Donnerstag, 18. Juni 2015

In meiner Stille



Warnung! Dies ist eine Geschichte über den Schmerz!

Irgendwie war es seltsam still.
Normalerweise wachte sie auf, wenn er aufstand.
Den Wecker hatte sie noch nie gehört, aber wenn er wach wurde und anfing, sich zu bewegen, dann holte er sie aus dem Schlaf. Manchmal rannte er nachts durch die Wohnung, weil seine Herzrhythmusstörungen ihn aus dem Schlaf gerissen hatten. Voller Panik hastete er dann durch die Räume, bis sie wach wurde. Es ging schnell. Nur ein kurzer Moment der Orientierungslosigkeit, dann der Schock des Erkennens, der sie im Bett hochfahren ließ.
Und sie würde aufstehen und rausgehen, um ihn zu beruhigen. Ein bisschen seiner Angst nehmen, die sich dann zu ihrer eigenen gesellte, und ihn umarmen, um ihn zu trösten.
Er drückte sie nicht an sich, denn er war ja derjenige der getröstet wurde.
Aber nach einer Weile konnten sie wieder ins Bett gehen und weiterschlafen. Da lag sie dann und lauschte, während sich sein Atem beruhigte und schließlich zu jenem tröstenden Schnarchgeräusch anschwoll, das ihr zeigte, dass wieder alles in Ordnung war. In solchen Nächten lag sie oft lange wach, denn all die Ängste, die bereits sorgfältig in den Kerkern ihres Herzens verwahrt wurden, beäugten den Neuankömmling misstrauisch. Sie wurden unruhig und zerrten an ihren Ketten und manchmal brach eine der Bestien aus ihrem Käfig aus und fuhr mit scharfen Krallen  durch den Mittelpunkt ihrer Seele.
Sie kannte das bereits und wartete einfach ab, bis es sich ausgetobt hatte. Irgendwann wurde es müde und ließ sich wieder einfangen. Oder es wanderte noch einige Wochen durch die Räume ihres Seins. Aber sein matter Schritt konnte nur ein blasses Echo in ihr hervorrufen.
Doch heute war es anders.
Fast schien es, als hätten Engel heimlich des Nachts die Luft gewechselt oder Schnee fallen lassen, der nun alle Geräusche schluckte und das Schlafzimmer in ein seltsames Licht tauchte.
Es war bereits hell und der Wecker hatte sein Konzert aufgegeben.
Sie drehte sich auf die Seite, um ihn anzusehen und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn.
Ein kleines Ächzen entrang sich ihrer Kehle und der Atem rasselte ein bisschen. Sie seufzte.
Der ganze Schnee war mit einem Mal ziemlich schwer.

Das Bett stand an der Wand und er lag außen, so dass sie jedes Mal über ihn klettern musste, wenn sie vor ihm aufstehen wollte.

Sie kniete über ihm.

Wie viel Zeit würde ihr wohl noch bleiben?
Schließlich lehnte sie sich nach vorne und lehnte ihre heiße Stirn gegen seine kalte.

Da klopfte es auch schon.
„Johannes hast du verschlafen?“
„Ja wir kommen gleich!“, brüllte sie und glitt vom Bett. Mit zwei Schritten war sie an der Tür. „Johannes geht es nicht gut, ich rufe grad einen Krankenwagen.“ „Was?! Johannes!“ Sie stellte sich ihrer Schwiegermutter in den Weg, die versuchte, einen Blick in das Schlafzimmer zu werfen. „Würdest du vielleicht in deinem Zimmer warten? Die müssen ja dann hier durch.“ Die Mutter konnte schon nichts mehr sagen. Nach wenigen Sekunden war vom anderen Ende des Flurs Musik zu hören. Marienlieder. So weit, so gut.
Sie ging zurück. „Das hat wehgetan.“ Flüsterte sie in Richtung des Bettes, während sie nach dem Mobiltelefon griff und den Notruf wählte.
Dabei hatte sie im Grunde gar nichts gesagt. Aber schon die Sorge an sich hatte gereicht. Der Sohn, der einzige, letzte. Er durfte keinen Regenschirm vergessen, niemals stolpern und erst recht nicht krank werden.
Und dann das Wort Krankenwagen.
Beim Anblick des Gesichts waren all die Ungeheuer, die nur wenige Minuten zuvor in eine Art Schockstarre verfallen waren, wach geworden. Sie rumorten, randalierten und plärrten, dass sie in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Das Beben wogte durch ihren Körper.
Von irgendwo stürzte ein Schwert herab und landete direkt im Jugulum. Es rutschte weiter und fand, ihr Brustbein längs zerteilend, schließlich den Weg zum Magen. Dort drehte es sich mehrmals um sich selbst, um dann wieder nach oben zu schießen. Direkt ins Herz.

„Hallo, mein Name ist Jänicke. Ich glaube, mein Mann hat gerade einen Herzinfarkt.“
Wenigstens ersparte diese Meldung jede weitere Diskussion.
Sie zog sich an. Es dauerte nicht lange, bis der Krankenwagen da war. Sie stürzte den Leuten entgegen und stellte sich ihnen in den Weg.
„Hören sie, mein Mann war bereits tot, als ich aufgewacht bin, aber wenn sie nicht noch eine weitere Leiche da raustragen wollen, dann helfen sie mir um Himmels willen und sorgen sie dafür, dass seine Mutter das nicht mitkriegt.“
Die Leute brauchten einen Moment, um den Schock zu verdauen. Einen weiteren, um zu begreifen, wovon sie redete und noch einen, um sich zu entscheiden, ob das eine gute Idee war. Aber das spielte im Grunde genommen gar keine Rolle, denn an diesem Morgen war gut schon ausverkauft. Die Männer wechselten einen Blick, nickten.
Einer von ihnen lief zurück, um eine Sauerstoffflasche zu holen.

Ihre Schwiegermutter hatte den Kopf aus ihrem Zimmer gesteckt, um zu sehen, was vor sich ging, ihr Gesicht ein brennender Speer.

Die Sanitäter hatten ihren Mann auf die Trage gelegt und ihm eine Atemmaske angezogen.
„Würden sie bitte zur Seite gehen.“
„Ich rufe dich gleich an, wenn wir da sind.“ Sie kannte die Qual des machtlosen Wartens selbst nur zu gut.
Sie rief tatsächlich gleich an und log, dass er noch in der Notaufnahme sei.
Eine halbe Stunde später telefonierte sie noch einmal und sagte, es stünde schlecht um ihn. Nach einer weiteren halben Stunde wiederholte sie den Anruf und dann abermals nach einer Stunde. Weitere 40 Minuten vergingen, bevor sie sich auf den Heimweg machte.
Sie hatte sich bereits an die Unwetter gewöhnt, die in ihr tobten und nahm kaum Notiz davon.
Sie dreht die Schlüssel im Schloss und bereitete sich auf einen weiteren Stoß vor.
Und während sie in die Wohnung trat, um ihrer Schwiegermutter zu sagen, dass nun bereits der dritte von vier Söhnen vor ihr gestorben war, dachte sie darüber nach, ob man sie wohl verklagen würde, weil sie die Ambulanz gerufen hatte, nachdem ihr Mann doch schon tot gewesen war.

S. Reh - August 2012

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