Samstag, 15. August 2015

Fandom - oder: warum es manchmal echt nervt, ein Mädchen zu sein

Also.
Ebenfalls aus der Kategorie Gelegenheitsbeitrag:
Eine Geschichte, die ich schon schriftstellerisch verarbeiten wollte seit sie passiert ist:

Eines Tages nach Unterrichtsschluss wurde ich noch im Schulgebäude von meinen beiden damaligen besten Freundinnen bestürmt, die mir, erstaunlich frei von Sachinformationen, ihre neue Lieblingsband vorstellten.
Wir waren 5. Klasse und es handelte sich um eine Boygroup. Genau so ein, bei der ich nur anderthalb Jahre später sagen würde: "Ach, da hat mal wieder son Manager ne Dose aufgemacht." Übrigens ohne dabei MEINER Boygroup untreu zu werden. Erwachsen werden ist nicht logisch. Es gibt keine sinnvolle Reihenfolge und nur lose Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aspekten der jugendlichen Entwicklung. Wobei das meist nur die Eltern stört, oder sagen wir mal, die Eltern sind die einzigen, die es immer stört, weil sie es voll mitkriegen.
Egal. Also. Das sind die und die und die sind voll gut und du musst dir jetzt einen Liebling aussuchen. Wir waren inzwischen im Erdgeschoss des altehrwürdigen Schulgebäudes angekommen und eine der Beiden hielt mir eine Postkarte mit vier grinsenden Anfangzwanzigern entgegen.
Öhh, ja ne. Also.
Obwohl sie sich im Gegensatz zu mir der Tragweite dieser Entscheidung bewusst waren, ließen sie mir nicht viel Zeit dazu.
Mir doch egal. "Ich nehm den."
Das geht nicht, das ist meiner.
Jetzt echt? "Okay, dann den."
Das geht nicht, das ist meiner.
Oh Mann, was fragt ihr mich dann wenn die eh alle egal aussehen? "Dann halt den."
Super dann ist das jetzt dein Liebling. Der heißt Ben.
Aha. Schön. Kann ich jetzt nach Hause gehen? Hab grad n tollen Pferderoman am Start.

Ich vergaß die Sache schnell wieder. Ging mich auch nicht viel an. Mein Musikgeschmack war nicht wirklich vorhanden und mir gefiel sowohl das - jetzt immer von EINER GANZ BESTIMMTEN BAND kommende - Mainstream Zeug, welches mir meine Freundinnen in der Pause vorspielten und auf selbstgemachten Tapes mitgaben, als auch das, was der Sender meiner Mütter - Radio 1 - so spielte. Das ebenjene Tapes, mit denen meine Freundinnen mein musikalisches Umfeld infizierten, inzwischen einen Großteil unserer Autofahrten bestimmten, dürfte eher meine Mütter genervt haben. Ohne Musik im Auto wurde mir nämlich bei längeren Fahrten schlecht. Also richtig. Mit Kotztüte und so. Aber es durfte auch mal eine halbe Stunde Radio 1 sein. Oder Silly, von meiner Mama, oder Dalia Lavi, von ihrer Freundin. Wie gesagt. Mein Musikgeschmack war... - äh... Flexibel.

Doch eines schönen Tages bemerkte meine eine beste Freundin, dass die Sammlung von Pferdepostern an einer meiner Zimmerwände nicht mehr altersangemessen sei. Sie hatte mir auch gleich ein passenderes Poster mitgebracht, NATÜRLICH von dieser Boygroup.
Ich stand vor der Wand und grübelte.
Die Poster waren in einem gleichmäßig asymmetrischen Muster angeordnet, dessen geordnete Unordnung sich aus gleichem Abstand zwischen den Postern verschiedener Größe und Formatierung ergab, sowie aus sich ergänzenden Farbkombinationen von Pferd und Hintergrund der benachbarten Poster.
Zu allem Überfluss war das neue Boygroup Poster auch noch sehr groß, so dass ich mich es eigentlich nur an zentraler Stelle sinnvoll einordnen könnte; da, wo jetzt meine drei Lieblingsbilder versammelt waren. Ich musste also die umsortieren, so, dass sie immer noch einen würdigen Platz fanden, und dafür an anderer Stelle welche rausnehmen.
An diesem Abend habe ich so etwa 12 Poster umgehängt und vier aussortiert um das neue unterzubringen. Und mich dann von drei Typen anglotzen zu lassen, die grinsend über meiner Tapete thronten.
Muss ich erst erwähnen, dass im Laufe meiner Pubertät die Pferdeposter immer weiter zurückgedrängt wurden? Natürlich hatte ich mit 15 keine PFERDE mehr an der Wand!
Dabei war meine Faszination für diese Geschöpfe eigentlich ehrlicher. Immerhin hatte ich schon mal welche getroffen.
Mein Onkel war Jockey gewesen und - nachdem der Reitstall mit dem Ende der DDR Pleite gegangen war - Reitlehrer. Ich hatte also zumindest in den Ferien immer Reitstunden genommen, während wir in der Schule aufgrund Lehrermangels nicht mal richtigen Musikunterricht hatten. Selbst wenn: die Beatles waren da schon angekommen, aber Mainstream Pop? Nö.
Umso peinlicher, als wir in der 8. Klasse am Gymnasium unsere Lieblingsbands vorstellen sollten. In der Achten hat man doch keine Lieblingsband! Jedenfalls nicht als Mädchen: Man ist gerade erst dabei, die Erkenntnis zu verdauen, dass Boygroups keine Bands sind!!!

Also wozu das Ganze?
Wieso schwärmt jedes Mädchen genau in dem Alter, wo man UM HIMMELS WILLEN nichts peinliches machen will, für irgend einen becknackten Teenieschauspieler oder für eine blöde Boygroup?
Einfach wie desillusionierend: Sie braucht einen imaginären Partner für ihre gerade erwachende Sexualität.
So tritt das erste unbestimmte Gefühl, dass sich da unten was schön anfühlt, ins Licht der Aufklärung und die kindliche Spielerei wird zur Masturbationsphantasie.

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