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Dienstag, 23. Juni 2015

Der Wanderer

Ich wanderte im finsteren Tal
Und fürchtete nicht das Unheil.
Schwach war es, es hinkte,
Es stützte sich auf mich als ich lief.
Doch ich fürchtete mich nicht, als ich zog
Hinauf, zum Tempel des Herrn, dort zu wandeln.
Besser wandern alle Tage
Um einen in den Vorhöfen deines Heiligtums;
Habe ich deine Schwelle - was sollen mir die Zelte der Frevler?
Auch das Unheil geht nach ihnen nicht aus.
Käme es nicht zu mir
Wer würde es kleiden?
Doch
Hat einer einmal ein Festgewand
so soll er auch feiern.

Ich wanderte im finsteren Tal,
Da ich wusste vom Licht.
Ich wanderte blind,
An Steine stieß ich
Nicht, ohne sie fragen zu hören,
Ob sie mir Haus sein dürfen.
Mir aber winkte die Schwelle.
Ich ließ ihnen ein Pfand und ging fort.
Für die Vorhöfe des Heiligtums und für den Platz an der Schwelle
Wird es schon genug sein, was am Ende noch bleibt.

Ich wanderte im finsteren Tal
Und meine Hände waren frei von Gepäck.
Ein jeder wollte getragen sein.
Ich sagte: Auf Zeit:
Denn der Stecken und Stab wartet meiner.
Und wer am Ruheplatz mir Wasser
Sein wird
Mit dem gelange ich ans Ziel.

Donnerstag, 18. Juni 2015

In meiner Stille



Warnung! Dies ist eine Geschichte über den Schmerz!

Irgendwie war es seltsam still.
Normalerweise wachte sie auf, wenn er aufstand.
Den Wecker hatte sie noch nie gehört, aber wenn er wach wurde und anfing, sich zu bewegen, dann holte er sie aus dem Schlaf. Manchmal rannte er nachts durch die Wohnung, weil seine Herzrhythmusstörungen ihn aus dem Schlaf gerissen hatten. Voller Panik hastete er dann durch die Räume, bis sie wach wurde. Es ging schnell. Nur ein kurzer Moment der Orientierungslosigkeit, dann der Schock des Erkennens, der sie im Bett hochfahren ließ.
Und sie würde aufstehen und rausgehen, um ihn zu beruhigen. Ein bisschen seiner Angst nehmen, die sich dann zu ihrer eigenen gesellte, und ihn umarmen, um ihn zu trösten.
Er drückte sie nicht an sich, denn er war ja derjenige der getröstet wurde.
Aber nach einer Weile konnten sie wieder ins Bett gehen und weiterschlafen. Da lag sie dann und lauschte, während sich sein Atem beruhigte und schließlich zu jenem tröstenden Schnarchgeräusch anschwoll, das ihr zeigte, dass wieder alles in Ordnung war. In solchen Nächten lag sie oft lange wach, denn all die Ängste, die bereits sorgfältig in den Kerkern ihres Herzens verwahrt wurden, beäugten den Neuankömmling misstrauisch. Sie wurden unruhig und zerrten an ihren Ketten und manchmal brach eine der Bestien aus ihrem Käfig aus und fuhr mit scharfen Krallen  durch den Mittelpunkt ihrer Seele.
Sie kannte das bereits und wartete einfach ab, bis es sich ausgetobt hatte. Irgendwann wurde es müde und ließ sich wieder einfangen. Oder es wanderte noch einige Wochen durch die Räume ihres Seins. Aber sein matter Schritt konnte nur ein blasses Echo in ihr hervorrufen.
Doch heute war es anders.
Fast schien es, als hätten Engel heimlich des Nachts die Luft gewechselt oder Schnee fallen lassen, der nun alle Geräusche schluckte und das Schlafzimmer in ein seltsames Licht tauchte.
Es war bereits hell und der Wecker hatte sein Konzert aufgegeben.
Sie drehte sich auf die Seite, um ihn anzusehen und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn.
Ein kleines Ächzen entrang sich ihrer Kehle und der Atem rasselte ein bisschen. Sie seufzte.
Der ganze Schnee war mit einem Mal ziemlich schwer.

Das Bett stand an der Wand und er lag außen, so dass sie jedes Mal über ihn klettern musste, wenn sie vor ihm aufstehen wollte.

Sie kniete über ihm.

Wie viel Zeit würde ihr wohl noch bleiben?
Schließlich lehnte sie sich nach vorne und lehnte ihre heiße Stirn gegen seine kalte.

Da klopfte es auch schon.
„Johannes hast du verschlafen?“
„Ja wir kommen gleich!“, brüllte sie und glitt vom Bett. Mit zwei Schritten war sie an der Tür. „Johannes geht es nicht gut, ich rufe grad einen Krankenwagen.“ „Was?! Johannes!“ Sie stellte sich ihrer Schwiegermutter in den Weg, die versuchte, einen Blick in das Schlafzimmer zu werfen. „Würdest du vielleicht in deinem Zimmer warten? Die müssen ja dann hier durch.“ Die Mutter konnte schon nichts mehr sagen. Nach wenigen Sekunden war vom anderen Ende des Flurs Musik zu hören. Marienlieder. So weit, so gut.
Sie ging zurück. „Das hat wehgetan.“ Flüsterte sie in Richtung des Bettes, während sie nach dem Mobiltelefon griff und den Notruf wählte.
Dabei hatte sie im Grunde gar nichts gesagt. Aber schon die Sorge an sich hatte gereicht. Der Sohn, der einzige, letzte. Er durfte keinen Regenschirm vergessen, niemals stolpern und erst recht nicht krank werden.
Und dann das Wort Krankenwagen.
Beim Anblick des Gesichts waren all die Ungeheuer, die nur wenige Minuten zuvor in eine Art Schockstarre verfallen waren, wach geworden. Sie rumorten, randalierten und plärrten, dass sie in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Das Beben wogte durch ihren Körper.
Von irgendwo stürzte ein Schwert herab und landete direkt im Jugulum. Es rutschte weiter und fand, ihr Brustbein längs zerteilend, schließlich den Weg zum Magen. Dort drehte es sich mehrmals um sich selbst, um dann wieder nach oben zu schießen. Direkt ins Herz.

„Hallo, mein Name ist Jänicke. Ich glaube, mein Mann hat gerade einen Herzinfarkt.“
Wenigstens ersparte diese Meldung jede weitere Diskussion.
Sie zog sich an. Es dauerte nicht lange, bis der Krankenwagen da war. Sie stürzte den Leuten entgegen und stellte sich ihnen in den Weg.
„Hören sie, mein Mann war bereits tot, als ich aufgewacht bin, aber wenn sie nicht noch eine weitere Leiche da raustragen wollen, dann helfen sie mir um Himmels willen und sorgen sie dafür, dass seine Mutter das nicht mitkriegt.“
Die Leute brauchten einen Moment, um den Schock zu verdauen. Einen weiteren, um zu begreifen, wovon sie redete und noch einen, um sich zu entscheiden, ob das eine gute Idee war. Aber das spielte im Grunde genommen gar keine Rolle, denn an diesem Morgen war gut schon ausverkauft. Die Männer wechselten einen Blick, nickten.
Einer von ihnen lief zurück, um eine Sauerstoffflasche zu holen.

Ihre Schwiegermutter hatte den Kopf aus ihrem Zimmer gesteckt, um zu sehen, was vor sich ging, ihr Gesicht ein brennender Speer.

Die Sanitäter hatten ihren Mann auf die Trage gelegt und ihm eine Atemmaske angezogen.
„Würden sie bitte zur Seite gehen.“
„Ich rufe dich gleich an, wenn wir da sind.“ Sie kannte die Qual des machtlosen Wartens selbst nur zu gut.
Sie rief tatsächlich gleich an und log, dass er noch in der Notaufnahme sei.
Eine halbe Stunde später telefonierte sie noch einmal und sagte, es stünde schlecht um ihn. Nach einer weiteren halben Stunde wiederholte sie den Anruf und dann abermals nach einer Stunde. Weitere 40 Minuten vergingen, bevor sie sich auf den Heimweg machte.
Sie hatte sich bereits an die Unwetter gewöhnt, die in ihr tobten und nahm kaum Notiz davon.
Sie dreht die Schlüssel im Schloss und bereitete sich auf einen weiteren Stoß vor.
Und während sie in die Wohnung trat, um ihrer Schwiegermutter zu sagen, dass nun bereits der dritte von vier Söhnen vor ihr gestorben war, dachte sie darüber nach, ob man sie wohl verklagen würde, weil sie die Ambulanz gerufen hatte, nachdem ihr Mann doch schon tot gewesen war.

S. Reh - August 2012

Freitag, 12. Juni 2015

Ich, Hiob

Hiob denkt

Hiob
Ist einer der nicht fliehen kann.
Nicht vor sich selbst und seinem Schicksal.
Nicht vor seinem Denken und Fühlen.
Nicht vor seiner Aufrichtigkeit und Gottestreue.
Nicht vor Gott.

Niemand hilft ihm.
Geht Hiob auf die Straße
Trifft er Gott.
Geht Hiob in sein Haus
Trifft er Gott.
Geht Hiob in den Tempel
Trifft er Gott.
Geht Hiob in sich
Trifft er Gott.
Nichts gibt es was Hiob tun kann.
Er weiß es.
In seinem Herzen ist Gott.
Wahrheit ist in seinem Herzen.
Hiob sieht Gott.
"Lass mich in Ruhe!" Sagt er.
"Was willst du von mir?"
Gott lächelt.
Er weiß
Hiob trägt ihn im Herzen und kann
Ihn nicht hassen. Selbst sein Fluchen ist Gebet.
Gott wiegt schwer.
Gott geht nicht einfach fort.
Hiob
Ist es zufrieden, nur
Würde er sich gern selbst entfliehen.
Hiob weiß nicht was Heiligkeit ist.
Hiob weiß nicht wozu Heiligkeit ist.
Hiob geht nicht einfach fort.


....
Hiob und Gott

Hiob
Ist einer von den Wenigen die den Vertrag gelesen haben.
Hiob
Hat es ehrlich ernst gemeint als er unterschrieben hat.
"Dein Leben gehört mir allein und ich kann damit machen was ich will.
Dir aber
darf einzig wichtig sein, ob du gehst in Treue zu mir.
Nicht wo.
Nicht wie.
Nicht wohin darfst du dich fragen sondern
Für mich, für mich und immer
Mein."
Hiob hat hochgesehen und Gott ins Angesicht
Als er zu dieser Stelle gekommen war.
Gott ist geduldig.
Hiob ist entflammt und sein Herz brennt in der Brust
Aber er ist nicht blind vor Liebe.
Er sieht ganz klar.
Er sieht Gott an.
Er sieht den Vertrag an.
Die aufrechte Geradheit gefällt ihm, auch
Die gnadenlose Konsequenz darin.
Gott gefällt ihm.
Immer
Wohin er auch geht
Kann er es nicht vergessen: Er hat
Sich dafür entschieden.
Er
Hat die Wahl getroffen und Gott
Schmiedet Hiob in seine Hand,
Je fester sie auf ihm lastet desto mehr.
"Zerbrich mich
Um zu beweisen dass ich dein bin."
Sagt Hiob.


...
Hiob und Theodizee

Für Hiob
Wäre es viel einfacher, anzunehmen
Es gibt keinen Gott.

Der Vertrag ein Traum.

Erkönnte den Versuch aufgeben, weise und gut zu handeln.
Er könnte losgehen und sich mit Dieben lagern.
Durch die Lande ziehen und sich berauschen und sein Unglück
Vergessen.
Aber Hiob
Ist keiner der sich selbst belügt und die Erfahrung
Wie es ist, Gott zu treffen, hat sich tief
Eingegraben in sein ganzes Sein. Er weiß
Dass Strafe und Erwählung
Dasselbe sein können oder zumindest sehr nahe.
Warum kam Gott ihn aufzusuchen?
Er hat gar nicht erst versucht, Gott zu erklären wie ungeeignet er ist; nicht mal dazu
Hat es gereicht. (Vielleicht hätte Gott ihm auch einen Bruder mitgegeben; wer weiß.)
Hiob ängstigt sich.
Er weiß zu genau dass er ein Nichts ist vor Gott.
Hiob hat vor nichts Angst.
Er weiß zu genau dass Gott alles vermag.
Wenn Hiob Gott um etwas bittet so hofft er
Nicht mal, Gott könnte ihm verzeihen, dass er einen Wunsch hat.
Schließlich
Ist Gott Gott.
Er macht was er will.

Joseph Roths Hiob

Gelesen und bedichtet 10-11.05.14

Der Anfang verhalten
Ironisiert durch Distanz.
Wer ist dieser Mendel schon?
Weder sympathisch noch unangenehm.
Seines Schicksals Schwere und erstes Leid
Sind nichtssagend und gewöhnlich.
Würde er laut schreiend, fluchend, leidend stürzen. Verzweifeln.
Würde er laut scherzend, singend, tröstend hoffen. Helfen.
Wäre er besonders schlecht oder besonders gut.
Wäre er freundlich und nicht so unsympathisch wie all meine Nachbarn...
Warum betet er?
Die Gottestreue hängt ihm am Bein wie ein lästiger Klotz.
Zusätzliche Arbeit mehr nicht.
Man weiß nicht wohin sie führt.
Sie hilft nicht.
Man weiß nicht woher sie kommt.
Sie scheint ohne Liebe.
Wie Menuchim.
Erst spät, wenn des Leids Maß voll ist,
Macht sich der Text über ihn nicht mehr lustig.
Verbissene Größe leuchtet aus dem, der doch nur leben wollte.
Wir hatten kein Mitleid mit seinen Kindern.
Wir verachteten die stumpfsinnige Not der Eltern.
Ihre verirrte Entschlusskraft war uns lächerlich, lästig.
Erst als Nachricht kam von Sams Tod
Stockte uns das Herz.
Wir bewunderten den aufrichtigen Tod
Von der Mutter und von Mendels Glauben.
(Sie starb ganz, weil nach dem Ausbleiben der Wunder kein Glaube mehr da war der sterben konnte.)
Der trotzig leidende Mendel rang uns Respekt ab.
Doch erst als sein kranker Sohn kam, gesund,
Weinten wir mit ihm.