Freitag, 9. Oktober 2015

Wider den gesunden Menschenverstand...

... sind manche Aktionen und Gerüchte, die offensichtlich in der Absicht verbreitet werden, Angst zu schüren.


Als ich es zum ersten Mal sah, sah ich es nicht.
Einige meiner Facebook Kontakte posteten einen Black Screen mit dem Kommentar, ein bestimmtes Foto nicht ansehen oder verbreitet wissen zu wollen.
O-Ton war dabei: Wir trauern um Aylan Kurdi. Und wir wollen ein Zeichen setzen für die Würde dieses Kindes, dessen Bild gerade (auch) trauernde Angehörige wieder und wieder sehen müssen, weil es zum Symbol wird.

Dann stoplerte ich über einen Artikel in dem es hieß, man solle der Flüchtlingskatastrophe - durchaus auch mit solchen Bildern - ein Gesicht geben.


Doch es passierte, was passieren musste: die Schlacht begann.

Ebenjener Vater sei Schlepper und außerdem wollte er nur deswegen nicht in der Türkei bleiben, weil er seine Zähne machen lassen wollte...

Oh ja, das Verbreiten von verleumdnerischen Gerüchten über den Vater ist natürlich ein geeignetes Mittel, um gegen die Instrumentalisierung eines toten Kindes zu protestieren.
Und dabei kann man der "Lügenpresse" auch mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt.

Leute, was habt ihr bloß mit eurem gesunden Menschenverstand gemacht?


Ja, die Familie hat zuvor versucht, nach Kanada zu emigrieren.
Ja, es gibt scheinbar zwei abweichende Versionen vom Bericht über die tragische Nacht, beide aus dem Mund des Vaters, der in ebendieser Nacht seine gesamte Familie verlor.
Ja, es ist auch mir nicht gelungen, eine Erklärung dafür zu finden, warum eine Familie, die in jener Nacht ebenfalls zwei Kinder verlor, angibt, der Vater Aylan Kurdis sei Schlepper.

Doch kann ich nach Prüfung der Sachlage feststellen:

In der Türkei wurden bereits mutmaßliche Schlepper, die auch für den Tod von Aylan Kurdi und weiteren Flüchtlingen in jener Nacht verantwortlich sein sollen, verhaftet.
Der Vater von Aylan Kurdi wurde nicht verhaftet.
Es findet sich auch keine andere Person, die diesen Verdacht bestätigt, und das, obwohl in einigen Artikeln von weiteren Zeugen die Rede ist.
In jener Nacht kenterten zwei Schlauchboote. Letztlich lässt sich nicht nachweisen, wer auf welchem war.
Die Interviews wurden beide übersetzt, beide außerdem kurz nach dem Unglück aufgenommen, da muss man nicht annehmen, dass der Vater von Aylan Kurdi lügt, um Unstimmigkeiten zu erklären.
Auffällig ist, dass ein Zeitungsbericht meldet, insgesamt seien drei Kinder unter den Ertrunkenen in Aylan Kurdis Boot gewesen, davon zwei die Geschwister Kurdi, während ebenjene Familie, die bezeugt, Aylan Kurdis Vater sei Schlepper, ebenfalls zwei Kinder bei ihrer Überfahrt verloren hat.
In der Türkei haben die Flüchtlinge keine echten Chancen, sich zu integrieren; statt dessen müssen sie zu Dumpinglöhnen arbeiten, sich irgendwie über Wasser halten. Da ist klar, dass man weiter will, sobald man merkt, dass man nicht zurück kann, weil die Situation zu Hause unverändert ist. Denn in der Türkei kann man sich kein neues Leben aufbauen. Der Vater von Aylan Kurdi hat sogar so schlecht verdient, dass seine Schwester von Kanada aus seine Miete zahlen musste.
Die Türkei verweigert den Flüchtlingen die Anerkennung ihres Status und drängt sie so in ein halbillegales Leben. Dadurch haben sie keine gültigen Papiere und ihre Ausweise sind nichts mehr wert. Sie erhalten keine Ausreisevisa und können sich nicht von der UN als Flüchtlinge registrieren lassen. Im vorliegenden Fall wurde der in Kanada gestellte Asylantrag von Aylan Kurdis Familie abgelehnt, weil eben diese Papiere fehlten.
Dem Vater von Aylan Kurdi fehlen Zähne, weil er von dem IS gefoltert worden war.

Und nicht zuletzt fragt sich doch jeder geistig gesunde Mensch:


Wieso sollte ein Schlepper seine Familie mit auf ein Boot nehmen?

Ein berechnender Geschäftsmann, der sich sehr wohl bewusst ist, dass er Gesetze bricht und seine Klienten in Lebensgefahr bringt, nimmt seine Familie, bestehend aus einer Frau die nicht schwimmen kann und zwei Kleinkindern die ebenfalls Nichtschwimmer sind, mit auf ein überladenes Schlauchboot?
Klar.
Den Medien, die das verbreiten kann man, im Gegensatz zur "Lügenpresse" ja wirklich mal glauben!

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