deren Ausgrenzung oder gar Verfolgung auf, ist Unsinn.

Ich gehe zur Zeit auch nicht zur Kommunion. Da ist absolut nichts dabei. Es ist nicht leicht, darauf zu verzichten, aber genau weil mir die Eucharistie wichtig ist, halte ich mich auch an die Regeln. Wenn meine Lebenssituation wieder so ist, dass ich in Übereinstimmung mit der kirchlichen Lehre bin, werde ich mit Freuden beichten und wieder zur Kommunion gehen.

Ich weiß nicht, wodurch ein Mensch würdig sein kann, den Leib Christi zu empfangen. Ich meine, eigentlich geht das doch nicht. Jesus ist Gott. Und er will Brot werden, um sich physisch mit meinem Leib zu vereinen? Er kommt in mein Verdauungssystem, weil er in meinem Herzen wohnen will? Das ist doch unfassbar. Aber er tut es. Jesus Christus hat die Eucharstie beim letzten Abendmahl eingesetzt, damit ich mich, von ihm erlöst, im Brot mit ihm vereinen und ihn anbeten kann. Ich bin glücklich, dass ich zu Kommunion gehen darf, aber das ist nicht selbstverständlich für mich. Die Kommunion ist ein Geschenk Gottes an die Gläubigen.

Die Kommunion ist nicht einfach ein Zeichen der Gemeinschaft, das sich die Gläubigen schenken.
Das Zeichen der Gemeinschaft ist, dass man gemeinsam zur Messe und vielleicht auch zur einen oder anderen krichlichen Veranstaltung geht. Das beides klappt bei mir auch ohne Eucharistie wunderbar.


Daher fällt es mir schwer, zu verstehen, weshalb sich die Medien scheinbar so an der Frage der Zulassung zur Kommunion festbeißen.

Im nachsynodalen Schreiben wird deutlich, dass der Kirche viel an der Begleitung von Ehen und Familien gelegen ist und das ist wunderbar.
Auch Wiederverheiratete sollen seelsorglich betreut werden und können und sollen ganz selbstverständlich am kirchlichen Leben teilnehmen.
Ich finde das sehr wichtig, wahrzunehmen, dass die seelsorgliche Betreuung von Familien über die Sakramente hinausgeht und auch dann fortbestehen sollte, wenn der Sakramentenempfang mal aus irgend einem Grund nicht möglich ist.

Dazu gehört eine gründliche Ehevorbereitung, die auch in Deutschland sehr stark verbesserungsbedürftig ist und eine Begleitung der Ehepaare und Familien. Dazu gehört vielleicht auch, dass Seelsorger mehr Zeit und den Kopf frei haben, um vielleicht mal rechtzeitig zu erkennen, wann man einem Paar eine Paarberatung oder Therapie empfehlen oder ein Gespräch anbieten sollte.

Gerade in Deutschland habe ich den Eindruck, dass viele Priester zu solchen Aufgaben keine Zeit haben, weil sie mit Verwaltungstätigkeiten überbelastet werden. Möglicherweise sollte man Laien als Pfarrverwalter anstellen, damit die Priester sich wieder mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben, nämlich die Spendung der Sakramente und die Seelsorge, konzentrieren können.
Aber das ist im Grunde ein anderes Thema.

Jedenfalls ist in der Kirche grundsätzlich jeder willkommen. Ganz unabhängig dazu, ob er zum Empfang der Sakramente berechtigt ist oder nicht.

Was Amoris Laetitia angeht: Es ist an die Gläubigen gerichtet, und unter diesen einerseits besonders an die Seelsorger und andererseits an die Familien, die von ersteren begleitet werden sollen.
Das sollte man nicht vergessen.

Donnerstag, 19. November 2015

Paris, das Bloggertreffen und die Lesungen des Sonntags

Irgendwie kann man sich ja schon die Frage stellen: Was haben jetzt bitteschön diese drei Dinge miteinander zu tun?!?
Es war Bloggertreffen - und nach dem geselligen Abend, der der ersten Runde folgte, zog ich mich, kränkelnd, vergleichsweise früh zurück. Auf dem Weg vom Clubraum zum Zimmer bemerkte ich, dass die zum Haus gehörende Seminarkirche nicht nur direkt neben dem Gang meiner Zimmernummer liegt, sondern auch rund um die Uhr geöffnet ist.
Während ich allein in der dunklen Kirche vor dem Tabernakel kniete, nur vom Ewigen Licht beleuchtet, wütete in Paris der Terror. Ich erfuhr am nächsten Morgen davon, im Gegensatz zu einem Großteil der anderen Teilnehmer des Bloggertreffens.


Das Leid, das Gott mit uns teilte, um es von uns zu nehmen - Pieta und Kreuzweg (Ausschnitt) in der Seminarkirche


Am nächsten Morgen brauchten wir nur wenige Sekunden, um uns zu einigen, ein Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen in die am Abend geplante Vesper aufzunehmen.
In den Psalmen wurde Bedrängnis vor Gott getragen.
Meine Gedanken wanderten dabei spontan nach Paris, aber auch persönliche Bezüge, etwa zur Bitte des Psalmsängers: "Gib, dass mein Herz sich dem Bösen nicht zuneigt" gingen mir durch den Kopf.
Ich habe bereits sehr früh am Morgen nach den Anschlägen von Paris Mails mit Gerüchten erhalten, nach denen registrierte Flüchtlinge unter den Tätern sein sollen und war einigermaßen entsetzt, wie mit dieser Nachricht Stimmungsmache betrieben wird.

Wir stehen mit Betroffenheit da. Wir gedenken der Opfer und ihrer Angehörigen. Als Christen nehmen wir sie in unser Gebet auf.
Mehr können wir letztlich nicht tun, und die Tatsache, dass bei solchen Anschlägen oft Menschen Kerzen zum Tatort bringen, zeigt, wie groß das Bedürfnis ist, zumindest Anteilnahme zu signalisieren.

Ich muss sagen, dass bei mir ratloses Schweigen vorherrscht.
Betroffenheit macht stumm, und stumm bete ich für die Opfer und ihre Angehörigen.
Stumm breitet sich auch die Furcht in mir aus, wenn ich sehe, dass gewisse Kreise das Attentat zu weiterer Polemisierung missbrauchen.
Ich kann natürlich auch nicht beurteilen, inwieweit ein Anteil der Asylsuchenden in unserem Land gefährlich sein könnte. Dennoch ist mir klar, dass die Flüchtlige eben genau vor dem fliehen, was die Attentäter jetzt nach Paris getragen haben und scheinbar auch in Hannover zu verbreiten suchen - dem Terror des IS und dem Bürgerkrieg.


Zum Sonntag spricht Jesus im Evangelium von den Tagen der Not. Und von dem, was danach kommt.

Nicht nur der Zelebrant dachte dabei spontan an die Terrornacht von Paris, die er auch in seine Predigt einbezog.

Meine Gedanken verknoten sich an dieser Stelle.

Vom Betreiber des missio-Blogs, Johannes Seibel, gab es einige Hintergrundinformationen zum Thema bedrängte Christen im Orient.
Die Leute an der Spitze des IS, der auf eine wahhabitische Sekte zurückgeht, sind grob gesagt gegen alle. Dahinter steckt, soweit es mir aus dem Gespräch richtig im Kopf geblieben ist, neben der besonders radikalen Auslegung des Islam letztlich die Annahme, man könne und solle das Ende der Welt und damit den Sieg Gottes aktiv herbeiführen, indem man für apokalyptische Zustände sorgt.

In Bezug auf Paris kann man wohl sagen, dass es bei der momentan aufgrund der Flüchtlingskrise angespannten Lage in Europa kaum etwas effektiveres gibt, als einen als Flüchtling registrierten Terroristen bei einem Anschlag mitwirken zu lassen.
Umso wichtiger ist es, dass wir besonnnen bleiben. Viel können wir als einzelne Bürger nicht tun, aber der grassierenden Stimmungmache widerstehen und entgegenzuwirken scheint mir Pflicht jedes Einzelnen zu sein.
Machen wir uns nichts vor: Ängste und Sorgen kleinzureden ist genau so schädlich, wie diese aufzubauschen. Gerade der Eindruck, dass die Politik die Lage nicht im Griff hat, treibt so manchen wirklich nur besorgten Normalbürger in die Fänge von PEGIDA und Co. Doch das Skandieren von Sprüchen, das Verbreiten von negatien Vorurteilen und Verallgemeinerungen usw. helfen wohl kaum dabei, das Eintreten apokalyptischer Zustände zu verhindern. Brennende Heime beweisen dies eindrucksvoll.
Denken wir daran, dass alle Opfer von Gewalt zu beklagen sind; seien es nun Pariser Bürger, die einfach nur ein Café oder Konzert besucht haben, Flüchtlinge, die in einem Heim unterkommen sollten, oder Menschen, die in den Krisengebieten zu Tode kommen. Die Anschläge in Beirut mögen in unserer eurozentrischen Perspektive untergehen, doch sie stellen für die allgemeine Destabillisierung der Lage ein weit größeres Risiko dar.

Christen haben im Orient traditionell auch schon immer eine Vermittlerrolle gehabt und ihre Präsenz ist für den Frieden zwischen den verschiedenen Ethnien und Gruppen der Region vielerorts wichtig.

Was aber sagt eigentlich die Bibel zum Thema Apokalypse?
Wenn auch wir auf das Ende der Welt warten; wie ist dann die Position zur Gewalt?
Niemand kennt den Tag noch die Stunde, sondern nur der Vater, sagt Jesus im Evangelium.
Zunächst mal ist es aus christlicher Sicht schlichtweg Hybris, und damit Sünde, zu glauben, man könne auf den Lauf der Welt in diesem globalen Sinne Einfluss nehmen.

In den Evangelien und auch in Texten des Alten Testaments ist vielfach von einer Zeit der Not die Rede, oft im Zusammenhang mit Naturkatastrophen.
Doch nicht auf dem Szenario liegt der Schwerpunkt: Die Bibel ist kein Ort für Unheilsprophezeihungen.
Als Christen sollen wir keine Angst haben.
Der Gott, der nach dem christlichen Glauben am Ende der Welt wiederkommt, ist Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene.
Der, der für uns ein Leben in der Welt und den Tod auf sich genommen hat.
Der, der uns aus der Verhaftung in der Sünde befreit, und nach seiner Auferstehung versprochen hat: "Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt."
Der, der uns im Sakrament der Beichte ein immerwährendes Angebot macht, uns zu bessern; zu bereuen, umzukehren, Buße zu tun.
Der, der in der Eucharistie gegenwärtig ist und im Zeichen des Brotes verweilt; sich klein macht, um uns zu stärken.
Der, der nicht nur gerecht ist, sondern auch barmherzig.

So vergleicht Jesus in Mt 24, 29-33 die Endzeit mit dem Frühling; einer Jahreszeit, die bessere Zeiten ankündigt.

Wir sollen wachsam sein, und uns weder von Panikmache noch von Trägheit verführen lassen.
Unsere Sympathie und Verbundenheit gilt den Opfern; doch wir sollen uns auch gegen den Hass auf die wirklichen oder vermeintlichen Täter wappnen.


Beim Bloggertreffen blieb Paris unterschwellig präsent, konnte die Gespräche über Bloggerthemen aber nicht verdrängen. Für mich war es, wie für viele andere, wichtig, einander kennenzulernen. Auch das gehört zum Widerstand gegen das Böse: christliche Gemeinschaft zu leben, einander auch geistlich zu stärken, sich auszutauschen und Gemeinsam zu beten.

In diesem Sinne war das Bloggertreffen ein voller Erfolg.
Ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

Dienstag, 10. November 2015

Was tu ich Gutmensch ...

... wenn mein Weltbild bröselt?


Ich bin in letzter Zeit wegen meines Engagements für Flüchtlinge - vor allem deshalb, weil ich mich in privaten Mails sehr oft gegen Vorurteile ausspreche - als leichtgläubiger Gutmensch betitelt worden.

Abgesehen von dem mitleidigen Unterton mit dem diese Zuschreibung geschieht, kann und will ich dem nicht unbedingt widersprechen.
Das einzige, was mich daran beunruhigt ist die Frage, wie verdreht man eigentlich sein muss, um den Begriff "Gutmensch" als Schimpfwort zu gebrauchen. Wie verdreht denken Menschen, die so tun, als sei die Bereitschaft zu sozialem Engagement für Flüchtlinge bestenfalls so etwas wie eine Geisteskrankheit von der die betroffenen Helfer geheilt werden sollten?

Ich bin tatsache tendentiell gutgläubig und habe dank meiner Hilfsbereitschaft schon öfter die Erfahrung gemacht, ausgenutzt, betrogen und dabei vom Nutznießer für diese Gutmütigkeit auch noch verachtet worden zu sein.

Ich bin allerdings auch selbstbewusst und stur. Prinzipiell sehe ich gar nicht ein, warum ich mich unter der Last meiner Erfahrung verbiegen sollte. Wieso sollte ich vergangene Entscheidungen nur deshlab als falsch ansehen, weil das Ergebnis anders war als ich gedacht hatte? Ich habe in den Jahren seit meinem Abitur eine Menge über mich selbst, meine Stärken und Schwächen, aber auch über Handlungsmuster anderer Menschen gelernt. Inzwischen gibt es viele Dinge, auf die ich Acht gebe, während ich früher eher achtlos vertraut habe. Dennoch weigere ich mich grundsätzlich, das Vertrauen an sich aufzugeben. Man kann auch achtsam vertrauen.

"Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn einer dich zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dan gehe gleich zwei mit ihm." Heißt es in Mt. 5,40-41

Ganz zu schweigen von den Bibelstellen, die über das Speisen von Hungernden, das Tränken von Durstigen das Aufnehmen von Fremden, und das Besuchen von Kranken oder Gefangenen sprechen. (Mt 25, 31-46)

Man muss beides können: auf sich Acht geben und den anderen achten.
Nicht zuletzt wächst mir die Kraft zur Tätigen Nächstenliebe aus meiner Liebe zu Gott. Da ich mich und meine Fehler kenne und also weiß, wie viel Geduld ER mit mir haben muss, habe ich auch Geduld mit Anderen. Ich weiß, wie fremd ich bin im Vergleich zu dem, wie ich sein soll, damit ich bei Gott heimisch werden kann, im Vergleich zu den Heiligen, denen ich dennoch zu folgen wage.

Wir sind alle nur Menschen. Da sollte es doch möglich sein, sich zu verständigen, etwas Verständnis für den Anderen zu haben, auch dann, wenn er fremd ist oder eine abweichende Meinung hat.

In letzter Zeit erlebe ich immer wieder Dinge, die mich betroffen machen.
Ich will nicht an den Möglichkeiten menschlicher Kommunikation zweifeln, aber ich sehe sehr wohl, dass Menschen sich der Kommunikation verweigern können und dass dies öfter geschieht, als ich es gedacht hätte.

Als würde das nicht reichen, um mich zu verstören, geht die Verweigerung der Kommunikation weit über ein Ablehnen der Argumente des Anderen hinaus:

In der persönlichen Auseinandersetzung mit den Adressen, die die Bezeichnung "Gutmensch" als Schimpfwort nutzen, erlebe ich, wie Argumente als unglaubwürdig dargestellt oder einfach ignoriert werden. Im Zweifelsfall wird einfach ein Regen mit negativen Gerüchten über mein E-Mail Postfach gegossen; die Liste angeblicher Straftaten und Rangeleien von Asylsuchenden ist schier unendlich. Was auch immer ich zur Widerlegung anbringe wird einfach für unglaubwürdig erklärt. Positive Beispiele und Berichte werden nach dem gleichen Muster negiert.
Nun könnte ich ja die Kommunikation von meiner Seite aus abbrechen. Dazu bin ich aber zu gutmütig. Und mein Gewissen verbietet es mir auch, die entsprechenden Nachrichten einfach zu ignorieren.

Schießlich gehört die Belehrung von Unwissenden zu den sieben Werken der geistigen Barmherzigkeit und ich mag es nicht aufgeben, gegen Irrtümer anzuschreiben.


In der diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung erlebe ich die kommunikative Verweigerung eher aus einer Zuschauerperspektive.
Da wird einem Abtreibungsgegner in linken Kneipen Haus-, in anderen "nur" Auftrittsverbot erteilt. Die Tatsache, dass er mit zu einer Gruppe von Künstlern gehört, die üblicherweise in linken Kneipen auftritt, sollte an sich schon reichen, damit einem dämmert, dass der Mensch vielleicht doch eine etwas vielschichtigere und mit linken Positionen verträglichere Persönlichkeit hat, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist.
Doch diese Differenzierung wird Abtreibungsgegnern pauschal verweigert. Niemand scheint sich die Mühe zu machen, mal in Betracht zu ziehen, dass jemand der gegen Abtreibungen ist, eigentlich nur etwas gegen Kindstötung im Mutterleib hat, ansonsten aber durchaus für sexuelle Vielfalt, Hilfe und Schutz für Frauen in Not und anderes mehr sein kann. Statt dessen wird so getan, als sei eine Abtreibung die einzige Möglichkeit, Frauen in Not zu helfen oder sexuelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.
Sie ist es nicht. Einfach nein.
Es gibt nicht nur viel mehr, sondern auch bessere Möglichkeiten.

Ebenfalls nur indirekt habe ich erlebt, wie zwei Andersdenkenden der Einlass in eine Diskussionsveranstaltung verweigert wurde.
Dazu möchte ich mal gerne eine persönliche Anmerkung machen:
Ich habe von der Veranstaltung durch meinen Lieblingsblogger erfahren und wäre mit ihm dort hingegangen, wenn ich nicht durch Krankheit verhindert worden wäre. Die Veranstaltung hat mich deshalb interessiert, weil ihr Titel eine kritische Auseinandersetzung mit PID, künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft versprach. Dies überzeigte mich davon, dass es hier Schnittpunkte zwischen meinen Ansichten als Abtreibungsgegnerin und den Ansichten der Veranstalterinnen geben müsse.

Vielleicht handelt es sich dabei um einen Fall akuter "Blauäugigkeit", aber ich hatte mir meinen Besuch bei der Veranstaltung so vorgestellt, dass in der Diskussion deutlich werden würde, inwieweit es auch aus Queer- Feministischer Perspektive sinnvoll sein kann, dem Thema Abtreibung kritisch gegenüberzustehen.
Zumindest insoweit als PID, künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft damit in Zusammenhang und vor demselben Gedanklichen Hintergrund stehen.
Insgesamt geht oder ging es mir dabei um das Problem, dass das Kind eben nicht mehr an sich einen Wert als Mensch hat, sondern dieser Wert und damit das Recht auf Leben nur zugestanden wird, wenn es gesund ist oder erwünschte Eigenschaften hat (PID), wenn Menschen der Meinung sind, es für ihr persönliches Glück zu brauchen und ihm dafür gegebenenfalls die Möglichkeit nehmen, etwas über die eigenen biologischen Eltern zu wissen (künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft) oder eben wenn es gerade in den Kram passt (Abtreibung).
Dabei hätte man, so dachte ich, ja auch mal sagen können, dass es für Menschen in homosexuellen Beziehungen mit Kinderwunsch wahrscheinlich leichter wäre, ein Kind zu adoptieren, wenn weniger Kinder abgetrieben würden und diese dann zur Adoption stünden.

Aber wie gesagt. Ich war da wohl sehr "blauäugig". Tatsächlich stellte ich mir das einfach vor.
{Es scheint jedoch noch einfacher zu sein, zu behaupten, es sei ja kein Mensch, was da in einer Schwangeren heranwächst. Oder einfach zu sagen, es sei doch besser für das Kind, gar nicht erst geboren zu werden.}


Außerdem kann ich in letzter Zeit beobachten, wie die Auseinandersetzung mit konservativen Positionen zunehmend keine mehr ist, sondern von einer Diffamierung dieser Meinungen bis hin zur Bedrohung ihrer Vertreter ersetzt wird.

Oder eben auch gleich durch realen Vandalismus oder Brandanschläge.


Um das noch mal in klar zu sagen:
Wegen meiner christlichen Perspektive bin ich dafür, dass Flüchtlingen geholfen werden muss. Und ungeborenen Kindern, und Alten, und Kranken. Und zwar besser geholfen, als mit Abschiebung oder Tod.

Nichts davon verträgt sich mit menschenverachtenden Positionen.

Hingegen halte ich die Behauptung, die Favorisierung eines konservativen Familienbildes sei menschenverachtend für genau so hirnlos, wie die Idee, Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, mit dem Ausdruck "Gutmensch" zu beschimpfen.
Ob ich ein solches habe ist eine andere Frage; schließlich bin ich selbst in einer "Regenbogenfamilie" aufgewachsen.



Irgendwie habe ich den Eindruck, ich befände mich doch in einer sehr kabarettauglichen Lage:
So in zwei, drei Monaten könnte es mir passieren, dass ich auf dem Heimweg von einem Flüchtlingsheim in dem ich ehrenamtlich geholfen habe von Rechten verprügelt werde. Und dann komme ich nach Hause und stelle fest, dass Linke meine Wohnung abgefackelt haben, weil mein Katholizismus sie "nervt".


Die Welt ist und bleibt ein Absurditätenkabinett.


Jesus wusste eben, was er sagte: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdnet werdet!" (Mt. 5,11)


Dennoch: Ich wünschte wirklich, die Menschen würden die Argumente ihrer Gegner wahrnehmen und ihre Diferrenzen ausdiskutieren, anstatt sich mit verbaler, physischer oder psychischer Gewalt zu behelfen.

Was tue ich also?
Argumente darlegen so gut ich kann, was sonst? ("Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig."Phil 3,1)