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Mittwoch, 17. Mai 2017

Brief eines vermissten Kuscheltieres



Lieber Kai!

Hier schreibt dein Hasi.
Weil ich dich ganz doll vermisse will ich dir wenigstens einen Brief schicken. Bestimmt geht es dir auch so.
Wir haben ja eine tolle Abenteuerreise gehabt! Ich hatte gar nicht gewusst, dass es so große Schiffe gibt!
Ich habe so viele bunte Bilder in meinem kleinen Kopf gehabt. Da habe ich gar nicht gemerkt, wie ihr am Terminal Steinwerder in das Auto gestiegen seid. Die ganze Zeit habe ich mir noch die großen Schiffe angeschaut. Dann wurde es Abend und plötzlich fiel mir auf, dass ich ganz alleine war. Ich habe einen mächtigen Schreck bekommen.
„Oje“, dachte ich mir, „wer soll denn jetzt auf meinen Kai aufpassen?“
Außerdem ist mir auch ein bisschen kalt geworden.
Mir wurde recht bange zumute. Dann kam ein Mann auf den Parkplatz.
„Hallo wer bist du denn?“ Hat er gesagt. Ich konnte bloß nicht antworten, sonst hätte ich ihn gleich gefragt, ob er dich gesehen hat. „Dich wird wohl jemand verloren haben.“
Bis jetzt hatte ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Aber der Mann hatte Recht! Du wärst sonst bestimmt nicht ohne mich losgegangen.
„Nu sei man nich traurig“, brummte der Mann. „Kannst ja mit auf meine Runde kommen, dann bist du nicht so allein.“ Ich war unsicher. „Was, wenn Kai mich suchen kommt und ich dann nicht mehr da bin?“ Dachte ich. Aber inzwischen war es ganz dunkel. Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber ich bekam ein bisschen Angst. Hier draußen so alleine zu bleiben, das wollte ich nicht.
Der Mann nahm mich mit und wir gingen um den ganzen Hafen rum. Ich konnte die vielen Schiffe aus der Nähe ansehen. Große Frachter gab es da, die sahen sehr geheimnisvoll aus so im Licht von Laternen.
„Nu komm man.“ Sagte der Mann. „Das Fundbüro hat heute schon geschlossen. Außerdem ist es bei mir zu Hause  nicht so langweilig.“ Ich fand den Mann ganz nett und irgendwie kam er mir ein bisschen einsam vor. „Vielleicht hat er überhaupt keinen kleinen Freund der auf ihn aufpasst“, dachte ich.
Wir sind ganz schön lange durch Hamburg gefahren und es war sehr aufregend. So viele Straßen und bunte Lichter! Bei dem Mann zu Hause gab es Pizza und ich musste sofort wieder an dich denken.
Der Mann hat mich auf ein gemütliches Kissen gesetzt und mir eine Kuscheldecke gegeben.
Das ist jetzt schon zwei Tage her.
Der Mann hat mir erklärt, dass das Fundbüro am Wochenende zu hat.
„Ich nehm dich mit zur Arbeit,“ hat er gesagt, „damit du dein Zuhause nicht so doll vermisst.“ Der Mann muss nämlich auch am Wochenende bei den Frachtschiffen helfen. Es war sehr spannend. Am besten hat mir das Fahren auf dem Gabelstapler gefallen.

Lieber Kai, wenn du das hier liest, bin ich vielleicht schon auf dem Weg zum Fundbüro. Ich weiß nicht so genau, wie ich zu dir zurückkommen kann. Der Mann ist sehr lieb. Er hat gesagt, wenn sich keiner meldet, darf ich bei ihm wohnen und immer mit auf dem Gabelstapler fahren. Er hat auch nette Kollegen, die haben gelacht und mich am Ohr gekrault.
Vielleicht solltest du dir jemanden suchen, der auf dich aufpassen kann bis ich wieder da bin. Bei dem Gedanken, dass du ganz alleine bist ist mir gar nicht wohl.

Liebe Grüße sendet dein Hasi!

Bild: wikimedia commons
(Namen geändert.)

Montag, 27. Februar 2017

laute Trauer

 
Am Jakobsweg. Im Leben ist eben selten was gerade.


Ein Tag von vielen Tagen dieser Art.
Ich gehe bedächtig, freue mich an meinen Schritten und an den vielen Kleinigkeiten um mich herum; der warmen Luft, den blühenden Bäumen, an meiner kraftvollen Sehnsucht und an der dunklen Liebe in mir.
Ich gehe, und zusammen mit meiner Zuversicht und Freude schwebt in mir die Gewissheit, dass ich mich ausweglos verfangen habe, Zweifel wälzen sich hin und her und Trauer und Mitgefühl, Unverständnis und Einsicht rasen über mich hinweg.
Wie kann das nur sein, wie kann das nur sein wie kann das nur sein?
Schließlich muss ich stehen bleiben, ich krümme mich. Ein undefinierbarer Laut dringt aus meiner Kehle.

Trauer war bei mir immer laut. Oder ganz und gar stumm, manchmal beides.

Es gab Zeiten, da konnte ich nichts außer Heulen.
Ich habe sie getragen.
Trauer prägt uns immer den Stempel der Ewigkeit auf.

"Andere Mütter haben auch schöne Söhne." "Du wirst über ihren Tod hinwegkommen." "Das geht vorbei."
Nein, tut es nicht.
Denn die innere Not taucht mich ganz ein, mitten bis in die Ewigkeit reicht der Riss, der durch mich hindurchgeht.

Heutzutage haben wir Menschen ein Problem mit der Endlichkeit des Lebens. Wer redet schon über den Tod? Es geht weiter, heißt es. Und damit schaffen wir uns auch ein Problem mit der Ewigkeit. Denn auch in der Ewigkeit geht es nicht einfach weiter; die Grenzen von gestern, heute und morgen gibt es dort nicht.

Momente tiefer Trauer, Momente in denen wir weder Fragen noch Antworten haben, sondern nur noch zerrissen sind, nehmen uns die vertrauten Kategorien. Heute, gestern, morgen. Aufstehen, schlafen, Karriere machen. All das bedeutet plötzlich nichts mehr.

Meine Oma erzählte mal, wie sie nur wenige Wochen nach dem Unfalltod ihres Sohnes im Baumarkt aufgehalten wurde. Sie hatte beim Bezahlen einige Gegenstände vergessen, die sie einfach in der anderen Hand gehalten hatte und nun komplimentierte man sie in das Büro des Sicherheitsdienstes, ließ sie bezahlen und die Rechtsbelehrung über die erfolgte Anzeige unterschreiben. Etwas unwichtigeres hatte es mit Sicherheit noch nie gegeben.

Man muss begreifen, dass Trauer etwas existentielles sein kann das das genze Sein des Menschen umfasst.

Frisch getrennt und in einen Kollegen verliebt der mich verarschte, während ich die Erlösung aus meiner jahrelangen Einsamkeit der unerfüllten Beziehung in ihn hineinprojizierte, war mir das Tragikkomische an meiner Situation durchaus bewusst.
Ich konnte mich aber daraus nicht befreien - ich musste es durchleben.
Eben das; etwas klar sehen, aber nicht klar handeln zu können, war Teil des tiefen Schmerzes der mich erfüllte.
Die eigene Machtlosigkeit zu spüren und plötzlich zu erfahren, dass diese umso größer ist, je existentieller das Thema was sie betrifft, ist in unserer von Leitsungsdruck und Machbarkeitswahn geprägten Welt eine ebenso existentielle Erfahrung wie der Tod selbst.
Zu erleben wie meine Gefühle eine solch irrationale und unberechenbare Macht entfalten konnten, war schön und schreklich zugleich.

Ich konnte nichts anderes tun als darauf zu vertrauen, dass ein Leben welches mich in solche Stürme führen konnte auch die Kraft haben würde, sie mich überstehen zu lassen.

Das ist der Moment, in dem ich "Ich, Hiob" sagte.

Und genau so wie es für die Trauer keine Worte gibt, sondern nur den unartikulierten Schrei, gibt es auch für den Stolz und die Freude, das überstanden zu haben, nichts als gewaltigen, wortlosen Jubel.

Es ist mehr, als nur das zu schätzen was ich habe und was ich bin. Auch mehr, als das Leben zu feiern. Denn mehr als ich jemals ersehnen konnte fand ich - nicht jenseits vom Regenbogen sondern nach durchlittener Trauer. Kein Traum, sondern Freude, die die Ewigkeit berührt.
Und so danke ich Gott für mein Leben, für meinen Mann, für mein werdendes Kind. Und für die Zeit der Trauer.

______

Dieser Blogartikel entstand als Beitrag zu der Aktion "Alle reden über Trauer".

Sonntag, 18. Dezember 2016

Warten auf ein Wunder

Kinder sind der Schatz der Welt; auch Gott wusste das - und wurde eins



Gott hätte auch aus einem Stein heraus erscheinen können. Oder aus dem Nichts, plötzlich auf der Zinne des Tempels in Jerusalem.

Aber er entschied sich, als Kind zur Welt zu kommen, geboren von Maria.

Gerade das heutige Tagesevangelium zeigt, dass es auch für Maria als Mutter Jesu nicht einfach war. Josef weiß zunächst nicht, dass sie vom Heiligen Geist Gottes Sohn empfangen hat, und muss daher annehmen, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war. So kann ihn erst ein Wunder - die Erscheinung eines Engels - davon abbringen, Maria zu verlassen.


Der in Deutschland geltende Paragraph 219 macht klar, dass wir dafür zuständig sind, dieses Wunder geschehen zu lassen, wenn Schwangere in Not sind. Es heißt dort:
"Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen"

Es sollte klar sein, dass jedes Leben wertvoll ist, dass jedes Kind, das abgetrieben wurde, in der Welt fehlt.

Bei dem Gedanken an Jesus wird das schnell deutlich, aber das gilt auch für andere. Was, wenn es Johannes den Täufer nicht gegeben hätte, oder Paulus...? Oder, um mal etwas allgemeiner zu werden: Kolumbus, Paul Christian Lauterbur, Sarah Huges oder eben Ihre/n besten Freund/in?


Gott ist kein Footballtrainer. Er setzt niemanden auf die Reservebank. Jeder Mensch hat seinen Platz im Spiel des Lebens, einen Platz der nur von ihm und von keinem anderen Menschen auf der Welt ausgefüllt werden kann.
Die Frage, ob es jedem Menschen unbedingt gelingt, herauszufinden, was dieser Platz für ihn ist und dieser Berufung zu folgen, ist noch mal eine andere. Aber jeder Mensch sollte die Chance dazu haben.

Daher sollte es in jeder Beratung klar sein, dass einer Schwangeren in Not jede nur irgendwie denkbare Hilfe angeboten wird; von psychologischer Betreuung und der Hilfe einer Hebamme oder Begleitung bei Arztbesuchen und Behördengängen vor (,während) und nach der Geburt über anonyme Geburt, Unterbringung im Frauenhaus, Freigabe zu Adoption bis hin zur Babyklappe. Und: dass auch der Schwangeren klar gemacht werden muss, dass sie hier über das Leben eines anderen Menschen mit entscheidet.

All dies sieht übrigens der entsprechende Paragraph auch vor.
Es ist keineswegs so, dass das deutsche Gesetz ein Recht auf Abtreibung formuliert.
Im Gegenteil; für das bestehende Verbot von Abtreibungen wird im Paragraph 218a eine eng umgrenzte Ausnahme formuliert, wobei Bedingungen genannt werden unter denen ein Schwangerschaftsabbruch straffrei ist.

In einer Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden die festgelegten Inhalte der Beratung wiefolgt umschrieben:
"Die Schwangerschaftskonfliktberatung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen. Sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen – im Wissen darum, dass das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat."

Und weiter heißt es zu den Inhalten der Beratung:
" Im Einzelnen umfasst die Schwangerschaftskonfliktberatung (§ 5 Absatz 2 SchKG): 
  • das Eintreten in eine Konfliktberatung, wobei erwartet wird, dass die schwangere Frau der sie beratenden Person die Gründe mitteilt, derentwegen sie einen Abbruch der Schwangerschaft erwägt. Die Gesprächs- und Mitwirkungsbereitschaft der schwangeren Frau kann aber nicht erzwungen werden;
  • jede nach Sachlage erforderliche medizinische, soziale und juristische Information, die Darlegung der Rechtsansprüche von Mutter und Kind und der möglichen praktischen Hilfen, insbesondere solcher, die die Fortsetzung der Schwangerschaft und die Lage von Mutter und Kind erleichtern;
  • das Angebot, die schwangere Frau bei der Geltendmachung von Ansprüchen, bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einer Betreuungsmöglichkeit für das Kind und bei der Fortsetzung ihrer Ausbildung zu unterstützen sowie das Angebot einer Nachbetreuung. "

Die nach wie vor hohen Abtreibungszahlen, von denen ein verschwindend geringer Teil auf medizinische oder strafrechtliche Indikation zurückgeht, sprechen eine andere Sprache.

Allzuleicht wird ein Schwangerschaftsabbruch als Möglichkeit zur Behebung eines Missgeschicks verstanden. Allzuschnell wird das Recht auf freie Entfaltung und Lebensplanung der Schwangeren gegen das Recht auf Leben des Kindes ausgespielt.
Eine Schwangerschaft ist aber weder eine Krankheit, noch ein Missgeschick. Sie ist - und zwar durchaus auch aus medizinischer Sicht - ein Wunder.
Klar, eine Verhütungspanne ist ein Missgeschick. Wenn daraus jedoch eine Schwangerschaft entsteht, dann sind auf dem Weg dahin eine Menge weiterer Dinge passiert. Und: jeder Mensch sollte sich dessen bewusst sein, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. Wer Sex haben will, muss bereit sein, das Risiko einer ungeplanten Schwangerschaft auf sich zu nehmen. Mit allen Folgen.

Es scheint mir dringend notwending, dass es wieder mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein rückt, dass Sex immer etwas mit Verantwortung zu tun hat. Gegenüber sich selbst, dem/der Partner/in, gegenüber eventuellen Kindern. Und dass das Leben an sich nun mal nicht zu den Dingen gehört die man einfach so planen kann - ob mit oder ohne unerwarteter Schwangerschaft.

Wie aber soll das nun zugehen, in Zeiten in denen wir uns das Staunen schon längst abgewöhnt haben? In Zeiten des Individualismus, des Materialismus, des Hedonismus - mit Leistungsdruck auf der einen und Spieltrieb und Selbstverwirklichungsideal auf der anderen Seite?

Tja.
Ich warte einfach mal auf ein Wunder.
So etwas wie Weihnachten zum Beispiel.







Samstag, 23. Juli 2016

Wenn der Berg dich nicht kriegt...




Diese Schuhe jedenfalls haben es nicht bis nach Roncesvalles geschafft... 

versucht es der Wald.



Witchcraft. Basajaunberro Forest. Dazu informiert ein Schild etwa 100m nachdem man aus dem Wald vor Roncesvalles kommt.

Ja. Klar. Hab ich jetzt auch gemerkt. Hätt die Info nicht eher kommen können?





Zu Fuß über die Pyrenäen. Mit DEM FUß.

Man kann sich's denken.



Nach einem schweren Aufstieg war ich im Grunde schon kurz vor der Rolandsquelle fix und alle.



Mein Liebster und ich waren um sieben in Saint Jean Pied de Port gestartet und hatten uns nach 8km bei einer einstündigen Pause in Orisson gut erholt.

Fuß fußte tapfer vor sich hin.



Nun ist es so, dass der Aufstieg einfach kein Ende nimmt. Auf 18km Strecke gelangt man zum höchsten Punkt des Weges auf etwas über 1450m. Dann steigt man auf 8km Länge bis ca. 600m ab, um nach Roncesvalles zu gelangen.



Besagter Punkt, an dem sich auch eine Nothütte befindet, ist von der Rolandsquelle ca. 2km entfernt.

Na ja. Hätt ja sein können, dass die Nothütte doch schon Roncesvalles ist. -_-
Ich brauchte eine Pause.
Nach etwa einer halben Stunde nahmen wir das letzte Stück in Angriff.




Und bogen natürlich in den alten Camino ein, der dem Pilger einen extrem steilen und nach einer erfolgreichen Pyrenäenüberquerung eigentlich unbezwingbaren Abstieg zumutet.

Überall wird empfohlen, die Alternativroute zu nehmen. Nur: diese ist nicht ausgeschildert.


Auch nach dem steilsten Teil schien der Weg kein Ende zu nehmen.

Wald, nichts als Wald.

Eine Wegbiegung, dahinter Wald. Eine kleine Steigung, dahinter Wald. Eine hellgrün leuchtende Stelle, die doch keine Lichtung ist, sondern dichter Farn, drumherum und dahinter Wald.

2,9km sie erscheinen als seien es 30.




Was soll ich sagen.

Wir haben es geschafft.

Er mit mir und ich mit ihm. Hach. Wir lieben uns <3




Rein Fuß technisch hätte ich das nicht für möglich gehalten.





Roncesvalles gesehen direkt nachdem man aus dem verhexten Wald entkommen ist. 






Dienstag, 10. November 2015

Was tu ich Gutmensch ...

... wenn mein Weltbild bröselt?


Ich bin in letzter Zeit wegen meines Engagements für Flüchtlinge - vor allem deshalb, weil ich mich in privaten Mails sehr oft gegen Vorurteile ausspreche - als leichtgläubiger Gutmensch betitelt worden.

Abgesehen von dem mitleidigen Unterton mit dem diese Zuschreibung geschieht, kann und will ich dem nicht unbedingt widersprechen.
Das einzige, was mich daran beunruhigt ist die Frage, wie verdreht man eigentlich sein muss, um den Begriff "Gutmensch" als Schimpfwort zu gebrauchen. Wie verdreht denken Menschen, die so tun, als sei die Bereitschaft zu sozialem Engagement für Flüchtlinge bestenfalls so etwas wie eine Geisteskrankheit von der die betroffenen Helfer geheilt werden sollten?

Ich bin tatsache tendentiell gutgläubig und habe dank meiner Hilfsbereitschaft schon öfter die Erfahrung gemacht, ausgenutzt, betrogen und dabei vom Nutznießer für diese Gutmütigkeit auch noch verachtet worden zu sein.

Ich bin allerdings auch selbstbewusst und stur. Prinzipiell sehe ich gar nicht ein, warum ich mich unter der Last meiner Erfahrung verbiegen sollte. Wieso sollte ich vergangene Entscheidungen nur deshlab als falsch ansehen, weil das Ergebnis anders war als ich gedacht hatte? Ich habe in den Jahren seit meinem Abitur eine Menge über mich selbst, meine Stärken und Schwächen, aber auch über Handlungsmuster anderer Menschen gelernt. Inzwischen gibt es viele Dinge, auf die ich Acht gebe, während ich früher eher achtlos vertraut habe. Dennoch weigere ich mich grundsätzlich, das Vertrauen an sich aufzugeben. Man kann auch achtsam vertrauen.

"Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn einer dich zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dan gehe gleich zwei mit ihm." Heißt es in Mt. 5,40-41

Ganz zu schweigen von den Bibelstellen, die über das Speisen von Hungernden, das Tränken von Durstigen das Aufnehmen von Fremden, und das Besuchen von Kranken oder Gefangenen sprechen. (Mt 25, 31-46)

Man muss beides können: auf sich Acht geben und den anderen achten.
Nicht zuletzt wächst mir die Kraft zur Tätigen Nächstenliebe aus meiner Liebe zu Gott. Da ich mich und meine Fehler kenne und also weiß, wie viel Geduld ER mit mir haben muss, habe ich auch Geduld mit Anderen. Ich weiß, wie fremd ich bin im Vergleich zu dem, wie ich sein soll, damit ich bei Gott heimisch werden kann, im Vergleich zu den Heiligen, denen ich dennoch zu folgen wage.

Wir sind alle nur Menschen. Da sollte es doch möglich sein, sich zu verständigen, etwas Verständnis für den Anderen zu haben, auch dann, wenn er fremd ist oder eine abweichende Meinung hat.

In letzter Zeit erlebe ich immer wieder Dinge, die mich betroffen machen.
Ich will nicht an den Möglichkeiten menschlicher Kommunikation zweifeln, aber ich sehe sehr wohl, dass Menschen sich der Kommunikation verweigern können und dass dies öfter geschieht, als ich es gedacht hätte.

Als würde das nicht reichen, um mich zu verstören, geht die Verweigerung der Kommunikation weit über ein Ablehnen der Argumente des Anderen hinaus:

In der persönlichen Auseinandersetzung mit den Adressen, die die Bezeichnung "Gutmensch" als Schimpfwort nutzen, erlebe ich, wie Argumente als unglaubwürdig dargestellt oder einfach ignoriert werden. Im Zweifelsfall wird einfach ein Regen mit negativen Gerüchten über mein E-Mail Postfach gegossen; die Liste angeblicher Straftaten und Rangeleien von Asylsuchenden ist schier unendlich. Was auch immer ich zur Widerlegung anbringe wird einfach für unglaubwürdig erklärt. Positive Beispiele und Berichte werden nach dem gleichen Muster negiert.
Nun könnte ich ja die Kommunikation von meiner Seite aus abbrechen. Dazu bin ich aber zu gutmütig. Und mein Gewissen verbietet es mir auch, die entsprechenden Nachrichten einfach zu ignorieren.

Schießlich gehört die Belehrung von Unwissenden zu den sieben Werken der geistigen Barmherzigkeit und ich mag es nicht aufgeben, gegen Irrtümer anzuschreiben.


In der diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung erlebe ich die kommunikative Verweigerung eher aus einer Zuschauerperspektive.
Da wird einem Abtreibungsgegner in linken Kneipen Haus-, in anderen "nur" Auftrittsverbot erteilt. Die Tatsache, dass er mit zu einer Gruppe von Künstlern gehört, die üblicherweise in linken Kneipen auftritt, sollte an sich schon reichen, damit einem dämmert, dass der Mensch vielleicht doch eine etwas vielschichtigere und mit linken Positionen verträglichere Persönlichkeit hat, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist.
Doch diese Differenzierung wird Abtreibungsgegnern pauschal verweigert. Niemand scheint sich die Mühe zu machen, mal in Betracht zu ziehen, dass jemand der gegen Abtreibungen ist, eigentlich nur etwas gegen Kindstötung im Mutterleib hat, ansonsten aber durchaus für sexuelle Vielfalt, Hilfe und Schutz für Frauen in Not und anderes mehr sein kann. Statt dessen wird so getan, als sei eine Abtreibung die einzige Möglichkeit, Frauen in Not zu helfen oder sexuelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.
Sie ist es nicht. Einfach nein.
Es gibt nicht nur viel mehr, sondern auch bessere Möglichkeiten.

Ebenfalls nur indirekt habe ich erlebt, wie zwei Andersdenkenden der Einlass in eine Diskussionsveranstaltung verweigert wurde.
Dazu möchte ich mal gerne eine persönliche Anmerkung machen:
Ich habe von der Veranstaltung durch meinen Lieblingsblogger erfahren und wäre mit ihm dort hingegangen, wenn ich nicht durch Krankheit verhindert worden wäre. Die Veranstaltung hat mich deshalb interessiert, weil ihr Titel eine kritische Auseinandersetzung mit PID, künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft versprach. Dies überzeigte mich davon, dass es hier Schnittpunkte zwischen meinen Ansichten als Abtreibungsgegnerin und den Ansichten der Veranstalterinnen geben müsse.

Vielleicht handelt es sich dabei um einen Fall akuter "Blauäugigkeit", aber ich hatte mir meinen Besuch bei der Veranstaltung so vorgestellt, dass in der Diskussion deutlich werden würde, inwieweit es auch aus Queer- Feministischer Perspektive sinnvoll sein kann, dem Thema Abtreibung kritisch gegenüberzustehen.
Zumindest insoweit als PID, künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft damit in Zusammenhang und vor demselben Gedanklichen Hintergrund stehen.
Insgesamt geht oder ging es mir dabei um das Problem, dass das Kind eben nicht mehr an sich einen Wert als Mensch hat, sondern dieser Wert und damit das Recht auf Leben nur zugestanden wird, wenn es gesund ist oder erwünschte Eigenschaften hat (PID), wenn Menschen der Meinung sind, es für ihr persönliches Glück zu brauchen und ihm dafür gegebenenfalls die Möglichkeit nehmen, etwas über die eigenen biologischen Eltern zu wissen (künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft) oder eben wenn es gerade in den Kram passt (Abtreibung).
Dabei hätte man, so dachte ich, ja auch mal sagen können, dass es für Menschen in homosexuellen Beziehungen mit Kinderwunsch wahrscheinlich leichter wäre, ein Kind zu adoptieren, wenn weniger Kinder abgetrieben würden und diese dann zur Adoption stünden.

Aber wie gesagt. Ich war da wohl sehr "blauäugig". Tatsächlich stellte ich mir das einfach vor.
{Es scheint jedoch noch einfacher zu sein, zu behaupten, es sei ja kein Mensch, was da in einer Schwangeren heranwächst. Oder einfach zu sagen, es sei doch besser für das Kind, gar nicht erst geboren zu werden.}


Außerdem kann ich in letzter Zeit beobachten, wie die Auseinandersetzung mit konservativen Positionen zunehmend keine mehr ist, sondern von einer Diffamierung dieser Meinungen bis hin zur Bedrohung ihrer Vertreter ersetzt wird.

Oder eben auch gleich durch realen Vandalismus oder Brandanschläge.


Um das noch mal in klar zu sagen:
Wegen meiner christlichen Perspektive bin ich dafür, dass Flüchtlingen geholfen werden muss. Und ungeborenen Kindern, und Alten, und Kranken. Und zwar besser geholfen, als mit Abschiebung oder Tod.

Nichts davon verträgt sich mit menschenverachtenden Positionen.

Hingegen halte ich die Behauptung, die Favorisierung eines konservativen Familienbildes sei menschenverachtend für genau so hirnlos, wie die Idee, Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, mit dem Ausdruck "Gutmensch" zu beschimpfen.
Ob ich ein solches habe ist eine andere Frage; schließlich bin ich selbst in einer "Regenbogenfamilie" aufgewachsen.



Irgendwie habe ich den Eindruck, ich befände mich doch in einer sehr kabarettauglichen Lage:
So in zwei, drei Monaten könnte es mir passieren, dass ich auf dem Heimweg von einem Flüchtlingsheim in dem ich ehrenamtlich geholfen habe von Rechten verprügelt werde. Und dann komme ich nach Hause und stelle fest, dass Linke meine Wohnung abgefackelt haben, weil mein Katholizismus sie "nervt".


Die Welt ist und bleibt ein Absurditätenkabinett.


Jesus wusste eben, was er sagte: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdnet werdet!" (Mt. 5,11)


Dennoch: Ich wünschte wirklich, die Menschen würden die Argumente ihrer Gegner wahrnehmen und ihre Diferrenzen ausdiskutieren, anstatt sich mit verbaler, physischer oder psychischer Gewalt zu behelfen.

Was tue ich also?
Argumente darlegen so gut ich kann, was sonst? ("Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig."Phil 3,1)


Donnerstag, 18. Juni 2015

Erkannt



Ich saß unten im Einkaufszentrum und aß meinen kleinen Ein-Euro-Burger. Wie lange war ich unschlüssig um die Filiale herumgeschlichen? Doch letztlich musste ich ja doch was essen und zu Hause war nichts mehr.
Was ist schon ein Euro? Auf einen Euro kommt es jetzt auch nicht mehr an.
Da aß ich nun. Vorsichtig trennte ich das Brot vom Unterteil des Burgers ab, um das Gleichgewicht zwischen Fleisch und Brötchen etwas mehr in Richtung des ersteren zu verschieben.
Ich muss etwas Elegantes an mir gehabt haben, das mich verriet, als ich die Bröckchen in die Tüte gleiten ließ. Eine Frau, die vorbeikam, bemerkte es. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie mich erkannte.
Mit einer scheu suchenden Geste ließ sie sich neben mir auf die Bank sinken.
Da saß sie und belächelte mein Essen mit ihrer durchsichtigen Hilflosigkeit.
Noch wusste ich nicht, was sie wollte. Aber ihr Blick ruhte sich an mir aus und fand Hoffnung.
Auf meiner Tüte fand ich einen Gutschein für eine Cola. Sie war so scheu: ich musste sie fragen. Ich hielt ihn ihr unter die Nase. Ein Gutschein ist immerhin etwas anderes als Reste essen.
Es dauerte eine Weile, bis sie zu ihrem Kopfschütteln eine Stimme bekam. „Ich brauche Nichts“, sagte sie, „ich“ und das Sprechen wurde ihr wieder schwer, „ich muss nur… ich brauche… ein Telefon oder… verstehen sie, weil die Krankheit so schwer ist, so schwer…“ Ihre Hände ruderten hilflos. Ich konnte sehen, dass sie wirklich zitterten und es gab auch blaue Flecken an den Fingerspitzen. Jedenfalls musste sie etwas haben.
„entschuldigen sie, ich kann nur nicht… ich kann kein Telefon benutzen und auch keinen Computer… ich kann zwar sprechen, aber nicht hören. Ich brauche. Ich will doch nur einen Termin haben. Nur einen. Nur einmal mit dem Professor reden, der mir das angetan hat, nur einmal…“
Das Eis war gebrochen und in ihrer stockenden, hilflos suchenden Art erzählte sie mir ihre Geschichte. Irgendeine Operation am Ohr, die schief gegangen war und viel Blut und furchtbare Dinge hatte man ihr angetan und sie hatte nicht aufstehen dürfen. Und jetzt war ihr Leben zerstört und sie hatte Epilepsie und Osteoporose und Magersucht und konnte nicht mehr schlafen und ihr kleiner Hund war gestorben und sie hatte alles verloren. Und als die Operation wiederholt werden sollte war sie aus dem Krankenheus weggelaufen, zwei Mal.
Wie auch immer diese Dinge zusammenhingen und einen oder auch keinen Sinn ergaben: Hilfe brauchte sie in jedem Fall. Sei es, einen Zuhörer zu haben, einen Psychologen oder einen Anwalt, um gegen einen pfuschenden Arzt zu klagen.
Und ich konnte nicht aufstehen und gehen, bevor ich nicht meinen Teil dazu beigetragen hatte, denn sie hatte mich erkannt und wenn ich es getan hätte, hätte ich sie zerbrochen.
Sie wusste ja schon, dass sie Menschen nicht vertrauen konnte und Ärzten auch nicht.
Aber wenn man mir auch nicht vertrauen konnte – wenn man mal einen erkannt hat – wem sollte man denn dann noch vertrauen können und wo sollte man seine Hoffnung haben und sein Leben?
Ich ließ keinen Seufzer hören, als ich an meine Handyrechnung dachte. Natürlich hatte ich ein Smartphone. Ich konnte die Internetflatrate benutzen, aber nicht telefonieren, denn jeder Cent mehr tat weh und ging an die Substanz.
Ich war noch nicht in den höheren Abteilungen angekommen, in denen es auf solche Kleinigkeiten nicht mehr ankommt und außer meinem guten Willen und dem gelegentlich aufflammenden Heimweh verband mich nichts mit der Chefetage.
Ich holte also mein Telefon raus und öffnete die Notizfunktion. Sie konnte nämlich wirklich nicht hören, was ich sagte. Ob ich jetzt böse sei, fragte sie mich mit einer seltsamen Mischung aus Vertrauen und Angst in der Stimme.
Ich war für sie zuständig.
Aber wenn ich nicht wollte und sie mich verlor – …
Sie hatte mich erkannt.
Sie wusste es.
Ich schrieb ihr. „Was soll ich tun? Was wollen sie tun? Anrufen? Oder eine Nachricht schicken?“
Ihr Lesen war zaghaft, zögerlich. So, als müsse sie sich erst daran erinnern, dass es auch möglich war, dass Worte an sie gerichtet wurden. Worte, die einen Sinn ergaben und nichts Böses wollten.
Sie stammelte einige Antworten, brach die Sätze immer wieder ab. Sie wollte doch nur einen Termin haben, nur ein Mal…
Dann fiel ihr etwas ein und sie suchte in ihrem Rucksack. Ein ordentlicher Rucksack von einer guten Marke. Ich hatte auch mal so einen.
Überhaupt war sie sauber und ordentlich gekleidet, auch ihr Gesicht war glatt und rein.
Sie hatte wirklich ein Problem. Es war nicht ihre Schuld und sie hatte es nicht verdient, dass man sie herumschubste und ihr nicht half. Aber dieses Nicht-Helfen haftete an ihr und drückte sie schwerer zu Boden als alles andere, das ihr passiert war.
Der Arzt war doch zuerst nett gewesen und hatte getan, als… Es hatte so ausgesehen, als sei er ein guter Mensch…
Sie holte eine Visitenkarte hervor.
Ich nahm sie. Es war wirklich von einem Unfallkrankenhaus, wie sie gesagt hatte.
Es gab eine E-Mail-Adresse.
Ich rief mein E-Mail Programm auf. Ich konnte mir die Antwort der Leute auf so eine Nachricht lebhaft vorstellen. Was mir einfiele, mich in Angelegenheiten zu mischen… Außerdem sei alles ganz anders; die Person sei verrückt und überhaupt habe der Professor besseres zu tun oder vielleicht gäbe es auch gar keinen dieses Namens.
Es war aber nicht meine Aufgabe, für diese Dinge zu sorgen.
„Sehr geehrte Damen und Herren“, schrieb ich, „hiermit möchte ich für Luisa Lobor um einen Termin bei Prof. Dr. Klein bitten.“ „Geht es?“ fragte sie hoffend, ängstlich.
Mir fiel etwas ein und ich öffnete mein Kartenprogramm.
Denn wenn ich wegging – wie sollte sie die Antwort jemals erreichen?
Es war klar, dass man nicht sofort antworten würde. Wenn überhaupt.
Stattdessen gab ich die Adresse ein, um danach zu suchen. „Es ist sehr weit und ich weiß nicht, wie ich da hinkommen soll.“ Hatte sie gesagt.
Sie hatte immer weitergeredet und das Weinen war noch etwas weiter an die Oberfläche gekommen. Während ich wartete, schniefte sie ein bisschen. Ich nahm etwas von ihrem Kummer. Der Kummer war echt und sie war darin so klein und elend, dass sie nicht einmal richtig weinen konnte.
„Sind sie jetzt böse?“ fragte sie wieder.
Ich schüttelte den Kopf.
Man hatte meine Downloadgeschwindigkeit gesenkt und es lud und lud…
Es war tatsächlich weiter draußen. Aber ich konnte den Namen der Station keiner S-Bahnlinie zuordnen und musste warten.
Ich wechselte zur App des öffentlichen Verkehrsnetzes, aber hier kam ich nicht mal halb so weit wie auf der Karte.
„Funktioniert es?“ fragte sie.
Ich zeigte ihr die Fehlermeldung auf dem Display.
Ich musste ihr etwas aufschreiben.
Ich wollte aber das Programm nicht schließen, denn ich brauchte die Angabe.
Sie verstand schließlich und gab mir einen kleinen Block, aber ihr Stift –sie musste so danach suchen! – schrieb nicht.
Neben uns saßen zwei junge Mädchen und ich bat eine von ihnen, mir in dem Kosmetikgeschäft gegenüber einen Stift zu holen.
„Und warum holen sie ihn nicht selber?“ fragte sie. „Ich will meine Sachen hier nicht stehen lassen, weil ich die Frau nicht kenne“, sagte ich, „sie hat mich nur um Hilfe gebeten.“ Was ich nicht sagte war, dass sie auch nicht verstehen würde, wenn ich auf einmal aufstand. Ich konnte auch gar nicht aufstehen, weil ihre Hilflosigkeit mich fesselte.
Das Mädchen ging los und es klappte. „Der Mann hat gesagt, sie können den behalten.“ „Danke dir. Vielen Dank.“ Ich schenkte ihm mein bestes Lächeln, aber die ganze Sache war ihr trotzdem einfach zu dubios.
Ich schrieb. „Das Gerät hat keine Verbindung, um einen Termin zu machen, aber es zeigt den Weg.“ Sie las angestrengt. Langsam, ängstlich und zögernd. „Geht nicht? Vielleicht später?“ Ich unterstrich die Worte: „es zeigt den Weg“. „Termin?“
Ich ging zurück zum Kartenprogramm und diesmal zeigte es tatsächlich den Weg mit Bahnlinien und Fahrtzeiten an. Diesmal gab ich mir Mühe, ordentlicher zu schreiben. „Von Gesundbrunnen in die Linie… bis … Umsteigen in die Linie… nach… in… aussteigen.“
Ich blätterte, denn die Seite war damit voll. „An der Anmeldung fragen.“
Jedes Krankenhaus hat eine Anmeldung.
„Aber wie komme ich da hin? Ich habe kein Auto.“
Deshalb also war ich die ganze Woche schwarzgefahren und hatte mir meine letzten vier Fahrkarten aufgespart.
Ich gab ihr eine von ihnen und zeigte auf das S-Bahn-Symbol. Dann ging mein Stift die Angaben noch einmal durch. „Mit der S-Bahn“, erkannte sie. Ich nickte und wies noch einmal auf die Nummern der Linien und auf die Umsteigebahnhöfe. „Termin?“ Fragte sie. Ich schrieb in Druckbuchstaben auf die Rückseite der Visitenkarte. „Beim Pförtner fragen und Warten.“ „Wann? Termin?“ Ich machte einen Pfeil und schrieb. „Einfach warten.“
„Aber das ist ihre“, sagte sie zu der Fahrkarte. Ich bedeutete ihr, sie zu behalten und auch den Stift. „Das kann ich nicht annehmen.“ Es war die verschüchterte Demut eines Menschen, den man künstlich klein gemacht hat.
Wie oft hatte man ihr gesagt, dass ihr dieses und jenes nicht zustünde?
Ich schrieb noch einmal. „Sie müssen mit der S-Bahn hinfahren. Sie brauchen den Stift.“ Ich wollte ihn ihr in die Hand drücken, aber da war gerade so Platz für den Block und die Fahrkarte und er fiel zu Boden. „Das ist ihr Stift.“ Ich schrieb. „Ein Geschenk!!!“
Sie lächelte und bedankte sich. Es machte ihr ein bisschen Angst, so auf den Weg geschickt zu werden, aber sie wusste, dass ich getan hatte, was ich konnte.
Es gäbe keine guten Menschen mehr aber ich wäre gut… Ich weiß nicht mehr, was sie noch alles sagte, es war so viel. Ich sollte Glück haben und mir sollte alles gelingen… Ach, ich weiß es nicht mehr!
Ich drückte ihr die Hand.
Ich war etwas bange um sie und den Weg, den sie nun vor sich hatte, aber so ist das nun Mal:
Wenn man einen Engel um Hilfe bittet, erwirbt man eine Verpflichtung, es mit dem, was man bekommt, auch zu versuchen.

S. Reh November 2012

Dienstag, 12. Mai 2015

Unerklärtes

Gerade die schwer erklärlichen Dinge wären die Leiden die Gott denen schenkt die ihn lieben...

Und auf einmal sehe ich ihn vor mir, Jesus vor der Menge, das "Ecce homo!" im Ohr, das Pilatus der Menge entgegenruft.
Sie haben doch gesehen, wie er umherzog und alle heilte, sind sie nicht auch bei jenen 5000 gewesen die satt wurden von fünf Broten und zwei Fischen? Ist denn einer unter ihnen, der keinen der Geheilten kennt und auch keine seiner Predigten gehört hat?

Sie haben das Dach eines Hauses abgedeckt, um zu ihm zu kommen.
Sie haben zwar nicht verstanden, wer er wirklich ist, aber dass der die Hoffnung der Welt ist, das haben sie gesehen.

Natürlich musste es sein, sollte. Die ungeheuerliche Gabe. Nicht zuletzt um meinetwillen.
Schon klar.

Aber warum diese da jetzt sich hinreißen lassen, laut zu skandieren. "Kreuzige ihn!". Wieder und wieder.
Das ist nicht klar.

Wie schon in Markus 3,5a, was meine Lieblingsversion der Geschichte von der Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand ist. Wegen dieser Stelle. Und, wegen dieser, meine Lieblingsheilungsgeschichte.
"Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz"
(zitiert nach: http://www.bibleserver.com/text/EU/Markus3)

Tja.
Trotzdem weiß ich aber auch nicht.
Aber der Gedanke, dass es ihm auch schon so ging ist schon mal nett zum Festhalten.
Zwar auch nicht zu erklären, aber macht nichts.

Und: (wie ich schon gesagt habe bei Theodizee)
Man kann halt nichts dagegen machen. Jeder benimmt sich doof so gut er kann.
Oder so.
Oder anders.

Samstag, 9. Mai 2015

Engel-Zyklus: um Freiheit







Engel, wartend

 

Mit gestrecktem Schwert.

Doch Flügel, schon aufwärts zeigend,

glänzen in gleißender Sonne

blau wie Rabenfedern.

Stahl leuchtet weit übers Feld.

Wind spielt im Haar,

zaust Federn.


Die Augen verkniffen, das Gesicht

wie bereitet für den eintreffenden Schlag.

 

Die Biester, sie zerren an Ketten, aufgereiht

sind sie zum Kampfe.

Sie jaulen und johlen vor Ungeduld.

Ein Fest ist die Schlacht!

 

Der Engel aber steht reglos und still.

Niemand fragt ihn, ob er auch töten will.


Sein Haar ist fast schwarz,

dunkler wird der Tag,

er knirscht nicht mit den Zähnen.

Die Hunde schnappen nach ihm, sie haben schon

zu lange gewartet.


Ruhe lastet auf dem Land wie Brandgeruch in flirrender Luft.

Wie Fahnen flattert sein Gewand und er trägt

Seine Gestalt wie das Gewicht der Standarte.


Allein ist er.

Denn mit den Monstern der Kriegskunst macht er sich nicht gemein.

Nur seine Narben reden mit ihm.

Siehst du ob er atmet?


19.09.2012





Engel, allein


Er wollte sich stützen

auf sein Schwert.

Doch es war zu scharf und versank

in blutiger Erde hinab bis zum Schaft.

 

In ödem Land, da kauert er

vornübergebeugt über seiner Waffen Rest.

 

Grell brennt die Sonne.


Er bedeckt sich

mit den Resten seiner Flügel.

Fliegen

kann er schon lang nicht mehr.


Verloren flattern

einzelne Federn in stiller Luft.

Er wundert sich, ob

er überhaupt jemals Flügel hatte, oder ob

alles nur Einbildung war.

Und wieso überhaupt ist er immer noch da?

 

Die Hunde knabbern an ihm, aber sie fressen ihn nicht auf.


21.09.2012





Engel, hilflos

 


Man hat ihn gefesselt und das Warten wurde lang.

Müde ist er, Flügel schlagen bang.

Leer ist das Feld.

Auch Hunde sind nicht mehr.

Leicht verwirrt schaut er umher.


Als er sich fallen ließ, da war es das Signal:

vogelfrei ist er – jetzt schlag ihn noch einmal.

Jetzt aber hat er sich ganz hingegeben.

Wer wird ihn töten, wer – lässt ihn am Leben?


24.09.2012






Engel, schwebend

 


Schwerelos liegt er

Ausgebreitet im Auge des Tornados.

Der Flügel blaue Schwärze; hilflos flattert sie.


Sie ist nutzlos geworden.

Doch er lächelt.


Wie sanft trägt ihn des Windes Hauch: noch nie

verspürte er solch zarteste Berührung, und

er wundert sich ein wenig, ob

denn solches wahr sein kann.


Was aber kümmerts ihn, wann er wohl fällt?

Des Schwertes Last ist er los und so ganz

ohne Rüstung

langt selbst die Erinnerung zum Schweben.


So lächelt er nur über drohenden Sturm.

 

Seine Hände tasten,

suchend,

nach der wärmenden Sonne.


25.09.2012





Engel, fliegend



Frei vom Gewicht seiner Flügel, so schwebt er,

selig, auf zartester Briese Hauch.

Er kichert, glucksend, staunend: Ach, so was kann ich auch?


Die Stürme sind nicht mehr und

der Sonne Glanz umspielt ihn, kosend.

Die ebene unter ihm scheint gar nicht mehr so karg zu sein.

 

Sie hat sich nicht verändert, doch

erkennt er sie nicht mehr.

 

War dieser Weg dort immer schon? Und was

macht eigentlich

dieser Rosen zartes Grün

so mitten unter all der Trockenheit?


29.09.2012




Engel, vogelfrei

 


Rüstung mutig abgelegt

Freude sich im Land geregt.

Flog er weit hoch und ließ sich fallen.

Kostbare Gabe

Herz, das wahre.

Nichts hält ihn in seiner Kraft

kann er tun was er will

vergeben, geben, leben,

wandeln in Güte still.

Nichts hält ihn in seiner Hoffnung

zeigt er ganz frei sein Herz

verlieben, lieben, getrieben,

zerspalten von Schwertes Schmerz.

Flog er weit hoch, sah er ein Heim?

Wo findet sich auf ihn der Reim?

Mutig die Rüstung abgelegt.


Nun.

Wo bist du?

Wirst du

eilen, dich ihm anzutragen

und Wahrhaftigkeit zu wagen?


20.03.2015