Sonntag, 13. März 2016

Neue alte Wege

Vor einiger Zeit kontaktierte mich meine Nichte zwecks Wanderratschlägen.
Abgesehen davon, dass ich aus diesem Anlass mal wieder feststellte, dass ich mich schon als Kind nicht umsonst gut mit ihr verstanden habe, machte mich die von ihr geplante Route neugierig:

"Nach Rom? Da läufst du doch bestimmt auch auf einem alten Pilgerweg..."

Tatsächlich verläuft der neue europäische Wanderweg E12 entlang des Mittelmeeres teilweise auf einer Route des Jakobsweges und teilweise auf der Via Francigenia, dem ältesten Pilgerweg der westlichen Welt, der entlag alter Römerstraßen von Canterbury nach Rom führt und gerade wiederentdeckt wird.

Interessannterweise vereinen sich diese historischen Wege tatsächlich an mehreren Stellen. Es gibt sogar Theorien darüber, dass die Via Francigenia irgendwann in entgegengesetzer Richtung beschritten wurde, weil Rom sozusagen in den Wirren der Zeit versank, in welcher sogar das Papstum nach Avignon auswanderte.
So ist es denn auch nicht erstaunlich, dass sich die Route, die Montpellier mit Rom verbindet unter anderem auch auf einer Karte zur Übersicht über europäische Jakobswege findet.

Der Wanderweg E12 ist im Gegensatz dazu so neu, dass in mehreren Quellen auf die scheinbar vor allem in Frankreich noch unzureichende Kennzeichnung hingewiesen wird.

Da scheint es mir doch lohnend, sich an den alten Pilgerstrecken zu orientieren und, ausgerüstet mit Pilgerausweis und Empfehlungsschreiben, in Pfarrhäusern und Klöstern Unterkunft zu suchen.


So. Das alles ist ja schön und gut.
Aber was genau macht aus den Gedanken über die Wanderpläne meiner Nichte einen Blogbeitrag?

Ich sehe mich jetzt irgendwie vor der Frage, ob das Wandern entlang alter Pilgerrouten tatsächlich immer beliebter wird, oder ob mir das vorher nur noch nicht aufgefallen war. Also, bevor ich zwei mal den Jakobsweg gegangen bin.

Der Artikel des Deutschlandfunks zur Via Francigenia thematisiert das Phänomen genau so wie viele andere. So subsummiert ein bayrischer Sozialverband das zunehmende Pilgern unter dem Etikett "Reise zu sich selbst", während das Schlagwort "Beten mit den Füßen" im Titel einer lübecker Zeitung einen religiösen Bezug vermuten lässt. Auch die christlichen Zeitungen Idea und die Tagespost thematisieren das zunehmende Interesse am Pilgern.

Was aber macht das Pilgern in unserer nicht nur säkularisierten sondern auch durch ein gewisses Misstrauen gegenüber den christlichen Kirchen geprägten Welt mehrheitsfähig?

Ich denke, dass die Interpretation des Intersses am Pilgern als einer Art "Reise zu sich selbst" oder "spirituellen Reise" zwar treffend ist, aber zu kurz greift.
Die Entscheidung, gerade einer alten Pilgerroute zu folgen und nicht etwa irgendwo in Asien von Tempel zu Tempel zu ziehen muss meiner Meinung nach schon auch einen identifizierbaren Grund haben.

Was ich damit sagen will ist, dass sich offenbar immer mehr Menschen zu den Routen hingezogen fühlen, die von Gläubigen Menschen und von der Geschichte Europas geprägt wurden, letztere aber auch mit geprägt haben, um es mal etwas pathetisch auszudrücken.
Dabei vermute ich keineswegs primär ein kulturhistorisches Interesse. Meine eigene Erfahrung mit Pilgern, denen ich auf dem Weg begegnet bin, legt nahe, dass der Gedanke des Wanderns als Zugang zu einer Langsamkeit und Innerlichkeit bei vielen letztlich die Grundlage der Idee ist, auf Pilgerschaft gehen zu wollen. Diese Grundidee kann auf vielerlei Weise Gestalt annehmen.
Die Einen wollen ihre Grenzen austesten, sich selbst auch körperlich mal ganz neu erleben, Andere sehen in der schieren Dauer und im Rhythmus des Gehens eine Chance zur Besinnung, und so Manchen macht die Ahnung, dass es sich bei so einem Pilgerweg um eine fremdartige Erfahrung handelt, bei der man auch scheinbar bekanntes neu und anders wahrnimmt, schlicht neugierig.

Wie oft sind Sie schon an einer alten und für die jeweilige Gegend bedeutenden Kirche vorbeigekommen, hineingegangen?

Was, wenn diese Kirche aus demselben Grund gebaut wurde, aus dem Sie dort vorbeikommen; weil ein Pilgerweg dort entlangführt?

Immernoch handelt es sich weder um die erste noch um die letzte Kirche, die Sie je gesehen haben. Aber als Pilger gehören Sie zu der Gruppe, für die diese Kirche errichtet wurde...

San Anton am Jakobsweg. Eigenes Foto

Man könnte das Pilgern als eine Art slow food des Lebens bezeichnen.

Letztlich sind alle Kirchen für die Menschen errichtet worden; sei es, damit sie hineingehen, oder damit sie sich und ihre Stadt repräsentiert sehen können. Aber im Alltag lassen wie diese Tatsache nur selten so nah an uns heran, dass sie zu unserer eigenen Erfahrung wird.

Auch im Leben müssen wir uns oft auf neue, unbekannte Wege begeben, bauchen wir mal mehr mal weniger Geduld, bis wir auf den nächsten Wegweiser treffen. Auch im Leben gibt es Menschen, die uns nur ein Stück begleiten, die wir aber dennoch nie vergessen werden, und andere, mit denen wir lange zusammen gehen, ohne uns vielleicht gegenseitig besonders wahrzunehmen.
Oft erleben wir viel Schönes, wenn wir einmal die Zeit, die Kraft und den Mut zusammennehmen, uns unseren Mitmenschen zu öffnen und nicht zuletzt auch auf uns selbst zu vertrauen.
So ein Pilgerweg bietet einen Erfahrungsraum, der vor allem Letzteres wirklich erleichtert.

"The Camino has it's own mind." sagen die Jakobuspilger gerne.
Und: "The Camino provides."

Damit ist einerseits nichts neues gesagt: Das Leben läuft nicht immer so wie geplant, ist ein Spruch, den wir auch aus dem Alltag kennen.
Nur, dass er im Alltag nicht so sympathisch klingt.
Und der Spruch: Wo ein Problem ist, findet sich auch die passende Lösung, wirkt oft wenig vertraueneinflößend, ja geradezu sarkastisch auf uns, obwohl er ja doch zutreffend ist.

Die Idee, dass man sich auch dann sicher und geborgen fühlen kann, wenn man gerade nicht in einer komfortablen Lebensituation ist, ist heute vielen Menschen fremd geworden.
In einer Gesellschaft, in der ständig alles zur Diskussion steht, ist das Konzept des Gottvertauens nur noch schwer vermittelbar.
Dass Zuversicht dennoch eine urmenschliche Einstellung ist, kann so ein Pilgerweg auf wunderbare Weise vermitteln.


Aber Moment.
Habe ich mich jetzt im Kreis gedreht?
Gerade diese Zuversicht kann doch auch ein Pilger zwischen buddhistischen Tempeln finden.


Vielleicht haben wir ja in den westlich zivillisierten Ländern inzwischen einen Punkt erreicht, der so weit von unseren christlichen Wurzeln entfernt ist, dass wir uns wieder dafür zu interessieren beginnen.

Ich meine damit nicht, dass eine Neuevangelierung wahrscheinlicher geworden ist, oder, dass die Menschen wieder Vertrauen in die Kirchen gewinnen würden.
Was ich meine ist folgendes:
Nachdem wir alle christlichen Werte und Traditionen so gründlich abgeschüttelt haben, dass wir für sie nicht einmal mehr das geringste Verständnis aufbringen können, wird einigen von uns klar, dass sie Teil unseres Innersten sind. Dessen, was wir zu befreien gedachten, als wir alles hinter uns ließen, was uns - tatsächlich oder scheinbar - an unserer Selbstverwirklichung hinderte.

Denn ohne Gottvertrauen kann man, gerade dann, wenn man alles in Frage und zur Diskussion stellt, nur schwer leben.



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