Dienstag, 10. Januar 2017

Was ich gerne noch gesagt hätte

Soll ich oder soll ich nicht?
Seit dem Besuch von Valerie Schönian beim Kreis Junger Erwachsener in Friedrichshain Frage ich mich das immer mal wieder.
Es war ein schöner Abend und auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass Valerie etwas mehr mit uns ins Gespräch kommt, statt nur "Valerie und der Priester" vorzustellen, kam sie sympathisch rüber. Zu erfahren, wie es zu dem Projekt kam, wie sie da rangeht und wie es ihr damit geht, war durchaus spannend.
Es gab aber auch Momente, in denen  sich hinter einer einzelnen Äußerung von ihr solche Abgründe auftaten, dass ich echt geplättet war. Diese Momente konnten im Rahmen der Runde nicht thematisiert werden, weil wir konzeptionell nun mal die Roĺle der interessierten Zuhörer hatten und weil Valerie selbst gerade in diesen Momenten offensichtlich überhaupt nicht klar war, welch tiefgreifendes Unverständnis und welche Unkenntnis des Katholischen da aus ihr sprechen. Dazu kam, dass sie geradezu entwaffnend sympathisch war und außerdem verkündete, schon sehr viel gelernt zu haben und aus ihrer Filterbubble herausgekommen zu sein.
Diese Äußerung war übrigens meines Eindrucks nach absolut authentisch.
Umso tragikomischer, dass sie es an einem Abend an dem sich überhaupt nur an sehr wenigen Stellen ein gegenseitiger Austausch ergab schaffte, gleich vier mal totale Unkenntnis der Materie zu beweisen - bei absoluter Abwesenheit jeglichen Gespürs für die Diskrepanz ihrer Sicht der Dinge dazu wie sie gemeint sind.
Warum habe ich nicht gleich dazu gebloggt?
 Es handelt sich einfach um Beobachtungen und Anmerkungen, die ich ihr gerne persönlich gesagt hätte.
Mein Unbehagen gilt zunächst mal vor allem der Tatsache, dass es am dem Abend keinen Raum dafür gab, diese Dinge genauer mir ihr zu besprechen.
Und warum dann jetzt?
 Es handelt sich andererseits um Aspekte des Katholizismus die heute im allgemeinen nicht mehr verstanden werden, weil man sie von einem Blickwinkel aus betrachtet, mit dem man ihnen nicht gerecht werden kann.
Vor allem beobachte ich, wie katholische Laien und Amtsträger diesen Blickwinkel übernehmen ohne ihn als ideologischen Filter zu erkennen und wie dadurch auch intern das Verständnis für bestimmte Aspekte des Glaubens schwindet.


Vergleichspunkte:
Die meisten perspektivischen Schieflagen wurden sichtbar, wenn Valerie für Kirche oder kirchliches Vergleiche benutzte.
All diese Vergleiche wurden mit größter Selbstverständlichkeit geäußert. Offenbar gab es kein Bewusstsein darüber, dass diese Vergleiche selbst wesentlich mehr über die Perspektive der vergleichenden Person aussagten als über den verglichenen Gegenstand.
Die drei grandios fehlgeschlagenen Vergleiche zu denen ich hier etwas sagen will sind:
Die Kirche als Konzern. Der Weltjugendtag als Rückzugsmöglichkeit. Die Bibel als rationale Herangehensweise an den Glauben.


Die Kirche ist zwar weltumspannend, aber sie ist kein Konzern. Sie verfolgt keine wirtschaftlichen Interessen; jedenfalls nicht so wie ein Unternehmen das tut. Wirtschaftliche Erwägungen sind nur Mittel zum Zweck, haben eine dienende Funktion insofern, als dass die Kirche ihre Aufgabe nicht erfüllen kann, wenn ihr dazu die Mittel fehlen. Das Ziel der kirchlichen Aktivitäten besteht jedoch nicht in wirtschaftlichem Erfolg - ja es ist mit wirtschaftlichen Kategorien nicht fassbar. Ziel und Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen Jesus nahezubringen. Das bedeutet konkret, dass der Glaube im Wort verkündet und in den Sakramenten vergegenwärtigt werden muss. Es bedeutet, das Ziel ist letztlich die Heiligung aller Menschen in Christus. Daher ist die Kirche eine Gemeinschaft der Heiligen, die Hüterin der Gaben des Heiligen Geistes, die Braut Christi, die Verwalterin der himmlischen Güter.
Nun ist der Vergleich besonders in Hinblick auf die überinstitutionalisierte Kirche in Deutschland dennoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Er zeigt jedoch, dass bei der Betrachtung der Kirche eben nur die Institution gesehen wird, aber nicht die transzendentale Dimension ihrer Aufgabe und ihres Da-Seins auf der Welt.
Ja: vor allem in Deutschland ist die Kirche mit den ihr zugehörigen Organisationen ein großer Arbeitgeber. Sie setzt Gelder ein, verwaltet Vermögen und Gewinne. Doch alles was sie tut - jede Stelle, jedes Projekt, jede Spende und jedes Vorhaben muss sich am Ende an der einen Frage messen lassen: "Wie gut dient es der Verkündigung des Glaubens?"
Viele heiligmäßige Päpste, Bischöfe und Priester haben darauf hingewiesen, dass die starke Institutionalisierung der Kirche in Deutschland der Verkündigung oft eher hinderlich ist.
Die Kirche ist jedoch immer auch als Ganzes zu sehen. Zu ihr gehören nicht nur alle Ortskirchen weltweit (streitende Kirche), sondern auch die Kirchenmitglieder, die bereits gestorben sind und entweder durch die Reinigung im Fegefeuer gehen die sie auf den Himmel vorbereitet (leidende Kirche) oder bereits im Himmel sind; die Heiligen (triumphierende Kirche). In Deutschland gehören kirchliche Institutionen wie die Caritas zu den größten Arbeitgebern, aber schon im nicht allzuweit entfernten Spanien können z.B. Kleiderkammern der Caritas nur unregelmäßige Öffnungszeiten anbieten, weil sieausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben werden während für feste Mitarbeiter kein Geld zur Verfügung steht. Dennoch ist es dieselbe eine Kirche.
Wenn man die Kirche in Deutschland leichter mit einem Wirtschaftsunternehmen vergleichen kann als mit einer Braut Christi, so ist das ein Problem.


Beim Weltjugendtag geht es nicht darum, "sich in eine Nische zurückzuziehen in der man sich nicht ständig rechtfertigen muss".
Der Weltjugendtag ist keine Nische sondern eine weltumspannende Massenveranstaltung. Er bietet wenig Rückzugsmöglichkeiten aber viel Trubel - nicht zuletzt geht es darum, den Glauben zu feiern. Das Erlebnis, die Kirche als jung und dynamisch, den Glauben als lebendig zu erleben, Freundschaften mit gleichaltrigen Glaubensgenossen aus aller Herren Länder zu schließen, gehört zu den stärksten Erfahrungen die man als jugendlicher Katholik machen kann.
Jeder Weltjugendtag ist mit einem Motto verbunden und mit einer päpstlichen Botschaft die dieses Motto ausdeutet. Dabei geht es ganz konkret um den Auftrag Christi an die jugendlichen Gläubigen, das Wort zu leben, die Sakramente zu feiern und die Liebe Gottes in Wort und Tat zu verkünden. Von daher ist jeder Weltjugendtag Sendung; Aufbruch ins Weite - und gerade kein Rückzug.
Die Initiative "Night Fever" die in Folge des Weltjugendtages 2005 offene Anbetungsnächte organisiert ist ein Beispiel. Hier werden jeweils Möglichkeiten zu Beichte und persönlichem Segen angeboten, aber auch eine Passantenpastoral die alle Menschen einlädt, Gott auf einfache Weise durch das Anzünden einer Kerze vor dem Allerheiligsten nahe zu kommen.
Auch die Jugend2000 ist hier zu nennen, die gegründet wurde, nachdem Papst Johannes Paul II bei einem Weltjugendtag gefordert hatte, die Jugendlichen müssten die Hauptdarsteller der Neuevangelisierung sein. Prayerfestivals, Gebetstreffen und andere spirituelle Angebote der Jugend 2000 ergänzen seither die ebenfalls angebotenen Reisen zum jeweiligen Weltjugendtag.
Es gibt noch viele andere Beispiele für die Kraft und Sendung des Weltjugendtages.

Die im kleinen Dorf Spoke entstandene Initiative zur Unterstützung eines brasilianischen Projektes für die Unterbringung von Straßenkindern ist eines davon.
Bei einer anderen Teilnehmerin haben Weltjugendtage das ganze Leben verändert.
Die Caritas ist ebenfalls auf den Weltjugendtagen präsent, weil hier viele Jugendliche zum persönlichen Engagement inspiriert werden.
Ein befreundeter Priester hat auf dem Weltjugendtag in Köln zur Beichte zurückgefunden und sich zum ersten Mal ernstlich der Frage nach seiner Berufung gestellt - und seine Berufung ist ganz sicher nicht die einzige die auf einem Weltjugendtag gewachsen ist.
Auch zu nennen sind die Gebetsinitiativen die die Vorbereitung jedes Weltjugendtages tragen.
Man könnte noch viel dazu sagen, doch ich möchte nun den zweiten Aspekt dieses Vergleiches ins Licht rücken.

Hier werden zwei Prämissen sichtbar.
Einerseits wird vorausgesetzt, als Katholik stünde man unter einem besonderen Rechtfertigungsdruck.
Andererseits wird davon ausgegangen, dass eben selbiger von den Betroffenen - den Katholiken - als Last empfunden würde.

Warum sollte es mich unter einen besonderen Druck setzen, einem Glauben anzuhängen, den etwa 1,2 Milliarden Menschen mit mir teilen?
Sicher - in Deutschland hat echte christliche Religiösität gleich doppelten Seltenheitswert. Nur etwa 10% der Katholiken gehen z.B. regelmäßig in die Kirche. Christliche Symbole, Bräuche und Werte sind in der Öffentlichkeit nur da präsent, wo sie erfolgreich ihres christlichen Bezuges beraubt wurden. Doch in die Rechtfertigungsecke gerät nur, wer sich hineindrängen lässt.
Wichtiger jedoch ist: da es zum Auftrag der Kirche und damit auch zum Auftrag eines jeden Gläubigen gehört, den Glauben zu verkünden, ist die Vorstellung, etwaiger Rechtfertigungsdruck könne die Katholiken stören, zumindest zu hinterfragen.
In der Tat frage ich mich manchmal, ob ich zu wenig Zeugnis gebe, da meine überwiegend nicht christlich geprägten Freunde und Verwandten das Gespräch nie auf meine Religion lenken.
Selbst noch so polemische, sachlich falsche oder übertriebene Kritik kann ja in ein gutes Gespräch münden.
Ach ja, natürlich gibt es auch die bekannten Reizthemen wie Tebartz van Elst, Hexenverfolgung, Kreuzzüge und Missbrauchsskandale. Wer mit solchen Fragen kommt und wirkliches Interesse an einer Klärung hat, hat natürlich auch ein Recht darauf, eine sinnvolle Antwort zu bekommen - und sei es nur ein Verweis auf eine Quelle, die solche teils sehr medienwirksam ausgeschlachteten Aspekte mal kritisch beleuchtet.
Für mich persönlich spielen diese Themen keine Rolle; mit der Realität der Kirche wie ich sie erlebe haben sie nichts zu tun, mit ihrem göttlichen Auftrag schon gar nicht.


 Die Bibel ist keine Apologetik. Zur Untermauerung der Aussage, dass man keinen rationalen Zugang zum Glauben hat, kann man nur dann ein Beispiel über unterschiedliches Verständnis von Bibeltexten anführen, wenn man weder weiß, was die Bibel ist, noch die Spur einer Ahnung hat, was ein rationaler Zugang zum Glauben sein könnte.

In der Bibel geht es nicht darum, ob es Gott gibt, sondern darum, wie Gott ist.

Wenn man die Bibel liest, ohne diese Prämisse zu teilen, ergeben viele der Texte darin keinen Sinn und noch weniger haben sie sinnvolle Bezüge und Zusammenhänge untereinander.

Mit der Frage, ob die Existenz Gottes auch rational erkennbar und nachvollziehbar ist, beschäftigen sich viele Theologen. Die beiden bekanntesten sind wohl Thomas von Aquin und Benedikt XVI. Mit der Frage, ob der katholische Glaube wahr ist und inwiefern man das rational begründen kann beschäftigt sich die theologische Disziplin der Apologetik.

Das Lesen der Bibel gehört zur Glaubenspraxis und dient der Vertiefung der Beziehung zu Gott und dem Verständnis, wie Gott ist und was er von mir erwartet.

Zu einer Auseinandersetzung darüber, ob man an Gott glauben sollte, taugt sie eher nicht.


Für mich ist das Fazit des Valerie Projektes, dass man über Glauben und Kirche nicht sinnvoll reden kann, wenn man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.
Man muss nicht unbedingt gläubig sein, aber man sollte sich zumindest bewusst machen, dass die katholische Weltanschauung auf anderen Prämissen beruht als die atheistische, agnostische oder linksliberale Weltanschauung.
Und man sollte die Dinge von der Prämisse aus durchdenken, unter der sie ihre Gütligkeit haben.

Das Tragikkomische daran ist, dass die meisten modernen Nichtgläubigen sich dessen nicht bewusst sind, dass ihre Weltsicht auch nur eine von vielen möglichen Weltanschauungen ist. Die Prämissen des eigenen Denkens und Urteilens werden nicht nur nicht hinterfragt, sondern gar nicht erst als solche wahrgenommen.

Auch wenn ich Valerie auf persönlich menschlicher Ebene sehr gut verstehen kann und ihre Reaktionen auf diese intensive Begegnung mit dem Katholizosmus von dieser Perspektive her gesehen durchaus annehmbar finde: aus Sicht journalistischer Arbeit ist es einfach unprofessionell, über Dinge ein Urteil abzugeben über die man sich, nachdem man sie nur aus der Begegnung heraus offensichtlich nicht verstehen kann, nicht weiter informiert hat.

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