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Montag, 27. Februar 2017

laute Trauer

 
Am Jakobsweg. Im Leben ist eben selten was gerade.


Ein Tag von vielen Tagen dieser Art.
Ich gehe bedächtig, freue mich an meinen Schritten und an den vielen Kleinigkeiten um mich herum; der warmen Luft, den blühenden Bäumen, an meiner kraftvollen Sehnsucht und an der dunklen Liebe in mir.
Ich gehe, und zusammen mit meiner Zuversicht und Freude schwebt in mir die Gewissheit, dass ich mich ausweglos verfangen habe, Zweifel wälzen sich hin und her und Trauer und Mitgefühl, Unverständnis und Einsicht rasen über mich hinweg.
Wie kann das nur sein, wie kann das nur sein wie kann das nur sein?
Schließlich muss ich stehen bleiben, ich krümme mich. Ein undefinierbarer Laut dringt aus meiner Kehle.

Trauer war bei mir immer laut. Oder ganz und gar stumm, manchmal beides.

Es gab Zeiten, da konnte ich nichts außer Heulen.
Ich habe sie getragen.
Trauer prägt uns immer den Stempel der Ewigkeit auf.

"Andere Mütter haben auch schöne Söhne." "Du wirst über ihren Tod hinwegkommen." "Das geht vorbei."
Nein, tut es nicht.
Denn die innere Not taucht mich ganz ein, mitten bis in die Ewigkeit reicht der Riss, der durch mich hindurchgeht.

Heutzutage haben wir Menschen ein Problem mit der Endlichkeit des Lebens. Wer redet schon über den Tod? Es geht weiter, heißt es. Und damit schaffen wir uns auch ein Problem mit der Ewigkeit. Denn auch in der Ewigkeit geht es nicht einfach weiter; die Grenzen von gestern, heute und morgen gibt es dort nicht.

Momente tiefer Trauer, Momente in denen wir weder Fragen noch Antworten haben, sondern nur noch zerrissen sind, nehmen uns die vertrauten Kategorien. Heute, gestern, morgen. Aufstehen, schlafen, Karriere machen. All das bedeutet plötzlich nichts mehr.

Meine Oma erzählte mal, wie sie nur wenige Wochen nach dem Unfalltod ihres Sohnes im Baumarkt aufgehalten wurde. Sie hatte beim Bezahlen einige Gegenstände vergessen, die sie einfach in der anderen Hand gehalten hatte und nun komplimentierte man sie in das Büro des Sicherheitsdienstes, ließ sie bezahlen und die Rechtsbelehrung über die erfolgte Anzeige unterschreiben. Etwas unwichtigeres hatte es mit Sicherheit noch nie gegeben.

Man muss begreifen, dass Trauer etwas existentielles sein kann das das genze Sein des Menschen umfasst.

Frisch getrennt und in einen Kollegen verliebt der mich verarschte, während ich die Erlösung aus meiner jahrelangen Einsamkeit der unerfüllten Beziehung in ihn hineinprojizierte, war mir das Tragikkomische an meiner Situation durchaus bewusst.
Ich konnte mich aber daraus nicht befreien - ich musste es durchleben.
Eben das; etwas klar sehen, aber nicht klar handeln zu können, war Teil des tiefen Schmerzes der mich erfüllte.
Die eigene Machtlosigkeit zu spüren und plötzlich zu erfahren, dass diese umso größer ist, je existentieller das Thema was sie betrifft, ist in unserer von Leitsungsdruck und Machbarkeitswahn geprägten Welt eine ebenso existentielle Erfahrung wie der Tod selbst.
Zu erleben wie meine Gefühle eine solch irrationale und unberechenbare Macht entfalten konnten, war schön und schreklich zugleich.

Ich konnte nichts anderes tun als darauf zu vertrauen, dass ein Leben welches mich in solche Stürme führen konnte auch die Kraft haben würde, sie mich überstehen zu lassen.

Das ist der Moment, in dem ich "Ich, Hiob" sagte.

Und genau so wie es für die Trauer keine Worte gibt, sondern nur den unartikulierten Schrei, gibt es auch für den Stolz und die Freude, das überstanden zu haben, nichts als gewaltigen, wortlosen Jubel.

Es ist mehr, als nur das zu schätzen was ich habe und was ich bin. Auch mehr, als das Leben zu feiern. Denn mehr als ich jemals ersehnen konnte fand ich - nicht jenseits vom Regenbogen sondern nach durchlittener Trauer. Kein Traum, sondern Freude, die die Ewigkeit berührt.
Und so danke ich Gott für mein Leben, für meinen Mann, für mein werdendes Kind. Und für die Zeit der Trauer.

______

Dieser Blogartikel entstand als Beitrag zu der Aktion "Alle reden über Trauer".

Sonntag, 22. November 2015

Freiheit herrscht nicht

Christus: König am Kreuz (lizenzfrei über Wikimedia Commons)



"Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. [...] Sein Reich geht niemals unter." (Dan 7,14)
"Der Herr ist König, bekleidet mit Hoheit." (Ps 93,1)
"Ich bin [...] der ist, der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung" (Off 1,8)


Auf dem Rückweg von der sonntäglichen Messe in der Bahn: eine junge Frau mit einem breitkrempigen schwarzen Hut. Sie hat ihre Beine auf die Kante der Heizung zwischen den Sitzen gestellt, beide, so wie ich es im letzten Jahr auch oft gemacht habe. Eine neckische Pose, die nur dann bequem ist, wenn man schlank ist und verhältnismäßig dünne Beine hat.
Unter ihrem weißen Mantel schaut der Saum eines schwarzen Kleides heraus, dazu passend Nylonstrumpfhosen und Ballerinas in gleicher Farbe. Ihr offenes Haar vollendet den Look, der nicht allzu elegant wirkt, sondern schlicht schön und unaufgeregt.


Diese Pose, die tatsächlich so hübsch aussieht, wie sie sich anfühlt, ist mir ein Freiheitssymbol geworden: Wohl deshalb, weil ich nach jahrelangem Frustfressen in unglücklicher Beziehung meine überflüssigen Pfunde gleich mit dem Ex abgelegt hatte und sich so mit dem neuen Lebens- auch ein ganz verändertes Körpergefühl einstellte.

Die sogenannte westliche Welt ist das Land der großen Freiheiten. Wir können uns zu jeder Religion oder Philosophie bekennen, die wir wollen. Oder auch zu keiner. Wir können wählen, welchem Lebensstil wir uns zuwenden, welchen Dingen wir Priorität einräumen.
Freiheit ist ein kultureller Wert, der nicht nur viele Möglichkeiten öffnet, sondern auch sehr anspruchsvoll ist. Die Möglichkeit, sich selbst auszususchen, woran man sich orientiert, bedeutet auch, dass man Unsicherheiten aushalten muss.
Die Freiheit verrät uns eben nicht, was wir sollen, oder was gut für uns wäre.
Auch ich habe nicht zuletzt davon gelebt, meine eigenen Fehler und Irrtumer begehen zu können. Doch ich habe etwas, das mich orientiert, mir hilft, mir stets bewusst zu sein, wer ich bin. Ich habe aus meinen Irrwegen herausgefunden und kam weiter, reich beschenkt mit Erfahrungswissen, das ich durchaus auch unter Schmerzen erworben habe. Und ich denke, dass ich durchaus einen Blick habe für die Vielschichtigkeit meines Lebens. Und, dass ich diese eben auch deshalb aushalten kann, weil es für mich einen Fixpunkt gibt:
Christus ist König.

Aber Moment!
Ist das nicht zu einfach?
Handelt es sich da vielleicht um dieselbe verführerische Religiosität, die so manchen Muslim erst zum Extremismus und dann in die Fänge gewaltbereiter Gruppierungen treibt?
Ich halte nichts von der Idee, Religionen pauschal als Verführung, also als Gefahr, wahrzunehmen. Leider ist es ein Phänomän der säkularisierten Welt, dass viele Menschen Religion nur als etwas denken, das den Blick trübt, oder allenfalls vielleicht noch als letzten Halt derjenigen, die es zu sonst nichts gebracht haben.
Rufen wir uns in Erinnerung, dass Religionsfreiheit nicht die Freiheit von Religion meint!
Religionsfreiheit garantiert, dass jeder das Recht hat, seine Religion auszuüben. Auch im öffentlichen Raum; sei es im Diskurs oder durch Veranstaltungen.
Das recht, keine Religion auszuüben wird dadurch nicht beeinträchtigt - die Präsenz anderer Meinungen muss man in einer Demokratie aushalten, das gilt für Religionen genau so wie für unterschiedliche polotische Ansichten. Die Neigung, diese beiden Rechte als konkurrierend zu verstehen, halte ich nicht nur für unbedacht, sondern auch für gefährlich.

In den westlichen Demokratien wird die verfassungsmäßig gesichert, dass keine Religion, aber auch kein Religionsverbot herrschen darf. Diese Freiheit kann nicht nur durch religiöse Fanatiker in Frage gestellt werden. Vor allem im gesellschaftlichen Diskurs mit den christlichen Konfessionen wird sie zunehmend in Frage gestellt, ganz nach dem Motto: "Hier herrscht Freiheit von Religion." Doch wer solches sagt, hat die Freiheit bereits verraten.

Freiheit

Zu sagen
hier herrscht Freiheit
ist immer
ein Irrtum
oder eine Lüge:
Freiheit
herrscht nicht.

(Erich Fried)


Was aber ist nun mit den für genau heute vorgesehenen Bibelstellen, die Christus als König und Herrscher darstellen?
Am heutugen Sonntag feiert die katholische Kirche das Fest Christkönig, das auch von einigen protestantischen und der anglikanischen Kirche begangen wird.
Also doch ein religiöser Herrschaftsanspruch?

Das Tagesevangelium zeigt uns Jesus vor Pilatus.
Eben kein mächtiger Weltenherrscher, sondern der, der sich für uns dem Tod ausliefert, wie es auch einige Verse vor der oben von mir zitierten Stelle in der Offenbarung heißt: "Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut, er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott" (Off 1,6-7).
"Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.", sagt Jesus zu Pilatus (Joh 18,36), und lässt sich zum Tode verurteilen.

Was also sagt dieses Fest?
Es will die Gläubigen daran erinnern, dass sie zwar in der Welt leben, aber, in Kreuz und Auferstehung verbunden mit Jesus, nicht von der Welt sind.
In der Nazizeit wurde das Fest, damals noch im Oktober gelegen, als Gegengewicht gegen die Ideologie der Nazis und den dort herrschenden Führerkult verstanden. Christus ist es, der den Christen verbindliche Maßstäbe setzt, und kein weltlicher Herrscher kann diese Maßstäbe aushebeln - in Zeiten von Diktatur und Terror heißt das zunächst einmal, passiven Widerstand zu üben, Verfolgten zu helfen und sich selbst nicht an Hetze und Kult zu beteiligen.
In den Herzen der Christen soll Christus als König regieren: weder die Verführungen von Macht, Wohlstand und Vergnügen, noch Ängste oder Anbiederung an politische Verhältnisse sollen dagegen ankommen.
Das Reich Christi gibt es nicht als weltliches Territorium. Es existiert nur dort, wo die Liebe und Barmherzigkeit Gottes in den Herzen der Gläubigen regiert und sie selbst liebevoll und barmherzig werden lässt.

Unabhängig davon, ob wir eine solche Weltsicht teilen können oder nicht: Wir sollten uns nicht irre machen lassen. Religionen können zwar extremistische Ideologien hervorbringen, doch es gibt in der Geschichte auch genug Beispiele für extremistische Ideologien ohne religiösen Hintergrund.

Vergessen wir nicht, dass Freiheit und Beliebigkeit nicht dasselbe sind: Freiheit heißt eben nicht nur, dass mir erst mal nichts verboten und geboten wird, sondern auch, dass ich anderen nicht einfach so etwas ge- oder verbieten darf. Freiheit bedeutet nicht, dass mir das Ergebnis meines Handelns egal sein darf. Freiheit kennt nicht nur Verantwortung, sie bürdet einem auch mehr Verantwortung auf, als Unfreiheit. Denn wenn keiner sagt, dass man z.B. seinen One Night Stand nicht der Gefahr der Ansteckung an STI aussetzt, bedeutet das eben nicht, dass es gut wäre, den Partner dieser Gefahr auszusetzen, sondern es bedeutet, dass man sich von selbt seiner Verantwortung für den anderen Menschen bewusst sein sollte; auch dann, wenn dieselbe eben nicht länger anhält als eine Nacht. {Immerhin gibt es ja so etwas wie Kondome; es ist also beileibe nicht so, dass man nur deswegen keine Beziehung oder eben One Night Stands haben könnte...}

Die Freiheit, die wir verteidigen - sei es mit Artikeln, Gebeten, Symbolen in Facebookprofilen oder sonstigen Zeichen der Anteilnahme - gilt für mich und meinen sonntäglichen Weg zur Messe genau so wie für all diejenigen, die den Sonntag anders verbringen.


Die junge Frau muss an derselben Station aussteigen wie ich.
In der verhältnismäßig leeren Bahn erinnert nichts an die Terrorwarnungen, die nach den Anschlägen von Paris ganz Europa verunsichern.
Ich denke an Brüssel, und hoffe, dass ich auch in den nächsten Wochen noch ungestört mit den Öffentlichen durch Berlin fahren und dabei nachdenken kann.

Donnerstag, 19. November 2015

Paris, das Bloggertreffen und die Lesungen des Sonntags

Irgendwie kann man sich ja schon die Frage stellen: Was haben jetzt bitteschön diese drei Dinge miteinander zu tun?!?
Es war Bloggertreffen - und nach dem geselligen Abend, der der ersten Runde folgte, zog ich mich, kränkelnd, vergleichsweise früh zurück. Auf dem Weg vom Clubraum zum Zimmer bemerkte ich, dass die zum Haus gehörende Seminarkirche nicht nur direkt neben dem Gang meiner Zimmernummer liegt, sondern auch rund um die Uhr geöffnet ist.
Während ich allein in der dunklen Kirche vor dem Tabernakel kniete, nur vom Ewigen Licht beleuchtet, wütete in Paris der Terror. Ich erfuhr am nächsten Morgen davon, im Gegensatz zu einem Großteil der anderen Teilnehmer des Bloggertreffens.


Das Leid, das Gott mit uns teilte, um es von uns zu nehmen - Pieta und Kreuzweg (Ausschnitt) in der Seminarkirche


Am nächsten Morgen brauchten wir nur wenige Sekunden, um uns zu einigen, ein Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen in die am Abend geplante Vesper aufzunehmen.
In den Psalmen wurde Bedrängnis vor Gott getragen.
Meine Gedanken wanderten dabei spontan nach Paris, aber auch persönliche Bezüge, etwa zur Bitte des Psalmsängers: "Gib, dass mein Herz sich dem Bösen nicht zuneigt" gingen mir durch den Kopf.
Ich habe bereits sehr früh am Morgen nach den Anschlägen von Paris Mails mit Gerüchten erhalten, nach denen registrierte Flüchtlinge unter den Tätern sein sollen und war einigermaßen entsetzt, wie mit dieser Nachricht Stimmungsmache betrieben wird.

Wir stehen mit Betroffenheit da. Wir gedenken der Opfer und ihrer Angehörigen. Als Christen nehmen wir sie in unser Gebet auf.
Mehr können wir letztlich nicht tun, und die Tatsache, dass bei solchen Anschlägen oft Menschen Kerzen zum Tatort bringen, zeigt, wie groß das Bedürfnis ist, zumindest Anteilnahme zu signalisieren.

Ich muss sagen, dass bei mir ratloses Schweigen vorherrscht.
Betroffenheit macht stumm, und stumm bete ich für die Opfer und ihre Angehörigen.
Stumm breitet sich auch die Furcht in mir aus, wenn ich sehe, dass gewisse Kreise das Attentat zu weiterer Polemisierung missbrauchen.
Ich kann natürlich auch nicht beurteilen, inwieweit ein Anteil der Asylsuchenden in unserem Land gefährlich sein könnte. Dennoch ist mir klar, dass die Flüchtlige eben genau vor dem fliehen, was die Attentäter jetzt nach Paris getragen haben und scheinbar auch in Hannover zu verbreiten suchen - dem Terror des IS und dem Bürgerkrieg.


Zum Sonntag spricht Jesus im Evangelium von den Tagen der Not. Und von dem, was danach kommt.

Nicht nur der Zelebrant dachte dabei spontan an die Terrornacht von Paris, die er auch in seine Predigt einbezog.

Meine Gedanken verknoten sich an dieser Stelle.

Vom Betreiber des missio-Blogs, Johannes Seibel, gab es einige Hintergrundinformationen zum Thema bedrängte Christen im Orient.
Die Leute an der Spitze des IS, der auf eine wahhabitische Sekte zurückgeht, sind grob gesagt gegen alle. Dahinter steckt, soweit es mir aus dem Gespräch richtig im Kopf geblieben ist, neben der besonders radikalen Auslegung des Islam letztlich die Annahme, man könne und solle das Ende der Welt und damit den Sieg Gottes aktiv herbeiführen, indem man für apokalyptische Zustände sorgt.

In Bezug auf Paris kann man wohl sagen, dass es bei der momentan aufgrund der Flüchtlingskrise angespannten Lage in Europa kaum etwas effektiveres gibt, als einen als Flüchtling registrierten Terroristen bei einem Anschlag mitwirken zu lassen.
Umso wichtiger ist es, dass wir besonnnen bleiben. Viel können wir als einzelne Bürger nicht tun, aber der grassierenden Stimmungmache widerstehen und entgegenzuwirken scheint mir Pflicht jedes Einzelnen zu sein.
Machen wir uns nichts vor: Ängste und Sorgen kleinzureden ist genau so schädlich, wie diese aufzubauschen. Gerade der Eindruck, dass die Politik die Lage nicht im Griff hat, treibt so manchen wirklich nur besorgten Normalbürger in die Fänge von PEGIDA und Co. Doch das Skandieren von Sprüchen, das Verbreiten von negatien Vorurteilen und Verallgemeinerungen usw. helfen wohl kaum dabei, das Eintreten apokalyptischer Zustände zu verhindern. Brennende Heime beweisen dies eindrucksvoll.
Denken wir daran, dass alle Opfer von Gewalt zu beklagen sind; seien es nun Pariser Bürger, die einfach nur ein Café oder Konzert besucht haben, Flüchtlinge, die in einem Heim unterkommen sollten, oder Menschen, die in den Krisengebieten zu Tode kommen. Die Anschläge in Beirut mögen in unserer eurozentrischen Perspektive untergehen, doch sie stellen für die allgemeine Destabillisierung der Lage ein weit größeres Risiko dar.

Christen haben im Orient traditionell auch schon immer eine Vermittlerrolle gehabt und ihre Präsenz ist für den Frieden zwischen den verschiedenen Ethnien und Gruppen der Region vielerorts wichtig.

Was aber sagt eigentlich die Bibel zum Thema Apokalypse?
Wenn auch wir auf das Ende der Welt warten; wie ist dann die Position zur Gewalt?
Niemand kennt den Tag noch die Stunde, sondern nur der Vater, sagt Jesus im Evangelium.
Zunächst mal ist es aus christlicher Sicht schlichtweg Hybris, und damit Sünde, zu glauben, man könne auf den Lauf der Welt in diesem globalen Sinne Einfluss nehmen.

In den Evangelien und auch in Texten des Alten Testaments ist vielfach von einer Zeit der Not die Rede, oft im Zusammenhang mit Naturkatastrophen.
Doch nicht auf dem Szenario liegt der Schwerpunkt: Die Bibel ist kein Ort für Unheilsprophezeihungen.
Als Christen sollen wir keine Angst haben.
Der Gott, der nach dem christlichen Glauben am Ende der Welt wiederkommt, ist Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene.
Der, der für uns ein Leben in der Welt und den Tod auf sich genommen hat.
Der, der uns aus der Verhaftung in der Sünde befreit, und nach seiner Auferstehung versprochen hat: "Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt."
Der, der uns im Sakrament der Beichte ein immerwährendes Angebot macht, uns zu bessern; zu bereuen, umzukehren, Buße zu tun.
Der, der in der Eucharistie gegenwärtig ist und im Zeichen des Brotes verweilt; sich klein macht, um uns zu stärken.
Der, der nicht nur gerecht ist, sondern auch barmherzig.

So vergleicht Jesus in Mt 24, 29-33 die Endzeit mit dem Frühling; einer Jahreszeit, die bessere Zeiten ankündigt.

Wir sollen wachsam sein, und uns weder von Panikmache noch von Trägheit verführen lassen.
Unsere Sympathie und Verbundenheit gilt den Opfern; doch wir sollen uns auch gegen den Hass auf die wirklichen oder vermeintlichen Täter wappnen.


Beim Bloggertreffen blieb Paris unterschwellig präsent, konnte die Gespräche über Bloggerthemen aber nicht verdrängen. Für mich war es, wie für viele andere, wichtig, einander kennenzulernen. Auch das gehört zum Widerstand gegen das Böse: christliche Gemeinschaft zu leben, einander auch geistlich zu stärken, sich auszutauschen und Gemeinsam zu beten.

In diesem Sinne war das Bloggertreffen ein voller Erfolg.
Ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

Freitag, 9. Oktober 2015

Wider den gesunden Menschenverstand...

... sind manche Aktionen und Gerüchte, die offensichtlich in der Absicht verbreitet werden, Angst zu schüren.


Als ich es zum ersten Mal sah, sah ich es nicht.
Einige meiner Facebook Kontakte posteten einen Black Screen mit dem Kommentar, ein bestimmtes Foto nicht ansehen oder verbreitet wissen zu wollen.
O-Ton war dabei: Wir trauern um Aylan Kurdi. Und wir wollen ein Zeichen setzen für die Würde dieses Kindes, dessen Bild gerade (auch) trauernde Angehörige wieder und wieder sehen müssen, weil es zum Symbol wird.

Dann stoplerte ich über einen Artikel in dem es hieß, man solle der Flüchtlingskatastrophe - durchaus auch mit solchen Bildern - ein Gesicht geben.


Doch es passierte, was passieren musste: die Schlacht begann.

Ebenjener Vater sei Schlepper und außerdem wollte er nur deswegen nicht in der Türkei bleiben, weil er seine Zähne machen lassen wollte...

Oh ja, das Verbreiten von verleumdnerischen Gerüchten über den Vater ist natürlich ein geeignetes Mittel, um gegen die Instrumentalisierung eines toten Kindes zu protestieren.
Und dabei kann man der "Lügenpresse" auch mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt.

Leute, was habt ihr bloß mit eurem gesunden Menschenverstand gemacht?


Ja, die Familie hat zuvor versucht, nach Kanada zu emigrieren.
Ja, es gibt scheinbar zwei abweichende Versionen vom Bericht über die tragische Nacht, beide aus dem Mund des Vaters, der in ebendieser Nacht seine gesamte Familie verlor.
Ja, es ist auch mir nicht gelungen, eine Erklärung dafür zu finden, warum eine Familie, die in jener Nacht ebenfalls zwei Kinder verlor, angibt, der Vater Aylan Kurdis sei Schlepper.

Doch kann ich nach Prüfung der Sachlage feststellen:

In der Türkei wurden bereits mutmaßliche Schlepper, die auch für den Tod von Aylan Kurdi und weiteren Flüchtlingen in jener Nacht verantwortlich sein sollen, verhaftet.
Der Vater von Aylan Kurdi wurde nicht verhaftet.
Es findet sich auch keine andere Person, die diesen Verdacht bestätigt, und das, obwohl in einigen Artikeln von weiteren Zeugen die Rede ist.
In jener Nacht kenterten zwei Schlauchboote. Letztlich lässt sich nicht nachweisen, wer auf welchem war.
Die Interviews wurden beide übersetzt, beide außerdem kurz nach dem Unglück aufgenommen, da muss man nicht annehmen, dass der Vater von Aylan Kurdi lügt, um Unstimmigkeiten zu erklären.
Auffällig ist, dass ein Zeitungsbericht meldet, insgesamt seien drei Kinder unter den Ertrunkenen in Aylan Kurdis Boot gewesen, davon zwei die Geschwister Kurdi, während ebenjene Familie, die bezeugt, Aylan Kurdis Vater sei Schlepper, ebenfalls zwei Kinder bei ihrer Überfahrt verloren hat.
In der Türkei haben die Flüchtlinge keine echten Chancen, sich zu integrieren; statt dessen müssen sie zu Dumpinglöhnen arbeiten, sich irgendwie über Wasser halten. Da ist klar, dass man weiter will, sobald man merkt, dass man nicht zurück kann, weil die Situation zu Hause unverändert ist. Denn in der Türkei kann man sich kein neues Leben aufbauen. Der Vater von Aylan Kurdi hat sogar so schlecht verdient, dass seine Schwester von Kanada aus seine Miete zahlen musste.
Die Türkei verweigert den Flüchtlingen die Anerkennung ihres Status und drängt sie so in ein halbillegales Leben. Dadurch haben sie keine gültigen Papiere und ihre Ausweise sind nichts mehr wert. Sie erhalten keine Ausreisevisa und können sich nicht von der UN als Flüchtlinge registrieren lassen. Im vorliegenden Fall wurde der in Kanada gestellte Asylantrag von Aylan Kurdis Familie abgelehnt, weil eben diese Papiere fehlten.
Dem Vater von Aylan Kurdi fehlen Zähne, weil er von dem IS gefoltert worden war.

Und nicht zuletzt fragt sich doch jeder geistig gesunde Mensch:


Wieso sollte ein Schlepper seine Familie mit auf ein Boot nehmen?

Ein berechnender Geschäftsmann, der sich sehr wohl bewusst ist, dass er Gesetze bricht und seine Klienten in Lebensgefahr bringt, nimmt seine Familie, bestehend aus einer Frau die nicht schwimmen kann und zwei Kleinkindern die ebenfalls Nichtschwimmer sind, mit auf ein überladenes Schlauchboot?
Klar.
Den Medien, die das verbreiten kann man, im Gegensatz zur "Lügenpresse" ja wirklich mal glauben!

Sonntag, 4. Oktober 2015

Vier Monate zusammen und noch immer nicht...

... verblödet, äh verbloggt, äh nein, doch, verblödet


Nein, ich habe nicht die Absicht, etwas dazu zu sagen, wie die Beziehung zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und den Bloggern aussieht im Vergleich dazu wie sie aussehen sollte.

Die Palme auf der ich diese Überschrift fand wurde von jemand anderem gepflanzt:
Ellen Jacobi. Ihr auf dem Jakobsweg spielender Roman "Frau Schick räumt auf" ist besser geschrieben als unsere letzte Nachtlektüre. Nur leider strotzt sie umso mehr von blöden Ideen derselben Art.

Der Roman wurde mir von einer lieben Freundin geliehen. Wäre es mein Buch, hätten wir den Text wohl bereits redigiert. Um 2/3 kürzer wäre es wahrscheinlich ein guter Roman. So beschlossen wir gestern, hm, eigentlich wollen wir ja doch weiterlesen, wir tun einfach so als sei das letzte Kapitel nicht existent.

Man kann sich ja fragen, wieso wor sowas tun. Also schlechte Literatur lesen, die auch noch Themen verunglimpft mit denen wir zwei uns nicht nur besser auskennen als die Autoren, sondern die uns auch noch am Herzen liegen. Nun ja. Sagen wir mal, sich gemeinsam zu amüsieren kann eben viele Formen annehmen... Es ist so ein bisschen wie beim gemeinsamen Schlagabtausch mit der Facebook Repräsentanz des Bistums Münster. (Und wehe hier sagt jetzt einer, wir sollten uns nicht gegenseitig hochjubeln!)

Doch genug der Vorrede.
Her mit der Palme!
Ich zitiere:

"Immer nur verliebt und wie mit Pattex aneinandergeklebt, das führt doch zur Verblödung!" (S. 222)

Wir haben erst mal gelacht.

Doch was genau steckt eigentlich hinter dieserm postfeministischen Liebes-unglauben?
Ich spule mal ein paar Sätze zurück:

"Die meisten jungen Leute haben da heute ja höchst unvernünftige Erwartungen und gehen sofort auseinander, wenn es mit der Romantik in der Ehe nicht mehr klappt. Romantik ist ja geradezu eine neue Religion." (ebd.)

So weit so zustimmungsfähig.
Wir waren auch erst mal direkt erstaunt, wo die Autorin so plötzlich ein weises Wort hernahm.

Doch die dem folgende Gleichsetzung von Liebe, Romantik und Verliebtheit offenbart den Fehler im System.
Aber keine Angst, es geht noch platter:

"Immerhin haben sie und Paulchen einander immer respektiert und auch das Bedürfnis nach Eigenleben. Sie haben ihre Persönlichkeiten nie dem Partnerlook geopfert [...]" (ebd.)

Also. Postfeministische Lebens- und Liebesweisheit mal kurz auf eine Formel gebracht:
Liebe = Romantik = Verliebtheit = das, was einen zu solchen Plattitüden wie Partnerlook treibt = Aufgabe der eigenen Persönlichkeit
Klar.


Nun, ich bin eigentlich schon immer der Meinung gewesen, dass die gegenwärtige Zeit es einem besonders schwer macht, seinen geeigneten Partner zu finden.

Der moralische Liberalismus erlaubt es nämlich, dass romantische Gefühle zur Bedürfnisbefriedigung missbraucht werden.
Doch machen wir uns nichts vor: Das ging früher auch. Und hinterließ weit dramtischere Spuren, wenn etwa eine Sitzengelassene der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt war und, allein, vielleicht aus Familie und Heimat verstoßen, ein ebenso geächtetes Kind durchbringen musste.
Heute ist es nicht im geringsten ungewöhnlich, wechselnde oder eben gar keine Beziehungen zu haben. Ich z.B. bin in der Überzeugung aufgewachsen, allein erziehende Mutter zu sein ist genau so normal wie eine Familie mit Partner zu haben. Natürlich ist diese durch mein kindliches Erleben geprägte Auffassung schon eine gewisse Zuspitzung, lässt sich doch festhalten, dass es in der Gesellschaft schon auch ein Problembewusstsein gibt dafür, dass es eben allein mit Kind schwer ist.

Der Punkt ist: Heutzutage ist es normal, schnell Beziehungen einzugehen und mit dem Partner im Bett zu landen, bevor man Zeit hatte zu überprüfen, ob die Verliebtheit denn auch wirklich zu echter Liebe heranwachsen kann. Verliebtsein ist romantisch, deshalb schön. Stimmt soweit. Falsch aber ist es, anzunehmen, genau deshalb haben Vorsicht und Geduld da nichts zu suchen.

Ja, ich bin meine Beziehungen auch so schnell eingegangen. Alle. Ich konnte schlicht nicht anders, weil es mich zu dem drängte, an den mein Herz sich zu hängen anfing.
Ich habe nie gelernt, wie man es schafft, das Herz aufmerken zu lassen, den Schritt zu lenken und zu verlangsamen, um erst zu prüfen, ob sich denn da, bei diesem, auch Boden findet, auf dem ich und mein Herz leben können.
Dazu kommt, dass Vorsicht dieser Art heute nicht mehr als Sorgfalt erkannt wird. Allzu schnell hält man für Abweisung und Lieblosigkeit was sich doch eigentlich gerade aus echter Liebe speist.
Ist ja auch kein Wunder; in einer Gesellschaft, in der es normal ist, zumindest theoretisch mit jedem ins Bett zu gehen der einem auch nur gefällt.

Als ich 16 war stellte mir eine zwei Jahre ältere Freundin am Telefon die Frage, ob sie noch normal sei. Es ging darum, dass sie mit 18 noch Jungfrau war. Natürlich ist das noch normal, machte ich mich stark.
Aber was ich nicht wusste und was mir die gesamte Atmosphäre um mich herum anders beigebracht hat ist, dass es nicht total absurd ist, mit jemandem den man liebt nicht gleich ins Bett zu geben.
In diesem Sinne haben die Postfeministinnen Recht:
Wer sich von Romantik dazu verführen lässt, Verliebtheit vorschnell mit Liebe gleichzusetzen, macht sich verletzlich und bringt sich in die doppelte Gefahr der Vereinnahmung einer- und des Sitzengelassenwerdens andererseits.

Wenn es in einer übereilt aus romantischer Verblendung eingenangenen Beziehung an Liebe mangelt, ist man in einer ständigen Bringepflicht: Man muss dem anderen jeden Tag aufs Neue beweisen, wie man den anderen am Anfang so begeistern konnte.
Ich werde nie den bodenlos enttäuschten Gesichtsausdruck meines Ex vergessen, als er mir, mit einer Mischung aus Ratlosigeit und Vorwurf, sagte: "Und ich dachte, du wärst fleißig!"
Oder wie er, neben anderen Vorwürfen, die er im Annulierungsprozess erhob, um meine Glaubwürdigkeit zu diskreditieren, schrieb, ich habe bei der morgendlichen Zubereitung von Schnittchen für seine Mutter keine Rücksicht darauf genommen, was sie aufgrund ihres krebsgeschädigten Magens nicht vertrug.

Bringepflicht:
Ich habe, nicht täglich, aber doch gewohnheitsmäßig, solche Sachen gemacht wie für meine Schwiegermutter etwas vorbereiten, dabei - natürlich! - Brotbelag gewählt, den sie bevorzugte und mit der geringen Auswahl versucht, eine durch Abwechslung anregende Mischung zu finden, damit sie sich nicht ausschließlich von Kuchen ernährte, oder gar nichts aß. Weniger erfolgreich war ich in Sachen Haushalt; sowas wie Staubsaugen und Staubwischen etc. habe ich nicht in einem wöchentlichen Rhythmus geschafft, jede Woche die Wäsche zu machen ging meist noch gerade.
Liebe, Zuneigung oder auch nur Respekt konnte ich damit nicht erwerben.

Wahrscheinlich bin ich verblödet.


Aber, liebe Postfeministinnen, diese Phänomene haben mit Liebe nichts zu tun.

Sie werden möglich, weil es heutzutage nicht mehr notwendig ist, sich einer Person an der man ein sexuelles Interesse hat, mit respektvoller Vorsicht zu nähern. Sie werden möglich, weil es heutzutage verpönt ist, abzuwarten und sich zurückzuhalten, bis man wirklich weiß, ob diese Verliebtheit zu echter Liebe wachsen kann, oder ob es sich nur um eine romantische Verblendung handelt. Sie werden möglich, weil man allzu oft nur die Wahl hat, ob man sich jemandem jetzt verpflichtet fühlen soll, weil er einem den Hof macht, oder eben nicht.


Ich bin davon überzeugt, dass eine Erziehung, in der mir beigebracht wird, wie zum Teufel noch mal man es anstellt, seine Jungfräulichkeit zu bewahren, mir (und auch den meisten anderen Menschen!) viel Seelenqual und biografische Irrwege erspart hätte. Aber dieses Wissen ist und bleibt mir verborgen.


Wie habe ich das gelöst?

Ich habe nach einer sehr schmerzhaften Zeit sehr genau gewusst, worauf ich achte, ganz von selbst haben sich anhand der Negativerfahrung in mir die Fragen gebildet: Welche Eigenschaften muss ein Mann haben, damit ich ihn wirklich lieben kann, mit allem was dazugehört? Welche Eigenschaften braucht er, damit er mich so lieben kann wie ich bin? Welche Eigenschaften stören mich an einem Mann so sehr, dass ich ihn nicht verstehen, nicht lieben, nicht respektieren könnte? Welche Eigenschaften würden es ihm erschweren, ja unmöglich machen, mich zu verstehen, zu lieben und zu respektieren?
Das Leben hielt mich fest am Ort der Schmerzen, bis ich auch die Antworten hatte.

Und dann kam das Wunder:
Beim Lesen eines gewissen Blogs ging bei mir ein Licht an und die aus den Antworten gebildete 'innere Liste' klappte auf:
Ich las und las und las und ein Häkchen nach dem anderen erschien.
Ein Screenshot verriet mir den Namen seines Facebook-Profils - genau zwei Tage bevor Zuckerdose ihn aufforderte, seinen realen Namen im Profil anzugeben.
Ein Blick in die Info-Rubrik setzte ein weiteres wichtiges Häkchen in meine Liste.

Und jetzt wollte ich sehen, ob das Potential sich in der Begegnung tatsächlich entladen würde.

Es tat's.

Mein Liebster und ich sind tatsächlich gerade etwas mehr als vier Monate ein Paar.
Und wir können immer wieder erstaund feststellen:
Es ist gar nicht langweilig, sich die ganze Zeit zu sagen, dass man sich lieb hat.
Da braucht man auch kein Pattex.
Und der Partnerlook wird davon auch nicht angelockt.

Freitag, 12. Juni 2015

Ich, Hiob

Hiob denkt

Hiob
Ist einer der nicht fliehen kann.
Nicht vor sich selbst und seinem Schicksal.
Nicht vor seinem Denken und Fühlen.
Nicht vor seiner Aufrichtigkeit und Gottestreue.
Nicht vor Gott.

Niemand hilft ihm.
Geht Hiob auf die Straße
Trifft er Gott.
Geht Hiob in sein Haus
Trifft er Gott.
Geht Hiob in den Tempel
Trifft er Gott.
Geht Hiob in sich
Trifft er Gott.
Nichts gibt es was Hiob tun kann.
Er weiß es.
In seinem Herzen ist Gott.
Wahrheit ist in seinem Herzen.
Hiob sieht Gott.
"Lass mich in Ruhe!" Sagt er.
"Was willst du von mir?"
Gott lächelt.
Er weiß
Hiob trägt ihn im Herzen und kann
Ihn nicht hassen. Selbst sein Fluchen ist Gebet.
Gott wiegt schwer.
Gott geht nicht einfach fort.
Hiob
Ist es zufrieden, nur
Würde er sich gern selbst entfliehen.
Hiob weiß nicht was Heiligkeit ist.
Hiob weiß nicht wozu Heiligkeit ist.
Hiob geht nicht einfach fort.


....
Hiob und Gott

Hiob
Ist einer von den Wenigen die den Vertrag gelesen haben.
Hiob
Hat es ehrlich ernst gemeint als er unterschrieben hat.
"Dein Leben gehört mir allein und ich kann damit machen was ich will.
Dir aber
darf einzig wichtig sein, ob du gehst in Treue zu mir.
Nicht wo.
Nicht wie.
Nicht wohin darfst du dich fragen sondern
Für mich, für mich und immer
Mein."
Hiob hat hochgesehen und Gott ins Angesicht
Als er zu dieser Stelle gekommen war.
Gott ist geduldig.
Hiob ist entflammt und sein Herz brennt in der Brust
Aber er ist nicht blind vor Liebe.
Er sieht ganz klar.
Er sieht Gott an.
Er sieht den Vertrag an.
Die aufrechte Geradheit gefällt ihm, auch
Die gnadenlose Konsequenz darin.
Gott gefällt ihm.
Immer
Wohin er auch geht
Kann er es nicht vergessen: Er hat
Sich dafür entschieden.
Er
Hat die Wahl getroffen und Gott
Schmiedet Hiob in seine Hand,
Je fester sie auf ihm lastet desto mehr.
"Zerbrich mich
Um zu beweisen dass ich dein bin."
Sagt Hiob.


...
Hiob und Theodizee

Für Hiob
Wäre es viel einfacher, anzunehmen
Es gibt keinen Gott.

Der Vertrag ein Traum.

Erkönnte den Versuch aufgeben, weise und gut zu handeln.
Er könnte losgehen und sich mit Dieben lagern.
Durch die Lande ziehen und sich berauschen und sein Unglück
Vergessen.
Aber Hiob
Ist keiner der sich selbst belügt und die Erfahrung
Wie es ist, Gott zu treffen, hat sich tief
Eingegraben in sein ganzes Sein. Er weiß
Dass Strafe und Erwählung
Dasselbe sein können oder zumindest sehr nahe.
Warum kam Gott ihn aufzusuchen?
Er hat gar nicht erst versucht, Gott zu erklären wie ungeeignet er ist; nicht mal dazu
Hat es gereicht. (Vielleicht hätte Gott ihm auch einen Bruder mitgegeben; wer weiß.)
Hiob ängstigt sich.
Er weiß zu genau dass er ein Nichts ist vor Gott.
Hiob hat vor nichts Angst.
Er weiß zu genau dass Gott alles vermag.
Wenn Hiob Gott um etwas bittet so hofft er
Nicht mal, Gott könnte ihm verzeihen, dass er einen Wunsch hat.
Schließlich
Ist Gott Gott.
Er macht was er will.

Dienstag, 12. Mai 2015

Unerklärtes

Gerade die schwer erklärlichen Dinge wären die Leiden die Gott denen schenkt die ihn lieben...

Und auf einmal sehe ich ihn vor mir, Jesus vor der Menge, das "Ecce homo!" im Ohr, das Pilatus der Menge entgegenruft.
Sie haben doch gesehen, wie er umherzog und alle heilte, sind sie nicht auch bei jenen 5000 gewesen die satt wurden von fünf Broten und zwei Fischen? Ist denn einer unter ihnen, der keinen der Geheilten kennt und auch keine seiner Predigten gehört hat?

Sie haben das Dach eines Hauses abgedeckt, um zu ihm zu kommen.
Sie haben zwar nicht verstanden, wer er wirklich ist, aber dass der die Hoffnung der Welt ist, das haben sie gesehen.

Natürlich musste es sein, sollte. Die ungeheuerliche Gabe. Nicht zuletzt um meinetwillen.
Schon klar.

Aber warum diese da jetzt sich hinreißen lassen, laut zu skandieren. "Kreuzige ihn!". Wieder und wieder.
Das ist nicht klar.

Wie schon in Markus 3,5a, was meine Lieblingsversion der Geschichte von der Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand ist. Wegen dieser Stelle. Und, wegen dieser, meine Lieblingsheilungsgeschichte.
"Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz"
(zitiert nach: http://www.bibleserver.com/text/EU/Markus3)

Tja.
Trotzdem weiß ich aber auch nicht.
Aber der Gedanke, dass es ihm auch schon so ging ist schon mal nett zum Festhalten.
Zwar auch nicht zu erklären, aber macht nichts.

Und: (wie ich schon gesagt habe bei Theodizee)
Man kann halt nichts dagegen machen. Jeder benimmt sich doof so gut er kann.
Oder so.
Oder anders.

Dienstag, 21. April 2015

Theodizee

Jeden, erst recht jeden Gläubigen, schlägt einmal die Frage, wie denn das sein kann...
Wie, um Himmels Willen, und wieso, und warum braucht Gott so lange während so viele so verzweifelt schreien, während ich...
Ich.

Denn im Glauben heranwachsen kann nur der, der sich treffen lässt von der Erkenntnis, dass es einen Ort gibt an dem Gottes Allmacht schweigt: mein, dein, freier Wille.
Gott, der Mensch wurde um sich in ebenjenen freien, weder an Gerechtigkeit noch an Einsicht, Vernunft, Logik oder Mitleid gebundenen Willen zu entäußern, bis hin zur Kreuzigung.
Denn die Liebe will nichts was der Geliebte nicht will. Sie liebt. Und ihr Wunsch, wieder geliebt zu werden rührt allein daher, dass sie um ihre heilsame Kraft weiß, sie weiß, wie gut es für den Menschen ist, zu lieben; sich lieben zu lassen.
Und Gott, der gesagt hat, dass er sie ist, der getan hat, was für immer unvergleichlich -
Er ist für unsere Entscheidungen nicht verantwortlich.
Wenn wir umkehren und, endlich, gutes tun wollen, oder vielleicht auch nur dieses eine, kleine, ändern - er ist da. Wenn wir nichts gutes wollen geht er nicht fort. Wann immer wir kommen - er wird sich uns nicht verweigern.

Ich.
Ich allein bin verantwortlich dafür, worauf ich meinen Willen richte.
Kein Gott, keine Vorsehung und kein Schicksal können mich dem entbinden.
Ich kann um gute Eingebungen bitten, um Hilfe, um Handlungsoptionen.
Aber ob ich den Eingebungen folge, was ich mit der Hilfe anfange und welche Option ich wähle ist und bleibt meine Verantwortung.

Ist es denn also falsch zu fragen, wo Gott ist?
Nein, wieso? Er fragt ja auch wo wir sind.