Mittwoch, 17. Mai 2017

Brief eines vermissten Kuscheltieres



Lieber Kai!

Hier schreibt dein Hasi.
Weil ich dich ganz doll vermisse will ich dir wenigstens einen Brief schicken. Bestimmt geht es dir auch so.
Wir haben ja eine tolle Abenteuerreise gehabt! Ich hatte gar nicht gewusst, dass es so große Schiffe gibt!
Ich habe so viele bunte Bilder in meinem kleinen Kopf gehabt. Da habe ich gar nicht gemerkt, wie ihr am Terminal Steinwerder in das Auto gestiegen seid. Die ganze Zeit habe ich mir noch die großen Schiffe angeschaut. Dann wurde es Abend und plötzlich fiel mir auf, dass ich ganz alleine war. Ich habe einen mächtigen Schreck bekommen.
„Oje“, dachte ich mir, „wer soll denn jetzt auf meinen Kai aufpassen?“
Außerdem ist mir auch ein bisschen kalt geworden.
Mir wurde recht bange zumute. Dann kam ein Mann auf den Parkplatz.
„Hallo wer bist du denn?“ Hat er gesagt. Ich konnte bloß nicht antworten, sonst hätte ich ihn gleich gefragt, ob er dich gesehen hat. „Dich wird wohl jemand verloren haben.“
Bis jetzt hatte ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Aber der Mann hatte Recht! Du wärst sonst bestimmt nicht ohne mich losgegangen.
„Nu sei man nich traurig“, brummte der Mann. „Kannst ja mit auf meine Runde kommen, dann bist du nicht so allein.“ Ich war unsicher. „Was, wenn Kai mich suchen kommt und ich dann nicht mehr da bin?“ Dachte ich. Aber inzwischen war es ganz dunkel. Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber ich bekam ein bisschen Angst. Hier draußen so alleine zu bleiben, das wollte ich nicht.
Der Mann nahm mich mit und wir gingen um den ganzen Hafen rum. Ich konnte die vielen Schiffe aus der Nähe ansehen. Große Frachter gab es da, die sahen sehr geheimnisvoll aus so im Licht von Laternen.
„Nu komm man.“ Sagte der Mann. „Das Fundbüro hat heute schon geschlossen. Außerdem ist es bei mir zu Hause  nicht so langweilig.“ Ich fand den Mann ganz nett und irgendwie kam er mir ein bisschen einsam vor. „Vielleicht hat er überhaupt keinen kleinen Freund der auf ihn aufpasst“, dachte ich.
Wir sind ganz schön lange durch Hamburg gefahren und es war sehr aufregend. So viele Straßen und bunte Lichter! Bei dem Mann zu Hause gab es Pizza und ich musste sofort wieder an dich denken.
Der Mann hat mich auf ein gemütliches Kissen gesetzt und mir eine Kuscheldecke gegeben.
Das ist jetzt schon zwei Tage her.
Der Mann hat mir erklärt, dass das Fundbüro am Wochenende zu hat.
„Ich nehm dich mit zur Arbeit,“ hat er gesagt, „damit du dein Zuhause nicht so doll vermisst.“ Der Mann muss nämlich auch am Wochenende bei den Frachtschiffen helfen. Es war sehr spannend. Am besten hat mir das Fahren auf dem Gabelstapler gefallen.

Lieber Kai, wenn du das hier liest, bin ich vielleicht schon auf dem Weg zum Fundbüro. Ich weiß nicht so genau, wie ich zu dir zurückkommen kann. Der Mann ist sehr lieb. Er hat gesagt, wenn sich keiner meldet, darf ich bei ihm wohnen und immer mit auf dem Gabelstapler fahren. Er hat auch nette Kollegen, die haben gelacht und mich am Ohr gekrault.
Vielleicht solltest du dir jemanden suchen, der auf dich aufpassen kann bis ich wieder da bin. Bei dem Gedanken, dass du ganz alleine bist ist mir gar nicht wohl.

Liebe Grüße sendet dein Hasi!

Bild: wikimedia commons
(Namen geändert.)

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