Sonntag, 29. November 2015

Sonntags um zehn...

... fällt mir, inspiriert durch das hörende Herz, wieder ein Gebet ein, dass mir schön vor längerer Zeit mal aus dem Herzen floss:


Herr,
sein du mein Atem wenn ich schlafe.
Singen soll dir
das Rauschen des Blutes in meinen Adern.
Dein bin ich, weil
du gekommen bist,
um mich
zu erretten.
In der Wüste hast du mich aufgelesen.
Lies mein Schweigen.
Lies meine Müdigkeit.
Lies mein Schlafen.

Auch wenn ich schwach bin
freue ich mich deiner,
Herr.




Herz-Jesu-Feuer in Südtirol (GNU License)

Sonntag, 22. November 2015

Freiheit herrscht nicht

Christus: König am Kreuz (lizenzfrei über Wikimedia Commons)



"Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. [...] Sein Reich geht niemals unter." (Dan 7,14)
"Der Herr ist König, bekleidet mit Hoheit." (Ps 93,1)
"Ich bin [...] der ist, der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung" (Off 1,8)


Auf dem Rückweg von der sonntäglichen Messe in der Bahn: eine junge Frau mit einem breitkrempigen schwarzen Hut. Sie hat ihre Beine auf die Kante der Heizung zwischen den Sitzen gestellt, beide, so wie ich es im letzten Jahr auch oft gemacht habe. Eine neckische Pose, die nur dann bequem ist, wenn man schlank ist und verhältnismäßig dünne Beine hat.
Unter ihrem weißen Mantel schaut der Saum eines schwarzen Kleides heraus, dazu passend Nylonstrumpfhosen und Ballerinas in gleicher Farbe. Ihr offenes Haar vollendet den Look, der nicht allzu elegant wirkt, sondern schlicht schön und unaufgeregt.


Diese Pose, die tatsächlich so hübsch aussieht, wie sie sich anfühlt, ist mir ein Freiheitssymbol geworden: Wohl deshalb, weil ich nach jahrelangem Frustfressen in unglücklicher Beziehung meine überflüssigen Pfunde gleich mit dem Ex abgelegt hatte und sich so mit dem neuen Lebens- auch ein ganz verändertes Körpergefühl einstellte.

Die sogenannte westliche Welt ist das Land der großen Freiheiten. Wir können uns zu jeder Religion oder Philosophie bekennen, die wir wollen. Oder auch zu keiner. Wir können wählen, welchem Lebensstil wir uns zuwenden, welchen Dingen wir Priorität einräumen.
Freiheit ist ein kultureller Wert, der ncht nur viele Möglichkeiten öffnet, sondern auch sehr anspruchsvoll ist. Die Möglichkeit, sich selbst auszususchen, woran man sich orientiert, bedeutet auch, dass man Unsicherheiten aushalten muss.
Die Freiheit verrät uns eben nicht, was wir sollen, oder was gut für uns wäre.
Auch ich habe nicht zuletzt davon gelebt, meine eigenen Fehler und Irrtumer begehen zu können. Doch ich habe etwas, das mich orientiert, mir hilft, mir stets bewusst zu sein, wer ich bin. Ich habe aus meinen Irrwegen herausgefunden und kam weiter, reich beschenkt mit Erfahrungswissen, das ich durchaus auch unter Schmerzen erworben habe. Und ich denke, dass ich durchaus einen Blick habe für die Vielschichtigkeit meines Lebens. Und, dass ich diese eben auch deshalb aushalten kann, weil es für mich einen Fixpunkt gibt:
Christus ist König.

Aber Moment!
Ist das nicht zu einfach?
Handelt es sich da vielleicht um dieselbe verführerische Religiosität, die so manchen Muslim erst zum Extremismus und dann in die Fänge gewaltbereiter Gruppierungen treibt?
Ich halte nichts von der Idee, Religionen pauschal als Verführung, also als Gefahr, wahrzunehmen. Leider ist es ein Phänomän der säkularisierten Welt, dass viele Menschen Religion nur als etwas denken, das den Blick trübt, oder allenfalls vielleicht noch als letzten Halt derjenigen, die es zu sonst nichts gebracht haben.
Rufen wir uns in Erinnerung, dass Religionsfreiheit nicht die Freiheit von Religion meint!
Religionsfreiheit garantiert, dass jeder das Recht hat, seine Religion auszuüben. Auch im öffentlichen Raum; sei es im Diskurs oder durch Veranstaltungen.
Das recht, keine Religion auszuüben wird dadurch nicht beeinträchtigt - die Präsenz anderer Meinungen muss man in einer Demokratie aushalten, das gilt für Religionen genau so wie für unterschiedliche polotische Ansichten. Die Neigung, diese beiden Rechte als konkurrierend zu verstehen, halte ich nicht nur für unbedacht, sondern auch für gefährlich.

In den westlichen Demokratien wird die verfassungsmäßig gesichert, dass keine Religion, aber auch kein Religionsverbot herrschen darf. Diese Freiheit kann nicht nur durch religiöse Fanatiker in Frage gestellt werden. Vor allem im gesellschaftlichen Diskurs mit den christlichen Konfessionen wird sie zunehmend in Frage gestellt, ganz nach dem Motto: "Hier herrscht Freiheit von Religion." Doch wer solches sagt, hat die Freiheit bereits verraten.

Freiheit

Zu sagen
hier herrscht Freiheit
ist immer
ein Irrtum
oder eine Lüge:
Freiheit
herrscht nicht.

(Erich Fried)


Was aber ist nun mit den für genau heute vorgesehenen Bibelstellen, die Christus als König und Herrscher darstellen?
Am heutugen Sonntag feiert die katholische Kirche das Fest Christkönig, das auch von einigen protestantischen und der anglikanischen Kirche begangen wird.
Also doch ein religiöser Herrschaftsanspruch?

Das Tagesevangelium zeigt uns Jesus vor Pilatus.
Eben kein mächtiger Weltenherrscher, sondern der, der sich für uns dem Tod ausliefert, wie es auch einige Verse vor der oben von mir zitierten Stelle in der Offenbarung heißt: "Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut, er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott" (Off 1,6-7).
"Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.", sagt Jesus zu Pilatus (Joh 18,36), und lässt sich zum Tode verurteilen.

Was also sagt dieses Fest?
Es will die Gläubigen daran erinnern, dass sie zwar in der Welt leben, aber, in Kreuz und Auferstehung verbunden mit Jesus, nicht von der Welt sind.
In der Nazizeit wurde das Fest, damals noch im Oktober gelegen, als Gegengewicht gegen die Ideologie der Nazis und den dort herrschenden Führerkult verstanden. Christus ist es, der den Christen verbindliche Maßstäbe setzt, und kein weltlicher Herrscher kann diese Maßstäbe aushebeln - in Zeiten von Diktatur und Terror heißt das zunächst einmal, passiven Widerstand zu üben, Verfolgten zu helfen und sich selbst nicht an Hetze und Kult zu beteiligen.
In den Herzen der Christen soll Christus als König regieren: weder die Verführungen von Macht, Wohlstand und Vergnügen, noch Ängste oder Anbiederung an politische Verhältnisse sollen dagegen ankommen.
Das Reich Christi gibt es nicht als weltliches Territorium. Es existiert nur dort, wo die Liebe und Barmherzigkeit Gottes in den Herzen der Gläubigen regiert und sie selbst liebevoll und barmherzig werden lässt.

Unabhängig davon, ob wir eine solche Weltsicht teilen können oder nicht: Wir sollten uns nicht irre machen lassen. Religionen können zwar extremistische Ideologien hervorbringen, doch es gibt in der Geschichte auch genug Beispiele für extremistische Ideologien ohne religiösen Hintergrund.

Vergessen wir nicht, dass Freiheit und Beliebigkeit nicht dasselbe sind: Freiheit heißt eben nicht nur, dass mir erst mal nichts verboten und geboten wird, sondern auch, dass ich anderen nicht einfach so etwas ge- oder verbieten darf. Freiheit bedeutet nicht, dass mir das Ergebnis meines Handelns egal sein darf. Freiheit kennt nicht nur Verantwortung, sie bürdet einem auch mehr Verantwortung auf, als Unfreiheit. Denn wenn keiner sagt, dass man z.B. seinen One Night Stand nicht der Gefahr der Ansteckung an STI aussetzt, bedeutet das eben nicht, dass es gut wäre, den Partner dieser Gefahr auszusetzen, sondern es bedeutet, dass man sich von selbt seiner Verantwortung für den anderen Menschen bewusst sein sollte; auch dann, wenn dieselbe eben nicht länger anhält als eine Nacht. {Immerhin gibt es ja so etwas wie Kondome; es ist also beileibe nicht so, dass man nur deswegen keine Beziehung oder eben One Night Stands haben könnte...}

Die Freiheit, die wir verteidigen - sei es mit Artikeln, Gebeten, Symbolen in Facebookprofilen oder sonstigen Zeichen der Anteilnahme - gilt für mich und meinen sonntäglichen Weg zur Messe genau so wie für all diejenigen, die den Sonntag anders verbringen.


Die junge Frau muss an derselben Station aussteigen wie ich.
In der verhältnismäßig leeren Bahn erinnert nichts an die Terrorwarnungen, die nach den Anschlägen von Paris ganz Europa verunsichern.
Ich denke an Brüssel, und hoffe, dass ich auch in den nächsten Wochen noch ungestört mit den Öffentlichen durch Berlin fahren und dabei nachdenken kann.

Donnerstag, 19. November 2015

Paris, das Bloggertreffen und die Lesungen des Sonntags

Irgendwie kann man sich ja schon die Frage stellen: Was haben jetzt bitteschön diese drei Dinge miteinander zu tun?!?
Es war Bloggertreffen - und nach dem geselligen Abend, der der ersten Runde folgte, zog ich mich, kränkelnd, vergleichsweise früh zurück. Auf dem Weg vom Clubraum zum Zimmer bemerkte ich, dass die zum Haus gehörende Seminarkirche nicht nur direkt neben dem Gang meiner Zimmernummer liegt, sondern auch rund um die Uhr geöffnet ist.
Während ich allein in der dunklen Kirche vor dem Tabernakel kniete, nur vom Ewigen Licht beleuchtet, wütete in Paris der Terror. Ich erfuhr am nächsten Morgen davon, im Gegensatz zu einem Großteil der anderen Teilnehmer des Bloggertreffens.


Das Leid, das Gott mit uns teilte, um es von uns zu nehmen - Pieta und Kreuzweg (Ausschnitt) in der Seminarkirche


Am nächsten Morgen brauchten wir nur wenige Sekunden, um uns zu einigen, ein Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen in die am Abend geplante Vesper aufzunehmen.
In den Psalmen wurde Bedrängnis vor Gott getragen.
Meine Gedanken wanderten dabei spontan nach Paris, aber auch persönliche Bezüge, etwa zur Bitte des Psalmsängers: "Gib, dass mein Herz sich dem Bösen nicht zuneigt" gingen mir durch den Kopf.
Ich habe bereits sehr früh am Morgen nach den Anschlägen von Paris Mails mit Gerüchten erhalten, nach denen registrierte Flüchtlinge unter den Tätern sein sollen und war einigermaßen entsetzt, wie mit dieser Nachricht Stimmungsmache betrieben wird.

Wir stehen mit Betroffenheit da. Wir gedenken der Opfer und ihrer Angehörigen. Als Christen nehmen wir sie in unser Gebet auf.
Mehr können wir letztlich nicht tun, und die Tatsache, dass bei solchen Anschlägen oft Menschen Kerzen zum Tatort bringen, zeigt, wie groß das Bedürfnis ist, zumindest Anteilnahme zu signalisieren.

Ich muss sagen, dass bei mir ratloses Schweigen vorherrscht.
Betroffenheit macht stumm, und stumm bete ich für die Opfer und ihre Angehörigen.
Stumm breitet sich auch die Furcht in mir aus, wenn ich sehe, dass gewisse Kreise das Attentat zu weiterer Polemisierung missbrauchen.
Ich kann natürlich auch nicht beurteilen, inwieweit ein Anteil der Asylsuchenden in unserem Land gefährlich sein könnte. Dennoch ist mir klar, dass die Flüchtlige eben genau vor dem fliehen, was die Attentäter jetzt nach Paris getragen haben und scheinbar auch in Hannover zu verbreiten suchen - dem Terror des IS und dem Bürgerkrieg.


Zum Sonntag spricht Jesus im Evangelium von den Tagen der Not. Und von dem, was danach kommt.

Nicht nur der Zelebrant dachte dabei spontan an die Terrornacht von Paris, die er auch in seine Predigt einbezog.

Meine Gedanken verknoten sich an dieser Stelle.

Vom Betreiber des missio-Blogs, Johannes Seibel, gab es einige Hintergrundinformationen zum Thema bedrängte Christen im Orient.
Die Leute an der Spitze des IS, der auf eine wahhabitische Sekte zurückgeht, sind grob gesagt gegen alle. Dahinter steckt, soweit es mir aus dem Gespräch richtig im Kopf geblieben ist, neben der besonders radikalen Auslegung des Islam letztlich die Annahme, man könne und solle das Ende der Welt und damit den Sieg Gottes aktiv herbeiführen, indem man für apokalyptische Zustände sorgt.

In Bezug auf Paris kann man wohl sagen, dass es bei der momentan aufgrund der Flüchtlingskrise angespannten Lage in Europa kaum etwas effektiveres gibt, als einen als Flüchtling registrierten Terroristen bei einem Anschlag mitwirken zu lassen.
Umso wichtiger ist es, dass wir besonnnen bleiben. Viel können wir als einzelne Bürger nicht tun, aber der grassierenden Stimmungmache widerstehen und entgegenzuwirken scheint mir Pflicht jedes Einzelnen zu sein.
Machen wir uns nichts vor: Ängste und Sorgen kleinzureden ist genau so schädlich, wie diese aufzubauschen. Gerade der Eindruck, dass die Politik die Lage nicht im Griff hat, treibt so manchen wirklich nur besorgten Normalbürger in die Fänge von PEGIDA und Co. Doch das Skandieren von Sprüchen, das Verbreiten von negatien Vorurteilen und Verallgemeinerungen usw. helfen wohl kaum dabei, das Eintreten apokalyptischer Zustände zu verhindern. Brennende Heime beweisen dies eindrucksvoll.
Denken wir daran, dass alle Opfer von Gewalt zu beklagen sind; seien es nun Pariser Bürger, die einfach nur ein Café oder Konzert besucht haben, Flüchtlinge, die in einem Heim unterkommen sollten, oder Menschen, die in den Krisengebieten zu Tode kommen. Die Anschläge in Beirut mögen in unserer eurozentrischen Perspektive untergehen, doch sie stellen für die allgemeine Destabillisierung der Lage ein weit größeres Risiko dar.

Christen haben im Orient traditionell auch schon immer eine Vermittlerrolle gehabt und ihre Präsenz ist für den Frieden zwischen den verschiedenen Ethnien und Gruppen der Region vielerorts wichtig.

Was aber sagt eigentlich die Bibel zum Thema Apokalypse?
Wenn auch wir auf das Ende der Welt warten; wie ist dann die Position zur Gewalt?
Niemand kennt den Tag noch die Stunde, sondern nur der Vater, sagt Jesus im Evangelium.
Zunächst mal ist es aus christlicher Sicht schlichtweg Hybris, und damit Sünde, zu glauben, man könne auf den Lauf der Welt in diesem globalen Sinne Einfluss nehmen.

In den Evangelien und auch in Texten des Alten Testaments ist vielfach von einer Zeit der Not die Rede, oft im Zusammenhang mit Naturkatastrophen.
Doch nicht auf dem Szenario liegt der Schwerpunkt: Die Bibel ist kein Ort für Unheilsprophezeihungen.
Als Christen sollen wir keine Angst haben.
Der Gott, der nach dem christlichen Glauben am Ende der Welt wiederkommt, ist Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene.
Der, der für uns ein Leben in der Welt und den Tod auf sich genommen hat.
Der, der uns aus der Verhaftung in der Sünde befreit, und nach seiner Auferstehung versprochen hat: "Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt."
Der, der uns im Sakrament der Beichte ein immerwährendes Angebot macht, uns zu bessern; zu bereuen, umzukehren, Buße zu tun.
Der, der in der Eucharistie gegenwärtig ist und im Zeichen des Brotes verweilt; sich klein macht, um uns zu stärken.
Der, der nicht nur gerecht ist, sondern auch barmherzig.

So vergleicht Jesus in Mt 24, 29-33 die Endzeit mit dem Frühling; einer Jahreszeit, die bessere Zeiten ankündigt.

Wir sollen wachsam sein, und uns weder von Panikmache noch von Trägheit verführen lassen.
Unsere Sympathie und Verbundenheit gilt den Opfern; doch wir sollen uns auch gegen den Hass auf die wirklichen oder vermeintlichen Täter wappnen.


Beim Bloggertreffen blieb Paris unterschwellig präsent, konnte die Gespräche über Bloggerthemen aber nicht verdrängen. Für mich war es, wie für viele andere, wichtig, einander kennenzulernen. Auch das gehört zum Widerstand gegen das Böse: christliche Gemeinschaft zu leben, einander auch geistlich zu stärken, sich auszutauschen und Gemeinsam zu beten.

In diesem Sinne war das Bloggertreffen ein voller Erfolg.
Ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

Dienstag, 10. November 2015

Was tu ich Gutmensch ...

... wenn mein Weltbild bröselt?


Ich bin in letzter Zeit wegen meines Engagements für Flüchtlinge - vor allem deshalb, weil ich mich in privaten Mails sehr oft gegen Vorurteile ausspreche - als leichtgläubiger Gutmensch betitelt worden.

Abgesehen von dem mitleidigen Unterton mit dem diese Zuschreibung geschieht, kann und will ich dem nicht unbedingt widersprechen.
Das einzige, was mich daran beunruhigt ist die Frage, wie verdreht man eigentlich sein muss, um den Begriff "Gutmensch" als Schimpfwort zu gebrauchen. Wie verdreht denken Menschen, die so tun, als sei die Bereitschaft zu sozialem Engagement für Flüchtlinge bestenfalls so etwas wie eine Geisteskrankheit von der die betroffenen Helfer geheilt werden sollten?

Ich bin tatsache tendentiell gutgläubig und habe dank meiner Hilfsbereitschaft schon öfter die Erfahrung gemacht, ausgenutzt, betrogen und dabei vom Nutznießer für diese Gutmütigkeit auch noch verachtet worden zu sein.

Ich bin allerdings auch selbstbewusst und stur. Prinzipiell sehe ich gar nicht ein, warum ich mich unter der Last meiner Erfahrung verbiegen sollte. Wieso sollte ich vergangene Entscheidungen nur deshlab als falsch ansehen, weil das Ergebnis anders war als ich gedacht hatte? Ich habe in den Jahren seit meinem Abitur eine Menge über mich selbst, meine Stärken und Schwächen, aber auch über Handlungsmuster anderer Menschen gelernt. Inzwischen gibt es viele Dinge, auf die ich Acht gebe, während ich früher eher achtlos vertraut habe. Dennoch weigere ich mich grundsätzlich, das Vertrauen an sich aufzugeben. Man kann auch achtsam vertrauen.

"Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn einer dich zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dan gehe gleich zwei mit ihm." Heißt es in Mt. 5,40-41

Ganz zu schweigen von den Bibelstellen, die über das Speisen von Hungernden, das Tränken von Durstigen das Aufnehmen von Fremden, und das Besuchen von Kranken oder Gefangenen sprechen. (Mt 25, 31-46)

Man muss beides können: auf sich Acht geben und den anderen achten.
Nicht zuletzt wächst mir die Kraft zur Tätigen Nächstenliebe aus meiner Liebe zu Gott. Da ich mich und meine Fehler kenne und also weiß, wie viel Geduld ER mit mir haben muss, habe ich auch Geduld mit Anderen. Ich weiß, wie fremd ich bin im Vergleich zu dem, wie ich sein soll, damit ich bei Gott heimisch werden kann, im Vergleich zu den Heiligen, denen ich dennoch zu folgen wage.

Wir sind alle nur Menschen. Da sollte es doch möglich sein, sich zu verständigen, etwas Verständnis für den Anderen zu haben, auch dann, wenn er fremd ist oder eine abweichende Meinung hat.

In letzter Zeit erlebe ich immer wieder Dinge, die mich betroffen machen.
Ich will nicht an den Möglichkeiten menschlicher Kommunikation zweifeln, aber ich sehe sehr wohl, dass Menschen sich der Kommunikation verweigern können und dass dies öfter geschieht, als ich es gedacht hätte.

Als würde das nicht reichen, um mich zu verstören, geht die Verweigerung der Kommunikation weit über ein Ablehnen der Argumente des Anderen hinaus:

In der persönlichen Auseinandersetzung mit den Adressen, die die Bezeichnung "Gutmensch" als Schimpfwort nutzen, erlebe ich, wie Argumente als unglaubwürdig dargestellt oder einfach ignoriert werden. Im Zweifelsfall wird einfach ein Regen mit negativen Gerüchten über mein E-Mail Postfach gegossen; die Liste angeblicher Straftaten und Rangeleien von Asylsuchenden ist schier unendlich. Was auch immer ich zur Widerlegung anbringe wird einfach für unglaubwürdig erklärt. Positive Beispiele und Berichte werden nach dem gleichen Muster negiert.
Nun könnte ich ja die Kommunikation von meiner Seite aus abbrechen. Dazu bin ich aber zu gutmütig. Und mein Gewissen verbietet es mir auch, die entsprechenden Nachrichten einfach zu ignorieren.

Schießlich gehört die Belehrung von Unwissenden zu den sieben Werken der geistigen Barmherzigkeit und ich mag es nicht aufgeben, gegen Irrtümer anzuschreiben.


In der diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung erlebe ich die kommunikative Verweigerung eher aus einer Zuschauerperspektive.
Da wird einem Abtreibungsgegner in linken Kneipen Haus-, in anderen "nur" Auftrittsverbot erteilt. Die Tatsache, dass er mit zu einer Gruppe von Künstlern gehört, die üblicherweise in linken Kneipen auftritt, sollte an sich schon reichen, damit einem dämmert, dass der Mensch vielleicht doch eine etwas vielschichtigere und mit linken Positionen verträglichere Persönlichkeit hat, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist.
Doch diese Differenzierung wird Abtreibungsgegnern pauschal verweigert. Niemand scheint sich die Mühe zu machen, mal in Betracht zu ziehen, dass jemand der gegen Abtreibungen ist, eigentlich nur etwas gegen Kindstötung im Mutterleib hat, ansonsten aber durchaus für sexuelle Vielfalt, Hilfe und Schutz für Frauen in Not und anderes mehr sein kann. Statt dessen wird so getan, als sei eine Abtreibung die einzige Möglichkeit, Frauen in Not zu helfen oder sexuelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.
Sie ist es nicht. Einfach nein.
Es gibt nicht nur viel mehr, sondern auch bessere Möglichkeiten.

Ebenfalls nur indirekt habe ich erlebt, wie zwei Andersdenkenden der Einlass in eine Diskussionsveranstaltung verweigert wurde.
Dazu möchte ich mal gerne eine persönliche Anmerkung machen:
Ich habe von der Veranstaltung durch meinen Lieblingsblogger erfahren und wäre mit ihm dort hingegangen, wenn ich nicht durch Krankheit verhindert worden wäre. Die Veranstaltung hat mich deshalb interessiert, weil ihr Titel eine kritische Auseinandersetzung mit PID, künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft versprach. Dies überzeigte mich davon, dass es hier Schnittpunkte zwischen meinen Ansichten als Abtreibungsgegnerin und den Ansichten der Veranstalterinnen geben müsse.

Vielleicht handelt es sich dabei um einen Fall akuter "Blauäugigkeit", aber ich hatte mir meinen Besuch bei der Veranstaltung so vorgestellt, dass in der Diskussion deutlich werden würde, inwieweit es auch aus Queer- Feministischer Perspektive sinnvoll sein kann, dem Thema Abtreibung kritisch gegenüberzustehen.
Zumindest insoweit als PID, künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft damit in Zusammenhang und vor demselben Gedanklichen Hintergrund stehen.
Insgesamt geht oder ging es mir dabei um das Problem, dass das Kind eben nicht mehr an sich einen Wert als Mensch hat, sondern dieser Wert und damit das Recht auf Leben nur zugestanden wird, wenn es gesund ist oder erwünschte Eigenschaften hat (PID), wenn Menschen der Meinung sind, es für ihr persönliches Glück zu brauchen und ihm dafür gegebenenfalls die Möglichkeit nehmen, etwas über die eigenen biologischen Eltern zu wissen (künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft) oder eben wenn es gerade in den Kram passt (Abtreibung).
Dabei hätte man, so dachte ich, ja auch mal sagen können, dass es für Menschen in homosexuellen Beziehungen mit Kinderwunsch wahrscheinlich leichter wäre, ein Kind zu adoptieren, wenn weniger Kinder abgetrieben würden und diese dann zur Adoption stünden.

Aber wie gesagt. Ich war da wohl sehr "blauäugig". Tatsächlich stellte ich mir das einfach vor.
{Es scheint jedoch noch einfacher zu sein, zu behaupten, es sei ja kein Mensch, was da in einer Schwangeren heranwächst. Oder einfach zu sagen, es sei doch besser für das Kind, gar nicht erst geboren zu werden.}


Außerdem kann ich in letzter Zeit beobachten, wie die Auseinandersetzung mit konservativen Positionen zunehmend keine mehr ist, sondern von einer Diffamierung dieser Meinungen bis hin zur Bedrohung ihrer Vertreter ersetzt wird.

Oder eben auch gleich durch realen Vandalismus oder Brandanschläge.


Um das noch mal in klar zu sagen:
Wegen meiner christlichen Perspektive bin ich dafür, dass Flüchtlingen geholfen werden muss. Und ungeborenen Kindern, und Alten, und Kranken. Und zwar besser geholfen, als mit Abschiebung oder Tod.

Nichts davon verträgt sich mit menschenverachtenden Positionen.

Hingegen halte ich die Behauptung, die Favorisierung eines konservativen Familienbildes sei menschenverachtend für genau so hirnlos, wie die Idee, Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, mit dem Ausdruck "Gutmensch" zu beschimpfen.
Ob ich ein solches habe ist eine andere Frage; schließlich bin ich selbst in einer "Regenbogenfamilie" aufgewachsen.



Irgendwie habe ich den Eindruck, ich befände mich doch in einer sehr kabarettauglichen Lage:
So in zwei, drei Monaten könnte es mir passieren, dass ich auf dem Heimweg von einem Flüchtlingsheim in dem ich ehrenamtlich geholfen habe von Rechten verprügelt werde. Und dann komme ich nach Hause und stelle fest, dass Linke meine Wohnung abgefackelt haben, weil mein Katholizismus sie "nervt".


Die Welt ist und bleibt ein Absurditätenkabinett.


Jesus wusste eben, was er sagte: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdnet werdet!" (Mt. 5,11)


Dennoch: Ich wünschte wirklich, die Menschen würden die Argumente ihrer Gegner wahrnehmen und ihre Diferrenzen ausdiskutieren, anstatt sich mit verbaler, physischer oder psychischer Gewalt zu behelfen.

Was tue ich also?
Argumente darlegen so gut ich kann, was sonst? ("Euch immer das gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig."Phil 3,1)