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Sonntag, 18. Dezember 2016

Warten auf ein Wunder

Kinder sind der Schatz der Welt; auch Gott wusste das - und wurde eins



Gott hätte auch aus einem Stein heraus erscheinen können. Oder aus dem Nichts, plötzlich auf der Zinne des Tempels in Jerusalem.

Aber er entschied sich, als Kind zur Welt zu kommen, geboren von Maria.

Gerade das heutige Tagesevangelium zeigt, dass es auch für Maria als Mutter Jesu nicht einfach war. Josef weiß zunächst nicht, dass sie vom Heiligen Geist Gottes Sohn empfangen hat, und muss daher annehmen, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war. So kann ihn erst ein Wunder - die Erscheinung eines Engels - davon abbringen, Maria zu verlassen.


Der in Deutschland geltende Paragraph 219 macht klar, dass wir dafür zuständig sind, dieses Wunder geschehen zu lassen, wenn Schwangere in Not sind. Es heißt dort:
"Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen"

Es sollte klar sein, dass jedes Leben wertvoll ist, dass jedes Kind, das abgetrieben wurde, in der Welt fehlt.

Bei dem Gedanken an Jesus wird das schnell deutlich, aber das gilt auch für andere. Was, wenn es Johannes den Täufer nicht gegeben hätte, oder Paulus...? Oder, um mal etwas allgemeiner zu werden: Kolumbus, Paul Christian Lauterbur, Sarah Huges oder eben Ihre/n besten Freund/in?


Gott ist kein Footballtrainer. Er setzt niemanden auf die Reservebank. Jeder Mensch hat seinen Platz im Spiel des Lebens, einen Platz der nur von ihm und von keinem anderen Menschen auf der Welt ausgefüllt werden kann.
Die Frage, ob es jedem Menschen unbedingt gelingt, herauszufinden, was dieser Platz für ihn ist und dieser Berufung zu folgen, ist noch mal eine andere. Aber jeder Mensch sollte die Chance dazu haben.

Daher sollte es in jeder Beratung klar sein, dass einer Schwangeren in Not jede nur irgendwie denkbare Hilfe angeboten wird; von psychologischer Betreuung und der Hilfe einer Hebamme oder Begleitung bei Arztbesuchen und Behördengängen vor (,während) und nach der Geburt über anonyme Geburt, Unterbringung im Frauenhaus, Freigabe zu Adoption bis hin zur Babyklappe. Und: dass auch der Schwangeren klar gemacht werden muss, dass sie hier über das Leben eines anderen Menschen mit entscheidet.

All dies sieht übrigens der entsprechende Paragraph auch vor.
Es ist keineswegs so, dass das deutsche Gesetz ein Recht auf Abtreibung formuliert.
Im Gegenteil; für das bestehende Verbot von Abtreibungen wird im Paragraph 218a eine eng umgrenzte Ausnahme formuliert, wobei Bedingungen genannt werden unter denen ein Schwangerschaftsabbruch straffrei ist.

In einer Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden die festgelegten Inhalte der Beratung wiefolgt umschrieben:
"Die Schwangerschaftskonfliktberatung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen. Sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen – im Wissen darum, dass das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat."

Und weiter heißt es zu den Inhalten der Beratung:
" Im Einzelnen umfasst die Schwangerschaftskonfliktberatung (§ 5 Absatz 2 SchKG): 
  • das Eintreten in eine Konfliktberatung, wobei erwartet wird, dass die schwangere Frau der sie beratenden Person die Gründe mitteilt, derentwegen sie einen Abbruch der Schwangerschaft erwägt. Die Gesprächs- und Mitwirkungsbereitschaft der schwangeren Frau kann aber nicht erzwungen werden;
  • jede nach Sachlage erforderliche medizinische, soziale und juristische Information, die Darlegung der Rechtsansprüche von Mutter und Kind und der möglichen praktischen Hilfen, insbesondere solcher, die die Fortsetzung der Schwangerschaft und die Lage von Mutter und Kind erleichtern;
  • das Angebot, die schwangere Frau bei der Geltendmachung von Ansprüchen, bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einer Betreuungsmöglichkeit für das Kind und bei der Fortsetzung ihrer Ausbildung zu unterstützen sowie das Angebot einer Nachbetreuung. "

Die nach wie vor hohen Abtreibungszahlen, von denen ein verschwindend geringer Teil auf medizinische oder strafrechtliche Indikation zurückgeht, sprechen eine andere Sprache.

Allzuleicht wird ein Schwangerschaftsabbruch als Möglichkeit zur Behebung eines Missgeschicks verstanden. Allzuschnell wird das Recht auf freie Entfaltung und Lebensplanung der Schwangeren gegen das Recht auf Leben des Kindes ausgespielt.
Eine Schwangerschaft ist aber weder eine Krankheit, noch ein Missgeschick. Sie ist - und zwar durchaus auch aus medizinischer Sicht - ein Wunder.
Klar, eine Verhütungspanne ist ein Missgeschick. Wenn daraus jedoch eine Schwangerschaft entsteht, dann sind auf dem Weg dahin eine Menge weiterer Dinge passiert. Und: jeder Mensch sollte sich dessen bewusst sein, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. Wer Sex haben will, muss bereit sein, das Risiko einer ungeplanten Schwangerschaft auf sich zu nehmen. Mit allen Folgen.

Es scheint mir dringend notwending, dass es wieder mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein rückt, dass Sex immer etwas mit Verantwortung zu tun hat. Gegenüber sich selbst, dem/der Partner/in, gegenüber eventuellen Kindern. Und dass das Leben an sich nun mal nicht zu den Dingen gehört die man einfach so planen kann - ob mit oder ohne unerwarteter Schwangerschaft.

Wie aber soll das nun zugehen, in Zeiten in denen wir uns das Staunen schon längst abgewöhnt haben? In Zeiten des Individualismus, des Materialismus, des Hedonismus - mit Leistungsdruck auf der einen und Spieltrieb und Selbstverwirklichungsideal auf der anderen Seite?

Tja.
Ich warte einfach mal auf ein Wunder.
So etwas wie Weihnachten zum Beispiel.







Dienstag, 10. November 2015

Was tu ich Gutmensch ...

... wenn mein Weltbild bröselt?


Ich bin in letzter Zeit wegen meines Engagements für Flüchtlinge - vor allem deshalb, weil ich mich in privaten Mails sehr oft gegen Vorurteile ausspreche - als leichtgläubiger Gutmensch betitelt worden.

Abgesehen von dem mitleidigen Unterton mit dem diese Zuschreibung geschieht, kann und will ich dem nicht unbedingt widersprechen.
Das einzige, was mich daran beunruhigt ist die Frage, wie verdreht man eigentlich sein muss, um den Begriff "Gutmensch" als Schimpfwort zu gebrauchen. Wie verdreht denken Menschen, die so tun, als sei die Bereitschaft zu sozialem Engagement für Flüchtlinge bestenfalls so etwas wie eine Geisteskrankheit von der die betroffenen Helfer geheilt werden sollten?

Ich bin tatsache tendentiell gutgläubig und habe dank meiner Hilfsbereitschaft schon öfter die Erfahrung gemacht, ausgenutzt, betrogen und dabei vom Nutznießer für diese Gutmütigkeit auch noch verachtet worden zu sein.

Ich bin allerdings auch selbstbewusst und stur. Prinzipiell sehe ich gar nicht ein, warum ich mich unter der Last meiner Erfahrung verbiegen sollte. Wieso sollte ich vergangene Entscheidungen nur deshlab als falsch ansehen, weil das Ergebnis anders war als ich gedacht hatte? Ich habe in den Jahren seit meinem Abitur eine Menge über mich selbst, meine Stärken und Schwächen, aber auch über Handlungsmuster anderer Menschen gelernt. Inzwischen gibt es viele Dinge, auf die ich Acht gebe, während ich früher eher achtlos vertraut habe. Dennoch weigere ich mich grundsätzlich, das Vertrauen an sich aufzugeben. Man kann auch achtsam vertrauen.

"Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn einer dich zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dan gehe gleich zwei mit ihm." Heißt es in Mt. 5,40-41

Ganz zu schweigen von den Bibelstellen, die über das Speisen von Hungernden, das Tränken von Durstigen das Aufnehmen von Fremden, und das Besuchen von Kranken oder Gefangenen sprechen. (Mt 25, 31-46)

Man muss beides können: auf sich Acht geben und den anderen achten.
Nicht zuletzt wächst mir die Kraft zur Tätigen Nächstenliebe aus meiner Liebe zu Gott. Da ich mich und meine Fehler kenne und also weiß, wie viel Geduld ER mit mir haben muss, habe ich auch Geduld mit Anderen. Ich weiß, wie fremd ich bin im Vergleich zu dem, wie ich sein soll, damit ich bei Gott heimisch werden kann, im Vergleich zu den Heiligen, denen ich dennoch zu folgen wage.

Wir sind alle nur Menschen. Da sollte es doch möglich sein, sich zu verständigen, etwas Verständnis für den Anderen zu haben, auch dann, wenn er fremd ist oder eine abweichende Meinung hat.

In letzter Zeit erlebe ich immer wieder Dinge, die mich betroffen machen.
Ich will nicht an den Möglichkeiten menschlicher Kommunikation zweifeln, aber ich sehe sehr wohl, dass Menschen sich der Kommunikation verweigern können und dass dies öfter geschieht, als ich es gedacht hätte.

Als würde das nicht reichen, um mich zu verstören, geht die Verweigerung der Kommunikation weit über ein Ablehnen der Argumente des Anderen hinaus:

In der persönlichen Auseinandersetzung mit den Adressen, die die Bezeichnung "Gutmensch" als Schimpfwort nutzen, erlebe ich, wie Argumente als unglaubwürdig dargestellt oder einfach ignoriert werden. Im Zweifelsfall wird einfach ein Regen mit negativen Gerüchten über mein E-Mail Postfach gegossen; die Liste angeblicher Straftaten und Rangeleien von Asylsuchenden ist schier unendlich. Was auch immer ich zur Widerlegung anbringe wird einfach für unglaubwürdig erklärt. Positive Beispiele und Berichte werden nach dem gleichen Muster negiert.
Nun könnte ich ja die Kommunikation von meiner Seite aus abbrechen. Dazu bin ich aber zu gutmütig. Und mein Gewissen verbietet es mir auch, die entsprechenden Nachrichten einfach zu ignorieren.

Schießlich gehört die Belehrung von Unwissenden zu den sieben Werken der geistigen Barmherzigkeit und ich mag es nicht aufgeben, gegen Irrtümer anzuschreiben.


In der diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung erlebe ich die kommunikative Verweigerung eher aus einer Zuschauerperspektive.
Da wird einem Abtreibungsgegner in linken Kneipen Haus-, in anderen "nur" Auftrittsverbot erteilt. Die Tatsache, dass er mit zu einer Gruppe von Künstlern gehört, die üblicherweise in linken Kneipen auftritt, sollte an sich schon reichen, damit einem dämmert, dass der Mensch vielleicht doch eine etwas vielschichtigere und mit linken Positionen verträglichere Persönlichkeit hat, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist.
Doch diese Differenzierung wird Abtreibungsgegnern pauschal verweigert. Niemand scheint sich die Mühe zu machen, mal in Betracht zu ziehen, dass jemand der gegen Abtreibungen ist, eigentlich nur etwas gegen Kindstötung im Mutterleib hat, ansonsten aber durchaus für sexuelle Vielfalt, Hilfe und Schutz für Frauen in Not und anderes mehr sein kann. Statt dessen wird so getan, als sei eine Abtreibung die einzige Möglichkeit, Frauen in Not zu helfen oder sexuelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.
Sie ist es nicht. Einfach nein.
Es gibt nicht nur viel mehr, sondern auch bessere Möglichkeiten.

Ebenfalls nur indirekt habe ich erlebt, wie zwei Andersdenkenden der Einlass in eine Diskussionsveranstaltung verweigert wurde.
Dazu möchte ich mal gerne eine persönliche Anmerkung machen:
Ich habe von der Veranstaltung durch meinen Lieblingsblogger erfahren und wäre mit ihm dort hingegangen, wenn ich nicht durch Krankheit verhindert worden wäre. Die Veranstaltung hat mich deshalb interessiert, weil ihr Titel eine kritische Auseinandersetzung mit PID, künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft versprach. Dies überzeigte mich davon, dass es hier Schnittpunkte zwischen meinen Ansichten als Abtreibungsgegnerin und den Ansichten der Veranstalterinnen geben müsse.

Vielleicht handelt es sich dabei um einen Fall akuter "Blauäugigkeit", aber ich hatte mir meinen Besuch bei der Veranstaltung so vorgestellt, dass in der Diskussion deutlich werden würde, inwieweit es auch aus Queer- Feministischer Perspektive sinnvoll sein kann, dem Thema Abtreibung kritisch gegenüberzustehen.
Zumindest insoweit als PID, künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft damit in Zusammenhang und vor demselben Gedanklichen Hintergrund stehen.
Insgesamt geht oder ging es mir dabei um das Problem, dass das Kind eben nicht mehr an sich einen Wert als Mensch hat, sondern dieser Wert und damit das Recht auf Leben nur zugestanden wird, wenn es gesund ist oder erwünschte Eigenschaften hat (PID), wenn Menschen der Meinung sind, es für ihr persönliches Glück zu brauchen und ihm dafür gegebenenfalls die Möglichkeit nehmen, etwas über die eigenen biologischen Eltern zu wissen (künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft) oder eben wenn es gerade in den Kram passt (Abtreibung).
Dabei hätte man, so dachte ich, ja auch mal sagen können, dass es für Menschen in homosexuellen Beziehungen mit Kinderwunsch wahrscheinlich leichter wäre, ein Kind zu adoptieren, wenn weniger Kinder abgetrieben würden und diese dann zur Adoption stünden.

Aber wie gesagt. Ich war da wohl sehr "blauäugig". Tatsächlich stellte ich mir das einfach vor.
{Es scheint jedoch noch einfacher zu sein, zu behaupten, es sei ja kein Mensch, was da in einer Schwangeren heranwächst. Oder einfach zu sagen, es sei doch besser für das Kind, gar nicht erst geboren zu werden.}


Außerdem kann ich in letzter Zeit beobachten, wie die Auseinandersetzung mit konservativen Positionen zunehmend keine mehr ist, sondern von einer Diffamierung dieser Meinungen bis hin zur Bedrohung ihrer Vertreter ersetzt wird.

Oder eben auch gleich durch realen Vandalismus oder Brandanschläge.


Um das noch mal in klar zu sagen:
Wegen meiner christlichen Perspektive bin ich dafür, dass Flüchtlingen geholfen werden muss. Und ungeborenen Kindern, und Alten, und Kranken. Und zwar besser geholfen, als mit Abschiebung oder Tod.

Nichts davon verträgt sich mit menschenverachtenden Positionen.

Hingegen halte ich die Behauptung, die Favorisierung eines konservativen Familienbildes sei menschenverachtend für genau so hirnlos, wie die Idee, Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, mit dem Ausdruck "Gutmensch" zu beschimpfen.
Ob ich ein solches habe ist eine andere Frage; schließlich bin ich selbst in einer "Regenbogenfamilie" aufgewachsen.



Irgendwie habe ich den Eindruck, ich befände mich doch in einer sehr kabarettauglichen Lage:
So in zwei, drei Monaten könnte es mir passieren, dass ich auf dem Heimweg von einem Flüchtlingsheim in dem ich ehrenamtlich geholfen habe von Rechten verprügelt werde. Und dann komme ich nach Hause und stelle fest, dass Linke meine Wohnung abgefackelt haben, weil mein Katholizismus sie "nervt".


Die Welt ist und bleibt ein Absurditätenkabinett.


Jesus wusste eben, was er sagte: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdnet werdet!" (Mt. 5,11)


Dennoch: Ich wünschte wirklich, die Menschen würden die Argumente ihrer Gegner wahrnehmen und ihre Diferrenzen ausdiskutieren, anstatt sich mit verbaler, physischer oder psychischer Gewalt zu behelfen.

Was tue ich also?
Argumente darlegen so gut ich kann, was sonst? ("Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig."Phil 3,1)


Freitag, 16. Oktober 2015

Macht die Schubladen bunter!

Schubladendenken ist eine menschliche Grundkonstante.

Unser Gehirn sortiert Informationen, versieht sie mit Etiketten, unter denen sie schneller abgerufen werden können, clustert sie zu Wissensfeldern. Was zu bereits vorhandenen Informationen passt, können wir uns besser merken, ebenso wie Dinge, die mit einem besonderen Ereignis oder mit starken Gefühlen zu tun haben.
Das Ziel unserer Gedächtnisbildung besteht schließlich nicht darin, uns zu einem wandelnden Lexikon zu machen, sondern in der Lebensfähigkeit. Ich zum Beispiel konnte mir Telefonnummern früher leicht merken. Jetzt geht das gar nicht mehr - ist ja eh alles im Handy gespeichert also wozu auch?

Es ist also prinzipiell so, dass jeder seine eigene Real-life-Filterbubble konstruiert. Ganz natürlich.
Auch Menschen, die uns begegnen, ordnen wir in bestimmter Weise ein. Kollege, Vorgesetzter, Freund, Familie, oder die neue Eroberung meines besten Kumpels? Wir erwarten von Menschen Eigenschaften, die zu dem Umfeld passen in dem sie uns begegnen.
Der erste Eindruck zählt.
Dieses Sprichwort zeugt davon, dass uns sehr wohl bewusst ist, wie schnell andere uns in Schubladen stecken und wie schwer es ist, aus so einer Schublade wieder herauszukommen, wenn man einmal drin gelandet ist.
Der erste Eindruck trügt.
Der sprichwörtliche Gegenpart dazu zeigt, dass auch die Fehleranfälligkeit unserer Schubladensortierung keine unbekannte Erfahrung ist.

Ja, auch ich passe in Schubladen. Und zwar eigentlich nicht in weniger, als man denkt, sondern in mehr davon.
Ich bin ein sehr offener Mensch und komme gerne mit anderen ins Gespräch, wobei ich oft recht viel von mir preisgebe. - Die Vertrauensselig-Schublade und die Guter-Kumpel-Schublade.
Ich kann aber auch recht unsicher sein und bin manchmal unbeholfen und verhuscht, manchmal träume ich einfach nur... - die Unhöflich-Schublade, vielleicht sogar eine Eingebildet-Schublade - und das bin ich nun wirklich nicht, ich bin für jeden Scheiß zu haben! Achja, das wäre dann die Mit-der-kann-mann's-ja-machen-Schublade. Aber die Kumpel-Schublade wird von dieser Eigenschaft auch gefüttert und auch die Auf-die-kann-man-sich-verlassen-Schublade.
Ich bin hilfsbereit (Helfersyndrom-Schublade trifft auf Gutgläubigkeits-Schublade) und weiß gleichzeitig, meine Kräfte einzuteilen (Faules-Stück-Schublade).
Jetzt wird's hier aber schon ganz schön bunt.
Und das, bevor ich irgendwas zu meinen Einstellungen und Überzeugungen gesagt habe oder zu meinem Backround.

Tatsächlich beobachte ich in letzter Zeit, wie stark die Leute dazu neigen, jemanden wegen seiner Meinung zu einem Thema in eine Schublade zu stecken und in die xy-Ecke zu stellen.
Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass es vielleicht noch viele andere Themen gibt, zu denen man vielleicht übereinstimmender Meinung ist.
Dies führt dazu, dass man sich mit der Person und oder der fraglichen Meinung gar nicht mehr auseinandersetzen will: Ab in den Giftschrank und ruhe im Karton!

Ich persönlich denke schon, dass es legitim ist, ein bestimmtes Thema nicht diskutieren zu wollen. Manchmal kann man gerade nicht. Weil es einen zu sehr aufregt, oder weil persönliche Gefühle es einem nicht erlauben, sachlich zu bleiben, oder weil es einem so wichtig ist, dass man es nicht erträgt, wenn jemand die eigene Meinung nicht teilt.

Zum Beispiel bekomme ich seit mehreren Wochen täglich Mails mit Links zu fremdenfeindlichen Artikeln. Manchmal checke ich mein Postfach tagelang nicht, weil ich einfach keinen Bock habe auf diesen Müll.
Ich bin mit der Person verwandt, und bevor diese mir zum ersten Mal ihre Meinung über Ausländer kommunizierte, haben wir uns gut in allem verstanden.
Dann habe ich eine zeitlang den Kopf in den Sand gesteckt und mich nicht mehr zurückgemeldet. Doch irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und auf jede fremdenfeindliche Mail geantwortet mit Gegenargumenten, Links mit Gegendarstellungen und Gegenbeispielen. Es hat mich wirklich mitgenommen, den ganzen Geifer lesen zu müssen, und ich habe viel Zeit darauf verwendet, zu recherchieren und dann in Mails meine Ansicht darzulegen. Meine Argumente wurden dabei häufig ignoriert; statt einer konkreten Antwort wurde ich zum Beispiel auf Meldungen über von Ausländern verübten Verbrechen aufmerksam gemacht. Meist habe ich mich einfach nur hilflos gefühlt, manchmal war ich auch würend darüber. Einmal habe ich gesagt, das seien doch alles Propagandameldungen. Gebracht hat es natürlich nichts. Außer, dass die Person mich aus ihrem Verteiler genommen hat. Trotzdem bekomme ich manchmal noch Spam: da ich mich als "Gutmensch" geoutet habe, muss ich "bekehrt" werden.
Nein, ich will das nicht diskutieren. Ich finde es unerträglich, dass man es überhaupt diskutieren muss. Asylrecht ist ein Menschenrecht und basta. Und Menschen, die gerade hier ankommen, schlechte Absichten zu unterstellen, weil man Angst hat vor dem was man nicht gewohnt ist, ist einfach ungerecht. Punkt.
Dennoch werde ich weiterhin mit der Person reden. Und wenn es sein muss, auch darüber. Letztlich steckt da vielleicht auch so etwas wie Trotz drin: wäre ja noch schöner, sie in dem Glauben zu lassen, ihre Einstellung sei normal...
Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass die Person Fremdenfeindlichkeit sehr wohl für normal hält und mich für blind. Das muss ich jetzt aushalten.

Aber zurück zu mir und den Schubladen. Also in Sachen Einstellung ist schon mal die Gutmensch-Schublade hinzugekommen. Über ichhelfe.jetzt habe ich mich als Freiwillige registriert und außerdem unterstütze ich die Aktion bloggerfuerfluechtlinge. Bin ich jetzt in der Refugees-Welcome-Schublade? Schon n bissl rote Farbe zu sehen? Wie wär's mit Grün?
Ich bin tatsächlich der Meinung, man sollte möglichst nur Recycling-, Bio- und Fair-Trade-Produkte verwenden. Jeder nach seinen finanziellen Möglichkeiten natürlich. Ich kaufe durchaus gerne Second-Hand-Klamotten. Außerdem lasse ich die Finger von Palmöl und allem, was selbiges enthält, so gut ich kann. Das ist gar nicht so leicht, denn Palmöl ist sowohl in Kosmetika als auch in Lebensmitteln ein sehr häufiger Inhaltsstoff. Ich mag nur nicht für das Aussterben der Orang-Utans mitverantwortlich sein. Außerdem boykottiere ich Nestle. Zum Glück trinke ich meist nur Leitungswasser, Kaffee oder Tee, denn wenn man das mal bei Tante Wiki nachschlägt, hat man den Eindruck, dass alle Getränkemarken zu Nestle gehören, ganz zu schweigen von Fertigwaren. Die drei Schokoladenhersteller, die nicht Nestle sind, kann ich mir noch merken. Außerdem schmeckt Bio-Schokolade eh besser. Nestle kauft nämlich Brunnen in Entwicklungsländern auf, wodurch dann Menschen der Zugang zu Trinkwasser abgeschnitten wird (und das ist nur eines von vielen Problemen, die der Konzern verursacht). Ich war auch schon auf der "Wir haben's satt" Demo. Öko-Schublade.
Ich bin aber kein Vegetarier. Ignorante-Fleichschfresser-Schublade.

Und jetzt wird's noch besser: ich bin katholischen Glaubens. Seit meinem 18. Lebensjahr, um genau zu sein. Ach du Scheiße, na das ist ja vielleicht ne Schubladennummer! Jetzt wird's lustig:
Konservativ-Schublade. Hm. Ähhh... verträgt sich das mit Öko? Und Gutmensch? Mit Refugees welcome? Nein? Na so'n Pech. Dann passt die wohl nicht, oder wie?
Intoleranz-Schublade. Okay, also... Intolerant gegen wen? Ausländer hatten wir schon. Stimmt also nicht. Ach ja, Homosexuelle! Katholiken haben doch was gegen Homosexuelle! Nee, sorry Leute, das passt nich so wirklich. Meine Mutter lebt mit einer Frau zusammen seit ich 7 war. Wenn ich das Wort Eltern benutze meine ich damit meine Mutter und ihre Lebensgefährtin. Ich hab natürlich auch einen Vater, den nenn ich Papa. Aber Eltern sind halt die, die mich großgezogen haben. Mein Schülerpraktikum in der neunten Klasse habe ich im Queer Verlag absolviert. Und ich würde es auch nochmal machen, wenn ich ein Praktikum bräuchte. Und man mich ließe. Achja, aber ich bin intolerant gegen Nazis.
Ich bin aber nicht nur für Umwelt- und Tierschutz, sondern auch für Lebensschutz. Das Leben von Flüchtlingen zum Beispiel, aber auch das Leben von denen, die gar keine eigene Stimme haben; Schwerbehinderte oder ungeborene Kinder zum Beispiel. Ich habe schon mal ein Projekt zum Thema Behindertensport begleitet. Und ich bin bei der DKMS als Knochenmarkspender registriert... - Na, aber jetzt nicht rausreden hier! Zugeschnappt! Voll drin in der Abtreibungsgegner-Schublade! Nazi! ...Wie meinen? Siehe oben; Gutmensch, pro Asyl, Umweltschutz und so. Und nein, ich bin nicht der Meinung, ein konservatives Familienideal sei das allein seligmachende. Ich weiß nämlich aus Erfahrung, dass es auch anders geht. Ich finde nur, dass es bei ungewollten Schwangerschaften genug andere Lösungen und Hilfsangebote gibt, und dass man diese Möglichkeiten nicht ignorieren sollte.

Ist Abtreibungsgegner sein so schlimm wie Nazi sein?
Also meine Verwandte, die mit den fremdenfeindlichen Mails, die ist für Abtreibung.
Und sie ist nicht nur keine Katholikin, sie distanziert sich sogar ausdrücklich vom Christentum. Sie sei Buddhistin, sagt sie.

Spätestens an diesem Punkt kommt mein Grübeln über Schubladendenken an seine Grenzen.
Oder auch nicht. - Was ich dazu denke, lässt sich mit dem Satz zusammenfassen: Ich finde es erschreckend, wie Positionen, die auch nur konservativ aussehen, in die Nazi-Ecke gestellt werden. Mit diesem Begriff sollte man nicht spaßen - und die Bedenkenlosigkeit die ich da zuweilen beobachte finde ich pietätlos und beleidigend.

Es gibt mit Sicherheit Vieles, wo ich mit euch einer Meinung bin, und ebenso Vieles, wo sich unsere Ansichten total unterscheiden oder sogar komplett gegenseitig ausschließen.
Leute, was kann ich dafür, dass ich - genau wie bei näherer Betrachtung jeder Mensch - eure Schubladen sprenge?
Macht sie weiter, macht sie bunter. Die Schubladen.

Leben und leben lassen.

Sonntag, 20. September 2015

Are we the baddies?

Meine Eindrücke vom Marsch für das Leben.


In diesem Jahr musste ich mir einen Rollstuhl vom DRK ausleihen, um teilnehmen zu können.
Normalerweise komme ich mit den Krücken zurecht - mein Fuß heilt ja nun schon lange genug vor sich hin - aber mehr als 300m am Stück ist zuviel.

Geschoben von meinem Schatz kam ich mir gleichzeitig königlich vor und fühlte mich liebevoll umsorgt, während andererseits ein Gefühl von Unselbstständigkeit nicht ausblieb.

Jedenfalls war alles noch mal extra Abenteuer. Immerhin war ja auch talk like a pirat day, Arrr.
Leinen los und ab ins stürmische Gewässer!

Schon auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Platz vor dem Bundeskanzleramt kamen wir, inzwischen zu viert, an einem aufgemalten Gruß der Gegendemo vorbei:
"My vagina my choice."

Sehr richtig. Wenn man sorgfältig auswählt, wen man wann an seine Vagina lässt, wird man auch nicht ungeplant schwanger. Immer noch das beste Mittel zur Vermeidung von Konfliken, die zu Abtreibung führen könnten.

Ich persönlich halte das ja für einen echten running Gag, dass die Gegendemonstranten beim Marsch für das Leben offenbar so schlecht darüber informiert sind, wofür eigentlich der Marsch für das Leben steht und  voll an der Sache vorbei argumentieren. Wie sagten sie so schön? An einer inhaltlichen Auseinandersetzung sind wir nicht interessiert. Merkt man.
Wobei man sich ja sowieso fragen kann, ob die eigentlich überhaupt bedenken, was sie da brüllen. Doch dazu später.

Voererst veranlassten mich diese Betrachtungen zu dem Kalauer, zur Vermeidung der ungewollten Passage eines ungeplanten Kindes durch die Vagina (wir erinnern uns; "My vagina my choice"), würde sich doch ein Kaiserschnitt eignen.
Immerhin kommt das tote Kind nach einer Abtreibung auch durch selbige raus, es ist also zur Wahrung der Rechte der eigenen Vagina keine geeignete Methode.

Am Platz vor dem Bundeskanzleramt wurden mein Schatz und ich durch die Absperrung auf einen Stelle direkt vorne, rechts von der Bühne, gewinkt.
Bloggerprominenz mit Rollifahrerin im Gepäck: da muss man nicht erst das Deck schrubben.

Die Stimmung war gut, als wir ankamen gab es gerade eine Darbietung des Chors Kunterbunt, ein Behindertenprojekt der Berliner Stadtmission.

Auf einigen Plakaten las man 'Inklusion statt Selektion'.
Andere zeigten Abbildungen von Kleinkindern mit Down-Syndrom oder einfach Familienszenen. Zu lesen war außerdem 'Kinder sind keine Ware', 'Willkommenskultur auch für Babys', 'Echte Männer stehen zu ihrem Kind', 'Kein Tod auf Rezept' und noch viele weitere Sprüche.

Die Rede Martin Lohmanns (hier das Video von 2014) machte deutlich, dass es um die Würde des Menschen geht und um den Respekt vor dem Menschen mit seinen Bedürfnissen, aber auch mit seiner Verantwortung.
In jedem Stadium des Lebens, ob vor der Geburt oder in Krankheit und Alter sagen wir: "Ja zu mehr Hilfe für's Leben".
In diesem Jahr betonte Martin Lohmann besonders, dass es sich um ein Ansinnen handelt, das universell ist und wendete sich damit direkt gegen die Deutung des Marsches für das Leben als Aktion "fundamentalistischer Christen" und/oder "Nazis". Wir brauchen keine Ideologie, wir sind keine Extremisten.

Man muss sich eigentlich nur mal das Handout zum Marsch für das Leben durchlesen, um zu sehen, dass es hier weder um die Favorisierung eines bestimmten Familienbildes noch um die Ächtung sexueller Freiheiten geht. Vielmehr ist das Kind im Mutterleib zu schützen, indem man der Mutter die Hilfe und Aufklärung zukommen lässt, die sie braucht, um auch schwierige Situationen durchzustehen. Wie es zu der (unerwarteten) Schwangerschaft gekommen ist, ist dabei nicht relevant und wird keiner Wertung unterzogen.

Und, anders als unsere Gegner, haben wir die Erkenntnisse moderner Medizin auf dem Schirm:
Nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entsteht neues menschliches Leben. Vom ersten Augenblick an ist der Chromosomensatz, 46XY/XX, vollständig und einzigartig. Haar- und Augenfarbe sind, wie viele andere Anlagen auch, bereits festgelegt, ebenso das Geschlecht. Ab der dritten Woche sind alle Organe angelegt, nur kurze Zeit später ist beim werdenden Kind Schmerzempfinden  vorhanden und das Herz beginnt zu schlagen.
Der Mensch ist Mensch, von Anfang an.
Natürlich kann ein Embryo sich nicht äußern. Aber das kann ein Baby zunächst auch nur sehr eingeschränkt und auch ein dementer Mensch kann die Fähigkeit dazu verlieren.

Wir lassen uns den schwarzen Peter nicht zuspielen. Wir sind nicht die Bösen. Wir sind gegen niemanden - übrigens auch nicht gegen Frauen, die abgetrieben haben: Angebote zur Hilfe bei Problemen nach einer Abtreibung (Post Abortion Syndrom) gibt es außerhalb von Lebensschutzverbänden überhaupt nicht.

Es geht darum, Abtreibungen zu verhindern. Nicht darum, Menschen zu be- oder verurteilen.

Zum Abschluss folgte die Mahnung, sich nicht provozieren zu lassen.
Der Marsch für das Leben ist einerseits eine Gedenkveranstaltung für vor der Geburt getötete Kinder (deshalb tragen wir Kreuze!), andererseits möchte er auf die Thematik aufmerksam machen.
Dabei geht es letztlich darum, dass die Tötung eines Menschen - egal in welcher Verkleidung sie daherkommt - niemals zu rechtfertigen ist.
Aus diesem Grund sind Abtreibungsgegner auch gegen Sterbehilfe, die letztlich eine Wiederkehr von Euthanasie darstellt oder dem zumindest den Weg bereitet.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle der Bericht eines Betroffenen. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch ist er ausdrücklich froh, zu leben und berichtete in einem kleinen Auftritt, dass viele Menschen mit denen er ins Gespräch kam, weil sie ebenfalls einen Sebstmordversuch überlebt hatten, das genau so sehen.

Fröhlich setzten wir uns in Bewegung.
Ich war zufrieden, dass mein Fuß inzwischen schmerzfrei und auch nicht mehr übermäßig empfindlich ist.
Das Laufen in der Menge hätte ich frisch operiert schon allein wegen der Nerven nicht ausgehalten: Auf dem Weg zu einer Kontrolluntersuchung, noch im Krankenhaus, war ich in totale Panik geraten, wenn irgendein Hindernis meinem Rollstuhl oder Fuß auch nur nahe kam. Und mit nahe meine ich an dieser Stelle 'unter 2m Abstand'.

Zunächst begegneten wir nur vereinzelten Krakeelern, Grüppchen von 5 bis 20 Leuten, die ihre Parolen brüllten und schnell passiert waren.
Irgendwer skandierte seinen Hass auf homophobe.
"Was haben die eigentlich für Probleme? Nur weil ich gegen Abtreibung bin, bin ich noch lange nicht homophob." "Doch," weiß mein Schatz, "wer gegen Abtreibung ist, ist automatisch homophob. Aber sag's nicht deiner Mutter."
Logik-fail.
Ich meine, schon allein das: Würden Schwangere die ihr Kind nicht wollen so begleitet, dass sie es zur Adoption freigeben, anstatt es abzutreiben, wäre die Familiengründung doch auch für homosexuelle Paare viel einfacher. Immerhin bleiben, speziell wenn man in-vitro-Fertillisation und Leihmutterschaft kritisch sieht, außer einer Adoption kaum Alternativen.

Unter den Linden kam der Marsch das erste Mal zum Stehen, links und rechts an der Kreuzung laute Gegendemonstranten.

"Are we the baddies?" mimte mein Schatz verschmitzt. Well, I can't see any skulls here, can you?
"Wir tragen doch nur Bilder mit Kindern drauf..."
Ganz ehrlich, wenn ich Gegendemonstrant wäre, wäre es mir peinlich, gegen wen ich da anbrülle. Eine Gruppe von Menschen mit bunten Plakaten und weißen Kreuzen, eine schweigende und teilweise singende Gruppe, eine Gruppe die sich vollkommen friedlich durch die Stadt bewegt, normal gekleidet; niemand vermummt, kein einziger Springerstiefel weit und breit, dafür junge Leute, Behinderte, viele Familien mit Kindern und Geistliche... Ich würde mich spätestens nach 10 Minuten nach Hause schleichen und hoffen, dass mich niemand gesehen hat, wie ich da die personifizierte Harmlosigkeit anbrülle.

Es ging weiter, jemand stimmte ein Lied an, wir kamen wieder zum Stehen, erfuhren, dass es Sitzblockaden gibt, die den Marsch aufhalten.
"Wir sind ein Castortransport", feixte ich.
Ich wusste ja schon immer, dass ich eine ganz besondere Ausstrahlung habe.

Am Straßenrand war eine mit Trommeln ausgestattete Gruppe von Gegendemonstranten. Die Rhythmen gingen mir durchaus in die Beine - wenn ich könnte würde ich zu sowas immer tanzen.

Die Sprüche zeigten sich weniger eingängig:

Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat.
Nun ja. Schon klar, dass die all das blöd finden. Nur irgendwie... Man muss nicht gläubig sein, um das menschliche Leben zu respektieren. Und auch mit Patriarchat hat das nichts zu tun. Der Schutz ungeborenen Lebens kann in einer patriarchalen Gesellschaft genau so schief gehen oder eben funktionieren wie in einer matriarchalen oder gleichbereichtigten. Glaubt es oder nicht; durch welche Strukturen gewährleistet wird, dass Frauen in Konfliktschwangerschaften so betreut werden, dass sie das Kind - bei Bedarf anonym und geschützt - zur Welt bringen können, ist mir egal.

Eure Kinder werden so wie wir, eure Kinder werden alle queer.
Warum auch nicht? In diesem Fall könnten sie bestimmt davon profitieren, dass ihre Großmutter in einer lesbischen Beziehung lebt. Sicherlich werden sie so oder so ihre Kämpfe mit dem modernen 'jeder darf alles immer und sofort'- Ethos haben, der den Umgang mit der menschlichen Sexualität zur Zeit bestimmt.

Gegen Macker und Rassisten, fight the power, fight the system!
Bin ich voll dafür. Ich bin eindeutig gegen jede Form von Rassismus. Und gegen Macker sowieso. Aber was wollen die dann von uns? Also hier im Marsch sind keine Vertreter der aufgezählten Personengruppen... Habt ihr euch in der Adresse geirrt?

Christen, lasst das beten sein, zieht euch Emma Goldmann rein.
Wieso? Man kann doch das eine tun und das andere nicht lassen. Wie wäre es z.B. mit folgendem Zitat:
"The ultimate end of all revolutionary social change is to establish the sanctity of human life, the dignity of man, the right of every human being to dignity and well-being." Dem stimme ich zu. Wieso seit ihr der Meinung, dass diese Aussage nicht für ungeborene Kinder gilt?
Emma Goldmann übrigens nennt die Fähigkeit, einem Kind das Leben zu schenken, das großartigste Privileg der Frau. Ebendiesen Essay, "Das Tragische an der Emanzipation der Frau", schließt sie mit einem Aufruf der ebenfalls meine volle Zustimmung findet:
"Soll die teilweise Emanzipation tatsächlich zu vollständiger und reiner Emanzipation werden, so muß aufgeräumt werden mit der lächerlichen Vorstellung, geliebt zu werden, Geliebte und Mutter zu sein, sei gleichbedeutend mit Sklave und Untertan zu sein. Es muß aufgeräumt werden mit der absurden Vorstellung des Dualismus der Geschlechter oder daß Mann und Frau Vertreter zweier feindlicher Lager seien.
Kleinlichkeit spaltet, Großzügigkeit verbindet. Laßt uns groß und großzügig sein. Laßt uns über all das Triviale das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. In der echten Beziehung zwischen Mann und Frau wird es keinen Sieger und keinen Besiegten geben sondern nur eines: immer wieder zu geben, um dadurch bereichert zu werden, tiefer empfinden zu können und gütiger zu werden. Dies allein kann die Leere ausfüllen, kann das Tragische an der Emanzipation der Frau ersetzen durch Glück, grenzenloses Glück."
Leute, lasst das Brüllen sein, zieht euch Emma Goldmann rein!

Schließlich geht es weiter.
Auf Höhe des Bebelplatzes treffen wir die größte Masse der Gegendemonstranten. Hasserfüllt schleudert man uns die bekannten Parolen entgegen.
Wir sind am Ende des Zuges und in einer Randposition, die ein Untertauchen in der Menge unserer Mitstreiter unmöglich macht; zumal man sich im Rollstuhl eben auch nicht mal schnell in ein Gruppe reinschieben kann. Ich finde das, so vom Sitzen aus betrachtet, durchaus beängstigend.
Vor mir werden Bannerträger angegeifert: "Euer Plakat kotzt mich sowas von an! Ihr seid zum Kotzen!" Darauf steht: "Willkommenskultur auch für Babys!"
Immer wieder hört man "Haut ab!" (Wir wären schon längst weg, wenn da nicht gewisse Sitzblockaden gewesen wären.) Und "Kein Vergeben und Vergessen, Christen haben Namen und Adressen!"

Das Gesicht einer Frau ist so verzerrt von Hass, dass es sie wirklich zur unkenntlichen Fratze verstellt.
Um Himmels Willen, seht ihr denn nicht gegen wen ihr da anbrüllt? Denke ich nur halb bewusst aber sehr erschrocken.
Nein, sie wollen es nicht sehen.
Denn sonst müssten sie sich ja schämen und das ist nicht gut für's Ego.
Außerdem will so ein Feindbild gepflegt werden. Gerade, wenn man Christen auf dem Schirm hat, sind eben größere Anstrengungen nötig, um nicht mitzubekommen, dass das größtenteils ganz passable Leute sind, und gar keine baddies.

Mittwoch, 19. August 2015

Now it gets hard

Vor einiger Zeit ging ein Aufschrei durch die Social-Media-Welt: Cecil der Löwe war ermordet worden. Von einem amrikanischen Zahnarzt. Und das, obwohl doch jeder anständige Mensch weiß, dass Löwen vom Aussterben bedroht sind und geschützt werden müssen. Übel.
Der Shitstorm hatte sich gewaschen. Gleichzeitig fragten sich so manche Simbabwer, wieso von allen Problemen des Landes gerade Cecil die westlichen Medien erobert hatte. War es wegen des tollen Namens?

So ganz nebenbei ging auch der Planned Parenthood Skandal im Sturm unter.

Eine Abtreibungsfirma, ach nein, ...Care Center irgendwas Organisation, verkauft Organe von abgetriebenen Feten. Mitarbeiter diskutieren beim Essen, wie man die Abtreibung so manipulieren kann, dass begehrte Körperteile intakt bleiben.
Öch nö oder?

Meine Lust, sich mit all diesem zu beschäftigen, wird stark beeinträchtigt von dem spontanen Verlangen, mich zum Heulen in eine Ecke zu hocken und nicht mehr raus zu kommen.

Gleichzeitig bringt die Sache - in Kombination mit Cecil - so einiges an die Oberfläche, das ich gern zu bedenken geben möchte.

Zunächst mal. Was zum Teufel hat das eine mit dem anderen zu tun?




Ein meiner Meinung nach brillianter Artikel in der LA Times hebt hervor, dass Tierschützer und Abtreibungsgegner mit denselben Argumenten und emotionalen Grundhaltungen argumentieren.
Bedrohte Tierarten können sich nicht selbst helfen. Wenn ihr Lebensraum bedroht ist sind sie darauf angewiesen, dass Menschen ihr Existenzrecht anerkennen und gegen Angriffe verteidigen.
Feten können sich nicht selbst helfen. Wenn die Frau, in deren Gebärmutter sie leben, in Schwierigkeiten steckt sind sie darauf angewiesen, dass Menschen ihr zu Hilfe kommen und sie richtig informieren, so dass das werdende Leben gerettet werden kann.

Achja, natürlich ist das bei Konfliktschwangerschaften viel problematischer.
Schließlich kann niemand die Frau zwingen, dem Fetus ihren Körper als Lebensraum zur Verfügung zu stellen.
Mich persönlich irritiert diese Aussage jedes Mal.
Was bitte soll das heißen?
Mein Bauch gehört mir und das Kind der Organspendemafia?
Ich möchte Frauen, die durch eine unerwartete Schwangerschaft vor Probleme gestellt werden, nicht verunglimpfen. Doch dieses Argument scheint mir einfach so absurd, dass ich immer wieder neu verblüfft bin, wenn der Zynismus dahinter unbemerkt bleibt. Schließlich könnte das Kind doch dasselbe sagen. Es ist ja kein Körperteil seiner Mutter, sondern ein eigenes menschliches Lebewesen. Selbst die Plazenta, mit der es über die Nabelschnur verbunden ist, besteht aus Fetalem und mütterlchem Gewebe und ist nicht einfach nur ein Teil des mütterlichen Uterus, sondern eine Art Nahtstelle zwischen beiden Körpern.

Und: Wer sagt eigentlich, dass es für Einheimische betroffener Regionen einfacher ist, auf Naturschutz Rücksicht zu nehmen, als es für eine Mutter in einem westlichen Land wäre, eine Lösung für eine Konfliktschwangerschaft zu finden, bei der das Leben des Kindes nicht geopfert werden muss?
Frauenhäuser, Möglichkeiten zur anonymen Geburt, ein Adoptionsrechtssystem, Babyklappen. Psychologische Beratung und Beistand während einer Problemschwangerschaft sowie Hilfe bei z.B. Wochenbettdepressionen sind nicht schwerer zu organisieren als ein Beratungsgespräch und eine Abtreibung.
Ich bezweifle, dass es für Wilderer immer leichter ist, andere Einkommensquellen aufzutun.

Zugegebenermaßen verfüge ich nicht über detaillierte Kentnisse zum Thema der Ursachen illegalen Raubbaus an der Natur in Entwicklungsländern.
Ich denke jedoch, man kann gar nicht oft genug betonen, dass es in den meisten Ländern der sogenannten westlichen Welt genug Alternativen zur Abtreibung gibt. Sei es der Zugang zu Verhütungsmitteln aller Art, Begleitung einer schwierigen Schwangerschaft oder eine Versorgung im Sinne von anonymer Geburt mit Freigabe des Kindes zur Adoption.

Achja, natürlich ist es leichter, das Problem zu lösen bevor ein Kind daraus wird.
Nach der Befruchtung heißt das entstandene Lebewesen zunächst Zygote, dann Morula, Blastocyste, schließlich Embryo und im letzten Entwicklungsstadium Fötus. Doch zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung ist es ein menschliches Wesen, dessen Chromosomenzahl und -Art es nicht nur als seiner Spezies und einem bestimmten biologischen Geschlecht zugehörig, sondern auch als mit seinen Eltern verwandt definieren.
Das Geschlecht ist etwa ab der 15. Woche sichtbar, ab der 18. Woche schluckt der Fötus Fruchtwasser, nur eine Woche weiter bewegt er sich wahrnehmbar und auch die Herztöne sind bereits stark genug, um hörbar zu werden.

Doch sollte es hier wirklich um die menschliche Gestalt gehen?
Was genau ist denn diese menschliche Gestalt?
Kann man die verlieren, z.B. durch einen entstellenden Unfall mit großflächigen Verbrennungen im Gesicht? Oder wenn man im Alter einen Buckel bekommt?
Gehört da ein bestimmtes Denk- und Artikulationsvermögen dazu? Wie niedrig muss ein IQ sein, damit die betreffende Person kein Mensch mehr ist?

Entweder der Mensch ist Mensch, weil er Mensch ist, oder er ist nichts.

Doch lassen wir doch die Abtreibungsbefürworter selbst sprechen: Was ist denn also das, was nach einer Abtreibung übrig bleibt?

Wie jetzt?
Es ist menschlich genug, um für die Forschung von Interesse zu sein?

Aha.
Mann kann also menschliches Material davon gewinnen... Aber es hat keine Menschenrechte, bzw. kein Recht auf Leben als Mensch. Klar.

Wie genau kann man das (begrifflich) fassen?



Wie jetzt?
Es ist ein Junge?

Ich dachte, es gibt sowas wie Kinderrechte... Und die würden für Jungen jeden Alters gelten, ebenso wie für Mädchen?

Übrigens definiert die UN Kinderrechtskonvention, dass "jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat" ein Kind ist.
Von einer Einschränkung nach unten steht da nichts. Weder "nach der Geburt" noch "ab der [xy-sten] Woche nach der Empfängnis".
In Artikel 6 ist dagegen zu Lesen, dass jedes Kind ein Recht auf Leben hat.