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Sonntag, 1. Juli 2018

Kein Wunder

Im Februar dieses Jahres wurde die 70. Wunderheilung von Lourdes offiziell anerkannt. Das ausgeklügelte Verfahren, mit dem die Heilungen untersucht werden, welche Pilger dem medizinischen Büro in Lourdes vorlegen, siebt aus den vielen Erlebnissen von Heilung und Besserung des persönlichen Zustandes diejenigen aus, bei denen eine nachweislich spontane, nicht erklärbare Heilung geschah. Die Untersuchung erfolgt anhand überprüfbarer Kriterien durch ein internationales Komitee unabhängiger Mediziner. Wenn diese eine Heilung als nicht erklärbar einstufen, ist es die Aufgabe der Diozese von Lourdes, darüber zu entscheiden, ob dies als Wunder anerkannt wird.

Es gibt Wunder.
Die Tatsache, dass diese nicht erklärbar sind, ja dass es sie nach wissenschaftlichen Erkenntnissen überhaupt nicht geben dürfte, zeichnet sie als Wunder aus.
Manche dieser Wunder - wie z.B. die Heilungen von Lourdes - sind sehr gut belegt.



Im heutigen Sonntagsevangelium (1.07.18, 13. Sonntag im Jahreskreis) werden gleich zwei Wunderheilungen geschildert: die Heilung der blutflüssigen Frau und die Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus.

Es ist eine seltsame Gewohnheit moderner Theologie, die Schilderung der Krankheit und der Heilung zu einem bloßen Symbol zu erklären. Frei nach dem Motto "weil nicht sein kann was nicht sein darf" wird die blutflüssige Frau dann schnell mal ein frühes Beispiel für das Münchhausen-Syndrom oder die Tochter des Jairus wird zum vernachlässigten Kind überarbeiteter Eltern, deren Prioritäten Jesus im Rahmen der Wunderheilung wieder geraderückt.

Ich persönlich habe für diese Art des Wegerklärens immer weniger Verständnis, ja es macht mich inzwischen regelrecht wütend.
Natürlich ist es legitim, sich zu fragen, was die einzelne Wundererzählung dem Bibel lesenden Christen heute über sein eigenes Glaubensleben zu sagen hat. Doch nichts spricht dagegen, das geschilderte Heilungswunder als solches stehen zu lassen und anzuerkennen.

Ich möchte im Folgenden begründen, warum das "Wegerklären" von Wundern aus meiner Sicht nicht nur nutzlos und überflüssig ist, sondern auch schadet.

1. Dass es Wunder gibt, ist mit Hilfe von aktuellen Fällen wie z.B. den Wunderheilungen von Lourdes leicht nachzuvollziehen. Man kann diese als Beispiel nutzen, um leicht anhand nachvollziehbarer Kriterien zu erläutern, warum es manchmal Sinn macht, etwas als Wunder anzuerkennen und inwieweit diese Anerkennung auch aus wissenschaftlicher Sicht plausibel erscheinen kann.
Man darf auch gerne darüber aufklären, dass ein Wunder genauso einwandfrei belegbar sein kann wie jede andere historisch faktische Begebenheit. Ein Wunder zeichnet sich nämlich nicht primär dadurch aus, dass es unklar wäre, ob es wirklich passiert ist, sondern dadurch, dass das, was passiert ist nicht erklärbar ist.
2. Wenn wir also erkennen, dass es auch heute Geschehnisse gibt, die von unabhängigen Wissenschaftlern und Medizinern als unerklärlich eingestuft werden, dann gibt es absolut keinen Grund, nicht auch anzuerkennen, dass solche Wunder auch in biblischen Zeiten geschehen sein können.
3. Für Gläubige Menschen ist die Authentizität biblischer Wunderberichte umso plausibler, als dass noch heute durch Gebet und/oder Fürsprache Mariens und der Heiligen Wunder geschehen; wie viel mehr ist es da wahrscheinlich, dass Menschen in der leibhaftigen Begegnung mit Jesus in seiner gottmenschlichen Natur auf Erden geheilt wurden!
4. Für Nichtgläubige ist es schlichtweg egal, ob wir an die Authentizität biblischer Berichte glauben - und zwar ganz unabhängig davon, ob es sich dabei um Wunderheilungen oder andere Berichte aus dem Leben und Wirken Jesu handelt. Wer nicht glaubt, dass es Gott gibt und/oder dass dieser Gott Jesus ist, der uns am Kreuz erlöst hat, dessen Unglaube wird nicht dadurch infrage gestellt, dass wir sagen, die Wundererzählungen seien nur symbolisch gemeint.
Man kann die Menschen, die nicht an Christus glauben, grob in folgende Gruppen einteilen: a) Agnostiker, denen es vereinfacht gesagt egal ist, ob es Gott gibt, b) Atheisten, die Gott ablehnen und c) Angehörige anderer Religionen oder Kulte. Keiner von diesen wird sagen: "Ja also das Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott auf die Welt gekommen, gestorben und auferstanden ist und uns erlöst hat; das würde ich ja schon glauben, wenn da nicht diese Berichte von Wundern wären, die Jesus gewirkt haben soll. Also göttliche und menschliche Natur, Auferstehung und Erlösung - ja klar; aber dass er Krankheiten geheilt haben soll - nee, also da wird es mir echt zu viel."
5. Selbst wenn man Menschen durch das Negieren alles Übernatürlichen dazu bringen könnte, anzuerkennen, dass es diesen Jesus wirklich gegeben hat - das ist dann irgendwie auch egal.  Wenn an Jesus nämlich nichts Übernatürliches ist, dann ist er auch nicht Gott und dann muss ich auch nicht an ihn glauben; jedenfalls nicht mehr als an Che Guevara oder an Mahatma Gandhi. Oder an mich selbst.

Was bleibt?
Auf die Frage, wieso man so etwas macht - also warum man als Theologe eine Erklärung überlegt, die auf abenteuerlichen Wegen Möglichkeiten findet, hinter der Wundererzählung auf jeden Fall etwas anderes zu sehen  und auf keinen Fall etwas Übernatürliches - bleibt eigentlich nur eine Antwort:
Offenbar mangelt es vielen am nötigen Mut, sich den eigenen Unglauben einzugestehen und sich von Christus hinausführen zu lassen in das, was alles menschliche Denken übersteigt.
Offenbar nimmt sich so mancher lieber eine Idee davon her, wie Jesus ein toller Mensch und ein gutes Vorbild gewesen sei, als sich mit dem wahren Gott und Herrn Jesus Christus herumzuplagen.
Nun ja: in Wirklichkeit haben wir alle diese Tendenz. Ich denke aber, gerade die Theologie sollte uns helfen, dem nicht nachzugeben und stattdessen Gott die Ehre zu geben.

Bei mir bleibt auch die Frage: Wieso predigt man denn so etwas? Für wen? Woher kommt die Einbildung, dass ausgerechnet in der Kirche allsonntäglich Menschen versammelt sind, die vor der Zumutung des Unerklärlichen die Nase rümpfen? Wieso nimmt man an, dass die biblischen Berichte über Wunderheilungen Jesu durch Umdeutungen und Verharmlosungen entschärft werden müssen, während andere Medien, die von unerklärlichen Dingen berichten (wie z.B. die Serie X-Faktor), absolut erfolgreich sind?

Nun ja, mag da so mancher sagen: vielleicht gäbe es bessere Predigten als solche, die die von Christus geheilten Krankheiten kurzerhand zur Einbildung der Geheilten oder zum Indikator für zu geringe Beachtung der Kinder  erklären. Dennoch schadet es ja wohl nicht.
Aber mal ehrlich: was würden wir wohl sagen, wenn ein Priester einer schwer kranken Frau bescheinigt, sie würde sich das nur einbilden? Oder wenn jemand zu den Eltern eines im Sterben liegenden Mädchens sagte, ihr Kind sei ja nur krank geworden, weil diese zu viel arbeiten würden, statt mal ihre Zeit dem Familienleben zu widmen? Klingt zynisch? Ist es auch. Und genau deshalb regt es mich auf, wenn eine Predigt so damit beschäftigt ist, auf keinen Fall ein Wunder zuzugeben. Es ist zynisch und ungerecht. Es nimmt weder die biblischen Gestalten ernst noch die Zuhörer noch Gott.

Was hätte wohl die dieses Jahr als Wunderheilung anerkannte Ordensschwester gesagt, wenn man ihr übergeholfen hätte, ihre Krankheit sei nur eine Einbildung gewesen und habe im Wesentlichen auf Geltungssucht beruht?

Mittwoch, 17. Mai 2017

Brief eines vermissten Kuscheltieres



Lieber Kai!

Hier schreibt dein Hasi.
Weil ich dich ganz doll vermisse will ich dir wenigstens einen Brief schicken. Bestimmt geht es dir auch so.
Wir haben ja eine tolle Abenteuerreise gehabt! Ich hatte gar nicht gewusst, dass es so große Schiffe gibt!
Ich habe so viele bunte Bilder in meinem kleinen Kopf gehabt. Da habe ich gar nicht gemerkt, wie ihr am Terminal Steinwerder in das Auto gestiegen seid. Die ganze Zeit habe ich mir noch die großen Schiffe angeschaut. Dann wurde es Abend und plötzlich fiel mir auf, dass ich ganz alleine war. Ich habe einen mächtigen Schreck bekommen.
„Oje“, dachte ich mir, „wer soll denn jetzt auf meinen Kai aufpassen?“
Außerdem ist mir auch ein bisschen kalt geworden.
Mir wurde recht bange zumute. Dann kam ein Mann auf den Parkplatz.
„Hallo wer bist du denn?“ Hat er gesagt. Ich konnte bloß nicht antworten, sonst hätte ich ihn gleich gefragt, ob er dich gesehen hat. „Dich wird wohl jemand verloren haben.“
Bis jetzt hatte ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Aber der Mann hatte Recht! Du wärst sonst bestimmt nicht ohne mich losgegangen.
„Nu sei man nich traurig“, brummte der Mann. „Kannst ja mit auf meine Runde kommen, dann bist du nicht so allein.“ Ich war unsicher. „Was, wenn Kai mich suchen kommt und ich dann nicht mehr da bin?“ Dachte ich. Aber inzwischen war es ganz dunkel. Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber ich bekam ein bisschen Angst. Hier draußen so alleine zu bleiben, das wollte ich nicht.
Der Mann nahm mich mit und wir gingen um den ganzen Hafen rum. Ich konnte die vielen Schiffe aus der Nähe ansehen. Große Frachter gab es da, die sahen sehr geheimnisvoll aus so im Licht von Laternen.
„Nu komm man.“ Sagte der Mann. „Das Fundbüro hat heute schon geschlossen. Außerdem ist es bei mir zu Hause  nicht so langweilig.“ Ich fand den Mann ganz nett und irgendwie kam er mir ein bisschen einsam vor. „Vielleicht hat er überhaupt keinen kleinen Freund der auf ihn aufpasst“, dachte ich.
Wir sind ganz schön lange durch Hamburg gefahren und es war sehr aufregend. So viele Straßen und bunte Lichter! Bei dem Mann zu Hause gab es Pizza und ich musste sofort wieder an dich denken.
Der Mann hat mich auf ein gemütliches Kissen gesetzt und mir eine Kuscheldecke gegeben.
Das ist jetzt schon zwei Tage her.
Der Mann hat mir erklärt, dass das Fundbüro am Wochenende zu hat.
„Ich nehm dich mit zur Arbeit,“ hat er gesagt, „damit du dein Zuhause nicht so doll vermisst.“ Der Mann muss nämlich auch am Wochenende bei den Frachtschiffen helfen. Es war sehr spannend. Am besten hat mir das Fahren auf dem Gabelstapler gefallen.

Lieber Kai, wenn du das hier liest, bin ich vielleicht schon auf dem Weg zum Fundbüro. Ich weiß nicht so genau, wie ich zu dir zurückkommen kann. Der Mann ist sehr lieb. Er hat gesagt, wenn sich keiner meldet, darf ich bei ihm wohnen und immer mit auf dem Gabelstapler fahren. Er hat auch nette Kollegen, die haben gelacht und mich am Ohr gekrault.
Vielleicht solltest du dir jemanden suchen, der auf dich aufpassen kann bis ich wieder da bin. Bei dem Gedanken, dass du ganz alleine bist ist mir gar nicht wohl.

Liebe Grüße sendet dein Hasi!

Bild: wikimedia commons
(Namen geändert.)

Mittwoch, 23. September 2015

Gut Fuß!

Es war einmal eines schönen Tages, als Gutfuß und Bösfuß noch Rechtsfuß und Linksfuß hießen, da waren sie beide ganz einträchtig auf demselben Fahrrad unterwegs, und immer wenn Linksfuß oben war war Rechtsfuß unten und umgekehrt.

Da sendete das Gehirn eine Gefahrenmeldung: "Achtung, drohende Kollision mit parkendem Auto, ich lenke über Schiene. Vorsicht!"

Und noch bevor Linksfuß und Rechtsfuß Hasenfüße werden konnten - BUM! TSCHAKKA! WUSCH! Kawumm und kabolz flogen sie samt Fahrrad auf den Asphalt, denn der Fahrradreifen hatte sich in der Schiene verkeilt.
Und weil das Fahrrad nach links umfiel, konnte Rechtsfuß sich vom Pedal wegstrecken in die Luft, bis er zusammen mit allem Anderen auf dem Boden landete. Aber Linksfuß erging es schlecht. Er wurde gestaucht zwischen Pedal und dem umgefallenen Bein was vom Knie aus drückte und rückte, verdreht zwischen Pedal und Straße, gequetscht zwischen Straße und Fahrrad und gezerrt und gezogen von der ganzen Bewegungsenergie, denn das alles ging sehr schnell.
Und Linksfuß wurde furchtbar böse und machte großes Aua.

Das Gehirn war erst mal verdattert und es kamen lauter Leute, die setzten alles zusammen auf eine Bank und riefen den Notarzt. Währenddessen wachte das Gehirn auf, aber nur, um laut aua zu schreien, und dann machte es noch ein bisschen Schock. Dann sortierte das Gehirn, aha, die Brille ist noch da und uns ist schon gar nicht mehr schlecht, und das Aua ist zum Glück nur am Fuß.

"Was heißt hier nur?" Dachte sich Linksfuß, denn er war ziemlich kaputt und furchtbar böse. Er wollte auch kein Eis drauf haben - das hatten die Leute vom Krankenwagen draufgetan -, weil das Gewicht vom Eis da drückte wo es kaputt war.

In der Notaufnahme gab es Schmerzmittel, intravenös, so dass das große Aua von Linksfuß beim Gehirn nicht mehr ankam, wodurch sich sofort die allgemeine Laune besserte. Nur Linksfuß war noch immer ganz kaputt und furchtbar böse.
Auf dem Röngten konnte man sehen, dass Linksfuß nicht gebrochen war. Außer am Zeh. Am Gelenk war auch was kaputt, aber wie schlimm das wirklich war war nicht zu sehen. Schließlich gibt es in so einem Fuß ja nicht nur Knochen und das was nicht nur Knochen ist kann man auf dem Röntgenbild nicht sehen.
Linksfuß bekam jedenfalls erst mal eine Schiene und das war's dann auch schon.
Aber er war immer noch furchtbar böse.

Doch außer Schmerzmittel nehmen und ihn hochlagern war erst mal nix zu machen. Das muss noch mal genauer angesehen werden, wenn es abgeschwollen ist, hieß es, und zumindest was das genauer Ansehen betraf war Linksfuß durchaus auch der Meinung, aber wie er bei dem ganzen Salat abschwellen sollte wusste er auch nicht. Also blieb er immer noch böse und wurde ein richtiger Bösfuß.
Währenddessen musste Rechtsfuß die ganze Arbeit alleine machen, zusammen mit den Armen und Schultern und Bauchmuskeln. Auf Krücken nämlich. Und weil Rechtsfuß ja nichts anderes machen konnte, als sich in sein Schicksal zu ergeben und sein Bestes zu tun, wurde er kurzerhand zum Gutfuß. Gezwungenermaßen.

Bösfuß konnte nur rumliegen oder -hängen und außerdem machte er große Panik wenn ihm jemand zu nahe kam. Und großes Aua natürlich, aber das merkte keiner mehr, denn es gab ja die Schmerztabletten.
Dann kam Bösfuß ins MRT und der ganze Salat wurde sichtbar.
Kurz gesagt, Bösfuß war nicht umsonst so furchtbar böse. Er war nämlich sehr gründlich kaputt. Eine Menge Sehnen waren gerissen, und andere waren gezerrt, und außerdem waren die Knochen innen drin geschwollen, im Knochenmark; sie waren nämlich nur man gerade so nicht gebrochen und hatten furchtbare Mühe damit gehabt.

Jedenfalls musste Bösfuß operiert werden. Wenn nämlich so sehnige Sehnen zerreißen, dann schnipsen sie weg wie Schnipsgummi und deswegen können die auch nicht wieder heilen, wenn man sie nicht wieder langzieht und zusammennäht. Und einige abgeplatze Knochenteile mussten auch wieder rangeheftet werden.
Das war ja alles ganz schön und gut, aber Bösfuß hatte in der OP viel Stress und er machte unvergleichlich großes Aua, noch viel größer als überhaupt jemals zuvor. {Also wer jemals gedacht hatte, dass eine Wurzelbehandlung mit offen liegenden Nervenenden am Zahn schlimm ist, der hat noch nie einen Knochen verschraubt bekommen.} Erst nach anderthalb Tagen beruhigte sich Bösfuß wieder soweit, dass die normalen Schmerzmittel wirkten und er stellte fest, dass man ja so eigentlich ganz hübsch und in Ruhe wieder zusammenwachsen kann.

Aber das dauert.

Und dauert...

Und dauert.

Und in all der Zeit vergaß Bösfuß vollkommen, wie man sich eigentlich so fußig bewegt und erst recht wie man geht. Und Gutfuß wurde so langsam quengelig, weil er die Nase voll davon hatte, immer alles alleine zu machen. Außerdem mochte er nicht immer so auf den Boden gepatscht werden. Zum Abrollen braucht man nämlich beide Füße.

Bösfuß heilte also so vor sich hin und wurde wieder friedlich und es brauchte bald gar keine Schmerzmittel mehr und statt dessen gab es Bewegungsübungen.

"Gut Fuß!" Sagte das Gehirn und "Nur Mut! Das wird schon!" Und ließ den Fuß vorsichtig auf und ab nicken.

Mittwoch, 2. September 2015

Der Bauch auch

So einen lieben Schatz hab ich; von innen ist mir ganz lieblich.

Einmal, zur Nacht, nach dem Schmatz, da hör ich, o je, sein Bauch ist grummelig.
Gewittergrummelig nämlich - nicht so ganz doll, aber mummelig und schrummelig.
Und die Nacht kommt und nachtet und der Abendstern schmachtet und ich lausche und bausche meine Luft. Die Atemluft nämlich.
Aber die ist ganz ruhig und mein Schatz ist es auch.
Nur mein Herz staunt und raunt: "Hallo Bauch, merkst du's auch? Es ist doch hier gar heimelig und ich bin so glücklich und zufrieden bei dir."
Der Bauch findet das auch. Aber er ist noch etwas grummelig und mummelig und sagt: "Bloß das Gewitter hab ich nicht bestellt; weder bei dir noch in der Welt."
Das Herz sagt: "Ja aber das ist draußen und wir sind drin. Und: Das geht vorbei und wir bleiben uns."
Und außerdem bemerkt das Herz: "Gib's zu, du bist schon gar nicht mehr schrummelig."
Der Bauch findet das auch. Aber er mag keine vorlauten Organe, egal ob Herz oder Hirn, sondern er will alles lieber selber bevormunden. Deswegen sagt er: "Aber was hast du mir denn zu sagen, du Herz, wo du doch nicht mal in den gleichen Menschen eingewachsen bist?"
Das Herz sagt: "Ja aber du bist in mich eingewachsen mit dem ganzen Menschen zu dem du gehörst und das ist viel viel mehr." Und außerdem bemerkt das Herz: "Gib's zu, du bist schon gar nicht mehr mummelig."
Der Bauch findet das auch. Aber er ist noch ein bisschen grummelig und denkt: 'Wenn jetzt hier die ganzen Schmetterlinge aufwachen, dann wird es wiesel-wuselig und keiner kann mehr schlafen.' Deswegen sagt er: "Nun gib Ruh' im nu es ruft schon der Uhu!"
Das Herz lacht und ist still, denn es hat ja alles was es will. Es weiß: Morgen darf es mit allen zusammen aufstehen und den Schatz herzen und mit den Schmetterlingen scherzen. Die grummeln nicht, sondern tummeln sich im Liebestaumel.

Samstag, 15. August 2015

Fandom - oder: warum es manchmal echt nervt, ein Mädchen zu sein

Also.
Ebenfalls aus der Kategorie Gelegenheitsbeitrag:
Eine Geschichte, die ich schon schriftstellerisch verarbeiten wollte seit sie passiert ist:

Eines Tages nach Unterrichtsschluss wurde ich noch im Schulgebäude von meinen beiden damaligen besten Freundinnen bestürmt, die mir, erstaunlich frei von Sachinformationen, ihre neue Lieblingsband vorstellten.
Wir waren 5. Klasse und es handelte sich um eine Boygroup. Genau so ein, bei der ich nur anderthalb Jahre später sagen würde: "Ach, da hat mal wieder son Manager ne Dose aufgemacht." Übrigens ohne dabei MEINER Boygroup untreu zu werden. Erwachsen werden ist nicht logisch. Es gibt keine sinnvolle Reihenfolge und nur lose Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aspekten der jugendlichen Entwicklung. Wobei das meist nur die Eltern stört, oder sagen wir mal, die Eltern sind die einzigen, die es immer stört, weil sie es voll mitkriegen.
Egal. Also. Das sind die und die und die sind voll gut und du musst dir jetzt einen Liebling aussuchen. Wir waren inzwischen im Erdgeschoss des altehrwürdigen Schulgebäudes angekommen und eine der Beiden hielt mir eine Postkarte mit vier grinsenden Anfangzwanzigern entgegen.
Öhh, ja ne. Also.
Obwohl sie sich im Gegensatz zu mir der Tragweite dieser Entscheidung bewusst waren, ließen sie mir nicht viel Zeit dazu.
Mir doch egal. "Ich nehm den."
Das geht nicht, das ist meiner.
Jetzt echt? "Okay, dann den."
Das geht nicht, das ist meiner.
Oh Mann, was fragt ihr mich dann wenn die eh alle egal aussehen? "Dann halt den."
Super dann ist das jetzt dein Liebling. Der heißt Ben.
Aha. Schön. Kann ich jetzt nach Hause gehen? Hab grad n tollen Pferderoman am Start.

Ich vergaß die Sache schnell wieder. Ging mich auch nicht viel an. Mein Musikgeschmack war nicht wirklich vorhanden und mir gefiel sowohl das - jetzt immer von EINER GANZ BESTIMMTEN BAND kommende - Mainstream Zeug, welches mir meine Freundinnen in der Pause vorspielten und auf selbstgemachten Tapes mitgaben, als auch das, was der Sender meiner Mütter - Radio 1 - so spielte. Das ebenjene Tapes, mit denen meine Freundinnen mein musikalisches Umfeld infizierten, inzwischen einen Großteil unserer Autofahrten bestimmten, dürfte eher meine Mütter genervt haben. Ohne Musik im Auto wurde mir nämlich bei längeren Fahrten schlecht. Also richtig. Mit Kotztüte und so. Aber es durfte auch mal eine halbe Stunde Radio 1 sein. Oder Silly, von meiner Mama, oder Dalia Lavi, von ihrer Freundin. Wie gesagt. Mein Musikgeschmack war... - äh... Flexibel.

Doch eines schönen Tages bemerkte meine eine beste Freundin, dass die Sammlung von Pferdepostern an einer meiner Zimmerwände nicht mehr altersangemessen sei. Sie hatte mir auch gleich ein passenderes Poster mitgebracht, NATÜRLICH von dieser Boygroup.
Ich stand vor der Wand und grübelte.
Die Poster waren in einem gleichmäßig asymmetrischen Muster angeordnet, dessen geordnete Unordnung sich aus gleichem Abstand zwischen den Postern verschiedener Größe und Formatierung ergab, sowie aus sich ergänzenden Farbkombinationen von Pferd und Hintergrund der benachbarten Poster.
Zu allem Überfluss war das neue Boygroup Poster auch noch sehr groß, so dass ich mich es eigentlich nur an zentraler Stelle sinnvoll einordnen könnte; da, wo jetzt meine drei Lieblingsbilder versammelt waren. Ich musste also die umsortieren, so, dass sie immer noch einen würdigen Platz fanden, und dafür an anderer Stelle welche rausnehmen.
An diesem Abend habe ich so etwa 12 Poster umgehängt und vier aussortiert um das neue unterzubringen. Und mich dann von drei Typen anglotzen zu lassen, die grinsend über meiner Tapete thronten.
Muss ich erst erwähnen, dass im Laufe meiner Pubertät die Pferdeposter immer weiter zurückgedrängt wurden? Natürlich hatte ich mit 15 keine PFERDE mehr an der Wand!
Dabei war meine Faszination für diese Geschöpfe eigentlich ehrlicher. Immerhin hatte ich schon mal welche getroffen.
Mein Onkel war Jockey gewesen und - nachdem der Reitstall mit dem Ende der DDR Pleite gegangen war - Reitlehrer. Ich hatte also zumindest in den Ferien immer Reitstunden genommen, während wir in der Schule aufgrund Lehrermangels nicht mal richtigen Musikunterricht hatten. Selbst wenn: die Beatles waren da schon angekommen, aber Mainstream Pop? Nö.
Umso peinlicher, als wir in der 8. Klasse am Gymnasium unsere Lieblingsbands vorstellen sollten. In der Achten hat man doch keine Lieblingsband! Jedenfalls nicht als Mädchen: Man ist gerade erst dabei, die Erkenntnis zu verdauen, dass Boygroups keine Bands sind!!!

Also wozu das Ganze?
Wieso schwärmt jedes Mädchen genau in dem Alter, wo man UM HIMMELS WILLEN nichts peinliches machen will, für irgend einen becknackten Teenieschauspieler oder für eine blöde Boygroup?
Einfach wie desillusionierend: Sie braucht einen imaginären Partner für ihre gerade erwachende Sexualität.
So tritt das erste unbestimmte Gefühl, dass sich da unten was schön anfühlt, ins Licht der Aufklärung und die kindliche Spielerei wird zur Masturbationsphantasie.

Freitag, 14. August 2015

Krankengeschichten

Eine liebe Freundin sagte neulich bei einem Besuch, ich müsse nun aber wirklich mal wieder was bloggen...
Recht hat sie, und in meinem Kopf schwirren vor allem drei Themen rum.

Ich habe es mir in einigen meiner letzten Beiträge leicht gemacht, indem ich mein neues Glück verarbeitet und verteidigt habe.
Auch mein Beitrag zum Tag des Heiligen Jakobus beruht auf eigenen Erfahrungen und sogar meine erste Bibelexegese - oder, besser gesagt, irgendwie so das was ich mir halt dazu glaubend denke - referiert etwas, dass mich ganz persönlich angeht: Ich bin nämlich so eine Nervensäge.

Demgegenüber sind die mir im Kopf rumgeisternden Themen eher schwieriger. Teilweise einfach nur komplexer oder schwerer zu erklären, aber zum Teil auch einfach nerviger, trauriger und blöder.

Immerhin hab ich ja eine Ausrede: Bis Dienstag war ich noch im Krankenhaus, weil mein Knöchelgelenk operiert werden musste. Selbiges hatte ich mir ziemlich zerstört, als ich mit dem Fahrrad in eine Straßenbahnschiene gerutscht und draufgefallen war: Alle 5 Bänder gerissen, Gelenk verschoben, bissl was vom Knochen abgesplittert und letztere im Mark geschwollen (wusste gar nicht, dass es sowas gibt). Aber nix gebrochen. Na das brauch ich jetzt auch nicht mehr.

Wer jetzt denkt, ich hing also da so mit traurigen Gedanken... Der kennt mich einfach nicht.

Blos, dass die Liebsegedichte (siehe oben) zum verbloggen zu intim wurden.
Außerdem kann ich jetzt guten Gewissens dieses Buch empfehlen.

Also gibt es erst mal eine Krankenhausgeschichte:


Meine Zimmergenossin, ebenfalls ein Fahrradunfall, wird gerade abgeholt, als die Ruferin zu Zahlen übergeht.
"300. 320! 330! 340!"
Vorher gab es alle Tage  lang "Hallo!", "Monika!", seltener "Hilfe!" Dabei kaum echte Verzweiflung, sondern der allgemeine Frust der antwortlosen Vergeblichkeit, welcher sich unter die zunehmend trotzige Beharrlichkeit mischte.
Es ist heiß, gestern waren teils 40 Grad, alle Türen und Fenster stehen offen.
"9. 12! 24. 8! ..."
Die Zahlenkolonnen, jede einzeln mit ihrem Ausrufungszeichen, werden sinnloser.
Mein Fuß, der sich mittags bequemt, auch bei einiger Bewegung schmerzfrei zu bleiben, veranlasst mich zum Duschen.
Vom Rauschen der Mischbatterie verdeckt, dazu vereinzeltes Klingen, wenn ein Wassertropfen direkt auf dem großen metallenen Abflussdeckel landet, bekomme ich den Wechsel von Zahlen- zu Wortkolonnen nicht mit.
Ein einleitendes "Monika hilf mir!" dringt durch, dann vereinzelt immer dasselbe "überholen bitte!" oder so.

Ich stelle mir vor, wie ich mich zu ihr setze und sie interviewe.
Was wohl die Zahlen bedeuten? Und wer ist Monika?
"Mit dem Fahrschein überholen!" und "Moni! Fahrschein untersuchen!" - oder war es, erneut, "überholen"? - dringen in meine Gedanken.

Vielleicht könnte man ihr auch den Fernseher anstellen.

Gelegentlich brüllt ein Mann, dessen Zimmer wohl näher an ihrem liegt als meins, "Halt die Fresse!" Manchmal auch: "Jetzt ist aber gut!" was auch nur als Text besser klingt.
Derselbe schimpft laut, als es mit einer Untersuchung dauert. Die Visite, bei der selbige angeordnet wurde, läuft noch.
Eine Pflegerin, die kurz darauf Blutdruck, Temperatur und Puls misst, wird lautstark angemeckert. Er lässt sie gar nicht zu Wort kommen. Ich versuche, ihre Sätze, die von ihm allesamt nach dem ersten Wort abgehackt werden, zusammenzusetzen. Einmal kommt sie bis zum dritten Wort.

"A und fünf bitte neun wählen!" tönt es mehrmals, die Frau im Einzelzimmer nebenan hat Besuch bekommen. Ihr Mann, der jeden Tag mit Kühltasche kommt, fönt ihr die Haare.

"B und C überwiesen!" "Ach da bist du ja. Ich wäre fast an dir vorbeigelaufen." Die Stimme einer jungen Frau, nicht übertrieben fröhlich, sondern erkennbar erfreut, die Ruferin zu sehen.
Einen Moment wird es ruhig.
Liebevoll und vertraut klang die Junge und ich stelle sie mir automatisch schön vor.
Dann geht das Rufen weiter.
Leise, kaum zu bemerken, setzt die Junge ihren Gesprächsversuch fort. Gelegentlich unterbricht die Ruferin ihre Beschäftigung, um etwas zu antworten, leise, in gerade noch hörbar vertrautem Ton.

Mit jemandem sprechen, dessen Geist ständig von sinnlosem Rufen umnebelt wird; sich hinter den eigenen Tönen versteckt wie hinter Wolken.

"A und B runterkommen!" ruft es.
Und, ganz neu, "Läuse!"

Donnerstag, 18. Juni 2015

Erkannt



Ich saß unten im Einkaufszentrum und aß meinen kleinen Ein-Euro-Burger. Wie lange war ich unschlüssig um die Filiale herumgeschlichen? Doch letztlich musste ich ja doch was essen und zu Hause war nichts mehr.
Was ist schon ein Euro? Auf einen Euro kommt es jetzt auch nicht mehr an.
Da aß ich nun. Vorsichtig trennte ich das Brot vom Unterteil des Burgers ab, um das Gleichgewicht zwischen Fleisch und Brötchen etwas mehr in Richtung des ersteren zu verschieben.
Ich muss etwas Elegantes an mir gehabt haben, das mich verriet, als ich die Bröckchen in die Tüte gleiten ließ. Eine Frau, die vorbeikam, bemerkte es. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie mich erkannte.
Mit einer scheu suchenden Geste ließ sie sich neben mir auf die Bank sinken.
Da saß sie und belächelte mein Essen mit ihrer durchsichtigen Hilflosigkeit.
Noch wusste ich nicht, was sie wollte. Aber ihr Blick ruhte sich an mir aus und fand Hoffnung.
Auf meiner Tüte fand ich einen Gutschein für eine Cola. Sie war so scheu: ich musste sie fragen. Ich hielt ihn ihr unter die Nase. Ein Gutschein ist immerhin etwas anderes als Reste essen.
Es dauerte eine Weile, bis sie zu ihrem Kopfschütteln eine Stimme bekam. „Ich brauche Nichts“, sagte sie, „ich“ und das Sprechen wurde ihr wieder schwer, „ich muss nur… ich brauche… ein Telefon oder… verstehen sie, weil die Krankheit so schwer ist, so schwer…“ Ihre Hände ruderten hilflos. Ich konnte sehen, dass sie wirklich zitterten und es gab auch blaue Flecken an den Fingerspitzen. Jedenfalls musste sie etwas haben.
„entschuldigen sie, ich kann nur nicht… ich kann kein Telefon benutzen und auch keinen Computer… ich kann zwar sprechen, aber nicht hören. Ich brauche. Ich will doch nur einen Termin haben. Nur einen. Nur einmal mit dem Professor reden, der mir das angetan hat, nur einmal…“
Das Eis war gebrochen und in ihrer stockenden, hilflos suchenden Art erzählte sie mir ihre Geschichte. Irgendeine Operation am Ohr, die schief gegangen war und viel Blut und furchtbare Dinge hatte man ihr angetan und sie hatte nicht aufstehen dürfen. Und jetzt war ihr Leben zerstört und sie hatte Epilepsie und Osteoporose und Magersucht und konnte nicht mehr schlafen und ihr kleiner Hund war gestorben und sie hatte alles verloren. Und als die Operation wiederholt werden sollte war sie aus dem Krankenheus weggelaufen, zwei Mal.
Wie auch immer diese Dinge zusammenhingen und einen oder auch keinen Sinn ergaben: Hilfe brauchte sie in jedem Fall. Sei es, einen Zuhörer zu haben, einen Psychologen oder einen Anwalt, um gegen einen pfuschenden Arzt zu klagen.
Und ich konnte nicht aufstehen und gehen, bevor ich nicht meinen Teil dazu beigetragen hatte, denn sie hatte mich erkannt und wenn ich es getan hätte, hätte ich sie zerbrochen.
Sie wusste ja schon, dass sie Menschen nicht vertrauen konnte und Ärzten auch nicht.
Aber wenn man mir auch nicht vertrauen konnte – wenn man mal einen erkannt hat – wem sollte man denn dann noch vertrauen können und wo sollte man seine Hoffnung haben und sein Leben?
Ich ließ keinen Seufzer hören, als ich an meine Handyrechnung dachte. Natürlich hatte ich ein Smartphone. Ich konnte die Internetflatrate benutzen, aber nicht telefonieren, denn jeder Cent mehr tat weh und ging an die Substanz.
Ich war noch nicht in den höheren Abteilungen angekommen, in denen es auf solche Kleinigkeiten nicht mehr ankommt und außer meinem guten Willen und dem gelegentlich aufflammenden Heimweh verband mich nichts mit der Chefetage.
Ich holte also mein Telefon raus und öffnete die Notizfunktion. Sie konnte nämlich wirklich nicht hören, was ich sagte. Ob ich jetzt böse sei, fragte sie mich mit einer seltsamen Mischung aus Vertrauen und Angst in der Stimme.
Ich war für sie zuständig.
Aber wenn ich nicht wollte und sie mich verlor – …
Sie hatte mich erkannt.
Sie wusste es.
Ich schrieb ihr. „Was soll ich tun? Was wollen sie tun? Anrufen? Oder eine Nachricht schicken?“
Ihr Lesen war zaghaft, zögerlich. So, als müsse sie sich erst daran erinnern, dass es auch möglich war, dass Worte an sie gerichtet wurden. Worte, die einen Sinn ergaben und nichts Böses wollten.
Sie stammelte einige Antworten, brach die Sätze immer wieder ab. Sie wollte doch nur einen Termin haben, nur ein Mal…
Dann fiel ihr etwas ein und sie suchte in ihrem Rucksack. Ein ordentlicher Rucksack von einer guten Marke. Ich hatte auch mal so einen.
Überhaupt war sie sauber und ordentlich gekleidet, auch ihr Gesicht war glatt und rein.
Sie hatte wirklich ein Problem. Es war nicht ihre Schuld und sie hatte es nicht verdient, dass man sie herumschubste und ihr nicht half. Aber dieses Nicht-Helfen haftete an ihr und drückte sie schwerer zu Boden als alles andere, das ihr passiert war.
Der Arzt war doch zuerst nett gewesen und hatte getan, als… Es hatte so ausgesehen, als sei er ein guter Mensch…
Sie holte eine Visitenkarte hervor.
Ich nahm sie. Es war wirklich von einem Unfallkrankenhaus, wie sie gesagt hatte.
Es gab eine E-Mail-Adresse.
Ich rief mein E-Mail Programm auf. Ich konnte mir die Antwort der Leute auf so eine Nachricht lebhaft vorstellen. Was mir einfiele, mich in Angelegenheiten zu mischen… Außerdem sei alles ganz anders; die Person sei verrückt und überhaupt habe der Professor besseres zu tun oder vielleicht gäbe es auch gar keinen dieses Namens.
Es war aber nicht meine Aufgabe, für diese Dinge zu sorgen.
„Sehr geehrte Damen und Herren“, schrieb ich, „hiermit möchte ich für Luisa Lobor um einen Termin bei Prof. Dr. Klein bitten.“ „Geht es?“ fragte sie hoffend, ängstlich.
Mir fiel etwas ein und ich öffnete mein Kartenprogramm.
Denn wenn ich wegging – wie sollte sie die Antwort jemals erreichen?
Es war klar, dass man nicht sofort antworten würde. Wenn überhaupt.
Stattdessen gab ich die Adresse ein, um danach zu suchen. „Es ist sehr weit und ich weiß nicht, wie ich da hinkommen soll.“ Hatte sie gesagt.
Sie hatte immer weitergeredet und das Weinen war noch etwas weiter an die Oberfläche gekommen. Während ich wartete, schniefte sie ein bisschen. Ich nahm etwas von ihrem Kummer. Der Kummer war echt und sie war darin so klein und elend, dass sie nicht einmal richtig weinen konnte.
„Sind sie jetzt böse?“ fragte sie wieder.
Ich schüttelte den Kopf.
Man hatte meine Downloadgeschwindigkeit gesenkt und es lud und lud…
Es war tatsächlich weiter draußen. Aber ich konnte den Namen der Station keiner S-Bahnlinie zuordnen und musste warten.
Ich wechselte zur App des öffentlichen Verkehrsnetzes, aber hier kam ich nicht mal halb so weit wie auf der Karte.
„Funktioniert es?“ fragte sie.
Ich zeigte ihr die Fehlermeldung auf dem Display.
Ich musste ihr etwas aufschreiben.
Ich wollte aber das Programm nicht schließen, denn ich brauchte die Angabe.
Sie verstand schließlich und gab mir einen kleinen Block, aber ihr Stift –sie musste so danach suchen! – schrieb nicht.
Neben uns saßen zwei junge Mädchen und ich bat eine von ihnen, mir in dem Kosmetikgeschäft gegenüber einen Stift zu holen.
„Und warum holen sie ihn nicht selber?“ fragte sie. „Ich will meine Sachen hier nicht stehen lassen, weil ich die Frau nicht kenne“, sagte ich, „sie hat mich nur um Hilfe gebeten.“ Was ich nicht sagte war, dass sie auch nicht verstehen würde, wenn ich auf einmal aufstand. Ich konnte auch gar nicht aufstehen, weil ihre Hilflosigkeit mich fesselte.
Das Mädchen ging los und es klappte. „Der Mann hat gesagt, sie können den behalten.“ „Danke dir. Vielen Dank.“ Ich schenkte ihm mein bestes Lächeln, aber die ganze Sache war ihr trotzdem einfach zu dubios.
Ich schrieb. „Das Gerät hat keine Verbindung, um einen Termin zu machen, aber es zeigt den Weg.“ Sie las angestrengt. Langsam, ängstlich und zögernd. „Geht nicht? Vielleicht später?“ Ich unterstrich die Worte: „es zeigt den Weg“. „Termin?“
Ich ging zurück zum Kartenprogramm und diesmal zeigte es tatsächlich den Weg mit Bahnlinien und Fahrtzeiten an. Diesmal gab ich mir Mühe, ordentlicher zu schreiben. „Von Gesundbrunnen in die Linie… bis … Umsteigen in die Linie… nach… in… aussteigen.“
Ich blätterte, denn die Seite war damit voll. „An der Anmeldung fragen.“
Jedes Krankenhaus hat eine Anmeldung.
„Aber wie komme ich da hin? Ich habe kein Auto.“
Deshalb also war ich die ganze Woche schwarzgefahren und hatte mir meine letzten vier Fahrkarten aufgespart.
Ich gab ihr eine von ihnen und zeigte auf das S-Bahn-Symbol. Dann ging mein Stift die Angaben noch einmal durch. „Mit der S-Bahn“, erkannte sie. Ich nickte und wies noch einmal auf die Nummern der Linien und auf die Umsteigebahnhöfe. „Termin?“ Fragte sie. Ich schrieb in Druckbuchstaben auf die Rückseite der Visitenkarte. „Beim Pförtner fragen und Warten.“ „Wann? Termin?“ Ich machte einen Pfeil und schrieb. „Einfach warten.“
„Aber das ist ihre“, sagte sie zu der Fahrkarte. Ich bedeutete ihr, sie zu behalten und auch den Stift. „Das kann ich nicht annehmen.“ Es war die verschüchterte Demut eines Menschen, den man künstlich klein gemacht hat.
Wie oft hatte man ihr gesagt, dass ihr dieses und jenes nicht zustünde?
Ich schrieb noch einmal. „Sie müssen mit der S-Bahn hinfahren. Sie brauchen den Stift.“ Ich wollte ihn ihr in die Hand drücken, aber da war gerade so Platz für den Block und die Fahrkarte und er fiel zu Boden. „Das ist ihr Stift.“ Ich schrieb. „Ein Geschenk!!!“
Sie lächelte und bedankte sich. Es machte ihr ein bisschen Angst, so auf den Weg geschickt zu werden, aber sie wusste, dass ich getan hatte, was ich konnte.
Es gäbe keine guten Menschen mehr aber ich wäre gut… Ich weiß nicht mehr, was sie noch alles sagte, es war so viel. Ich sollte Glück haben und mir sollte alles gelingen… Ach, ich weiß es nicht mehr!
Ich drückte ihr die Hand.
Ich war etwas bange um sie und den Weg, den sie nun vor sich hatte, aber so ist das nun Mal:
Wenn man einen Engel um Hilfe bittet, erwirbt man eine Verpflichtung, es mit dem, was man bekommt, auch zu versuchen.

S. Reh November 2012

In meiner Stille



Warnung! Dies ist eine Geschichte über den Schmerz!

Irgendwie war es seltsam still.
Normalerweise wachte sie auf, wenn er aufstand.
Den Wecker hatte sie noch nie gehört, aber wenn er wach wurde und anfing, sich zu bewegen, dann holte er sie aus dem Schlaf. Manchmal rannte er nachts durch die Wohnung, weil seine Herzrhythmusstörungen ihn aus dem Schlaf gerissen hatten. Voller Panik hastete er dann durch die Räume, bis sie wach wurde. Es ging schnell. Nur ein kurzer Moment der Orientierungslosigkeit, dann der Schock des Erkennens, der sie im Bett hochfahren ließ.
Und sie würde aufstehen und rausgehen, um ihn zu beruhigen. Ein bisschen seiner Angst nehmen, die sich dann zu ihrer eigenen gesellte, und ihn umarmen, um ihn zu trösten.
Er drückte sie nicht an sich, denn er war ja derjenige der getröstet wurde.
Aber nach einer Weile konnten sie wieder ins Bett gehen und weiterschlafen. Da lag sie dann und lauschte, während sich sein Atem beruhigte und schließlich zu jenem tröstenden Schnarchgeräusch anschwoll, das ihr zeigte, dass wieder alles in Ordnung war. In solchen Nächten lag sie oft lange wach, denn all die Ängste, die bereits sorgfältig in den Kerkern ihres Herzens verwahrt wurden, beäugten den Neuankömmling misstrauisch. Sie wurden unruhig und zerrten an ihren Ketten und manchmal brach eine der Bestien aus ihrem Käfig aus und fuhr mit scharfen Krallen  durch den Mittelpunkt ihrer Seele.
Sie kannte das bereits und wartete einfach ab, bis es sich ausgetobt hatte. Irgendwann wurde es müde und ließ sich wieder einfangen. Oder es wanderte noch einige Wochen durch die Räume ihres Seins. Aber sein matter Schritt konnte nur ein blasses Echo in ihr hervorrufen.
Doch heute war es anders.
Fast schien es, als hätten Engel heimlich des Nachts die Luft gewechselt oder Schnee fallen lassen, der nun alle Geräusche schluckte und das Schlafzimmer in ein seltsames Licht tauchte.
Es war bereits hell und der Wecker hatte sein Konzert aufgegeben.
Sie drehte sich auf die Seite, um ihn anzusehen und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn.
Ein kleines Ächzen entrang sich ihrer Kehle und der Atem rasselte ein bisschen. Sie seufzte.
Der ganze Schnee war mit einem Mal ziemlich schwer.

Das Bett stand an der Wand und er lag außen, so dass sie jedes Mal über ihn klettern musste, wenn sie vor ihm aufstehen wollte.

Sie kniete über ihm.

Wie viel Zeit würde ihr wohl noch bleiben?
Schließlich lehnte sie sich nach vorne und lehnte ihre heiße Stirn gegen seine kalte.

Da klopfte es auch schon.
„Johannes hast du verschlafen?“
„Ja wir kommen gleich!“, brüllte sie und glitt vom Bett. Mit zwei Schritten war sie an der Tür. „Johannes geht es nicht gut, ich rufe grad einen Krankenwagen.“ „Was?! Johannes!“ Sie stellte sich ihrer Schwiegermutter in den Weg, die versuchte, einen Blick in das Schlafzimmer zu werfen. „Würdest du vielleicht in deinem Zimmer warten? Die müssen ja dann hier durch.“ Die Mutter konnte schon nichts mehr sagen. Nach wenigen Sekunden war vom anderen Ende des Flurs Musik zu hören. Marienlieder. So weit, so gut.
Sie ging zurück. „Das hat wehgetan.“ Flüsterte sie in Richtung des Bettes, während sie nach dem Mobiltelefon griff und den Notruf wählte.
Dabei hatte sie im Grunde gar nichts gesagt. Aber schon die Sorge an sich hatte gereicht. Der Sohn, der einzige, letzte. Er durfte keinen Regenschirm vergessen, niemals stolpern und erst recht nicht krank werden.
Und dann das Wort Krankenwagen.
Beim Anblick des Gesichts waren all die Ungeheuer, die nur wenige Minuten zuvor in eine Art Schockstarre verfallen waren, wach geworden. Sie rumorten, randalierten und plärrten, dass sie in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Das Beben wogte durch ihren Körper.
Von irgendwo stürzte ein Schwert herab und landete direkt im Jugulum. Es rutschte weiter und fand, ihr Brustbein längs zerteilend, schließlich den Weg zum Magen. Dort drehte es sich mehrmals um sich selbst, um dann wieder nach oben zu schießen. Direkt ins Herz.

„Hallo, mein Name ist Jänicke. Ich glaube, mein Mann hat gerade einen Herzinfarkt.“
Wenigstens ersparte diese Meldung jede weitere Diskussion.
Sie zog sich an. Es dauerte nicht lange, bis der Krankenwagen da war. Sie stürzte den Leuten entgegen und stellte sich ihnen in den Weg.
„Hören sie, mein Mann war bereits tot, als ich aufgewacht bin, aber wenn sie nicht noch eine weitere Leiche da raustragen wollen, dann helfen sie mir um Himmels willen und sorgen sie dafür, dass seine Mutter das nicht mitkriegt.“
Die Leute brauchten einen Moment, um den Schock zu verdauen. Einen weiteren, um zu begreifen, wovon sie redete und noch einen, um sich zu entscheiden, ob das eine gute Idee war. Aber das spielte im Grunde genommen gar keine Rolle, denn an diesem Morgen war gut schon ausverkauft. Die Männer wechselten einen Blick, nickten.
Einer von ihnen lief zurück, um eine Sauerstoffflasche zu holen.

Ihre Schwiegermutter hatte den Kopf aus ihrem Zimmer gesteckt, um zu sehen, was vor sich ging, ihr Gesicht ein brennender Speer.

Die Sanitäter hatten ihren Mann auf die Trage gelegt und ihm eine Atemmaske angezogen.
„Würden sie bitte zur Seite gehen.“
„Ich rufe dich gleich an, wenn wir da sind.“ Sie kannte die Qual des machtlosen Wartens selbst nur zu gut.
Sie rief tatsächlich gleich an und log, dass er noch in der Notaufnahme sei.
Eine halbe Stunde später telefonierte sie noch einmal und sagte, es stünde schlecht um ihn. Nach einer weiteren halben Stunde wiederholte sie den Anruf und dann abermals nach einer Stunde. Weitere 40 Minuten vergingen, bevor sie sich auf den Heimweg machte.
Sie hatte sich bereits an die Unwetter gewöhnt, die in ihr tobten und nahm kaum Notiz davon.
Sie dreht die Schlüssel im Schloss und bereitete sich auf einen weiteren Stoß vor.
Und während sie in die Wohnung trat, um ihrer Schwiegermutter zu sagen, dass nun bereits der dritte von vier Söhnen vor ihr gestorben war, dachte sie darüber nach, ob man sie wohl verklagen würde, weil sie die Ambulanz gerufen hatte, nachdem ihr Mann doch schon tot gewesen war.

S. Reh - August 2012