Mittwoch, 3. Januar 2018

SoulKitchen – Die neue Mittwochskolumne

Suse kocht und Tobi bloggt darüber (in Zukunft aber vielleicht auch mal umgekehrt...)

Seit Suse und ich tatsächlich so etwas wie ein Familienleben haben, haben wir immer mal wieder untereinander diskutiert, ob (und wenn ja, wie) wir nicht auch in unseren Blogs stärker unseren Alltag thematisieren sollten. Also quasi Einblicke geben in das Leben punk-affiner junger Dunkelkatholiken, oder so. Was das „Wie“ angeht, hatten (und haben) wir da ein klares Vorbild: Die US-amerikanische Bloggerin Simcha Fisher schreibt seit Menschengedenken (fast) jeden Freitag darüber, was sie ihrer großen Familie (zehn Kinder! Die beiden ältesten sind allerdings mittlerweile auf dem College) die ganze Woche über zum Abendessengekocht hat. Das lesen wir regelmäßig und finden es gar großartig. Nun haben wir zwar längst keine so große Familie, und obendrein kann das jüngste Familienmitglied noch überhaupt keine feste Nahrung zu sich nehmen, aber trotzdem haben wir uns gedacht: So was in der Art könnten wir auch machen. Und wenn wir vielleicht auch weder an die kulinarische Kreativität noch an die amüsante Erzählweise einer Simcha Fisher heranreichen, eignet sich das Thema immerhin dazu, ganz nebenbei ein bisschen Werbung für das Konzept Foodsaving/Foodsharing zu machen. Suse hat nämlich seit Kurzem ihren eigenen offiziellen Foodsaver-Ausweis – und sie wird ihn benutzen!

Dass der erste Tag, über den es etwas Interessantes zu berichten gab, ein Donnerstag war, bedingt es, dass unsere (zukünftig hoffentlich) wöchentliche Foodblog-Kolumne nun also mittwochs erscheint. Passt ja auch ganz gut, wegen Mittwochsklub und so.

Donnerstag: Steakpfanne à la Foodsaving

Gegen Mittag brach Suse zu einem Foodsaving-Einsatz in einem Biomarkt auf, derweil ich zu Hause blieb, das Baby bespaßte und, so gut das nebenbei ging, an meinem vorläufig noch hochgeheimen Buchprojekt arbeitete. Suse hatte im Vorfeld die Vermutung geäußert, ein Foodsaving-Einsatz zwischen Weihnachten und Neujahr könne sich so richtig lohnen – und diese Einschätzung erwies sich als richtig. Es war ein so prachtvoller Beutezug, dass wir, wie im Folgenden detailliert zu schildern sein wird, praktisch die ganze Woche davon essen konnten (wenn auch nicht ausschließlich davon). – An dieser Stelle eine wichtige Klarstellung: Der primäre Sinn von Foodsaving/Foodsharing ist nicht, kein Geld mehr für den eigenen Lebensmittelbedarf ausgeben zu müssen. Es soll eine gemeinnützige Arbeit im besten Sinne sein. Gleichzeitig ist es aber auch überhaupt nicht ehrenrührig, wenn der Foodsaver selbst auch etwas davon hat. Das ist dann quasi die Entlohnung für sein Engagement.

Dem reichen Beutezug entsprechend fiel das Abendessen recht lukullisch aus. Minutensteaks und Schinkenschnitzel, zusammen mit in Scheiben geschnittenen Möhren in der Pfanne gebraten; kurz vor Schluss kam noch Blumenkohl mit in die Pfanne, und zu guter Letzt eine dunkle Bratensoße. Dazu gab's Kartoffelknödel aus dem Kochbeutel; abgesehen vom Soßenbinder waren die der einzige Bestandteil dieser Mahlzeit, der nicht von der Lebensmittelrettungsaktion stammte. Sehr lecker war's – und um mindestens zwei Portionen zu viel. Wenig kochen kann meine Liebste nicht. 



Freitag: Ofenkäse mit Brokkoli und Zucchini, Brot und Schinken

Da zu der Beute aus dem Foodsaving-Einsatz beim Biomarkt auch mehrere Liter Milch gehörten, die kurz vor dem Verfallsdatum standen und verbraucht werden wollten, hatte Suse am Donnerstag zusätzlich zum Abendessen noch Eierkuchen und Milchreis zubereitet; der Milchreis wanderte erst mal ins Kühlfach, die Eierkuchen gab's zum Frühstück. Hier stammte nur die Milch von der Lebensmittelrettung; davon abgesehen gingen die letzten Eier aus unserem Kühlschrank für dieses Frühstück drauf. Mehl, Zucker und Butter hat man ja normalerweise sowieso immer da.



Der Schoko-Knusperzucker war ein (vorweihnachtliches) Geschenk.



Am Nachmittag wurde außerdem Joghurt, der ebenfalls bei der Lebensmittelrettung erbeutet worden war, vernichtet, zusammen mit Clementinen, von denen wir zwar einige selbst gekauft hatten, aber schon vor so geraumer Zeit, dass sie langsam mal dringend verbraucht werden mussten und somit irgendwie auch unter Foodsharing-Kriterien fielen. Dazu, abermals, Schoko-Knusperzucker.



Beim Abendessen stammten dann alle Zutaten vom Foodsaving, und die Zubereitung war denkbar simpel: Käse und Zucchini im Ofen gebacken, Brokkoli im Topf gedünstet, Brot (nur ein bisschen -- den Großteil des erbeuteten Brotes hatten wir weiterverteilt) und Kochschinken (ja, es war Freitag, aber immer noch Weihnachtsoktav! Unser Leben sei ein Fest!) kalt dazu. Theoretisch hätten wir anschließend auch noch die Reste vom Vortag vernichten wollen, aber nach dieser gemischten „Vorspeisen“-Platte waren wir mehr als satt... 



Samstag: Resteessen

Am Nachmittag gab's Verwandtenbesuch zwecks Baby-Angucken, und dabei kamen reichlich Kekse, Schokolade und Lebkuchen (bei Aldi nach den säkularen Weihnachtsfeiertagen zum halben Preis gekauft) auf den Tisch, mit dem Ergebnis, dass sich unser Hunger am Abend in Grenzen hielt. Aber immerhin schafften wir es diesmal, die Reste vom Donnerstag zu verbrauchen.



Sonntag: Rotes Curry mit Bulgur, Gemüsekuchen, Cevapcici mit grünen Bohnen

Zum Fest der Heiligen Familie gab's ein Menü aus mehreren Gängen, von denen die ersten beiden vom Foodsaving stammten und der letzte aus dem eigenen Gefrierfach. Ohne die Cevapcici wäre das Ganze vegetarisch gewesen (das Curry sogar vegan), aber das kann man ja nicht machen an einem Sonn- und Feiertag... 




Da das Baby gegen zehn Uhr abends friedlich einschlief, nutzten wir die Gelegenheit, ebenfalls zu einer einigermaßen zivilisierten Zeit ins Bett zu gehen. Das Mitternachts-Feuerwerk war jedoch so freundlich, uns wieder zu wecken. Toll, wie engagiert selbst in einer atheistischen Metropole wie Berlin alljährlich in das Hochfest der Gottesmutter 'reingefeiert wird...

 Montag: Tortellini in pikanter Gemüsesoße

Hochfest der Gottesmutter, wie gesagt! Heilige Messe war in unserer Kirche erst am Abend, vielleicht aus Rücksicht auf die, die den Jahreswechsel etwas zu ausgiebig gefeiert hatten. Die Hauptmahlzeit des Tages gab es bei uns dennoch erst danach: Tortellini aus dem Gefrierfach, dazu eine selbst kredenzte Soße, in der neben Mais und schwarzen Oliven auch Foodsaving-Tomaten verarbeitet wurden. 



Dienstag: Belegte Baguettes vom Foodsaving

Den Tag (bzw. Abend) hatten wir eigentlich ganz anders geplant. Es stand nämlich ein erneuter Lebensmittelrettungs-Termin an, diesmal in einer Bäckerei; und diesmal wollten wir nur einen geringen Teil der zu erwartenden Ausbeute für uns selbst behalten, zumal wir tags darauf zu verreisen planten. Aus diesem Grund hatten wir uns mit einem befreundeten Priester verabredet, der den Großteil der Backwaren für die in seiner Pfarrei betriebene Suppenküche mitnehmen wollte; bei der Gelegenheit hätten wir dann auch mit ihm zusammen zu Abend essen wollen. Suse hatte geplant, Hähnchenkeulen (vom Foodsaving im Biomarkt) mit Polenta und italienischer Gemüsepfanne aufzutischen. Dann sagte unser Priester-Freund uns jedoch ab, weil er krank war; die Hähnchenkeulen hätten wir zwar theoretisch auch ohne ihn essen können, aber die bereits ein paar Tage zuvor vorbereitete Polenta (die nur noch portionsweise in der Pfanne hätte angebraten werden sollen) war angeschimmelt. Davon abgesehen konnte Suse ihrerseits den Lebensmittelrettungs-Termin in der Bäckerei nicht absagen, womit sich nun die Frage stellte: Wohin mit den ganzen Broten und Brötchen?
Für diese Frage fand sich allerdings relativ leicht eine Lösung: Die Suppenküche des Franziskanerklosters Pankow arbeitet offenbar schon länger mit Foodsharing zusammen, und auf dem Hof der Niederlassung gibt es eine Kiste (mit Zahlenschloss!), in der man rund um die Uhr Lebensmittelspenden deponieren kann. Also teilten wir uns die Arbeit: Suse holte die Backwaren in der Bäckerei ab, und ich brachte den Großteil davon (vier handelsüblich große Einkaufstüten voll mit Brotlaiben und Brötchen) zum Franziskanerkloster. Für uns selbst behielten wir nur einige belegte Baguettes, von denen wir die am leichtesten verderblichen (z.B. mit Thunfisch und Ei) zum Abendbrot verputzten, und ein bisschen Süßgebäck für die Bahnfahrt.



Mittwoch: Mal sehen, ob wir irgendwo Sushi auftreiben können

So, und jetzt sind wir – nach einer Reise, auf der so ziemlich alles schief gegangen ist, was schiefgehen konnte (Details vielleicht ein andermal, aber vielleicht auch lieber nicht...) – in Augsburg, wo morgen die MEHR 2018 beginnt. Und haben Hunger, während zu Hause ein gut gefüllter Gefrierschrank vor sich hin träumt. Das Hotel, in dem wir einquartiert sind, scheint kein Restaurant im eigentlichen Sinne des Wortes zu haben, außerdem schläft das Baby gerade – ein Zustand, den wir nicht aufs Spiel setzen möchten. Also muss sich wohl einer von uns nach draußen wagen und irgendwo in der Nähe ein einigermaßen passables Essen zum Mitnehmen besorgen…



Dienstag, 26. Dezember 2017

Er lag in der Krippe doch seine Herrlichkeit erfüllte das All

... dieser Satz aus dem Stundenbuch ist mir schon vor Jahren beim ersten Lesen nachgegangen. Er hat sich mir eingeprägt, auch heute, wo ich nicht mehr so häufig zum Stundengebet komme bewege ich ihn oft in Kopf und Herz hin und her.

Weihnachten ist für viele Menschen ein Anlass einen Gottesdienst zu besuchen, obwohl sie sonst eher nicht in die Kirche gehen.
Damit ist eine Weinachtspredigt für einen Priester eine anspruchsvolle Sache. Und dass, obwohl die vielen zusätzlichen Messen und Anlässe die auf die normalen Aufgaben des Priesters obendrauf kommen die Weihnachtszeit besonders für Geistliche oft sehr anstrendend macht.

Was soll man den Leuten predigen, die sich von der Christmette oder dem Hochamt am 25.12. eigentlich nur eine erhebende Dekoration ihrer weihnachtlichen Feierlaune erhoffen?
Man möchte ja, dass diese Menschen doch etwas begreifen von dem unglaublichen Geschehen welches Weihnachten feiert. Dem Geschehen, dass uns errettet, ergreift, herausfordert. Dem Geschehen, mit dem es sich gemütlich zu machen eigentlich gar nicht leicht ist; zumindest nicht, wenn man es ernst nimmt.
Man möchte ja, dass die Menschen doch auch wiederkommen. Vielleicht sogar einfach mal an einem normalen Sonntag. Aber auf jeden Fall möchte man verhindern, dass sie die Messe im nächsten Jahr aus ihrem Weihnachtsprogramm streichen.

Kann man diese Ansinnen alle in einer Predigt beachten? Oder ist es vorprogrammiert, dass man dann ausweicht und lieber eine Predigt hält die auch die Weihnachtsansprache den Bundespräsidenten sein könnte; sich also einfach einreiht in die vielen Redner die Weihnachten als Anlass für einen Aufruf zu mehr Menschlichkeit, mehr Miteinander, mehr Herzenswärme ... nutzen?
Vielleicht ist es in unserer Zeit auch normal, dass man auf solche Antworten kommt, wenn man sich fragt: Weshalb ist Gott Mensch geworden? Wir sind es einfach gewohnt, alles unter dem Aspekt der Nützlichkeit zu betrachten.

Aber:
Gott IST Mensch geworden.
Ob wir eine Idee haben, warum er das gemacht hat und wozu uns das vielleicht aufrufen will ist dafür eigentlich irrelevant.
Es ist eine Realität, der wir nicht gleichgültig gegenüberstehen können, die sich aber auch nicht so einfach auflösen lässt wie uns die Botschaften von "christlichen Werten" an Weihnachten glauben machen.

Er lag in der Krippe. Er, dessen Herrlichkeit das All erfüllt.
Er lag in der Krippe und war und blieb dennoch der, von dessen Herrlichkeit das All erfüllt ist.
Gott ist auf die Welt gekommen und hat uns erlöst. Er hat die Welt zu einem Ort gemacht, an dem Gott wohnt.
Zuerst in Maria, die der erste Tabernakel der Geschichte ist; das erste irdische Gefäß, das Gott in seiner ganzen Herrlichkeit beherbergt.
Durch ihr JA wollte Gott physisch Gestalt annehmen und auf der Erde verweilen.
Wir wollen daran denken, dass die Krippe die wir betrachten dem Tabernakel verwandt ist.
 Jene Krippe in die das Kind Jesus von seiner Mutter gebettet wurde, das Kind in der Krippe der Gott der das All erfüllt; - sie war der zweite Tabernakel und der erste von Menschenhand gefertigte Gegenstand seit der Bundeslade, in dem Gott Wohnung nahm.
Die Behausungen in denen Jesus in seinem Erdenleben verweilte hatten alle eines gemeinsam was in der Krippe auf sehr schöne Weise vorausgedeutet ist: sie waren nicht von Dauer.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Gott in die Welt kam um sein Werk zu tun und sie dann wieder zu verlassen.
Zu den Aposteln sagt er: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt."
In der Eucharistie ist er, dessen Herrlichkeit das All erfüllt, bis heute gleichzeitig in armseligen irdischen Gefäßen gegenwärtig. So wie damals, als er in der Krippe lag.
Wie in Maria will er auch in uns Wohnung nehmen, damit wir als lebendige Tabernakel seine Herrlichkeit in die Welt tragen.
Er ist in der Welt aber nicht von der Welt. Und so sollen auch wir leben; in der Welt aber nicht von der Welt.

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Sie wachsen so schnell

"Sie werden ja so schnell groß!"
Diese Aussage, mit einer auf ganz eigene Art verklärenden und zugleich wehmütigen Betonung, hört man oft von Frauen die das Kind bestaunen. Meist sind es Frauen die selbst schon Großeltern sind oder aber Kinder in dem entsprechenden Alter haben, so dass sie zumindest schon Oma sein könnten.

Man weiß zwar was gemeint ist und irgendwie ahnt man schon, dass da irgendwo weiter hinten solche Sachen wie nicht mehr vor der Schule geküsst werden wollen, lieber ohne Eltern Geburtstag feiern wollen und zuerst alleine Urlaub machen und dann alleine wohnen wollen drohen...
Aber man kann es sich dennoch nicht vorstellen inwieweit diese Bemerkung schon jetzt angemessen sein soll.

Bis. Ja bis. ... Heute.

Meine Tochter wird in dieser Nacht zum zweiten Mal in unserem gemeinsamen Leben nicht auf meinem Brustkorb sondern in ihrem Beistellbettchen schlafen.

Seit sie da war hat sie zuerst den ganzen Tag, dann die meiste Zeit des Tages und schließlich mindestens noch die Nächte so verbracht: auf mir, das Köpfchen leicht oberhalb meiner Brüste ruhend, die Arme mal neben Gesicht und Hinterkopf mal über meine Brüste herabhängend, die Beine angehockt auf meinem Bauch. Warm und zart schlief sie auf mir und ich schlief halb aufgesetzt auf dem Rücken in den ein ganzer Stapel Kissen gestopft war.



Nun ist sie schon 5 Zentimeter gewachsen und etwa 2000 Gramm schwerer geworden und dieser Unterschied reicht aus, um dafür zu sorgen, dass die Schwerkraft mehr Einfluss auf sie hat. So rutschte sie immer mal etwas nach unten oder zur Seite und wenn sie ihren Kopf lieber ganz auf meine linke oder rechte Brust legen wollte dann reichte die Unwucht, um sie von mir runterkullern zu lassen.
Was noch ging, da sie auf mir einfach so ruhig und friedlich geschlafen hat. Wenn sie dann im Aufwachen sich zu bewegen anfing so weckte sie mich gleich damit.
Aber schließlich reichen jetzt auch die kleinen Bewegungen die sie im Schlaf macht, um sie von mir runterrutschen zu lassen.

So kam es, dass sie gestern im Morgengrauen, ich war halb wach, von mir runter kullerte.
An sich überhaupt nicht schlimm; auf der einen Seite ist das Beistellbett und auf der anderen geht das Ehebett weiter. Wenn ich nicht eine reflexartige Bewegung gemacht hätte um sie aufzufangen. Diese ließ meinem Arm zwar nicht fix genug vorschnellen um zwischen meiner Tochter und dem Bett zu landen, wohl aber ruckartig genug um sie recht kräftig mit dem Ellenbogen am Kopf zu stoßen.

Wie anrührend es ist, wenn das kleine Wesen sofort aufhört zu schreien und ganz ruhig und zufrieden wird sobald du es in deinen Armen birgst um es zu trösten!

Wir waren natürlich beim Kinderarzt - es ist alles in Ordnung, keine Beule, keine Gehirnerschütterung, nur der Schreck...

Nun also war klar: ab jetzt schläft sie in ihrem Beistellbettchen.

Am Abend war ich ganz darauf konzentriert, sie dazu zu bringen, das Bettchen anzunehmen. Hintragen, sanftestes Ablegen, wieder aufnehmen, noch mal Fläschchen geben bis die kleinen Augen wieder zufallen, dann ganz ganz langsam das Kind so drehen, dass ich es wieder ablegen kann und sie noch langsamer auf die Matratze betten. Meine Hand unter ihrem Kopf lassen. Langsam die Hand wegziehen. Vorsichtig ihre Ärmchen durch den Schlafsack fädeln und den Reißverschluss desselben schließen. Sehen wie ich mich möglichst nahe zu ihr hin legen kann und noch mal meine Hand auf ihrer Brust ruhen lassen damit sie merkt, dass ich da bin.

Aber in der Nacht, als ich sie nach dem Füttern wieder so gegen meine Brust hielt wie ich sie auch sonst trage und sie sich mit einem kleinen Seufzer ankuschelte und merklich in einen noch etwas tieferen Schlaf fiel...

Da stand ich dann doch vor dem Beistellbettchen und vergoss eine Träne.

Sie werden ja so schnell groß!

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Wenn das Kind schläft

In einer Facebook Gruppe für Mamas die diesen Herbst entbunden haben postete eine junge Frau ein Meme folgenden Inhalts:

"Du kannst ja schlafen wenn das Kind schläft." - Ja klar. Und ich esse wenn das Kind isst, koche wenn das Kind kocht, dusche wenn das Kind duscht und kaufe ein wenn das Kind einkauft.

Meine Tochter hat im Moment damit zu kämpfen, dass einerseits das kleine Verdauungssystem noch lange nicht ausgereift ist und andererseits Milch von Natur aus zur Schaumbildung neigt.
Auch erwitert sich ihr Blickfeld in der fünften Lebenswoche von 30 auf 75 Zentimeter und ihr Sehen wird schärfer und kontrastreicher, so dass sie die Welt ganz neu erfährt und entsprechend viel zu verarbeiten hat.

Aber wenn ich immerzu innerlich umgetrieben werde von all dem was ich noch tun muss - oder gerne tun würde denn beides fällt natürlich nicht immer zusammen - übertrage ich zusätzlich meine Unruhe auf das kleine Wesen, das weder Zeit noch Ort kennt sondern nur den Augenblick.

Stattdessen sollte ich wohl von dir lernen meine Kleine; lernen, ganz da zu sein und sonst nichts. Das ist es wohl was die Großem mühsam einüben müssen und was man Gebet nennt oder was zumindest einen Großteil dessen ausmacht was Gebet soll. Leben im Jetzt und Hier und sich vor Gottes Angesicht wissen.
Denn bevor wir dich erziehen erziehst du uns und bevor du anfangen musst zu lernen lernen wir von dir.

Ich habe vor der Geburt meines Kindes schon gewusst, dass es Quatsch ist, ein Baby z.B. zum Schlafen oder Durchschlafen erziehen zu wollen oder zu festen Essenszeiten. Ein Baby braucht die Nähe seiner Eltern, nur ein Ort wo es sie sehen, ihren Atem und Herzschlag hören und ihre Nähe spüren kann ist ein guter Ort. Ein Baby hat einen winzig kleinen Magen und Muttermilch ist schnell verdaut. Ein Baby besitzt überhaupt nicht die kognitive Fähigkeit, etwas "nur aus Jux" zu wollen was es eigentlich gar nicht braucht. All seine Bedürfnisse sind echt - und dringend.
Was ich nicht wusste war z.B., dass Babys bis zum Alter von sechs Monaten überhaupt keine Tiefschlafphase haben, da ihr kleines Gehirn darauf programmiert ist, ständig zu überwachen, dass es nicht allein gelassen wird.

Ich kann auch mal eine halbe Stunde später essen, du nicht.
Ich kann alleine einschlafen und fühle mich meist sicher ohne dem erst nachspüren zu müssen, du nicht.

Mein Kind.
Werde klar im Glauben.
Froh in der Hoffnung.
Fest in der Liebe. 

 

Montag, 18. September 2017

Es handelt sich nämlich bessüchlich der Wahlen...


Nach langer Abwesenheit haben sich bei mir verschiedene Blogideen angestaut und ich weiß eigentlich gar nicht, womit ich anangen soll...

... also mache ich einfach was ganz anderes.



Nun denn:

Aus aktuellem Anlass werde ich mir mal das Wahlprogramm der AfD ansehen.

Kann man die für eine ernsthaft wählbare Partei halten?
Das öffentliche Gebahren ihres Personals spricht dagegen und, wie ich finde, ihre Plakate auch, die ich größtenteils als Sammelplatz peinlicher Plattitüden wahrnehme.



Aber was sagt das Progamm?

Das Erste was mir auffällt ist die Aussage, die Rechtsstaatlichkeit müsse wiederhergestellt werden, und, ein Stück weiter, mit den Verträgen von Maastricht, Schengen und Lissabon sei rechtswiedrig in die Volkssouverenität eingegriffen worden.

Ähh...ja. Bin ich hier richtig? Ist das ein Parteiprogramm oder doch die Vereinssatzung der Aluhüte?
Die Staaten haben ihre Grenzhoheit keineswegs aufgegeben, wie im Weiteren die Aussage zu den o.g. Abkommen begründet wird, sondern nur die Form verändert in der sie diese wahrnehmen. Dies ist durch entsprechende Gesetze bzw. Gesetzesänderungen in den teilnehmenden Ländern geschehen; wie das für Deutschland aussieht kann man z.B. hier nachlesen.

Das Abkommen beinhaltet z.B. Zusammenarbeit der Behörden bei der Strafverfolgung sowie Einheitlichkeit bei der Ausstellung und Verweigerung von Visa für den Schengen Raum und Regelungen zu Kontrollen an dessen Außengrenzen.

Natürlich ist es ein Problem, wenn Länder die Schengen-Außengrenzen haben, z.B. illegal eingereiste einfach weiterleiten, statt sich um die entsprechenden Asylverfahren und ggf. die Abschiebung zu kümmern - sei es nun, weil aus einem der Zielländer entsprechende Signale kommen oder weil die Länder, über die die Menschen einreisen nicht über entsprechende Mittel verfügen, der Ströme Herr zu werden.

Man müsste das mal durchrechnen, ob die Kosten, die aus einer Auflösung des Schengenraumes mit Wiederaufnahme der Grenzkontrollen in jedem einzelnen Land und den Entsprechenden Verkomplizierungen von Außenandelsbeziehungen resultieren würden, tatsächlich niedriger wären als z.B. die Kosten für eine koordinierte europäische Unterstützung von Ländern mit Schengen- Außengrenzen, die diesen Ländern praktisch und effektiv ermöglicht, ihrer Verpflichtung nachzukommen...

Der Vertrag von Maastricht regelt das Spannungsverhältnis zwischen dem Ziel einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und der staatlichen Souverenität seiner Mitgliedsstaaten, um nur ein Beispiel zu nennen, so, dass Beschlüsse in der Regel einstimmig gefasst sein müssen. Es kann also kein Staat in seiner Souverenität verletzt werden, indem er überstimmt wird. Dieser Grunsdatz gilt auch für die zweite Säule, die Gemeinsame Innen- und Rechtspolotik.

Das Bunsesverfassungsgericht erklärte in seinem Urteil (BVerfGE 89, 155) vom 12. Oktober 1993 die Vereinbarkeit des Vertrages mit dem Grundgesetz.

Der Vertrag von Lissabon regelt das Verhältnis der Kompetenzen von EU und Mitglietsstaaten genauer in definiert außerdem die Ziele der Union zu denen Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit gehören.
Man muss diese also keineswegs gegen die EU verteidigen, wie das Programm der AfD suggeriert.

Die genannten Verträge sind völkerrechtliche Verträge zwischen soueränen Staaten, es ist also überflüssig "Das bestehende 'Lissabon-Europa' [...] zurückzuführen zu einer Organisation von Staaten, die auf der Basis völkerrechtlicher Verträge ihre Interessen und Aufgabenwahrnehmung definieren."

Zwischenfazit.
Dem Progamm ist deutlich anzumerken, dass die AfD vor der Flüchtlingskrise eine reine Anti-EU-Partei war.


Das nächste was mir ins Auge sticht ist die Behauptung, in Deutschland habe sich eine so genannte Oligarchie herausgebildet.
Auch hier gilt: was damit eigentlich gemeint ist ist ausreichend unscharf umrissen, so dass es weder verifizier- noch falsifizierbar ist.

Die Aussage als solche und der damit verbundene argwöhnische Blick auf politische Eliten könnte auch im Progamm einer linksextremen Partei stehen, dort würde freilich in der Formulierung das Wort Kapitalismus vorkommen.


Volksentscheide nach Sschweizer Vorbild, nun ja.

Wie man den politischen Betrieb in so regelt, dass das Spannungsverhältnis zwischen Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit auf der einen und Möglichkeiten zur Kontrolle durch die Bürger auf der anderen Seite fruchtbar ausgestaltet ist, gehört zu den wichtigsten Fragen jeder demokratischen Verfassung.

Den Vorschlag zu Volksentscheiden kann man letztlich nur beurteilen, wenn man sich nicht nur die Unterschiede in den einzelnen Gesetzestexten zu Volksabstimmungen in Deutschland und der Schweiz ansieht, sondern auch vergleicht wie häufig und in was für Fragen Volksentscheide in beiden Ländern in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wurden und wie es in den einzelnen Fällen mit der Wahlbeteiligung aussah.

Die Aussage, die CDU würde das deutsche Volk nicht für mündig halten, ist reine Rhetorik. Natürlich flirtet man hier mit dem Gefühl des 'kleinen Bürgers', es werde über seinen Kopf hinweg regiert. Der Nachweis, dass eine Reform des Rechtes zu Volksentscheiden dazu führen würde, dass man sich als Bürger nicht nur weniger machtlos fühlt sondern auch mehr Kompetenzen hat, ist auf theoretischer Ebene nur mit größerem Aufwand zu erbringen, wie ich oben bereits angedeutet habe.

Ähnliches gilt für die Aussagen zu Gewaltenteilung, Trennung von Amt und Mandat, der Macht der Parteien und der Wahl des Bundespräsidenten.

Zur Forderung der Begrenzung von Amtszeiten kann man fragen, ob es wirklich erwünscht ist, dass Politikern keine Gelegenheit gegeben wird, Professionalität zu entwickeln und ob es wirklich so sinnvoll ist, wenn die Regierung mehrheitlich von Personen gestellt wird, die aufgrund mangelnder Erfahrung nicht wissen, wie man politische Prozesse sinnvoll und effizient gestalten kann.

Das Ideal des Bürgerabgeordneten liefert ein gut klingendes Schlagwort. Man sollte jedoch beachten, dass wir nicht in einer Polis leben. Weder sind die Zahlen der zu Regierenden Meschen und die zu entscheidenen Fragen klein genug, als dass jeder da den Überblick behalten könnte, noch ist es so, dass, wie im Falle der griechischen Polis, alle Stimmberechtigten  -  in der attischen Demokratie 15-20% der Bevölkerung - den ganzen Tag Zeit haben, sich mit politischen Diskussionen zu beschäftigen. Im damaligen Gesellschaftssystem arbeiteten diese nämlich nicht, sondern hatten im wahrsten Sinne des Wortes den ganzen Tag lang nichts zu tun als denken, während die Arbeit größtenteils von Sklaven und anderen Bevölkerungsschichten ohne volle Bürgerrechte erledigt wurde.

Auch hier wird also mit Schlagworten gearbeitet, die sich einer sinnvollen Bewertung eher entziehen.

Bei der Diskussion um die europäische Währungsunion verhält es sich ähnlich; was der Euro uns kostet ist schwer zu überblicken, Noch schwerer ist es, eine realistische Prognose dazu abzugeben, was uns eine Wiedereinführung der D-Mark kosten würde.


Überhaupt stehen viele Aussagen im Programm der AfD, deren Grundlage nicht nachvollziehbar ist.
Ein Beispel dafür ist die Forderung nach "diskriminierungsfreie[m] Zugang zu ausländischen Import- und Exportmärkten für deutsche Unternehmen". Ein Nachweis, dass und inwieweit dieser zur Zeit nicht besteht wird nicht diskutuert - und ist auch kaum als möglich anzusehen.


Zur Einwanderungs- und Asylpolitik ist letztlich nicht viel zu sagen; in dem Sinne als das die Positionen hier nicht überraschen.

Die nicht verifizierte Grundthese, dass eine Gesellschaft zwangsläufig daran zerbrechen müsse, wenn es zu starke abweichende Minderheiten gibt, wäre zu diskutieren.

Die Frage nach der Stabilität unseerer Sozialsysteme ist getrennt davon zu stellen.

Einer Radikalisierung und Abschottung von Minderheiten ist es jedenfalls immer förderlich, wenn diese Minderheiten in ihrer Freiheit und ihren Rechten eingeschränkt werden.
Die Forderungen der AfD nach entsprechenden Einschränkungen und/oder Zwängen zur Integration sind daher kitisch zu sehen.


Zu bemerken ist, dass viele Einschränkungen der Religionsfreiheit die die AfD unter der Überschrift "Der Islam in Konflikt mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung" fordert auch alle anderen Religionen betreffen würden.
Dazu nur zwei Beispiele:

Das Verbot einer Verschleierung im Öffentlichen Dienst oder überhaupt in der Öffentlichkeit könnte dazu führen, dass auch Ordensfrauen ihre Tracht nicht mehr tragen können.
Nach dem Verbot von Burkinis am Strand von Cannes machte ein Immam aus Florenz auf dieses Problem aufmerksam, indem er ein entsprechendes Bild auf seiner Facebook Seite postete.

Ähnliches ließe sich über die Eheschließung sagen:
"Die AfD verlangt, eine standesamtliche Eheschließung vor jeder religiösen Trauung rechtlich wieder für verbindlich zu erklären. Religiöse Trauungen können diese staatsrechtliche Voraussetzung zur Anerkennung einer Ehe nicht ersetzen." Dies würde also auch für christliche, jüdische oder schamanische Eheschließungen gelten.
Hier handelt es sich außerdem um eine reine Scheindebatte, da man ja die eherechtlichen Vorteile sowieso nur dann genießen kann, wenn man standesamtlich verheiratet ist - diese Gängelung auf Kosten der Religionsfreiheit ist also überflüssig.
Für die Verhinderung von Kinderehen und ähnlichem sind zivilrechtliche Maßnahmen zu treffen, die letztlich unter den Schutz vor Missbrauch fallen.

Die Forderung, der Religionsausübung Schranken zu setzen wird im Text auf den Islam bezogen, enthält jedoch keine Angaben, die einen Bezug zu anderen Religionen ausschließen.
Wieso sollte man nicht mit der gleichen Argumentation z.B. Frohnleichnamsprozessionen verbieten...?


Die AfD ist nur graduell weniger christenfeindlich als islamfeindlich, man sollte sich da nicht täuschen.
Wie es mit dem Respekt vor Christlichem steht kann man z.B. an dem "Merkel-Unser" sehr gut ablesen. Immerhin das zentrale Gebet der Christenheit, das da für eine billige Verballhornung missbraucht wird.






Die AfD setzt auf eine starke Förderung konservativer Familienmodelle.
Gegen die Stärkug von Familen kann man erst mal nichts sagen; jedoch ist es auch aus christlicher Sicht nicht richtig, Familien in 'ungewöhnlichen Konstellationen' staatlicher Willkür auszusetzen.

Bei Alleinerziehenden z.B. wird vorgeschlagen, vor die Gewährung staatlicher Hilfen eine "Differenzierung, ob diese Lebenssituation schicksalhaft, durch Selbstverschulden oder auf Grund eigener Entscheidung zustande gekommen ist" zu setzen.
Aha. Wer soll das wie beurteilen? Und nach welchen Kriterien?
Wenn sich eine Mutter entscheidet, mit ihrem Kind den Partner zu verlassen, weil sie von diesem ignorant und respektlos behandelt wird - wer sagt dann, was der drei Möglichkeiten hier zutrifft? Kann ihr und dem Kind Hilfe verweigert werden mit der Begründung, es wäre nicht schlimm genug gewesen? Und: hätte sie Hife bekommen, wenn ihr Partner sie 1x öfter am Tag beschimpft hätte? Oder bräuchte sie dann ein psychologisches Gutachten welches ihr bestätigt, dass das Fortführen der Beziehung zum Kindsvater eine unzumutbare Belastung darstellen würde?


Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Familienmodellen wird hier auf eine unangemessene und unnötige Weise forciert.





Zur Frage der Gender-Ideologie und Frühsexualisierung an Schulen kann ich nur empfehlen, mal Biologielehrer und Biologielehrerinnen zu fragen, inwieweit bestimmte Ideen denn wirklich im schulischen Unterricht ankommen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Sexualkundeunterricht eher altmodisch ist, Materialien sich vornehmlich auf die Gefahren von sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollter Schwangerschaft konzentrieren und Aspekte von Beziehung, geschlechtlicher Identität und Verantwortung generell zu kurz kommen. In modernen Schulbüchern finden sich immer Bilder von Homo- und Heterosexuellen Paaren, meist züchtig Händchen haltend. Eine übertriebene Idealisierung von homosexueller Liebe ist mir in Schulmaterialien bisher noch nicht begegnet. Solche Materialien existieren natürlich, aber gehen Sie mal in eine beliebige Schule und fragen dort, wie häufig Lehrwerke gegen andere, neuere Materialien ausgetauscht werden...






Das christliche Gebot der Nächstenliebe gilt für alle Menschen und ist nicht an Vorraussetzungen gebunden. Daher sind viele der Ideen, wie die AfD sich die Regelung sozialstaatlicher Leistungen wünscht, nicht mit dem Christentum vereinbar.

Vom Volkswirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist die Finanzieung von Sozialleistungen immer problematisch - dabei geht es einerseits um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und andererseits um den Bezug zwischen Leistung für die und Hilfe von der Gesellschaft.
Man kann jedoch auch nicht jede Leistung in gleicher Weise messen; ein recht eingängiges Beispiel ist hier der Gesamtbereich von Kunst und Kunstschaffenden.
Die Frage nach der Verteilung von Mitteln ist außerdem auch selbst ein Kostenfaktor - je nachdem nach welchen Kriterien Mittel vergeben werden sollen, kostet es Verwaltungsaufwand, nach diesen Kriterien zu bewerten und auszuwählen. Je anfälliger für Willkür die Kirterien sind desdo höher ist außerdem die Gefahr, dass durch Widerspruch und daraus resultierende Verfahren Folgekosten entstehen.


Iniweweit z.B. ein bedingungsolses Grundeinkommen allein durch die Einsparungen an der dann nicht mehr notwengiden Verwaltung finanzierbar wäre, führt hier zu weit, berührt aber das Thema.


Die Suggestion, Sozialleistungen vorurteilsfrei zu verteilen würde das System in seiner finanziellen und sozialen Stabillität gefährden, gehört zu den stilllen Prämissen des Wahlprogramms der AfD und ist, wie alle Fälle dieser Art, bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes nur mit sehr großem Aufwand vernünftig zu beurteilen.




Um zu beurteilen, inwieweit das Wahlprogramm der AfD jetzt besonders vernünftig oder unvernünftig ist, müsste ich es letztlich mit den Programmen anderer Parteien vergleichen.
Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass sich die von mir wiederholt kritisierten unausgesprochenen Prämissen auch in den Programmen anderer Parteien finden. Behauptungen über den Zustand der Welt, des Landes, der Gesellschaft, die als solche weder zu be- noch zu widerlegen sind, machen wahrscheinlich alle Parteien - nur, dass diese dann eben jeweils anders aussehen.

Ich halte die impliziten Behauptungen die die AfD auf dieser Ebene macht für nicht überzeugend.
Damit ergibt sich letztlich folgendes Fazit:
Wen oder was man wählt ist möglicherweise eher davon abhängig, welche Partei ein dem eignenen ähnliches Weltbild propagiert, als davon, welche konkreten Forderungen sie dann aus diesem Weltbild ableitet.


Das Weltbild, welches sich im Programm der AfD zeigt, ist mit meinem Weltbild nicht kompatibel. Daher halte ich ihren Forderungskatalog als ganzes nicht für sinnvoll. Unabhängig davon, dass ihr Programm durchaus diskutable Einzelposten enthält, kann man diese Partei meiner Meinung nach nicht ernsthaft für wählbar halten.


Zum Titel siehe hier: http://www.textlog.de/tucholsky-besoffener-herr.html

Mittwoch, 17. Mai 2017

Brief eines vermissten Kuscheltieres



Lieber Kai!

Hier schreibt dein Hasi.
Weil ich dich ganz doll vermisse will ich dir wenigstens einen Brief schicken. Bestimmt geht es dir auch so.
Wir haben ja eine tolle Abenteuerreise gehabt! Ich hatte gar nicht gewusst, dass es so große Schiffe gibt!
Ich habe so viele bunte Bilder in meinem kleinen Kopf gehabt. Da habe ich gar nicht gemerkt, wie ihr am Terminal Steinwerder in das Auto gestiegen seid. Die ganze Zeit habe ich mir noch die großen Schiffe angeschaut. Dann wurde es Abend und plötzlich fiel mir auf, dass ich ganz alleine war. Ich habe einen mächtigen Schreck bekommen.
„Oje“, dachte ich mir, „wer soll denn jetzt auf meinen Kai aufpassen?“
Außerdem ist mir auch ein bisschen kalt geworden.
Mir wurde recht bange zumute. Dann kam ein Mann auf den Parkplatz.
„Hallo wer bist du denn?“ Hat er gesagt. Ich konnte bloß nicht antworten, sonst hätte ich ihn gleich gefragt, ob er dich gesehen hat. „Dich wird wohl jemand verloren haben.“
Bis jetzt hatte ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Aber der Mann hatte Recht! Du wärst sonst bestimmt nicht ohne mich losgegangen.
„Nu sei man nich traurig“, brummte der Mann. „Kannst ja mit auf meine Runde kommen, dann bist du nicht so allein.“ Ich war unsicher. „Was, wenn Kai mich suchen kommt und ich dann nicht mehr da bin?“ Dachte ich. Aber inzwischen war es ganz dunkel. Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber ich bekam ein bisschen Angst. Hier draußen so alleine zu bleiben, das wollte ich nicht.
Der Mann nahm mich mit und wir gingen um den ganzen Hafen rum. Ich konnte die vielen Schiffe aus der Nähe ansehen. Große Frachter gab es da, die sahen sehr geheimnisvoll aus so im Licht von Laternen.
„Nu komm man.“ Sagte der Mann. „Das Fundbüro hat heute schon geschlossen. Außerdem ist es bei mir zu Hause  nicht so langweilig.“ Ich fand den Mann ganz nett und irgendwie kam er mir ein bisschen einsam vor. „Vielleicht hat er überhaupt keinen kleinen Freund der auf ihn aufpasst“, dachte ich.
Wir sind ganz schön lange durch Hamburg gefahren und es war sehr aufregend. So viele Straßen und bunte Lichter! Bei dem Mann zu Hause gab es Pizza und ich musste sofort wieder an dich denken.
Der Mann hat mich auf ein gemütliches Kissen gesetzt und mir eine Kuscheldecke gegeben.
Das ist jetzt schon zwei Tage her.
Der Mann hat mir erklärt, dass das Fundbüro am Wochenende zu hat.
„Ich nehm dich mit zur Arbeit,“ hat er gesagt, „damit du dein Zuhause nicht so doll vermisst.“ Der Mann muss nämlich auch am Wochenende bei den Frachtschiffen helfen. Es war sehr spannend. Am besten hat mir das Fahren auf dem Gabelstapler gefallen.

Lieber Kai, wenn du das hier liest, bin ich vielleicht schon auf dem Weg zum Fundbüro. Ich weiß nicht so genau, wie ich zu dir zurückkommen kann. Der Mann ist sehr lieb. Er hat gesagt, wenn sich keiner meldet, darf ich bei ihm wohnen und immer mit auf dem Gabelstapler fahren. Er hat auch nette Kollegen, die haben gelacht und mich am Ohr gekrault.
Vielleicht solltest du dir jemanden suchen, der auf dich aufpassen kann bis ich wieder da bin. Bei dem Gedanken, dass du ganz alleine bist ist mir gar nicht wohl.

Liebe Grüße sendet dein Hasi!

Bild: wikimedia commons
(Namen geändert.)

Montag, 27. Februar 2017

laute Trauer

 
Am Jakobsweg. Im Leben ist eben selten was gerade.


Ein Tag von vielen Tagen dieser Art.
Ich gehe bedächtig, freue mich an meinen Schritten und an den vielen Kleinigkeiten um mich herum; der warmen Luft, den blühenden Bäumen, an meiner kraftvollen Sehnsucht und an der dunklen Liebe in mir.
Ich gehe, und zusammen mit meiner Zuversicht und Freude schwebt in mir die Gewissheit, dass ich mich ausweglos verfangen habe, Zweifel wälzen sich hin und her und Trauer und Mitgefühl, Unverständnis und Einsicht rasen über mich hinweg.
Wie kann das nur sein, wie kann das nur sein wie kann das nur sein?
Schließlich muss ich stehen bleiben, ich krümme mich. Ein undefinierbarer Laut dringt aus meiner Kehle.

Trauer war bei mir immer laut. Oder ganz und gar stumm, manchmal beides.

Es gab Zeiten, da konnte ich nichts außer Heulen.
Ich habe sie getragen.
Trauer prägt uns immer den Stempel der Ewigkeit auf.

"Andere Mütter haben auch schöne Söhne." "Du wirst über ihren Tod hinwegkommen." "Das geht vorbei."
Nein, tut es nicht.
Denn die innere Not taucht mich ganz ein, mitten bis in die Ewigkeit reicht der Riss, der durch mich hindurchgeht.

Heutzutage haben wir Menschen ein Problem mit der Endlichkeit des Lebens. Wer redet schon über den Tod? Es geht weiter, heißt es. Und damit schaffen wir uns auch ein Problem mit der Ewigkeit. Denn auch in der Ewigkeit geht es nicht einfach weiter; die Grenzen von gestern, heute und morgen gibt es dort nicht.

Momente tiefer Trauer, Momente in denen wir weder Fragen noch Antworten haben, sondern nur noch zerrissen sind, nehmen uns die vertrauten Kategorien. Heute, gestern, morgen. Aufstehen, schlafen, Karriere machen. All das bedeutet plötzlich nichts mehr.

Meine Oma erzählte mal, wie sie nur wenige Wochen nach dem Unfalltod ihres Sohnes im Baumarkt aufgehalten wurde. Sie hatte beim Bezahlen einige Gegenstände vergessen, die sie einfach in der anderen Hand gehalten hatte und nun komplimentierte man sie in das Büro des Sicherheitsdienstes, ließ sie bezahlen und die Rechtsbelehrung über die erfolgte Anzeige unterschreiben. Etwas unwichtigeres hatte es mit Sicherheit noch nie gegeben.

Man muss begreifen, dass Trauer etwas existentielles sein kann das das genze Sein des Menschen umfasst.

Frisch getrennt und in einen Kollegen verliebt der mich verarschte, während ich die Erlösung aus meiner jahrelangen Einsamkeit der unerfüllten Beziehung in ihn hineinprojizierte, war mir das Tragikkomische an meiner Situation durchaus bewusst.
Ich konnte mich aber daraus nicht befreien - ich musste es durchleben.
Eben das; etwas klar sehen, aber nicht klar handeln zu können, war Teil des tiefen Schmerzes der mich erfüllte.
Die eigene Machtlosigkeit zu spüren und plötzlich zu erfahren, dass diese umso größer ist, je existentieller das Thema was sie betrifft, ist in unserer von Leitsungsdruck und Machbarkeitswahn geprägten Welt eine ebenso existentielle Erfahrung wie der Tod selbst.
Zu erleben wie meine Gefühle eine solch irrationale und unberechenbare Macht entfalten konnten, war schön und schreklich zugleich.

Ich konnte nichts anderes tun als darauf zu vertrauen, dass ein Leben welches mich in solche Stürme führen konnte auch die Kraft haben würde, sie mich überstehen zu lassen.

Das ist der Moment, in dem ich "Ich, Hiob" sagte.

Und genau so wie es für die Trauer keine Worte gibt, sondern nur den unartikulierten Schrei, gibt es auch für den Stolz und die Freude, das überstanden zu haben, nichts als gewaltigen, wortlosen Jubel.

Es ist mehr, als nur das zu schätzen was ich habe und was ich bin. Auch mehr, als das Leben zu feiern. Denn mehr als ich jemals ersehnen konnte fand ich - nicht jenseits vom Regenbogen sondern nach durchlittener Trauer. Kein Traum, sondern Freude, die die Ewigkeit berührt.
Und so danke ich Gott für mein Leben, für meinen Mann, für mein werdendes Kind. Und für die Zeit der Trauer.

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Dieser Blogartikel entstand als Beitrag zu der Aktion "Alle reden über Trauer".