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Freitag, 26. Januar 2018

SoulKitchen #4: Unterwegs im Auftrag des Herrn

So, Freunde: Leicht erschöpft melden wir uns aus einer ereignisreichen Woche, in der praktisch jeden Tag „irgendwas mit Kirche“ anstand. Was im Prinzip natürlich gut ist: Die „tote Christenheit... aus dem Schlaf der Sicherheit“ zu wecken, wie es in dem alten Gotteslob-Schlager „Sonne der Gerechtigkeit“ so schön heißt, ist schließlich eine Aufgabe, bei der es keinen Tag zu verlieren gilt. Anstrengend wird’s aber, wenn man ein Baby hat, das zwar tagsüber meist lieb, brav und gut gelaunt ist, dafür aber abends regelmäßig Krawall macht. (Ich vermute mal, das sind diese vieldiskutierten Drei-Monats-Koliken. Die müssten dann eigentlich bald mal vorbei sein...)

Viel geschlafen haben wir also nicht. Aber gut gegessen! Hier der Speiseplan:


Donnerstag: Fischfilets mit Spinat und Reis

Momentchen: Hätte es das nicht schon letzten Mittwoch geben sollen? – Eigentlich ja. Aber dann war Suse am späten Nachmittag aufgefallen, dass sie den Spinat schon am Vormittag aus dem Gefrierfach hätte nehmen sollen. Sicherlich wäre es auch so noch möglich gewesen, den tiefgefrorenen Spinatklotz auf dem Feuer zu schmelzen, aber Suse disponierte kurzentschlossen um, und es gab Bandnudeln in Pesto-Sahnesoße mit Mais und schwarzen Oliven.

Am Donnerstag jedenfalls hatten wir nachmittags Besuch vom Pfarrer. Nachdem wir just an dem Wochenende, an dem in unserer Pfarrei die Sternsinger unterwegs gewesen waren, anlässlich der MEHR-Konferenz in Augsburg waren, hatten wir uns gedacht, einen Segen für die Wohnung können wir doch hoffentlich trotzdem bekommen, einschließlich der einschlägigen Kreidezeichen an der Tür – die sind ja schließlich auch eine Art Zeugnis den Nachbarn gegenüber. Der Pfarrer kam diesem Ansinnen gern entgegen, und auch vom konkreten Anlass abgesehen war es wohl mal ganz gut, sich in privater Atmosphäre mit ihm zu unterhalten. Wir sind ja noch relativ neu in der Gemeinde.



Zum Essen blieb der Pfarrer allerdings nicht.




Freitag: Falafel-Halloumi-Taschen

Tagsüber gab es keine besonderen Vorkommnisse, am Abend war, wie schon vorigen Freitag, Kreis junger Erwachsener in einer von unserem Zuhause aus leider ziemlich entfernten Pfarrei (wofür die Pfarrei nichts kann, es liegt eher daran, dass wir so weit draußen wohnen). Wir zögerten diesmal lange mit der Entscheidung, ob wir da hinfahren wollten oder lieber in unserem eigenen Kiez zur Anbetung und zur Abendmesse. Oder einfach zu Hause bleiben. Schließlich entschieden wir uns doch, den weiten Weg auf uns zu nehmen; aber da wir uns einerseits nicht wieder den ganzen Abend nur von Knabberzeugs ernähren wollten, uns andererseits aber auch nicht sicher waren, als wie realistisch sich die Variante „vom KJE-Treffen aus einfach eine Pizza bestellen“ erweisen würde, besorgte ich uns vor unserem Aufbruch schnell noch Falafel-Halloumi-Taschen vom Libanesen an der Ecke.

Da eine gewisse kleine Person eine Weile brauchte, um sich dazu überreden zu lassen, sich ins Tragetuch wickeln zu lassen, verzögerte sich unser Aufbruch dann noch etwas, mit dem Ergebnis, dass wir an unserem Zielort die Anbetung versäumten und erst kurz vor dem Ende der Predigt in der Kirche ankamen. Aber immerhin, den wichtigsten Teil der Messe bekamen wir noch mit. – Beim KJE lautete das Thema diesmal „Ordensleben heute“, und als Gastreferenten waren ein Dominikanerpater aus dem Kloster in Moabit und eine Schwester der „Kongregation der Helferinnen“ dabei, die in einer Wohngemeinschaft in Lichtenberg lebt. Beide fielen übrigens durchaus in das Alterssegment der „jungen Erwachsenen“; ich erwähne das deshalb, weil ja viele zu denken scheinen, Ordensleben sei heutzutage nur noch etwas für alte Leute, während die jungen in Neuen Geistlichen Gemeinschaften sind. Präziser gesagt: Das ist es, was optimistische Katholiken denken. Alle anderen glauben, junge Leute wären überhaupt nicht religiös.


Samstag: Pelmeni

Am Nachmittag fand in einem freikirchlichen Café im Wedding eine Veranstaltung unter dem Titel „Sternstunde“ statt; bei dieser (monatlichen) Veranstaltungsreihe waren wir im vorigen Jahr schon zwei- oderdreimal gewesen, nun aber schon eine ganze Weile nicht mehr, also fanden wir, es sei mal wieder an der Zeit. Bei unseren früheren Besuchen der „Sternstunde“ hatten wir eine nette Familie aus Heiligensee (mit vier Kindern, das jüngste noch nicht ganz zwei Jahre alt) kennengelernt und freuten uns, diese jetzt wiederzusehen; insbesondere die älteste Tochter unterhielt sich sehr angeregt mit Suse. Allerdings sollte man für die Zukunft vielleicht mal darüber nachdenken, sich mit dieser Familie in einem anderen Rahmen zu treffen als bei der „Sternstunde“, denn die Veranstaltung an sich war eher weniger erfreulich. Normalerweise ist es ein fester Bestandteil des Veranstaltungskonzepts, dass jemand ein „Zeugnis“ gibt; das war diesmal jedoch nicht der Fall, stattdessen kündigte der Gastgeber an, er wolle einige Gedanken über den Unterschied (wo nicht gar Gegensatz) zwischen Glaube und Religion zur Diskussion stellen.

Ich konnte mir schon vorstellen, was das werden sollte. In Teilen des evangelikalen Spektrums ist „Religion“ ein ausgesprochen negativ besetzter Begriff, der einerseits mit „Gesetzlichkeit“ und andererseits mit einer ritualisierten Frömmigkeitspraxis assoziiert wird; „wahres Christsein“, so lautet mehr oder weniger explizit die Argumentation, sei gerade keine „Religion“, sondern eine authentische, persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Durchaus folgerichtig geht diese Sichtweise häufig einher mit der Ablehnung liturgischer Gottesdienstformen, da diese eben „religiös“ (und somit angeblich unauthentisch) seien. Dass ihre eigenen, vermeintlich so „authentischen“ und individuellen Frömmigkeitsformen zwar ästhetisch wesentlich anspruchsloser, aber in Wirklichkeit nicht weniger stark formalisiert sind, kommt dieser Sorte Evangelikaler selten, wenn je, in den Sinn.

Was an diesem Vortrag (der übrigens, wie der Vortragende mehrfach betonte, „kein Vortrag“ sein sollte – aber was dann?) wirklich nervte, war allerdings der Umstand, dass er verworren und redundant zugleich war. Irgendwie versuchte der Gastgeber, den Unterschied zwischen „Glaube“ und „Religion“ zu den Lehren des Apostels Paulus über Gesetz und Gnade in Beziehung zu setzen, kriegte es aber nicht so richtig hin und widersprach sich durchschnittlich in jedem dritten Satz selbst. Die anschließende Publikumsdiskussion machte vollends deutlich, was für eine Zumutung und Überforderung es darstellt, dass das evangelikale Christentumsverständnis es jedem einzelnen Gläubigen abverlangt, selbständig die Bibel zu interpretieren. Mit Blick auf die paulinische Gegenüberstellung von Gesetz und Gnade brachen komplexe Meinungsverschiedenheiten über die Frage aus, ob und inwieweit das Gesetz des Alten Bundes auch heute noch Gültigkeit habe, und das Ganze gipfelte bizarrerweise in der Frage, ob es nicht einen Verstoß gegen die Zehn Gebote darstelle, dass Christen den Sonntag heilig halten statt den Samstag. Offenkundig überfordert mit dieser Frage, behauptete der Gastgeber aus dem Ärmel heraus, die Heiligung des Sonntags sei erst irgendwann im 2. Jahrtausend von der Katholischen Kirche eingeführt worden, und das sei ein Beispiel unter vielen dafür, wie die Katholische Kirche „ihre eigene Religion erfunden“ habe. Einige Gäste stiegen nur allzu gern auf diese Schiene ein und echauffierten sich über Priestertum und Beichte: Das habe doch nichts mit Jesus zu tun.

Na, wie dem auch sei: Zu Hause gab's Pelmeni aus dem Gefrierfach, angerichtet mit saurer Sahne, Gewürzgürkchen und Roter Bete, sodass auch dieser Tag noch ein erfreuliches Ende nahm.



Sonntag: Syrisches Buffet

In unserer Pfarrkirche stand, wie an jedem dritten Sonntag im Monat, ein Familiengottesdienst an; aber es gab kein Entrinnen, da ich schon vor Wochen – ohne einen Gedanken an das Datum zu verschwenden – eingewilligt hatte, den Lektorendienst zu übernehmen. Nun ja, wenigstens wurde die 1. Lesung (Jona 3,1-5.10) nicht – wie in den Lektorenhilfen des Katholischen Bibelwerks allen Ernstes angeregt wird – szenisch aufgeführt. Dafür aber das Evangelium.

Merke: Ein Familiengottesdienst, der es nicht schafft, die Frage "Was soll das?" zu provozieren, kann einpacken. (frei nach Heiner Müller) 

Anschließend fuhren wir mit dem Bus zur Nachbarpfarrei, wo der Flüchtlingsausschuss des Pfarrgemeinderats einen „Kennenlerntag“ mit Flüchtlingsfamilien aus Syrien veranstaltete. Mit gemeinsamem Kochen und Essen. Als wir an der Zielhaltestelle aus dem Bus ausstiegen, sahen wir, wie sich vor der Kirche eine Gruppe von Mädchen im Teenageralter versammelte. Mir kam zwar kurz der Gedanke „Na, ob die auch da hinwollen, wo wir hinwollen?“, aber bezeichnenderweise glaubte ich das nicht ernsthaft. War aber doch so: Sie gehörten zum laufenden Firmkurs des Pfarreiverbands. Die teilnehmenden syrischen Familien waren sehr nett und hatten viele Kinder, darunter eins, das nur knapp drei Wochen älter war als unseres; und das Essen war sehr gut und sehr reichlich.





Und nach dem Essen... ergriff eine Dame vom Humanistischen Verband das Wort, verteilte Flyer für ein von ihrer Organisation verantwortetes Kiezprojekt in Tegel-Süd, gab eine Telefon- und Mailadressenliste herum und, nun ja, „warb“ sehr engagiert darum, dass man sich da auch wirklich eintrug. Ich dachte, ich seh' und hör' nicht richtig. Was macht eine Vertreterin des Humanistischen Verbands bei einer kirchlichen Veranstaltung? Noch konsternierter war ich angesichts der Tatsache, dass die anwesenden Vertreter des Pfarrgemeinderats offenbar gar nicht auf die Idee kamen, daran könne irgendwas verkehrt sein. Man kann sich so etwas kaum ausdenken: Da stellt die Pfarrei ein (im Ganzen sehr gelungenes!) Erstkontakt-Angebot zum gegenseitigen Kennenlernen von Gemeindemitgliedern und Flüchtlingen auf die Beine, klopft sich auf die Schulter und überlässt alles Weitere – sprich: die potentiellen Früchte dieses Erstkontakts – dem Humanistischen Verband. Was kommt als nächstes? Sommerfest mit Satanisten? Suse und ich hatten eigentlich den Gedanken im Hinterkopf gehabt, bei Gelegenheit dieser Veranstaltung mal ein bisschen mit den Leuten aus dem Flüchtlingsausschuss des Pfarrgemeinderats darüber ins Gespräch zu kommen, was genau sie eigentlich für die Flüchtlinge tun, und dabei auch auf Initiativen wie Elijah21 zu sprechen zu kommen. Diesbezüglich ließ uns der Auftritt der Dame vom Humanistischen Verband nun allerdings ziemlich die Luft raus.

(Ich will eigentlich gar nicht auf den Veranstaltern herumhacken. Das sind nette Leute. Vielleicht wussten sie nicht so genau, was der Humanistische Verband ist und tut – wobei das auch schon irgendwie peinlich wäre. Ich vermute eher, es steckt eine Auffassung dahinter, die die Kirche in erster Linie als eine zivilgesellschaftliche Institution unter vielen betrachtet und die Pfarrei folglich als einen lokalen Träger bürgerschaftlichen Engagements; wenn man das so sieht, ist es natürlich nicht ohne Weiteres einsichtig, wieso man nicht mit dem Humanistischen Verband zusammenarbeiten sollte. Ob der das umgekehrt auch so sieht oder sich über „unsere“ Blödheit ins Fäustchen lacht, sei mal dahingestellt.)

Am Abend hielt sich unser Hunger in Grenzen; ich machte mir lediglich ein Sandwich, bestehend aus (ungetoastetem) Dinkeltoast vom Foodsharing mit gesalzener Butter, Kräuterfrischkäse, Schweinebraten und Cheddar. Für Suse machte ich im wesentlichen dasselbe, allerdings wollte sie kein Sandwich, sondern lieber zwei einzelne Stullen. Das wurden also eine mit gesalzener Butter und Cheddar und eine mit Kräuterfrischkäse und Schweinebraten.


Montag: Tagliatelle Bolognese

Am Morgen Frühmesse, anschließend Rosenkranzgebet, dann ins Pfarrbüro, um Organisatorisches wegen der anstehenden Tauffeier unserer kleinen Mädchentochter zu besprechen. Im Anschluss besorgte ich dann noch die Einkäufe fürs Abendessen, während Frau und Kind schon mal nach Hause gingen. Zur Belohnung gab's dann am Abend Bandnudeln mit hausgemachter Bolognese-Soße. Mjam mjam. 




Dienstag: Belegte Baguettes vom Foodsaving

Am Mittag hatte ich ein konspiratives Business-Lunch mit einem katholischen Unternehmer aus Köln, der gerade aus beruflichen Gründen in Berlin war; den Kontakt hatte Benedict Option-Autor Rod Dreher vermittelt.

Am Abend hatte Suse dann einen erneuten Foodsaving-Einsatz in einer Bäckerei, und diesmal fiel die Beute besonders üppig aus. Neben ungefähr sieben ganzen Brotlaiben brachte sie große Mengen an Brötchen und sonstigem Kleingebäck mit nach Hause, dazu vier große Plastikboxen voller belegter Baguettes. Einige davon – belegt z.B. mit Mett, Thunfisch oder als Großgarnelen getarntem Krebsfleischimitat – schrien geradezu danach, möglichst bald verzehrt zu werden, und damit war das Thema Abendessen dann auch schon abgehakt.




Weniger erfreulich war, dass im weiteren Verlauf des Abends Suses Mobiltelefon den Geist aufgab.


Mittwoch: Weitere belegte Baguettes vom Foodsaving

Was für ein Leben: Morgens, mittags und abends belegte Baguettes! Alles andere, was Suse am Abend zuvor erbeutet hatte, brachten wir im Laufe des Vormittags bei der Suppenküche der Franziskaner in Pankow vorbei, anschließend kauften wir im Klosterladen des Karmels in Charlottenburg eine Taufkerze für das Kind und wanden uns (also ich mich zumindest) mit Grausen angesichts dessen, was dieser Laden sonst noch so alles führt. 


Der Rauch des Satans ist in den Klosterladen des Berliner Karmels eingedrungen. 

Und schließlich kümmerten wir uns noch um Suses Handyproblem, mit dem bemerkenswerten Erfolg, das nebst eines neuen Mobilfunktarifs auch für mich ein neues mobiles Endgerät heraussprang. Und damit war der Tag auch schon wieder so gut wie um!


(...und dann erwischte mich eine offenbar schon länger vor sich hin brütende Erkältung, und der Internetanschluss in der Wohnung machte Zicken. Deshalb erscheint dieser Artikel mit leichter Verspätung. Aber keine Bange, es ist schon alles wieder auf dem Weg der Besserung!) 




Montag, 18. September 2017

Es handelt sich nämlich bessüchlich der Wahlen...


Nach langer Abwesenheit haben sich bei mir verschiedene Blogideen angestaut und ich weiß eigentlich gar nicht, womit ich anangen soll...

... also mache ich einfach was ganz anderes.



Nun denn:

Aus aktuellem Anlass werde ich mir mal das Wahlprogramm der AfD ansehen.

Kann man die für eine ernsthaft wählbare Partei halten?
Das öffentliche Gebahren ihres Personals spricht dagegen und, wie ich finde, ihre Plakate auch, die ich größtenteils als Sammelplatz peinlicher Plattitüden wahrnehme.



Aber was sagt das Progamm?

Das Erste was mir auffällt ist die Aussage, die Rechtsstaatlichkeit müsse wiederhergestellt werden, und, ein Stück weiter, mit den Verträgen von Maastricht, Schengen und Lissabon sei rechtswiedrig in die Volkssouverenität eingegriffen worden.

Ähh...ja. Bin ich hier richtig? Ist das ein Parteiprogramm oder doch die Vereinssatzung der Aluhüte?
Die Staaten haben ihre Grenzhoheit keineswegs aufgegeben, wie im Weiteren die Aussage zu den o.g. Abkommen begründet wird, sondern nur die Form verändert in der sie diese wahrnehmen. Dies ist durch entsprechende Gesetze bzw. Gesetzesänderungen in den teilnehmenden Ländern geschehen; wie das für Deutschland aussieht kann man z.B. hier nachlesen.

Das Abkommen beinhaltet z.B. Zusammenarbeit der Behörden bei der Strafverfolgung sowie Einheitlichkeit bei der Ausstellung und Verweigerung von Visa für den Schengen Raum und Regelungen zu Kontrollen an dessen Außengrenzen.

Natürlich ist es ein Problem, wenn Länder die Schengen-Außengrenzen haben, z.B. illegal eingereiste einfach weiterleiten, statt sich um die entsprechenden Asylverfahren und ggf. die Abschiebung zu kümmern - sei es nun, weil aus einem der Zielländer entsprechende Signale kommen oder weil die Länder, über die die Menschen einreisen nicht über entsprechende Mittel verfügen, der Ströme Herr zu werden.

Man müsste das mal durchrechnen, ob die Kosten, die aus einer Auflösung des Schengenraumes mit Wiederaufnahme der Grenzkontrollen in jedem einzelnen Land und den Entsprechenden Verkomplizierungen von Außenandelsbeziehungen resultieren würden, tatsächlich niedriger wären als z.B. die Kosten für eine koordinierte europäische Unterstützung von Ländern mit Schengen- Außengrenzen, die diesen Ländern praktisch und effektiv ermöglicht, ihrer Verpflichtung nachzukommen...

Der Vertrag von Maastricht regelt das Spannungsverhältnis zwischen dem Ziel einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und der staatlichen Souverenität seiner Mitgliedsstaaten, um nur ein Beispiel zu nennen, so, dass Beschlüsse in der Regel einstimmig gefasst sein müssen. Es kann also kein Staat in seiner Souverenität verletzt werden, indem er überstimmt wird. Dieser Grunsdatz gilt auch für die zweite Säule, die Gemeinsame Innen- und Rechtspolotik.

Das Bunsesverfassungsgericht erklärte in seinem Urteil (BVerfGE 89, 155) vom 12. Oktober 1993 die Vereinbarkeit des Vertrages mit dem Grundgesetz.

Der Vertrag von Lissabon regelt das Verhältnis der Kompetenzen von EU und Mitglietsstaaten genauer in definiert außerdem die Ziele der Union zu denen Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit gehören.
Man muss diese also keineswegs gegen die EU verteidigen, wie das Programm der AfD suggeriert.

Die genannten Verträge sind völkerrechtliche Verträge zwischen soueränen Staaten, es ist also überflüssig "Das bestehende 'Lissabon-Europa' [...] zurückzuführen zu einer Organisation von Staaten, die auf der Basis völkerrechtlicher Verträge ihre Interessen und Aufgabenwahrnehmung definieren."

Zwischenfazit.
Dem Progamm ist deutlich anzumerken, dass die AfD vor der Flüchtlingskrise eine reine Anti-EU-Partei war.


Das nächste was mir ins Auge sticht ist die Behauptung, in Deutschland habe sich eine so genannte Oligarchie herausgebildet.
Auch hier gilt: was damit eigentlich gemeint ist ist ausreichend unscharf umrissen, so dass es weder verifizier- noch falsifizierbar ist.

Die Aussage als solche und der damit verbundene argwöhnische Blick auf politische Eliten könnte auch im Progamm einer linksextremen Partei stehen, dort würde freilich in der Formulierung das Wort Kapitalismus vorkommen.


Volksentscheide nach Sschweizer Vorbild, nun ja.

Wie man den politischen Betrieb in so regelt, dass das Spannungsverhältnis zwischen Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit auf der einen und Möglichkeiten zur Kontrolle durch die Bürger auf der anderen Seite fruchtbar ausgestaltet ist, gehört zu den wichtigsten Fragen jeder demokratischen Verfassung.

Den Vorschlag zu Volksentscheiden kann man letztlich nur beurteilen, wenn man sich nicht nur die Unterschiede in den einzelnen Gesetzestexten zu Volksabstimmungen in Deutschland und der Schweiz ansieht, sondern auch vergleicht wie häufig und in was für Fragen Volksentscheide in beiden Ländern in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wurden und wie es in den einzelnen Fällen mit der Wahlbeteiligung aussah.

Die Aussage, die CDU würde das deutsche Volk nicht für mündig halten, ist reine Rhetorik. Natürlich flirtet man hier mit dem Gefühl des 'kleinen Bürgers', es werde über seinen Kopf hinweg regiert. Der Nachweis, dass eine Reform des Rechtes zu Volksentscheiden dazu führen würde, dass man sich als Bürger nicht nur weniger machtlos fühlt sondern auch mehr Kompetenzen hat, ist auf theoretischer Ebene nur mit größerem Aufwand zu erbringen, wie ich oben bereits angedeutet habe.

Ähnliches gilt für die Aussagen zu Gewaltenteilung, Trennung von Amt und Mandat, der Macht der Parteien und der Wahl des Bundespräsidenten.

Zur Forderung der Begrenzung von Amtszeiten kann man fragen, ob es wirklich erwünscht ist, dass Politikern keine Gelegenheit gegeben wird, Professionalität zu entwickeln und ob es wirklich so sinnvoll ist, wenn die Regierung mehrheitlich von Personen gestellt wird, die aufgrund mangelnder Erfahrung nicht wissen, wie man politische Prozesse sinnvoll und effizient gestalten kann.

Das Ideal des Bürgerabgeordneten liefert ein gut klingendes Schlagwort. Man sollte jedoch beachten, dass wir nicht in einer Polis leben. Weder sind die Zahlen der zu Regierenden Meschen und die zu entscheidenen Fragen klein genug, als dass jeder da den Überblick behalten könnte, noch ist es so, dass, wie im Falle der griechischen Polis, alle Stimmberechtigten  -  in der attischen Demokratie 15-20% der Bevölkerung - den ganzen Tag Zeit haben, sich mit politischen Diskussionen zu beschäftigen. Im damaligen Gesellschaftssystem arbeiteten diese nämlich nicht, sondern hatten im wahrsten Sinne des Wortes den ganzen Tag lang nichts zu tun als denken, während die Arbeit größtenteils von Sklaven und anderen Bevölkerungsschichten ohne volle Bürgerrechte erledigt wurde.

Auch hier wird also mit Schlagworten gearbeitet, die sich einer sinnvollen Bewertung eher entziehen.

Bei der Diskussion um die europäische Währungsunion verhält es sich ähnlich; was der Euro uns kostet ist schwer zu überblicken, Noch schwerer ist es, eine realistische Prognose dazu abzugeben, was uns eine Wiedereinführung der D-Mark kosten würde.


Überhaupt stehen viele Aussagen im Programm der AfD, deren Grundlage nicht nachvollziehbar ist.
Ein Beispel dafür ist die Forderung nach "diskriminierungsfreie[m] Zugang zu ausländischen Import- und Exportmärkten für deutsche Unternehmen". Ein Nachweis, dass und inwieweit dieser zur Zeit nicht besteht wird nicht diskutuert - und ist auch kaum als möglich anzusehen.


Zur Einwanderungs- und Asylpolitik ist letztlich nicht viel zu sagen; in dem Sinne als das die Positionen hier nicht überraschen.

Die nicht verifizierte Grundthese, dass eine Gesellschaft zwangsläufig daran zerbrechen müsse, wenn es zu starke abweichende Minderheiten gibt, wäre zu diskutieren.

Die Frage nach der Stabilität unseerer Sozialsysteme ist getrennt davon zu stellen.

Einer Radikalisierung und Abschottung von Minderheiten ist es jedenfalls immer förderlich, wenn diese Minderheiten in ihrer Freiheit und ihren Rechten eingeschränkt werden.
Die Forderungen der AfD nach entsprechenden Einschränkungen und/oder Zwängen zur Integration sind daher kitisch zu sehen.


Zu bemerken ist, dass viele Einschränkungen der Religionsfreiheit die die AfD unter der Überschrift "Der Islam in Konflikt mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung" fordert auch alle anderen Religionen betreffen würden.
Dazu nur zwei Beispiele:

Das Verbot einer Verschleierung im Öffentlichen Dienst oder überhaupt in der Öffentlichkeit könnte dazu führen, dass auch Ordensfrauen ihre Tracht nicht mehr tragen können.
Nach dem Verbot von Burkinis am Strand von Cannes machte ein Immam aus Florenz auf dieses Problem aufmerksam, indem er ein entsprechendes Bild auf seiner Facebook Seite postete.

Ähnliches ließe sich über die Eheschließung sagen:
"Die AfD verlangt, eine standesamtliche Eheschließung vor jeder religiösen Trauung rechtlich wieder für verbindlich zu erklären. Religiöse Trauungen können diese staatsrechtliche Voraussetzung zur Anerkennung einer Ehe nicht ersetzen." Dies würde also auch für christliche, jüdische oder schamanische Eheschließungen gelten.
Hier handelt es sich außerdem um eine reine Scheindebatte, da man ja die eherechtlichen Vorteile sowieso nur dann genießen kann, wenn man standesamtlich verheiratet ist - diese Gängelung auf Kosten der Religionsfreiheit ist also überflüssig.
Für die Verhinderung von Kinderehen und ähnlichem sind zivilrechtliche Maßnahmen zu treffen, die letztlich unter den Schutz vor Missbrauch fallen.

Die Forderung, der Religionsausübung Schranken zu setzen wird im Text auf den Islam bezogen, enthält jedoch keine Angaben, die einen Bezug zu anderen Religionen ausschließen.
Wieso sollte man nicht mit der gleichen Argumentation z.B. Frohnleichnamsprozessionen verbieten...?


Die AfD ist nur graduell weniger christenfeindlich als islamfeindlich, man sollte sich da nicht täuschen.
Wie es mit dem Respekt vor Christlichem steht kann man z.B. an dem "Merkel-Unser" sehr gut ablesen. Immerhin das zentrale Gebet der Christenheit, das da für eine billige Verballhornung missbraucht wird.






Die AfD setzt auf eine starke Förderung konservativer Familienmodelle.
Gegen die Stärkug von Familen kann man erst mal nichts sagen; jedoch ist es auch aus christlicher Sicht nicht richtig, Familien in 'ungewöhnlichen Konstellationen' staatlicher Willkür auszusetzen.

Bei Alleinerziehenden z.B. wird vorgeschlagen, vor die Gewährung staatlicher Hilfen eine "Differenzierung, ob diese Lebenssituation schicksalhaft, durch Selbstverschulden oder auf Grund eigener Entscheidung zustande gekommen ist" zu setzen.
Aha. Wer soll das wie beurteilen? Und nach welchen Kriterien?
Wenn sich eine Mutter entscheidet, mit ihrem Kind den Partner zu verlassen, weil sie von diesem ignorant und respektlos behandelt wird - wer sagt dann, was der drei Möglichkeiten hier zutrifft? Kann ihr und dem Kind Hilfe verweigert werden mit der Begründung, es wäre nicht schlimm genug gewesen? Und: hätte sie Hife bekommen, wenn ihr Partner sie 1x öfter am Tag beschimpft hätte? Oder bräuchte sie dann ein psychologisches Gutachten welches ihr bestätigt, dass das Fortführen der Beziehung zum Kindsvater eine unzumutbare Belastung darstellen würde?


Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Familienmodellen wird hier auf eine unangemessene und unnötige Weise forciert.





Zur Frage der Gender-Ideologie und Frühsexualisierung an Schulen kann ich nur empfehlen, mal Biologielehrer und Biologielehrerinnen zu fragen, inwieweit bestimmte Ideen denn wirklich im schulischen Unterricht ankommen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Sexualkundeunterricht eher altmodisch ist, Materialien sich vornehmlich auf die Gefahren von sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollter Schwangerschaft konzentrieren und Aspekte von Beziehung, geschlechtlicher Identität und Verantwortung generell zu kurz kommen. In modernen Schulbüchern finden sich immer Bilder von Homo- und Heterosexuellen Paaren, meist züchtig Händchen haltend. Eine übertriebene Idealisierung von homosexueller Liebe ist mir in Schulmaterialien bisher noch nicht begegnet. Solche Materialien existieren natürlich, aber gehen Sie mal in eine beliebige Schule und fragen dort, wie häufig Lehrwerke gegen andere, neuere Materialien ausgetauscht werden...






Das christliche Gebot der Nächstenliebe gilt für alle Menschen und ist nicht an Vorraussetzungen gebunden. Daher sind viele der Ideen, wie die AfD sich die Regelung sozialstaatlicher Leistungen wünscht, nicht mit dem Christentum vereinbar.

Vom Volkswirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist die Finanzieung von Sozialleistungen immer problematisch - dabei geht es einerseits um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und andererseits um den Bezug zwischen Leistung für die und Hilfe von der Gesellschaft.
Man kann jedoch auch nicht jede Leistung in gleicher Weise messen; ein recht eingängiges Beispiel ist hier der Gesamtbereich von Kunst und Kunstschaffenden.
Die Frage nach der Verteilung von Mitteln ist außerdem auch selbst ein Kostenfaktor - je nachdem nach welchen Kriterien Mittel vergeben werden sollen, kostet es Verwaltungsaufwand, nach diesen Kriterien zu bewerten und auszuwählen. Je anfälliger für Willkür die Kirterien sind desdo höher ist außerdem die Gefahr, dass durch Widerspruch und daraus resultierende Verfahren Folgekosten entstehen.


Iniweweit z.B. ein bedingungsolses Grundeinkommen allein durch die Einsparungen an der dann nicht mehr notwengiden Verwaltung finanzierbar wäre, führt hier zu weit, berührt aber das Thema.


Die Suggestion, Sozialleistungen vorurteilsfrei zu verteilen würde das System in seiner finanziellen und sozialen Stabillität gefährden, gehört zu den stilllen Prämissen des Wahlprogramms der AfD und ist, wie alle Fälle dieser Art, bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes nur mit sehr großem Aufwand vernünftig zu beurteilen.




Um zu beurteilen, inwieweit das Wahlprogramm der AfD jetzt besonders vernünftig oder unvernünftig ist, müsste ich es letztlich mit den Programmen anderer Parteien vergleichen.
Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass sich die von mir wiederholt kritisierten unausgesprochenen Prämissen auch in den Programmen anderer Parteien finden. Behauptungen über den Zustand der Welt, des Landes, der Gesellschaft, die als solche weder zu be- noch zu widerlegen sind, machen wahrscheinlich alle Parteien - nur, dass diese dann eben jeweils anders aussehen.

Ich halte die impliziten Behauptungen die die AfD auf dieser Ebene macht für nicht überzeugend.
Damit ergibt sich letztlich folgendes Fazit:
Wen oder was man wählt ist möglicherweise eher davon abhängig, welche Partei ein dem eignenen ähnliches Weltbild propagiert, als davon, welche konkreten Forderungen sie dann aus diesem Weltbild ableitet.


Das Weltbild, welches sich im Programm der AfD zeigt, ist mit meinem Weltbild nicht kompatibel. Daher halte ich ihren Forderungskatalog als ganzes nicht für sinnvoll. Unabhängig davon, dass ihr Programm durchaus diskutable Einzelposten enthält, kann man diese Partei meiner Meinung nach nicht ernsthaft für wählbar halten.


Zum Titel siehe hier: http://www.textlog.de/tucholsky-besoffener-herr.html

Dienstag, 10. November 2015

Was tu ich Gutmensch ...

... wenn mein Weltbild bröselt?


Ich bin in letzter Zeit wegen meines Engagements für Flüchtlinge - vor allem deshalb, weil ich mich in privaten Mails sehr oft gegen Vorurteile ausspreche - als leichtgläubiger Gutmensch betitelt worden.

Abgesehen von dem mitleidigen Unterton mit dem diese Zuschreibung geschieht, kann und will ich dem nicht unbedingt widersprechen.
Das einzige, was mich daran beunruhigt ist die Frage, wie verdreht man eigentlich sein muss, um den Begriff "Gutmensch" als Schimpfwort zu gebrauchen. Wie verdreht denken Menschen, die so tun, als sei die Bereitschaft zu sozialem Engagement für Flüchtlinge bestenfalls so etwas wie eine Geisteskrankheit von der die betroffenen Helfer geheilt werden sollten?

Ich bin tatsache tendentiell gutgläubig und habe dank meiner Hilfsbereitschaft schon öfter die Erfahrung gemacht, ausgenutzt, betrogen und dabei vom Nutznießer für diese Gutmütigkeit auch noch verachtet worden zu sein.

Ich bin allerdings auch selbstbewusst und stur. Prinzipiell sehe ich gar nicht ein, warum ich mich unter der Last meiner Erfahrung verbiegen sollte. Wieso sollte ich vergangene Entscheidungen nur deshlab als falsch ansehen, weil das Ergebnis anders war als ich gedacht hatte? Ich habe in den Jahren seit meinem Abitur eine Menge über mich selbst, meine Stärken und Schwächen, aber auch über Handlungsmuster anderer Menschen gelernt. Inzwischen gibt es viele Dinge, auf die ich Acht gebe, während ich früher eher achtlos vertraut habe. Dennoch weigere ich mich grundsätzlich, das Vertrauen an sich aufzugeben. Man kann auch achtsam vertrauen.

"Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn einer dich zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dan gehe gleich zwei mit ihm." Heißt es in Mt. 5,40-41

Ganz zu schweigen von den Bibelstellen, die über das Speisen von Hungernden, das Tränken von Durstigen das Aufnehmen von Fremden, und das Besuchen von Kranken oder Gefangenen sprechen. (Mt 25, 31-46)

Man muss beides können: auf sich Acht geben und den anderen achten.
Nicht zuletzt wächst mir die Kraft zur Tätigen Nächstenliebe aus meiner Liebe zu Gott. Da ich mich und meine Fehler kenne und also weiß, wie viel Geduld ER mit mir haben muss, habe ich auch Geduld mit Anderen. Ich weiß, wie fremd ich bin im Vergleich zu dem, wie ich sein soll, damit ich bei Gott heimisch werden kann, im Vergleich zu den Heiligen, denen ich dennoch zu folgen wage.

Wir sind alle nur Menschen. Da sollte es doch möglich sein, sich zu verständigen, etwas Verständnis für den Anderen zu haben, auch dann, wenn er fremd ist oder eine abweichende Meinung hat.

In letzter Zeit erlebe ich immer wieder Dinge, die mich betroffen machen.
Ich will nicht an den Möglichkeiten menschlicher Kommunikation zweifeln, aber ich sehe sehr wohl, dass Menschen sich der Kommunikation verweigern können und dass dies öfter geschieht, als ich es gedacht hätte.

Als würde das nicht reichen, um mich zu verstören, geht die Verweigerung der Kommunikation weit über ein Ablehnen der Argumente des Anderen hinaus:

In der persönlichen Auseinandersetzung mit den Adressen, die die Bezeichnung "Gutmensch" als Schimpfwort nutzen, erlebe ich, wie Argumente als unglaubwürdig dargestellt oder einfach ignoriert werden. Im Zweifelsfall wird einfach ein Regen mit negativen Gerüchten über mein E-Mail Postfach gegossen; die Liste angeblicher Straftaten und Rangeleien von Asylsuchenden ist schier unendlich. Was auch immer ich zur Widerlegung anbringe wird einfach für unglaubwürdig erklärt. Positive Beispiele und Berichte werden nach dem gleichen Muster negiert.
Nun könnte ich ja die Kommunikation von meiner Seite aus abbrechen. Dazu bin ich aber zu gutmütig. Und mein Gewissen verbietet es mir auch, die entsprechenden Nachrichten einfach zu ignorieren.

Schießlich gehört die Belehrung von Unwissenden zu den sieben Werken der geistigen Barmherzigkeit und ich mag es nicht aufgeben, gegen Irrtümer anzuschreiben.


In der diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung erlebe ich die kommunikative Verweigerung eher aus einer Zuschauerperspektive.
Da wird einem Abtreibungsgegner in linken Kneipen Haus-, in anderen "nur" Auftrittsverbot erteilt. Die Tatsache, dass er mit zu einer Gruppe von Künstlern gehört, die üblicherweise in linken Kneipen auftritt, sollte an sich schon reichen, damit einem dämmert, dass der Mensch vielleicht doch eine etwas vielschichtigere und mit linken Positionen verträglichere Persönlichkeit hat, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist.
Doch diese Differenzierung wird Abtreibungsgegnern pauschal verweigert. Niemand scheint sich die Mühe zu machen, mal in Betracht zu ziehen, dass jemand der gegen Abtreibungen ist, eigentlich nur etwas gegen Kindstötung im Mutterleib hat, ansonsten aber durchaus für sexuelle Vielfalt, Hilfe und Schutz für Frauen in Not und anderes mehr sein kann. Statt dessen wird so getan, als sei eine Abtreibung die einzige Möglichkeit, Frauen in Not zu helfen oder sexuelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.
Sie ist es nicht. Einfach nein.
Es gibt nicht nur viel mehr, sondern auch bessere Möglichkeiten.

Ebenfalls nur indirekt habe ich erlebt, wie zwei Andersdenkenden der Einlass in eine Diskussionsveranstaltung verweigert wurde.
Dazu möchte ich mal gerne eine persönliche Anmerkung machen:
Ich habe von der Veranstaltung durch meinen Lieblingsblogger erfahren und wäre mit ihm dort hingegangen, wenn ich nicht durch Krankheit verhindert worden wäre. Die Veranstaltung hat mich deshalb interessiert, weil ihr Titel eine kritische Auseinandersetzung mit PID, künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft versprach. Dies überzeigte mich davon, dass es hier Schnittpunkte zwischen meinen Ansichten als Abtreibungsgegnerin und den Ansichten der Veranstalterinnen geben müsse.

Vielleicht handelt es sich dabei um einen Fall akuter "Blauäugigkeit", aber ich hatte mir meinen Besuch bei der Veranstaltung so vorgestellt, dass in der Diskussion deutlich werden würde, inwieweit es auch aus Queer- Feministischer Perspektive sinnvoll sein kann, dem Thema Abtreibung kritisch gegenüberzustehen.
Zumindest insoweit als PID, künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft damit in Zusammenhang und vor demselben Gedanklichen Hintergrund stehen.
Insgesamt geht oder ging es mir dabei um das Problem, dass das Kind eben nicht mehr an sich einen Wert als Mensch hat, sondern dieser Wert und damit das Recht auf Leben nur zugestanden wird, wenn es gesund ist oder erwünschte Eigenschaften hat (PID), wenn Menschen der Meinung sind, es für ihr persönliches Glück zu brauchen und ihm dafür gegebenenfalls die Möglichkeit nehmen, etwas über die eigenen biologischen Eltern zu wissen (künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft) oder eben wenn es gerade in den Kram passt (Abtreibung).
Dabei hätte man, so dachte ich, ja auch mal sagen können, dass es für Menschen in homosexuellen Beziehungen mit Kinderwunsch wahrscheinlich leichter wäre, ein Kind zu adoptieren, wenn weniger Kinder abgetrieben würden und diese dann zur Adoption stünden.

Aber wie gesagt. Ich war da wohl sehr "blauäugig". Tatsächlich stellte ich mir das einfach vor.
{Es scheint jedoch noch einfacher zu sein, zu behaupten, es sei ja kein Mensch, was da in einer Schwangeren heranwächst. Oder einfach zu sagen, es sei doch besser für das Kind, gar nicht erst geboren zu werden.}


Außerdem kann ich in letzter Zeit beobachten, wie die Auseinandersetzung mit konservativen Positionen zunehmend keine mehr ist, sondern von einer Diffamierung dieser Meinungen bis hin zur Bedrohung ihrer Vertreter ersetzt wird.

Oder eben auch gleich durch realen Vandalismus oder Brandanschläge.


Um das noch mal in klar zu sagen:
Wegen meiner christlichen Perspektive bin ich dafür, dass Flüchtlingen geholfen werden muss. Und ungeborenen Kindern, und Alten, und Kranken. Und zwar besser geholfen, als mit Abschiebung oder Tod.

Nichts davon verträgt sich mit menschenverachtenden Positionen.

Hingegen halte ich die Behauptung, die Favorisierung eines konservativen Familienbildes sei menschenverachtend für genau so hirnlos, wie die Idee, Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, mit dem Ausdruck "Gutmensch" zu beschimpfen.
Ob ich ein solches habe ist eine andere Frage; schließlich bin ich selbst in einer "Regenbogenfamilie" aufgewachsen.



Irgendwie habe ich den Eindruck, ich befände mich doch in einer sehr kabarettauglichen Lage:
So in zwei, drei Monaten könnte es mir passieren, dass ich auf dem Heimweg von einem Flüchtlingsheim in dem ich ehrenamtlich geholfen habe von Rechten verprügelt werde. Und dann komme ich nach Hause und stelle fest, dass Linke meine Wohnung abgefackelt haben, weil mein Katholizismus sie "nervt".


Die Welt ist und bleibt ein Absurditätenkabinett.


Jesus wusste eben, was er sagte: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdnet werdet!" (Mt. 5,11)


Dennoch: Ich wünschte wirklich, die Menschen würden die Argumente ihrer Gegner wahrnehmen und ihre Diferrenzen ausdiskutieren, anstatt sich mit verbaler, physischer oder psychischer Gewalt zu behelfen.

Was tue ich also?
Argumente darlegen so gut ich kann, was sonst? ("Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig."Phil 3,1)


Freitag, 16. Oktober 2015

Macht die Schubladen bunter!

Schubladendenken ist eine menschliche Grundkonstante.

Unser Gehirn sortiert Informationen, versieht sie mit Etiketten, unter denen sie schneller abgerufen werden können, clustert sie zu Wissensfeldern. Was zu bereits vorhandenen Informationen passt, können wir uns besser merken, ebenso wie Dinge, die mit einem besonderen Ereignis oder mit starken Gefühlen zu tun haben.
Das Ziel unserer Gedächtnisbildung besteht schließlich nicht darin, uns zu einem wandelnden Lexikon zu machen, sondern in der Lebensfähigkeit. Ich zum Beispiel konnte mir Telefonnummern früher leicht merken. Jetzt geht das gar nicht mehr - ist ja eh alles im Handy gespeichert also wozu auch?

Es ist also prinzipiell so, dass jeder seine eigene Real-life-Filterbubble konstruiert. Ganz natürlich.
Auch Menschen, die uns begegnen, ordnen wir in bestimmter Weise ein. Kollege, Vorgesetzter, Freund, Familie, oder die neue Eroberung meines besten Kumpels? Wir erwarten von Menschen Eigenschaften, die zu dem Umfeld passen in dem sie uns begegnen.
Der erste Eindruck zählt.
Dieses Sprichwort zeugt davon, dass uns sehr wohl bewusst ist, wie schnell andere uns in Schubladen stecken und wie schwer es ist, aus so einer Schublade wieder herauszukommen, wenn man einmal drin gelandet ist.
Der erste Eindruck trügt.
Der sprichwörtliche Gegenpart dazu zeigt, dass auch die Fehleranfälligkeit unserer Schubladensortierung keine unbekannte Erfahrung ist.

Ja, auch ich passe in Schubladen. Und zwar eigentlich nicht in weniger, als man denkt, sondern in mehr davon.
Ich bin ein sehr offener Mensch und komme gerne mit anderen ins Gespräch, wobei ich oft recht viel von mir preisgebe. - Die Vertrauensselig-Schublade und die Guter-Kumpel-Schublade.
Ich kann aber auch recht unsicher sein und bin manchmal unbeholfen und verhuscht, manchmal träume ich einfach nur... - die Unhöflich-Schublade, vielleicht sogar eine Eingebildet-Schublade - und das bin ich nun wirklich nicht, ich bin für jeden Scheiß zu haben! Achja, das wäre dann die Mit-der-kann-mann's-ja-machen-Schublade. Aber die Kumpel-Schublade wird von dieser Eigenschaft auch gefüttert und auch die Auf-die-kann-man-sich-verlassen-Schublade.
Ich bin hilfsbereit (Helfersyndrom-Schublade trifft auf Gutgläubigkeits-Schublade) und weiß gleichzeitig, meine Kräfte einzuteilen (Faules-Stück-Schublade).
Jetzt wird's hier aber schon ganz schön bunt.
Und das, bevor ich irgendwas zu meinen Einstellungen und Überzeugungen gesagt habe oder zu meinem Backround.

Tatsächlich beobachte ich in letzter Zeit, wie stark die Leute dazu neigen, jemanden wegen seiner Meinung zu einem Thema in eine Schublade zu stecken und in die xy-Ecke zu stellen.
Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass es vielleicht noch viele andere Themen gibt, zu denen man vielleicht übereinstimmender Meinung ist.
Dies führt dazu, dass man sich mit der Person und oder der fraglichen Meinung gar nicht mehr auseinandersetzen will: Ab in den Giftschrank und ruhe im Karton!

Ich persönlich denke schon, dass es legitim ist, ein bestimmtes Thema nicht diskutieren zu wollen. Manchmal kann man gerade nicht. Weil es einen zu sehr aufregt, oder weil persönliche Gefühle es einem nicht erlauben, sachlich zu bleiben, oder weil es einem so wichtig ist, dass man es nicht erträgt, wenn jemand die eigene Meinung nicht teilt.

Zum Beispiel bekomme ich seit mehreren Wochen täglich Mails mit Links zu fremdenfeindlichen Artikeln. Manchmal checke ich mein Postfach tagelang nicht, weil ich einfach keinen Bock habe auf diesen Müll.
Ich bin mit der Person verwandt, und bevor diese mir zum ersten Mal ihre Meinung über Ausländer kommunizierte, haben wir uns gut in allem verstanden.
Dann habe ich eine zeitlang den Kopf in den Sand gesteckt und mich nicht mehr zurückgemeldet. Doch irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und auf jede fremdenfeindliche Mail geantwortet mit Gegenargumenten, Links mit Gegendarstellungen und Gegenbeispielen. Es hat mich wirklich mitgenommen, den ganzen Geifer lesen zu müssen, und ich habe viel Zeit darauf verwendet, zu recherchieren und dann in Mails meine Ansicht darzulegen. Meine Argumente wurden dabei häufig ignoriert; statt einer konkreten Antwort wurde ich zum Beispiel auf Meldungen über von Ausländern verübten Verbrechen aufmerksam gemacht. Meist habe ich mich einfach nur hilflos gefühlt, manchmal war ich auch würend darüber. Einmal habe ich gesagt, das seien doch alles Propagandameldungen. Gebracht hat es natürlich nichts. Außer, dass die Person mich aus ihrem Verteiler genommen hat. Trotzdem bekomme ich manchmal noch Spam: da ich mich als "Gutmensch" geoutet habe, muss ich "bekehrt" werden.
Nein, ich will das nicht diskutieren. Ich finde es unerträglich, dass man es überhaupt diskutieren muss. Asylrecht ist ein Menschenrecht und basta. Und Menschen, die gerade hier ankommen, schlechte Absichten zu unterstellen, weil man Angst hat vor dem was man nicht gewohnt ist, ist einfach ungerecht. Punkt.
Dennoch werde ich weiterhin mit der Person reden. Und wenn es sein muss, auch darüber. Letztlich steckt da vielleicht auch so etwas wie Trotz drin: wäre ja noch schöner, sie in dem Glauben zu lassen, ihre Einstellung sei normal...
Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass die Person Fremdenfeindlichkeit sehr wohl für normal hält und mich für blind. Das muss ich jetzt aushalten.

Aber zurück zu mir und den Schubladen. Also in Sachen Einstellung ist schon mal die Gutmensch-Schublade hinzugekommen. Über ichhelfe.jetzt habe ich mich als Freiwillige registriert und außerdem unterstütze ich die Aktion bloggerfuerfluechtlinge. Bin ich jetzt in der Refugees-Welcome-Schublade? Schon n bissl rote Farbe zu sehen? Wie wär's mit Grün?
Ich bin tatsächlich der Meinung, man sollte möglichst nur Recycling-, Bio- und Fair-Trade-Produkte verwenden. Jeder nach seinen finanziellen Möglichkeiten natürlich. Ich kaufe durchaus gerne Second-Hand-Klamotten. Außerdem lasse ich die Finger von Palmöl und allem, was selbiges enthält, so gut ich kann. Das ist gar nicht so leicht, denn Palmöl ist sowohl in Kosmetika als auch in Lebensmitteln ein sehr häufiger Inhaltsstoff. Ich mag nur nicht für das Aussterben der Orang-Utans mitverantwortlich sein. Außerdem boykottiere ich Nestle. Zum Glück trinke ich meist nur Leitungswasser, Kaffee oder Tee, denn wenn man das mal bei Tante Wiki nachschlägt, hat man den Eindruck, dass alle Getränkemarken zu Nestle gehören, ganz zu schweigen von Fertigwaren. Die drei Schokoladenhersteller, die nicht Nestle sind, kann ich mir noch merken. Außerdem schmeckt Bio-Schokolade eh besser. Nestle kauft nämlich Brunnen in Entwicklungsländern auf, wodurch dann Menschen der Zugang zu Trinkwasser abgeschnitten wird (und das ist nur eines von vielen Problemen, die der Konzern verursacht). Ich war auch schon auf der "Wir haben's satt" Demo. Öko-Schublade.
Ich bin aber kein Vegetarier. Ignorante-Fleichschfresser-Schublade.

Und jetzt wird's noch besser: ich bin katholischen Glaubens. Seit meinem 18. Lebensjahr, um genau zu sein. Ach du Scheiße, na das ist ja vielleicht ne Schubladennummer! Jetzt wird's lustig:
Konservativ-Schublade. Hm. Ähhh... verträgt sich das mit Öko? Und Gutmensch? Mit Refugees welcome? Nein? Na so'n Pech. Dann passt die wohl nicht, oder wie?
Intoleranz-Schublade. Okay, also... Intolerant gegen wen? Ausländer hatten wir schon. Stimmt also nicht. Ach ja, Homosexuelle! Katholiken haben doch was gegen Homosexuelle! Nee, sorry Leute, das passt nich so wirklich. Meine Mutter lebt mit einer Frau zusammen seit ich 7 war. Wenn ich das Wort Eltern benutze meine ich damit meine Mutter und ihre Lebensgefährtin. Ich hab natürlich auch einen Vater, den nenn ich Papa. Aber Eltern sind halt die, die mich großgezogen haben. Mein Schülerpraktikum in der neunten Klasse habe ich im Queer Verlag absolviert. Und ich würde es auch nochmal machen, wenn ich ein Praktikum bräuchte. Und man mich ließe. Achja, aber ich bin intolerant gegen Nazis.
Ich bin aber nicht nur für Umwelt- und Tierschutz, sondern auch für Lebensschutz. Das Leben von Flüchtlingen zum Beispiel, aber auch das Leben von denen, die gar keine eigene Stimme haben; Schwerbehinderte oder ungeborene Kinder zum Beispiel. Ich habe schon mal ein Projekt zum Thema Behindertensport begleitet. Und ich bin bei der DKMS als Knochenmarkspender registriert... - Na, aber jetzt nicht rausreden hier! Zugeschnappt! Voll drin in der Abtreibungsgegner-Schublade! Nazi! ...Wie meinen? Siehe oben; Gutmensch, pro Asyl, Umweltschutz und so. Und nein, ich bin nicht der Meinung, ein konservatives Familienideal sei das allein seligmachende. Ich weiß nämlich aus Erfahrung, dass es auch anders geht. Ich finde nur, dass es bei ungewollten Schwangerschaften genug andere Lösungen und Hilfsangebote gibt, und dass man diese Möglichkeiten nicht ignorieren sollte.

Ist Abtreibungsgegner sein so schlimm wie Nazi sein?
Also meine Verwandte, die mit den fremdenfeindlichen Mails, die ist für Abtreibung.
Und sie ist nicht nur keine Katholikin, sie distanziert sich sogar ausdrücklich vom Christentum. Sie sei Buddhistin, sagt sie.

Spätestens an diesem Punkt kommt mein Grübeln über Schubladendenken an seine Grenzen.
Oder auch nicht. - Was ich dazu denke, lässt sich mit dem Satz zusammenfassen: Ich finde es erschreckend, wie Positionen, die auch nur konservativ aussehen, in die Nazi-Ecke gestellt werden. Mit diesem Begriff sollte man nicht spaßen - und die Bedenkenlosigkeit die ich da zuweilen beobachte finde ich pietätlos und beleidigend.

Es gibt mit Sicherheit Vieles, wo ich mit euch einer Meinung bin, und ebenso Vieles, wo sich unsere Ansichten total unterscheiden oder sogar komplett gegenseitig ausschließen.
Leute, was kann ich dafür, dass ich - genau wie bei näherer Betrachtung jeder Mensch - eure Schubladen sprenge?
Macht sie weiter, macht sie bunter. Die Schubladen.

Leben und leben lassen.

Freitag, 9. Oktober 2015

Wider den gesunden Menschenverstand...

... sind manche Aktionen und Gerüchte, die offensichtlich in der Absicht verbreitet werden, Angst zu schüren.


Als ich es zum ersten Mal sah, sah ich es nicht.
Einige meiner Facebook Kontakte posteten einen Black Screen mit dem Kommentar, ein bestimmtes Foto nicht ansehen oder verbreitet wissen zu wollen.
O-Ton war dabei: Wir trauern um Aylan Kurdi. Und wir wollen ein Zeichen setzen für die Würde dieses Kindes, dessen Bild gerade (auch) trauernde Angehörige wieder und wieder sehen müssen, weil es zum Symbol wird.

Dann stoplerte ich über einen Artikel in dem es hieß, man solle der Flüchtlingskatastrophe - durchaus auch mit solchen Bildern - ein Gesicht geben.


Doch es passierte, was passieren musste: die Schlacht begann.

Ebenjener Vater sei Schlepper und außerdem wollte er nur deswegen nicht in der Türkei bleiben, weil er seine Zähne machen lassen wollte...

Oh ja, das Verbreiten von verleumdnerischen Gerüchten über den Vater ist natürlich ein geeignetes Mittel, um gegen die Instrumentalisierung eines toten Kindes zu protestieren.
Und dabei kann man der "Lügenpresse" auch mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt.

Leute, was habt ihr bloß mit eurem gesunden Menschenverstand gemacht?


Ja, die Familie hat zuvor versucht, nach Kanada zu emigrieren.
Ja, es gibt scheinbar zwei abweichende Versionen vom Bericht über die tragische Nacht, beide aus dem Mund des Vaters, der in ebendieser Nacht seine gesamte Familie verlor.
Ja, es ist auch mir nicht gelungen, eine Erklärung dafür zu finden, warum eine Familie, die in jener Nacht ebenfalls zwei Kinder verlor, angibt, der Vater Aylan Kurdis sei Schlepper.

Doch kann ich nach Prüfung der Sachlage feststellen:

In der Türkei wurden bereits mutmaßliche Schlepper, die auch für den Tod von Aylan Kurdi und weiteren Flüchtlingen in jener Nacht verantwortlich sein sollen, verhaftet.
Der Vater von Aylan Kurdi wurde nicht verhaftet.
Es findet sich auch keine andere Person, die diesen Verdacht bestätigt, und das, obwohl in einigen Artikeln von weiteren Zeugen die Rede ist.
In jener Nacht kenterten zwei Schlauchboote. Letztlich lässt sich nicht nachweisen, wer auf welchem war.
Die Interviews wurden beide übersetzt, beide außerdem kurz nach dem Unglück aufgenommen, da muss man nicht annehmen, dass der Vater von Aylan Kurdi lügt, um Unstimmigkeiten zu erklären.
Auffällig ist, dass ein Zeitungsbericht meldet, insgesamt seien drei Kinder unter den Ertrunkenen in Aylan Kurdis Boot gewesen, davon zwei die Geschwister Kurdi, während ebenjene Familie, die bezeugt, Aylan Kurdis Vater sei Schlepper, ebenfalls zwei Kinder bei ihrer Überfahrt verloren hat.
In der Türkei haben die Flüchtlinge keine echten Chancen, sich zu integrieren; statt dessen müssen sie zu Dumpinglöhnen arbeiten, sich irgendwie über Wasser halten. Da ist klar, dass man weiter will, sobald man merkt, dass man nicht zurück kann, weil die Situation zu Hause unverändert ist. Denn in der Türkei kann man sich kein neues Leben aufbauen. Der Vater von Aylan Kurdi hat sogar so schlecht verdient, dass seine Schwester von Kanada aus seine Miete zahlen musste.
Die Türkei verweigert den Flüchtlingen die Anerkennung ihres Status und drängt sie so in ein halbillegales Leben. Dadurch haben sie keine gültigen Papiere und ihre Ausweise sind nichts mehr wert. Sie erhalten keine Ausreisevisa und können sich nicht von der UN als Flüchtlinge registrieren lassen. Im vorliegenden Fall wurde der in Kanada gestellte Asylantrag von Aylan Kurdis Familie abgelehnt, weil eben diese Papiere fehlten.
Dem Vater von Aylan Kurdi fehlen Zähne, weil er von dem IS gefoltert worden war.

Und nicht zuletzt fragt sich doch jeder geistig gesunde Mensch:


Wieso sollte ein Schlepper seine Familie mit auf ein Boot nehmen?

Ein berechnender Geschäftsmann, der sich sehr wohl bewusst ist, dass er Gesetze bricht und seine Klienten in Lebensgefahr bringt, nimmt seine Familie, bestehend aus einer Frau die nicht schwimmen kann und zwei Kleinkindern die ebenfalls Nichtschwimmer sind, mit auf ein überladenes Schlauchboot?
Klar.
Den Medien, die das verbreiten kann man, im Gegensatz zur "Lügenpresse" ja wirklich mal glauben!

Freitag, 28. August 2015

Bloggen für Flüchtlinge





Nicht lustig, und zwar nicht im Sinne der bekannten Website, finde ich, wie die Auseinandersetzung um die momentan zugespitzte Situation von Asylbewerbern von Gruppen dominert wird, welche sich selbst als "die Besorgten" verstehen, während sie gleichzeitig mit propagandistischen Argumenten arbeiten und jede sinnvolle Diskussion im Keim ersticken.

Dabei fallen mir mehrere Sachen auf. Am wichtigsten, und in der Auswirkung auf das öffentliche Leben am deutlichsten, scheint mir jedoch  folgendes:
Die Notlage der betroffenen Flüchtlinge gerät aus dem Blick.
Überhört werden die Stimmen derer, die nicht nur nicht finden, dass die Asylbewerber eigentlich gar nicht hier sein sollten, sondern die auch zu spontaner Hilfe bereit sind.

Natürlich ist es wichtig, dass das Flüchtlingsproblem diskutiert wird.
Dazu muss man jedoch erst mal genug Sachlichkeit aufbringen, um anzuerkennen, dass nicht die Anwesenheit von Asylsuchenden an sich ein Problem ist.
Probleme sind organisatorischer Natur: die Anträge der Flüchtlinge müssen bearbeitet werden, gleichzeitig muss man die Leute während der Bearbeitungszeit irgendwo unterbringen.
Sie sind verwaltungstechnischer Natur: für die Bearbeitung der Anträge braucht es Personal, auch Zugänge zu Hilfeleistungen müssen geregelt werden, auch eine Erfassung von Beruf oder Ausbildung wäre sinnvoll.
Außerdem haben die Asylbewerber häufig auch Probleme, die eine psychologischen Betreuung erfordern.
Doch bevor all dies relevant wird ist es erst mal ein humanitäres Problem.

Hilfe ist vonnöten. Umso mehr, da die Menschen, welche destruktives Verhalten beisteuern, bereits laut sind.
Doch auch eine argumentative Auseinandersetzung ist wichtig. Die öffentliche Diskussion zum Thema sollte sachlicher und konstruktiver werden. Medien, die Stimmung machen und Ängste schüren handeln meiner Meinung nach absolut unverantwortlich.

Und dabei scheinen mir manche Dinge so offensichtlich.

Zum Beispiel: Wieso demonstrieren "die Besorgten" eigentlich vor Flüchtlingsheimen?
Offensichtlich geht es hier darum, Menschen einzuschüchtern und eben nicht um den Wunsch nach politischer Problemlösung. Denn sonst müsste man ja vor den zuständigen Ministerien demonstrieren.
(Mal ganz abgesehen davon, dass ein Gedankengang schon sehr kraus sein muss, wenn er es akzeptabel findet, eh schon traumatisierten Menschen Angst machen zu wollen und gleichzeitig glaubt, man könne die Leute dadurch loswerden, während doch ihr Antrag noch läuft.)

Zum Beispiel: Seit wann ist es akzeptabel, Menschen die nichts haben selbst die Notunterkunft im Baumarkt zu neiden?
Asylbewerber erhalten Sachleistungen wie Essen, Unterkunft und Kleidung sowie ein Taschengeld. Der Gesamtwert aller Leistungen beträgt 287 bis 359 € im Monat und liegt damit unter dem, was Hartz-IV Empfänger zusätzlich zur vom Amt gezahlten Miete bekommen.

Zum Beispiel: Ob ein Asylheim in der Nachbarschaft wirklich ein Grund zur Sorge ist, kann man leicht überprüfen. Wenn man skandierend auf der Straße steht, findet man das jedoch nicht heraus.

Helfen kann man mit seiner Stimme, seiner Zeit, mit Sachspenden oder Geld.

Umso erfreulicher finde ich die Initiative Blogger für Flüchtlinge.

Über Betterplace.org werden Spenden gesammelt.

Ehrenamtliche Hilfe ist äußerst wichtig. Wer selbst keine Zeit oder Mittel hat, kann über den obigen Link helfen.
Wer kann und will, wird sogar dabei unterstützt, sein (freies) WG-Zimmer an Flüchtlinge zu vermieten.

Argumentationshilfen gegen Vorurteile gibt es hier und hier.

Sogar die Humboldtuniversität zu Berlin hat sich etwas einfallen lassen, um Flüchtligen zu Integrationsmöglichkeiten zu verhelfen.

Ich bin im Moment in mehrfacher Hinsicht verhindert:
Dank eines Unfalls kann ich nicht irgendwo hingehen, um zu helfen oder Spenden abzugeben.
Dank meines neuen Jobs und mit abweichendem Zahltag ist mein Konto derzeit bis Oberkante Dispolippe überzogen und ich kann also nichts spenden.

Dennoch erlaube ich mir, hiermit zu Hilfeleistungen aller Art aufzurufen.